Kate­go­rien

Karrie­re­kon­ven­tionen brechen: Von der Mosaik- zur holis­ti­schen Lebens­pha­sen­kar­riere

Published On: 26. Juni 2016Cate­go­ries: Karriere

Wie viele Menschen mit unge­wöhn­li­chen Lebens­läufen kennen Sie? Und was halten Sie für unge­wöhn­lich? Das hat sich in den letzten Jahren und Jahr­zehnten sicher sehr verän­dert. Vieles, was früher unge­wöhn­lich war, ist heute normal. Ein recht neues, und deshalb unge­wöhn­li­ches Phänomen sind für mich aber Menschen mit Bildungs­brü­chen im Lebens­lauf.  Damit meine ich Menschen, die bewusst in einem Job arbeiten, der deut­lich unter ihrem Quali­fi­ka­ti­ons­ni­veau liegt – weil sie dort mehr Befrie­di­gung und Über­ein­stim­mung mit eigenen Werten finden. Sie haben damit mit Karrie­re­kon­ven­tionen gebro­chen.

Einige Beispiele: Der Taxi­fahrer, der mich gestern zur Damm­tor­wiese brachte, arbei­tete einst als Tech­niker und baut heute in seiner Frei­zeit Biogas­an­lagen. Der KFZ-Mecha­­niker hat zwar einen Doktor­titel, bevor­zugt aber das hand­feste Schrauben. Die Physio­the­ra­peutin, die mich neulich massierte, war früher in der Online-Branche tätig und hat keine Lust mehr auf die Schnel­lig­keit der Branche. Die Service­kraft in Meck­len­burg hat ihren Job als Jour­na­listin aufge­geben, weil sie den nega­tiven Ener­gien der Branche entkommen und zu sich finden wollte. Sind das Mosa­ik­kar­rieren, bei denen sich Stein um Stein zum großen bunten Ganzen fügt? Mehr als das — Karrieren, die einem Aspekt geschuldet sind, der unplanbar ist, wenn man am Anfang des Berufs­le­bens steht: Den Verän­de­rungen eigener Werte aufgrund neuer Lebens­phasen und ‑bedin­gungen.

Die Wirt­schaft dreht sich in atem­be­rau­benden Tempo. In vielen Unter­nehmen arbeiten Menschen so sehr auf Hoch­touren, dass mir beim Betrachten von außen schwindlig wird. Einen Eindruck von dieser Geschwin­dig­keit hat mir die Zusam­men­ar­beit mit agilen Trai­nern und Bera­tern gezeigt. So rasant! So schnell! Startups und die Digi­tal­branche leben eine Dynamik und Inno­va­ti­ons­kraft, der auch mit tägli­cher Medi­ta­tion kaum jemand dauer­haft stand­halten kann. Das Bedürfnis nach Ruhe und Bestän­dig­keit muss kommen.

Nicht jeder Job, jede Branche, jeder Beruf ist für jede Lebens­phase geeignet. Es gibt Lebens­phasen, in denen Menschen mehr Ruhe suchen und andere, in denen Trubel und Action das bevor­zugte Lebens­ge­fühl ist. In meiner Karrie­­re­­co­a­ching-Ausbil­­dung sensi­bi­li­siere ich die Teil­nehmer und Teil­neh­mer­rinnen dafür, dass Klienten durch unter­schied­liche Eintritts­türen in die Bera­tung kommen.

