Kate­go­rien

Karrie­re­check Geis­tes­wis­sen­schaften: Alles ist möglich, nur schwie­riger

Published On: 6. August 2014Cate­go­ries: Führung

Was willst du denn damit machen? Das ist doch über­flüssig! Geis­tes­wis­sen­schaftler werden früh von allen Seiten gegän­gelt. Macht es Sinn, sie aussterben zu lassen? Oder könnte es sein, dass sie demnächst  eine Renais­sance erleben? In meinem Karrie­re­check Geis­tes­wis­sen­schaften, der den Natur­wis­sen­schaften folgt, widme ich mich heute dem womög­lich schwie­rigsten Karrie­­re­check-Thema. Kann man einem jungen Menschen wirk­lich ernst­haft empfehlen, heute noch Geis­tes­wis­sen­schaften zu studieren? Jetzt wo durch disrup­tive Entwick­lung sogar ein geis­tes­wis­sen­schaft­li­ches Auffang­be­cken, das Taxi­ge­werbe, vom Aussterben bedroht ist, wie ich neulich ironisch bei Face­book anmerkte? Ich glaube, ja. Es wird eine Renais­sance und neue Aner­ken­nung für Studie­rende von Fächern wie Geschichte, Politik, Philo­so­phie, Sprach­wis­sen­schaft, Germa­nistik und Exoten wie Islam­wis­sen­schaften oder Afri­ka­nistik.

Erfolg­reiche Geis­tes­wis­sen­schaftler sitzen überall

biblioSeit 15 Jahren begegnen mir erfolg­reiche Geis­tes­wis­sen­schaftler in der Bera­tung. Auch und gerade im MINT-Bereich, im Marke­ting und Perso­nal­wesen. Sie schaffen es fast ganz nach oben in Phar­ma­kon­zerne und in Perso­nal­ab­tei­lungen, ins Key Account Manage­ment und die Geschäfts­füh­rung einer Agentur. Aber egal, wo sie hingehen, das Image der Geis­tes­wis­sen­schaften hängt ihnen nach, weshalb viele dann doch noch einen MBA oder etwas Wirt­schafts­re­le­vantes studieren, um sich das Etikett unter­neh­mens­re­le­vanter Kompe­tenz anhängen zu dürfen. Und das erleich­tert in der Tat vieles.

Meine Recherche bei Xing bestä­tigt meinen subjek­tiven Eindruck: Alles ist möglich, wenn auch die Mehr­zahl der Geis­tes­wis­sen­schaftler sich noch im medi­en­nahen Bereich tummelt, etwa der PR. Selbst die Germa­nisten, die im Vergleich etwa zu Poli­tik­wis­sen­schaft­lern noch weniger Rele­vantes zu lernen scheinen, sind nicht nur in Verlagen und Werbe­agen­turen unter­ge­kommen. So habe ich einen tech­ni­schen Berater SAP gefunden, Controller und Verkaufs­trainer. Auch im Asset Manage­ment ist jemand tätig, aller­dings mit Zweit­stu­dium BLW. Oder als Secu­rity Analyst – aller­dings kam davor eine Station beim Auswär­tigen Amt.

Über­haupt zeigt sich immer mehr: Ein Studium ist kein Studium, die wirk­lich erfolg­rei­chen Lebens­läufe kombi­nieren stra­te­gisch oder zufällig, Lehre und Studium, Studium und Studium oder inten­sives auto­di­dak­ti­sches Praxis­lernen, etwa im IT-Bereich.

Logi­sche Verbund­denker mit verbaler Kompe­tenz

Warum sollten Geis­tes­wis­sen­schaftler mehr gefragt sein? Sie sind oft beson­ders gut im Verbund­denken. Sie haben meist ein breites Allge­mein­wissen und beob­achten inter­es­siert, was in der Welt passiert – was gut für Blicke über den Teller­rand ist. Sie können Bezie­hungen herstellen, in Problem­ana­lyse oft mehr als mithalten. Viele sind auch mathe­ma­tisch fit. Was aber sehr oft dazu kommt und ebenso unter­schätzt wie wert­voll ist (das Internet ist vor allem Schrift!) ist die meist höhere verbale Kompe­tenz. Denn was nutzt es, wenn man Probleme analy­sieren, aber die Lösung nicht kommu­ni­zieren kann? Es ist kurz gedacht, diese Fähig­keit nur in PR, Jour­na­lismus und Werbe­text fruchtbar zu sehen.

Mein eigenes Erst­stu­dium war geis­tes­wis­sen­schaft­lich. Ich habe mir später immer selbst beigebracht, was ich gerade wissen und anwenden musste: Program­mie­rung, SEO, SEM, Webana­ly­tics, Steu­er­recht oder Bilan­zie­rung, Spiel­theorie oder das Inter­pre­tieren von Studien… Für meine Zwischen­prü­fung an der Uni Köln musste ich Cicero aus dem Latein über­setzen. Ich lernte bulga­ri­sche Sprach­muster und lauter Sachen, die keinen direkten Benefit bringt. Auch mit Ethik hätte ich mich nicht beschäf­tigt, hätte es nicht dazu gehört.

