Kate­go­rien

Karriere-Sinn­­krisen: Wenn alles plötz­lich anders ist

Published On: 7. Juli 2017Cate­go­ries: Karriere

Krisen bedeuten oft Neube­ginn. Sie leiten Verän­de­rungen ein, denen sich kaum jemand sonst frei­willig stellen würde. Innere Verän­de­rungs­pro­zesse folgen den äußeren — oder umge­kehrt. So oder so herum: Krisen kündigen sich meist dann an, wenn das bishe­rige Leben nicht mehr zu passen scheint oder irgend­etwas ein Zeichen setzt — so unge­recht dieses sein mag.

Ich vermittle in meiner Karrie­­re­ex­­perten-Weiter­­bil­­dung ein Lebens­pha­sen­mo­dell mit Lebens­­­phasen-spezi­­fi­­schen Frage­stel­lungen. Die Entree­phase ist gekenn­zeichnet vom Streben, beruf­liche Iden­tität zu finden, die Karrie­re­phase durch die Suche nach deren Festi­gung, sei es in der Karriere im klas­si­schen Sinn oder der Selbst­ver­wirk­li­chung. Die Neuori­en­tie­rungs­phase prägt der Wunsch nach Befreiung, etwa von den Prägungen des Eltern­hauses oder allzu großer beruf­li­cher Anpas­sung und Aner­ken­nungs­suche. In der Sinn­phase stehen exis­ten­zi­elle Themen auf der Tages­ord­nung. Karrie­re­coa­ching ist in jeder dieser Phasen höchst unter­schied­lich, in den ersten beiden Phasen bera­tungs­ori­en­tierter, in den weiteren ganz­heit­li­cher, gar philo­so­phisch.

Sinn­krisen fallen in die Neuori­en­tie­rungs­phase oder die Sinn­phase bzw. leiten diese ein. In der Neuori­en­tie­rungs­phase ist das zentrale Streben, den urei­genen Wünschen und Wollen näher­zu­kommen — dem, was unter den Schichten fami­liärer und sozialer Prägungen liegt. In der Sinn­phase kommen exis­ten­zi­elle Fragen dazu. Im Coaching erfor­dert das unter­schied­liche Heran­ge­hens­weisen von prag­ma­ti­scher Orien­tie­rungs­hilfe bis hin zu philo­so­phi­schem Spar­ring. Im Folgenden beschreibe ich drei typi­sche Karriere-Sinn­­krisen und hilf­reiche Heran­ge­hens­weisen.

1.) Tren­nung mit anschlie­ßender Neuerfin­dung

Schei­dungen können ziem­lich dreckig und respektlos abge­wi­ckelt werden. Ich habe einige indi­rekt mitbe­kommen, da wurde es zur regel­rechten Schlamm­schlacht. Erst recht, wenn viel Geld im Spiel ist. Und die Normal­kon­stel­la­tion ist immer noch gut situ­ierter Mann gründet mit einer Frau eine Familie, die fortan zurück­steht. Und dann geht es um die Siche­rung des “gerechten” Anteils von Heim und Hof. Der Mann, mit dem man Jahre verbracht hat, entpuppt sich als fieser Egoist, der seine Pfründe für die neue Freundin in Sicher­heit bringt, was bei Selbst­stän­digen eini­ger­maßen leicht ist.  Aber auch ohne viel Geld sind Tren­nungen unge­müt­lich. Sie lassen einen aufwa­chen. Plötz­lich merken viele, dass sie wenig über die Zukunft nach­ge­dacht haben. Und sich jetzt neu erfinden müssen.

Ich erzähle dann gerne die Geschichte vom anderen Karriere-Extrem. Von Menschen, Frauen und Männern, die alles durch­ge­plant haben und ihre Karriere akri­bisch geplant. Sie kommen im glei­chen Alter an einen ähnli­chen Punkt. Dann haben sie nämlich alles erreicht und merken die Leere. Das andere Extrem möchte sich dann ebenso völlig drehen – nur in die andere Rich­tung. Wo bisher Planung war, soll nun ein freier Raum entstehen. Man denkt an alter­na­tive Berufe und Lebens­formen. Oft ist dem Ganzen ein Burnout voraus­ge­gangen. Es liegt die struk­tu­rell die gleiche Lebens­ent­schei­dung zugrunde: Karriere machen heißt links herum, zurück­fahren für die Familie rechts­herum. Doch am Ende kommen beide am glei­chen Punkt wieder an. Und nun wird es wieder heißen: Die einen links, die anderen rechts.