Es gibt die, die einen möglichst zukunfts­si­chere Karrie­re­ent­schei­dung brau­chen und sich leicht vom Verspre­chen einer Lösung locken lassen. Das sind Kunden in der Entree­phase. Es gibt die, die ihre Karriere erfolg­rei­cher, ertrag­rei­cher oder sinn­stif­tender gestalten wollen. In der Entree- und Karrie­re­phase steht hand­fester Rat im Vorder­grund und die Antwort auf die Frage, was Rezepte für den eigenen Erfolg sind. In der Iden­­ti­­täts- und Sinn­phase geht es um mehr und anderes. In der Iden­ti­täts­phase steht die Selbst­fin­dung im Mittel­punkt und die Entde­ckung eines facet­ten­rei­chen Ichs. Themen sind Abna­be­lung und „mach dein Ding“. In der Sinn­phase schließ­lich erkennen viele, dass Selbst­ver­wirk­li­chung keine Lösung ist, sondern viel­mehr die Einheit und Harmonie mit sich und der Welt.  Viel­leicht will jemand in einer länd­li­chen Gegend leben – etwa in der alten Heimat -, viel­leicht privat Biogas­an­lagen bauen. Nicht mehr der Beruf gibt Iden­tität, sondern das ganze Leben ist der Maßstab für Entschei­dungen. Man könnte diese Phase deshalb auch holis­ti­sche Sinn­phase nennen. Schon vorher streben Menschen nach Sinn, hier jedoch hat dieser weniger mit äußeren Themen zu tun. Nicht alle Menschen durch­laufen diese und weitere Phasen, aber im Zuge der gesell­schaft­li­chen Ände­rungen gehen immer mehr hin zu Iden­tität und Sinn. In diesen Phasen ist weniger wichtig, dazu zu gehören und sich an Konven­tionen auszu­richten. Karriere bekommt damit eine andere, post­kon­ven­tio­nelle Bedeu­tung.

Es gibt 5 typi­sche Hürden, die Menschen abhalten Karriere-Konven­­tionen hinter sich zu lassen: Status­denken, Verän­de­rungs­angst, Exis­tenz­angst, einsei­tiges Stär­ken­denken und Aufstiegs­denken.

Karrie­re­kon­ven­tionen brechen — 5 Neupro­gram­mie­rungen des Denkens:

  1. Status­denken ablegen: Wir alle justieren den Status von Menschen auch anhand seines Bildungs­ni­veaus und des Status des Jobs, den er ausübt. Wir denken in Höher- und Nied­ri­ger­qua­li­fi­zie­rung wie es uns Medien vorgeben. Jemand mit Höher­qua­li­fi­zie­rung darf nicht in einem nied­riger ange­se­henen und quali­fi­zierten Job arbeiten. Das wäre sonst so als würde er ein 20 Jahre altes Auto fahren, das kein Oldtimer ist. Einen ehema­ligen Top-Manager, der heute als Coach arbeitet, aner­kennen wir, weil Coach irgendwie akade­misch klingt und nach kompli­zierter Ausbil­dung. Treffen wir Menschen, die mit einem Doktor­titel Taxi fahren, fragen wir uns dagegen heim­lich, wo der Haken ist. Das steht dem eigenen Verän­de­rungs­wunsch entgegen, führt zu selb­st­ab­wer­tenden Gedanken. Mein Tipp: Das eigene Denken ist selbst konstru­iert. Wir können uns entscheiden aufzu­hören, so zu denken. Dafür müssen wir einen inneren Verhal­tens­öko­nomen einstellen, der uns mahnt, wenn wir wieder mal einer Denk­falle aufsitzen. Oder auch: Wir sollten „schnelles Denken, lang­sames Denken“ von Daniel Kahne­mann lesen.
  2. Verän­de­rungs­angst über­winden: Erst in jüngster Zeit werden wir gesamt­ge­sell­schaft­lich auf Verän­de­rung umpro­gram­miert. Doch noch hat sich die Mehr­zahl der Menschen, in ihrem Leben selten verän­dern müssen. Es ist nach wie vor so, dass viele nach dem Studium etwas auspro­bieren und dann eher die Neigung entwi­ckeln, an einem Ort zu bleiben. Für andere wiederum ist Verän­de­rung zur Konven­tion geworden – inter­na­tio­nale Schulen, Studium, Auslands­kar­riere, rasante Karrie­re­schritte – auch das macht eine Gegen­be­we­gung schwierig. Verän­de­rung im Sinne eines Auf- und Abstiegs- wie der Auf- und Abstieg von einem Berg und das zeit­wei­lige Inne­halten im Tal —  ist dadurch ungeübt. Menschen, die sich viel verän­dern mussten oder wollten, können leichter damit umgehen. Lösung: Verän­de­rungen üben, Gegen­be­we­gungen zum bishe­rigen Leben trai­nieren. Das muss nicht nur der Berufs­wechsel sein, sondern kann auch das Auspro­bieren eines neuen Hobbies sein oder das Auspro­bieren neuer und anderer Lebens­formen.
  3. Exis­tenz­angst als irra­tional begreifen. Wir leben in einem schreck­lich reichen Land und halten uns viel zu früh für Exis­­tenz-bedroht. Zudem unter­liegen wir alle der Anker­heu­ristik. Wir justieren unseren Wert anhand des letzten Gehalts. Gerade Konzern­mit­ar­beiter sind damit oft in einer gehalt­li­chen Region, die sie in „Lebensphasen“-Jobs nie mehr errei­chen werden. Die Lösung heißt nicht „ärmer werden“, sondern reicher über die Lebens­spanne: Wenn wir viel verdienen, können wir für Zeiten mit weniger Verdienst Geld zurück­legen.
  4. Einsei­tiges Stärken-Denken rela­ti­vieren: Beruf­liche Entschei­dungen in der Entree- und Karrie­re­phase werden gern nach Stärken und Talenten getroffen. Das ist auch richtig so. Doch irgend­wann sind diese gar nicht mehr so rele­vant. Viel­leicht ist jemand mathe­ma­tisch sehr begabt, doch die Arbeit als Masseur ist im Moment einfach zur Lebens­si­tua­tion passender. Ist das dann Verschwen­dung von Stärken und Ressourcen? Ich finde nicht. Hinzu kommt, dass mit dem Alter Stärken ohnehin immer rela­tiver werden, da man diese konkreter und in ihrem Komple­­mentär-Stärken-Charakter greifen kann. Berufs­fin­dung ist noch stark auf Entweder-Oder-Denken ausge­richtet (entweder verbal oder mathe­ma­tisch, entweder intro­ver­tiert oder extro­ver­tiert, menschen- oder sach­ori­en­tiert usw.). Solches Denken löst sich in der Iden­­ti­­täts- und Sinn­phase auf. Mein Stärken-Navi­­gator im Buch “Was sind meine Stärken?” ist so konzi­piert, dass der ganz­heit­liche Aspekt inte­griert werden kann.
  5. Anschluss­denken aufgeben: Wir denken, der nächste Job müsse immer eine Erwei­te­rung des vorhe­rigen sein. Auch der Gedanke der Mosa­ik­kar­riere ist darauf ausge­richtet. Aber muss das so sein? Wenn ich mich morgen entscheide, in einem Cafe zu arbeiten, so baut das auf keiner vorhe­rigen Erfah­rung auf und es ist auch kein Anschluss zu etwas, das vorher da war. Und das muss es auch nicht. In unserem Kopf aber ist es drin. Wir denken in Schnitt­stellen und Verknüp­fungen und logi­schen Schritten, in Zwangs­mo­saiken. Es gibt Sinn zurück, damit aufzu­hören und Entschei­dungen ganz allein aus der Gegen­wart heraus zu treffen.

 

 

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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3 Kommen­tare

  1. Günther 3. Juli 2016 at 20:07 — Reply

    Schönen guten Abend Frau Hofert,
    herz­li­chen Dank für diesen Artikel — wenn möglich bitte unbe­dingt einem größerem Publikum verfügbar machen, damit “ENDLICH” mehr und mehr das längst über­fäl­lige Umdenken statt­findet.
    Leider haben in vielen, auch Perso­nal­po­li­ti­schen Entschei­dungs­pro­zessen, noch immer die alten und über­holten Grund­muster die Ober­hand, da diese eine vermeint­liche Sicher­heit vorgau­geln — was für ein Irrweg und was für eine Vergeu­dung mit immer den glei­chen wider­keh­renden teils kata­stro­phalen Auswir­kungen.
    Wie Eingangs bereits erwähnt, würde ich mich sehr freuen, wenn dieser Artikel noch viel viel mehr Menschen errei­chen würde — das wäre ein weiterer wich­tiger Schritt, Rich­tung Frei­heit und Wahr­heit und damit letzt­end­lich zurück zu uns selbst.
    Beste Grüße
    Günther Krämer

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