Das aber genau ist Bildung: es bringt keine direkte wirt­schaft­liche Wert­schöp­fung, aber es formt eine bestimmte Art zu Denken. Bildung formt Persön­lich­keiten und bildet die Basis für Entwick­lung. Bildung ist nicht das, was man in Zeiten des Inter­nets überall bekommt und was zur sofor­tigen Arbeits­kraft­ver­wer­tung führt. Sie ist nicht das, was die Wirt­schaft gerade braucht;  das, was man braucht, kann man „on demand“ lernen. Mitt­ler­weile überall: Es gibt richtig gute Unipro­fes­soren, die leben­dige Vorträge ins Netz stellen und immer mehr Problem­lö­sungs­vi­deos.…

Plus BWL

Ich finde, es muss sich was ändern, und zwar grund­sätz­lich. In den Schulen, an den Unis. Ich bin fest davon über­zeugt, dass tech­ni­sche Grund­lagen und Program­mieren in den nächsten 5–10 Jahren für alle selbst­ver­ständ­lich werden müssen. Denn das gehört auch zur Bildung! So wie ich Cicero nicht frei­willig auf Latein gelesen hätte, beschäf­tigen sich die meisten auch nicht frei­willig mit Program­mie­rung. Sinn­voll wäre ein Studium gene­rale, zu dem alles gehören sollte, was man zum Welt­ver­stehen und Über­leben in der Komple­xität braucht — Statistik und Basis-BWL-und VWL etwa. Das sind natür­lich alles Inhalte, von denen Arbeit­geber direkt nichts haben – aber für mich gehören sie zur Bildung: ich finde, das ist ein Staats­auf­trag. Und wenn dann die jungen Leute wieder 28, 29 Jahre sind, wenn sei anfangen richtig Geld zu verdienen, sehe ich kein Problem. Bis zur Rente ist es dann immer noch weit genug.

Doch bis hier ein Umdenken erfolgt, wird Zeit vergehen und da rate ich Geis­tes­wis­sen­schaft­lern sich BWL und tech­ni­sches Grund­la­gen­wissen selbst aufzu­sat­teln oder im Master etwas zu studieren, was Arbeit­geber direkter nutzen können. Und vor allem: möglichst viel prak­tisch zu lernen. Nebenbei sollte man sich bewusst sein, dass diese Studi­en­gänge mitnichten logisch in Verlage, Redak­tionen und Museen führen, was einigen immer noch nicht klar ist. Die Reise kann überall gehen. Und mit dieser Offen­heit wird es erst wirk­lich inter­es­sant.

Über mich

SBereits seit 1998 schreibe ich Karrie­re­rat­geber, seit dem Jahr 2000 betreibe ich “Karriere & Entwick­lung” für Outpla­ce­ment und Karrie­re­coa­ching. 2004 grün­dete ich meinen ersten Online-Shop, aus dem 2012 Kexpa wurde, 2011 mein Portal Karriereexperten.com. In diesem Jahr kam die Karrie­re­ex­per­ten­aka­demie dazu: verschie­dene Weiter­bil­dungen zur Profes­sio­na­li­sie­rung der Methoden und Vorge­hens­weisen im Karrie­re­coa­ching.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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11 Kommen­tare

  1. Stefan Nette 6. August 2014 at 13:50 — Reply

    Alles sehr wahr und Weise… Guter Beitrag!

    Gene­rell bin ich über­zeugt wir müssen wieder runter von der Turbo­ver­schu­lung von Studien und Der Schul­zeit selbst. Am wich­tigsten empfand ich, neben dem Wissens­er­werb während meines Studiums die Möglich­keit zu reifen und genü­gend Zeit zu haben mich mit mir selbst ausein­ander zu setzen. Ich bin ein wiss­be­gie­riger Mensch, ich habe auch im Studium weit über den Teller­rand alles aufge­saugt, was ich als wissens­wert erachtet habe. All das hätte ich mit weniger Zeit nicht schaffen könnnen. Ich bin sehr froh, dass ich auf Regel­stu­di­en­zeiten, inkl.Tunnelblick nicht viel gege­geben habe. Ich habe eine tolle Zeit hinter mir und viele Erkennt­nisse über mich und die Welt erlangt.. Das sollte man jungen Menschen nicht verwähren, denn ich finde es essen­ziell für ein diffe­ren­ziertes, welt­of­fenes und hinter­fra­gendes Wesen. Ausserdem wäre ich mit einem Regel­stu­dium Banker geworden und togun­glück­lcih dabei, so bin ich Perso­naler und bin alles in allem sehr zufrieden.…

