Kate­go­rien

Karriere mit Sinn: Die 7 Irrtümer der Sinn­su­cher

Published On: 25. März 2017Cate­go­ries: Karriere

Vor wenigen Jahren war Arbeit noch Arbeit. Die Menschen waren froh, einen halb­wegs ordent­li­chen Job zu haben und erwar­teten keine Sinn­stif­tung von ihm. Mir ist etwas aufge­fallen: In dem Maße, in dem die Digi­ta­li­sie­rung und Roboter unsere Arbeit bedrohen, halten wir uns mehr an ihr fest. Es ist so, als würden wir ein Spiel­zeug umarmen, dass uns der böse Nach­bars­junge (Roboter) aus dem Arm reißen will. Dabei merken wir gar nicht, dass wir durch die Sinn­suche an unserer Arbeits­be­rech­ti­gung fest­halten wollen, denn die künst­liche Intel­li­genz könnte sie uns wegnehmen. Was bliebe wäre.… auf den ersten Blick schreck­lich: eine Lebens­be­rech­ti­gung. Und da haben wir viel­leicht auch die Ursache des Trends am Wickel: Denn eine Lebens­be­rech­ti­gung zu finden ist durchaus schwie­riger als eine Arbeits­be­rech­ti­gung.
Der Trend ist auffällig: Kamen in den Früh­zeiten der Sinn­suche vor allem Frauen mit dem Thema Sinn, so sind es in letzter Zeit immer mehr Männer. Viele pendeln von Job zu Job und verzwei­feln an der so gar nicht sinn­stif­tenden Arbeits­welt, die nach außen so „new workig“ daher­kommt, nach innen jedoch den Kampf Mensch gegen Roboter immer deut­li­cher zeigt. Die Sinn­lo­sig­keit einfa­cher Compu­ter­tä­tig­keiten ist offen­sicht­lich, die intel­li­genten Aufgaben bleiben nur noch den Über­flie­gern, die Jahre­lang Wissen aufbauen konnten. In fast allem ist im Grunde Kollege Computer über­legen, wenn wir wirk­lich ehrlich zu uns wären – beim Auto­fahren, der Port­fo­lio­ana­lyse genauso wie bei der Perso­nal­aus­wahl. Die gesamte „Mittel­schicht“ der arbei­tenden Bevöl­ke­rung bekommt damit Iden­ti­fi­ka­ti­ons­pro­bleme, die die einfa­chen Arbeiter vermut­lich nicht regis­trieren, und für diese viel­leicht sogar weniger gelten. Suchen sie doch auch weniger nach Sinn als die Gebil­deten. Ist es am Ende nicht so: Die ganz einfa­chen Arbeiten bleiben und die Mitte fällt weg? Die Arbeit der mitt­leren, normalen Bildungs­bürger, die eine beson­ders hohe Arbeits­iden­ti­fi­ka­tion haben. Oha. Schauen wir das doch mal genauer an — Punkt für Punkt.

Sieben Dinge werden bei der Suche nach Karriere mit Sinn grund­le­gend miss­ver­standen.

Irrtum 1: Sinn gibt es ohne Herzens­thema. Wahr­heit: Sinn braucht Inhalt.

Es ist ehren­haft, wenn Menschen sich enga­gieren und für Herzens­themen einsetzen. Wir sollten das viel mehr tun. Die meisten Sinn­su­cher, die ich so treffe, haben aber gar kein echtes Herzens­thema. Die sinn­lose Compu­ter­ar­beit hat sie abge­halten, nach einem zu suchen. So suchen sie Sinn, der nicht näher defi­niert ist außer über „was Lernen“ und „Sinn­volles tun“. Sich dreckig machen oder die Ärmel hoch­krem­peln, ohne zu wissen, was das bringt? Darauf können wir uns kaum noch einlassen, und das hat auch mit der Digi­ta­li­sie­rung zu tun. Wann waren Sie das letzte Mal draußen und haben im Wald Blätter gero­chen oder den Sand durch die Hand rieseln lassen? Wann waren Ihre Gedanken frei? Sehen Sie. Wir gehen nicht mehr raus ohne ein  Ziel vor Augen (muss was bringen!), und somit können wir auch schwer­lich Herzens­themen finden.

Irrtum 2: Für Sinn bekommt man Geld. Wahr­heit: Sinn ist Frei­heit.