Nicht selten  kommen dann unauf­ge­löste Themen auf und Schatten aus der Vergan­gen­heit zeigen sich. Es kann z.B. sein, dass man die Berufs­pläne der Eltern erfüllt hat, nicht jedoch die eigenen. Viele erkennen auch, dass sie Aner­ken­nung bei anderen suchten, sich diese aber selbst geben müssten. Grenz­zie­hung kann ein wich­tiges Thema werden, damit einher geht die Suche nach mehr Balance im Leben.

Wer in dieser Situa­tion ist, sollte in sich hinein­hören, welche Art von Hilfe jetzt sinn­voll ist. Manchmal muss man seinen Computer einfach eine Zeit runter­fahren und ausstellen, bevor man wieder Neues aufnehmen kann.

2.) Die Krank­heit, die exis­ten­zi­elle Fragen aufwirft

Wenn wir selbst oder nahe Personen krank werden, so wirft das oft ganz neue Fragen nach dem Sinn des Lebens auf – und die Wahr­schein­lich­keit, krank zu werden steigt nun Mal mit dem Alter. Dennoch blenden viele diese Möglich­keit aus. Ist es dann passiert, baut sich die Tür mit dem über­großen Wort „Sinn“ ziem­lich sicher vor einem auf. Wofür lebe ich? Was gebe ich dieser Welt? Was ist der Sinn meiner Exis­tenz in dieser Welt, in der ich kleiner bin als das kleinste Pixel? Manche flüchten hier in die Esoterik, in das Reich der Pendel und Schar­la­tane und der Verspre­chen, die alles leicht erscheinen lassen. Diese Flucht­rich­tung wird natür­lich nicht nur einge­schlagen, wenn jemand krank geworden ist, sie wird gene­rell bei Sinn­krisen gern genommen.

Hier geht es oft weniger um die Schatten der Vergan­gen­heit, die es aufzu­lösen gilt, als viel­mehr um die Suche nach Halt. Dieser Halt kann die Familie und das soziale Umfeld bieten. Sich daraus erge­bende Frage­stel­lungen passen ins Karrie­re­coa­ching, wenn bisher der Beruf Iden­ti­täts­stif­tend war.  Ansonsten tangieren sie seel­sor­ge­ri­sche Frage­stel­lungen und verlangen ganz sicher mehr als eine Busi­ness Coach-Ausbil­­dung.

Der prag­ma­ti­sche Teil ist dann aber wieder im Karrie­re­um­feld ange­dockt: Wie fasse ich trotz oder nach einer Krank­heit wieder Fuß? Welcher Job ermög­licht mir meinem eigenen Tempo und Möglich­keiten entspre­chend zu arbeiten?

3.) Die Begeg­nung mit dem anderen Denken

Ja, auch das kann Sinn­krisen auslösen. Ich sage immer, dass jedes Firmen­fi­nan­zierte Busi­ness Coaching ein Risiko ist: Der Coachee könnte auf neue Gedanken kommen und diese könnten zu einem Umbruch führen. Meist ist die Saat dabei schon gelegt, mögli­cher­weise geht sie beim Coach erst auf. Firmen sind naiv, wenn sie glauben, sie könnten rein auf Leis­tungs­stei­ge­rung coachen oder „betrieb­li­ches Gesund­heits­ma­nage­ment“ einführen ohne grund­sätz­liche Frage­stel­lungen zu berühren und Para­do­xien sichtbar zu machen, etwa zwischen Abhän­gig­keit vom Arbeit­geber und der Forde­rung nach Selbst­ver­ant­wor­tung.