    Herz­liche Grüße
    Stefan Nette

    • Svenja Hofert 6. August 2014 at 22:27 — Reply

      Hallo Herr Nette, ja, das ist ein weiterer wich­tiger Aspekt. Die Persön­lich­keit hat Zeit zu reifen. Und das geht gerade dann wenn es nicht so verschult ist. Ich habe auch keine zeit­li­chen und sons­tigen Vorgaben gebraucht, die mache ich mir selbst. Aller­dings können das viele nicht — und das war ja ein Argu­ment für Bologna. Ich hätte das System der Unis bestehen lassen und die Fach­hoch­schulen daneben gern verschulter lassen können. Aber ob Sie Banker geworden wären? Ich weiß ja nicht. Ist jeden­falls gut wie es ist, zumin­dest bei uns beiden. Was ja irgendwie auch eine Botschaft ist. LG Svenja Hofert

  2. Nico Rose 6. August 2014 at 13:57 — Reply

    Die starke Tren­nung der verschie­denen Fach­rich­tungen ist eine typisch deut­sche Marotte. Im angel­säch­si­schen Raum sind die Über­gänge viel flie­ßender…

    • Svenja Hofert 6. August 2014 at 22:24 — Reply

      ja, das stimmt. Finde ich auch besser!

  3. Frank Schabel 6. August 2014 at 17:04 — Reply

    Als Geis­tes­wis­sen­schaftler beru­higt mich Ihr Post. Etwas :). Grund­sätz­lich finde ich Studium-gene­rale-Ansätze auch gut. Weniger davon, gleich alles über Menschen auszu­gießen, was sie vermeint­lich wissen müssen, um arbeits­markt­taug­lich zu sein. Können wir das den Menschen nicht selbst über­lassen und nur Diszi­plinen auch an der Uni öffnen für Fach­fremde. Und sorry, ich habe auch Karriere gemacht, aber nicht, weil ich mir als Geis­tes­wis­sen­schaftler BWL und Infor­matik rein­ge­zogen habe, sondern weil ich zum einen analy­ti­sches und vernetztes Denken auspro­biert habe. Und jede Menge nebenher gemacht habe, z.B. Politik und Zeitungen. Eben keine Statis­tik­schu­lung oder Program­mieren. Ich denke, wir sollten unsere Stärken stärken und nicht alles abfrüh­stü­cken. Dazu gibt es in dieser Welt Arbeits­tei­lung. Und zum zweiten auf die ominösen Schlüs­sel­kom­pe­tenzen setzen. Oder müssen wir jetzt alle neueste IT-Tools auf unsere Smart­phones rauf und runter dekli­nieren, um hipp zu sein. Besser noch als IT’ler?

    Frank Schabel

    • Svenja Hofert 6. August 2014 at 22:23 — Reply

      Hallo Herr Schnabel, danke für Ihr Feed­back. Sehe ich aber etwas anders. Ich denke, man muss bestimmte Dinge einfach wissen, was auch mit der gestie­genen Komple­xität zu tun hat. Und weiß man sie, kann man sich spezia­li­sieren. Das Wissen muss nicht in die Tiefe gehen. Aber ein grund­le­gendes Verständnis nützt und hilft allen. LG Svenja Hofert

  4. Anne Schreiter 10. August 2014 at 22:47 — Reply

    Zum Thema ist eben ein inter­es­santer Artikel in der Zeit erschienen:
    http://bit.ly/VdGSju

  5. […] kann man erklären, weshalb eine Kombi­na­tion aus Kultur- und Inge­nieur­wis­sen­schaften sinn­voll ist (Svenja Hofert hat das bspw. getan). Man kann dazu einen Image­film drehen – oder man kann die Basis­li­te­ratur offen […]

  6. […] kann man erklären, weshalb eine Kombi­na­tion aus Kultur- und Inge­nieur­wis­sen­schaften sinn­voll ist (Svenja Hofert hat das bspw. getan). Man kann dazu einen Image­film drehen – oder man kann die Basis­li­te­ratur offen […]

  7. […] Karrie­re­check Geis­tes­wis­sen­schaften: Alles ist möglich, nur schwie­riger – “Doch bis hier ein Umdenken erfolgt, wird Zeit vergehen und da rate ich Geis­tes­wis­sen­schaft­lern sich BWL und tech­ni­sches Grund­la­gen­wissen selbst aufzu­sat­teln oder im Master etwas zu studieren, was Arbeit­geber direkter nutzen können. Und vor allem: möglichst viel prak­tisch zu lernen. Nebenbei sollte man sich bewusst sein, dass diese Studi­en­gänge mitnichten logisch in Verlage, Redak­tionen und Museen führen, was einigen immer noch nicht klar ist. Die Reise kann überall gehen. Und mit dieser Offen­heit wird es erst wirk­lich inter­es­sant.” […]

  8. […] erleich­tert in der Tat vieles.“ Der Titel des Arti­kels, aus dem ich hier zitiert habe, lautet „Karrie­re­check Geis­tes­wis­sen­schaften: Alles ist möglich, nur schwie­riger“ und fasst damit ganz gut zusammen, wie es um Geis­tes­wis­sen­schaftler in der Wirt­schaft steht: im […]

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