Irgendwie muss der Eindruck entstanden sein, dass es viele gute Unter­nehmen gibt, die für das Grasen auf dem Ponyhof auch noch Geld bezahlen. Man denkt, dort wo der Sinn Kern des Geschäfts­mo­dells ist, müsste auch reich­lich Geld fließen. Oft ist das nicht so, und die Wahr­heit ist: Dort gibt es nicht nur ebenso sinn­be­freite Tätig­keit wie überall sonst auch, sondern auch noch weniger Geld: Lang­wei­lige Online-Marke­­ting- und Controller-Jobs, die dann auch noch schlechter bezahlt werden als in einem weniger sinn­vollen Umfeld. So lange wir die Roboter nicht ausge­bildet haben – oder diese uns — und wir uns nicht neu defi­niert haben, bleibt Arbeit ein Tausch­ge­schäft: Einsatz gegen Kohle. Wer darin Augen­höhe sieht, verkennt die Tatsa­chen und schafft neue Illu­sionen. Wenn wir für Sinn Geld bekommen, verliert der Sinn seinen Sinn als neutrale und unkäuf­liche Instanz innerer Frei­heit.

Irrtum 3: Jeder braucht einen Sinn

Die kollek­tive Sinn­su­cherei hat viele Flöhe in die Ohren junger Menschen gesetzt. Sinn hat einen Status­wert, der in manchen Subkul­turen dem Auto längst den Rang abge­laufen hat – und in anderen parallel dazu exis­tiert („äh, Frau Hofert, pein­lich, aber ehrlich gesagt hätte ich schon gern einen 5er BMW“). Dass wir dabei aber gar nicht selbst nach Sinn suchen, sondern nur denken, es tun zu müssen, wird nicht gesehen. Sinn ist ein imate­ri­elles Must-Have in einer mate­ri­ellen Welt ohne Werte­lie­fe­ranten. Es könnte zum Beispiel sinn­voll sein, sich mal mit dem Sinn seines Lebens zu beschäf­tigen, und damit meine ich nicht (nur) des Arbeits­le­bens. Ganz oft wird man dann darauf kommen, dass dieser nichts mit Arbeit zu tun hat. Damit wären wir: Zurück auf 2.

Irrtum 4: Sinn ist persön­liche Glück­se­lig­keit. Wahr­heit: Glück ist relativ zur Persön­lich­keit.

Apropos Ponyhof: Viele sind geprägt von dem Gedanken, dass es einen Job geben muss, der glück­lich macht. Das ist dann Sinn, nicht selten sogar der Sinn des Lebens. Persön­li­ches Glück? Glauben Sie? Ich finde es naiv. Glück braucht Unglück, Freude braucht Leid, sonst ist alles hohl. Dauer­glück­lich­keit hat mehr mit einem sonnigen Gemüt zu tun als mit Sinn. Mich nerven die Dauer­glück­li­chen, ich will auch mal traurig sein dürfen. Da hilft ein Blick auf die grie­chi­sche Tempe­ra­men­ten­lehre: Der Sangui­niker ist nun mal leichter zufrieden zustellen als der Melan­cho­liker. Dessen Tiefe wird er aber nie errei­chen. Sinn hat auch mit Persön­lich­keit zu tun. Aber rein gar nichts mit Glück­se­lig­keit.

Irrtum 5: Sinn setzt da an, wo ich „ich“ bin. Wahr­heit: Wir sind nicht Ich.

Das Leben entwi­ckelt oder bremst uns. Und da die Arbeit Teil des Lebens ist, mitunter auch der größte, entwi­ckelt oder bremst sie uns sehr. Das wird oft verwech­selt. Viele denken, sie sind so wie sie sind und seien eine bereits ausge­wach­sene Pflanze (gibt es die?). Doch dem ist nicht so: In uns steckt Saatgut in Form von Möglich­keiten, etwas zu werden. Je nach Umfeld geht dieses mehr oder weniger auf. Aber wir kommen nicht als Fertig­pflanze auf die Welt und auch nicht aus Schule oder Studium. Es geht beim Wachsen immer auch um unan­ge­nehme Dinge: Mit Konflikten umgehen, selbst­be­wusster werden, über uns heraus­zu­wachsen. Das ist oft ganz schwierig und manch Weg führt durch Täler der Dunkel­heit. In den Tälern der Dunkel­heit entsteht oft die Idee, dass ein neuer Job hermüsse, alter­nativ, dass Sinn das Gefühl innerer Leere kompen­sieren könne.
Doch diese Täler sind oft der Anfang von Ich-Entwick­­lung. In ihnen merken wir beispiels­weise wie abhängig wir sind, wie wenig selbst, wie wenig bei uns. Wer das erkannt hat, klet­tert hoch zum Ich.

Irrtum 6: Arbeit muss Lebens­in­halt sein. Wahr­heit: Wenn sie das ist, gibt es ein Problem.