Die Begeg­nung mit neuem Denken kann auch auf anderem Wege erfolgen, durch neue Freunde, Weiter­bil­dungen, andere Akti­vi­täten und sogar Bücher und Blogs. Plötz­lich liest man etwas, das das Welt­bild rela­ti­viert oder sogar verschiebt. Plötz­lich stellt jemand eine Frage, über die man noch nie nach­ge­dacht hat. Ja, man kann berufs­be­zogen coachen, aber den Blick über den Teller­rand kaum vermeiden. Wenn man dadurch entdeckt, dass der Teller­rand nicht über­brückbar ist und man selbst am Ende mehr “Neuland” sieht als alle anderen, kann das die Kündi­gung bedeuten.

Meinen Karrie­re­ex­perten rate ich vor der Bera­tung Wort­stämme zu vervoll­stän­digen:

  • Karriere…
  • Sinn…
  • Führung… (bei Führungs­per­sonen)

Die Antworten zeigen oft offenes (verschie­dene Inter­pre­ta­tionen und Sicht­weisen sind inte­griert, es gibt das eine oder andere) oder einge­grenztes Denken (die Begriffe werden einseitig inter­pre­tiert und absolut gefüllt, “es ist so”). Vor allem aber zeigen sie ein indi­vi­du­elles Verständnis an. Sie sind auch eine Basis für die weitere Vorge­hens­weise. Ob beispiels­weise Sinn­fragen ins Coaching einfließen sollten, muss der Coachee entscheiden. Bei den hier ange­spro­chenen Sinn­krisen ist das fast unum­gäng­lich.

Buchem­feh­lung

Zu diesem Thema möchte ich Björn Migges „Sinn­ori­en­tiertes Coaching“ wärms­tens empfehlen. Ich bin der Meinung, dass Psycho­logie und Philo­so­phie näher beiein­an­der­liegen als das die wissen­schaft­liche Psycho­logie sehen möchte – und denke zu vielen Frage­stel­lungen bieten philo­so­phi­sche Ansätze einen mindes­tens ebenso guten Zugang wie syste­mi­sche.

Es ist ein sehr dichtes und infor­ma­tives Buch, das ein unglaub­lich tiefes und breites Wissen des Autors zeigt. Die Kapitel sind kurz und über­sicht­lich und behan­delt alle nur denk­baren Themen. Man darf aller­dings keine klare Führung erwarten: Der Autor lässt alles offen bzw. über­lässt das Schlüsse-Ziehen und Haltung-Entwi­­ckeln dem Leser. Es handelt sich deshalb um ein darstel­lendes Werk, das mit vielen sehr guten Fragen auch den Coach selbst zum Nach­denken anregt. Die Lite­ra­tur­hin­weise sind eine unver­gleich­liche Fund­grube.

 

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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3 Kommen­tare

  1. Sladjan Lazic 17. Juli 2017 at 15:53 — Reply

    Danke für den tollen Artikel.

    Für mich war eine Lebens- oder Berufs­krise jedes Mal die Zeit, in der etwas Neues entstanden ist. Nur wenn die Dinge monoton ablaufen und quasi alles „in Ordnung“ ist, findet wenig Entwick­lung statt. Was nicht heißt, dass man ständig in Krisen leben sollte.

    Man kann sich selbst auch so mal in der Aller­wer­testen treten und seinem Leben neuen Schwung zu geben.

    Viele Grüße
    Sladjan Lazic

  2. Chris­tine Radomsky 3. August 2017 at 19:33 — Reply

    Span­nender Artikel, vielen Dank. Ihr beruf­li­ches Leben­pha­sen­mo­dell passt dazu, was ich mit eigenen Krisen und denen meiner lebens­er­fah­renen Klienten erlebt habe. Neben der zweiten Neuori­en­tie­rungs­phase mit verstärkter Sinn­suche begegnet mir im Coaching immer öfter eine dritte Neuori­en­tie­rungs­phase. Gerade beruf­lich enga­gierte Menschen Ende 50, Anfang 60 fragen sich, wie sie die nächsten Jahre und Jahr­zehnte so gestalten, dass sie neuen Sinn finden und etwas zur Gesell­schaft beitragen, das die eigene Exis­tenz über­dauert.
    Viele Grüße
    Chris­tine Radomsky

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