Wenn wir im Karrie­re­coa­ching hinter die Kulissen von Jobwech­sel­wün­schen schauen, so sind es manchmal tote Pferde, die wir reiten, oft aber auch höchst­le­ben­dige Gaule, die uns immer wieder abwerfen oder die einfach nur einge­ritten sind. Sich im Sattel zu halten, kann der eigent­liche Sinn sein, wenn wir es mit abwer­fenden Gaulen zu tun haben. Neue private Inter­essen zu finden ist oft der Sinn, wenn der Gaul einge­ritten ist. Über­legen Sie also gut, was wirk­lich die Ursache Ihrer Sinn­suche ist. Wer an das große Ganze glaubt, wird viel­leicht in der Suche nach einer Lebens­auf­gabe den Sinn finden. Wem das zu spiri­tuell ist, der mag vor der eigenen Haustür fündig werden, in der Liebe zum Nächsten, zu Tieren, zur Natur. Auch das Leben genießen darf Sinn sein, alter­nativ auch, es einfach zu leben und dabei auf der guten Seite der Inte­gren, Redli­chen zu sein (denn wie viele sind auf der schlechten, oft ohne es zu merken).
Der Job als Sinn­stifter? Letz­teres kann so wenig funk­tio­nieren wie der Partner als Sinn­stifter. Arbeit muss kein Lebens­in­halt sein, sie darf auch schlicht dem Brot­er­werb dienen. Oder der Struk­tu­rie­rung des Lebens und das Alltags. Es gibt viele Gründe zu arbeiten, die nichts mit der Art von Sinn zu tun haben, die wir hinter diesem Begriff vermuten.

Irrtum 7: Arbeit muss Spaß machen. Wahr­heit: Arbeit ist ein Spiel mit vielen Leveln.

Manche sind beseelt von dem Glauben, dass Arbeit ein großes Spiel ist. In ihrer Sand­kiste muss es immer hoch hergehen. Sie messen den Sinn am Spaß­faktor. Dass etwas Sinn­volles anstren­gend sein kann und unter dieser Anstren­gung viel­leicht gar nicht als sinn­voll ange­sehen wird, erkennen sie nicht. In der Tat hat Arbeit viel von einem Stra­te­gie­spiel mit vielen Leveln. Manche bleiben auf einem Level stehen, andere knacken eines nach dem anderen. Die Heraus­for­de­rungen des Arbeits­spiels sind unter­schied­lich, aber es sind immer Heraus­for­de­rungen, die mit uns selbst zu tun haben.
Der Unter­schied zum Compu­ter­spiel:
• Wir spielen direkt mit anderen Menschen zusammen.
• Uns ist nicht bewusst, dass wir in einem Spiel agieren.
• Es ist live.
• Es kann NICHT mit dem Ausschalter beendet werden (außer durch Selbst­mord, aber auch darüber ließe sich aus spiri­tu­eller Sicht durchaus streiten).
Diese Punkte vergessen viele, die in ihrem Spiel Provi­sionen jagen oder den eigenen Gewinn suchen, siehe den aktu­ellen Fall des Volks­­­wagen-Mana­­gers, an dem sich Ethiker abar­beiten können.
Die gute Seite ist eindeutig unter­be­setzt. Vergessen wir also nicht: Das Leben ist unser Spiel, und wir bestimmen unser Level. Allein das kann schon ganz schön viel Sinn machen.

Dazu passen:

Und

Sonnen: ©Arten­auta — Fotolia.com

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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3 Kommen­tare

  1. Frie­de­rike 25. März 2017 at 11:59 — Reply

    Ein sehr mutiger Text, den man beim 1. Mal lesen garnicht in seiner Komple­xität aufnehmen kann. Beim Aldi an der Kasse ange­fangen zu lesen und nun mit Jacke zu Hause zu Ende gelesen, bevor ich nun die Einkäufe rein­hole. Daran sieht man: er hat mich gefes­selt. Ich glaube nicht, dass ich die Aussagen darin alle unter­schreiben würde, dafür wären Erläu­te­rungen nötig, am besten ein Gespräch, aber: Hut ab davor dieses im wört­li­chen Sinne “sinn­stif­tendes” Thema anzu­gehen.

    • Svenja Hofert 27. April 2017 at 22:11 — Reply

      ganz lieben Dank für das Feed­back. Ich hatte in den letzten Wochen so viele Spam­at­ta­cken aus Russ­land — 25 Kommen­tare am Tag -., dass ich ihn nicht gesehen und frei­ge­schaltet habe, SORRY. herz­liche Grüße Svenja Hofert

  2. Sonja Rieder 30. März 2017 at 10:22 — Reply

    Liebe Svenja,

    dein Artikel kommt zur absolut rich­tigen Zeit und ich pflichte dir in vielem bei. Sinn ist ein sehr viel­schich­tiges Phänomen; dass er unbe­dingt, schön hand­lich verpackt, in Form des perfekten Arbeits­platzes daher kommt, wäre für viele wünschens­wert, so simpel funk­tio­niert das Leben aller­dings nicht.
    Sinn will im Laufe des Lebens immer wieder neu erforscht, gefunden und auch wieder frei­ge­geben werden.
    Danke für deine diffe­ren­zierten Über­le­gungen — wünsche deinem Artikel viele Leser, die sich dadurch viel­leicht leichter von der Mär des vorge­fer­tigten Glücks von außen ein wenig lösen können.

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