Kate­go­rien

Karrie­re­senf: Frau Hofert gibt´s dem Volk dazu

Published On: 16. Oktober 2011Cate­go­ries: Führung

Darf er? Soll sie? Geht das? Wer wie ich öfter mal reist und auswärts essen geht, bekommt von Nach­bar­ti­schen, Gegen­übern oder beim Vorbei­gehen an einer Raucher­ecke das eine oder andere mit. Diese Woche war  geprägt von einer Rund­reise durch Thüringen — und entspre­chend beson­ders viel „Karrie­re­senf“. Hier möchte ich meinen dem Gehörten dazu­geben 🙂

„Länger als ein Jahr kann sie auf keinen Fall im Ausland bleiben.“

Das Paar kennt sich noch nicht so lange, denke ich. Sie hat erwach­sene Kinder, er auch. Ich zähle drei (sie) zu zwei (er). Sie disku­tieren über ihre Tochter, die zur Auszeit nach Erfolg im Job nach Asien ging, um sich dort vom Stress der Karriere zu erholen. Er war der Meinung, dass sie das maximal ein Jahr tun dürfe, sonst sei ihre Karriere kaputt. Man könne sich das heute nicht mehr leisten. Sie sah das anders.

Und ich? Ein Jahr lässt sich leicht erklären, zwei fordern schon mehr Worte für die „Auszeit“. Es wird Perso­naler geben, die miss­trau­isch fragen werden, einige gera­dezu inqui­si­to­risch. War die Tochter früher in einer Führungs­po­si­tion (was nicht so genau heraus­zu­hören war), wird dies den Erklä­rungs­not­stand erhöhen.

Indes, jetzt kommt der Senf: Wer für sich selbst eine gute Begrün­dung hat, kann auch andere leichter über­zeugen. Aufge­frischt mit Wissen aus der Region kann ich nun sagen: Goethe war zwei Jahre in Italien und hatte sich selbst  (wieder) gefunden, als er zurückkam. Sein Arbeit­geber, der  Groß­herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach, nahm diese Erklä­rung ohne Tadel an – obwohl der gute Goethe sang- und klanglos verschwunden war.

Wir erin­nern uns, die sechs Jahre ältere Frau von Stein fand das gar nicht gut. Seit fast 200 Jahren hat sich anschei­nend wenig verän­dert: Immer noch zählt die gute Männer­freund­schaft und am Ende des Tages die Frage, welches Profil jemand hat, der sich dünne­macht. Je inter­es­santer und einzig­ar­tiger, desto mehr Auszeiten und auch andere Verrückt­heiten kann der sich leisten.  Ich behaupte, dass ist der Grund, aus dem Goethe heute SAP-Berater geworden sind.

„Heut­zu­tage geht es doch nur noch mit Studium aufwärts.“

Der Mann mit der Plautze ist offen­sicht­lich ein Vertriebler und schmaucht vor meinem Fenster. Er gehört wie seine Kollegen zu einer großen inter­na­tio­nalen Firma, der ich so viele über­ge­wich­tige und lang­weilig in braun geklei­dete Mitar­beiter gar nicht zuge­traut hätte. Sie passen nicht so recht in die stylishen weißen Minis mit dem Firmen­auf­druck — weder figür­lich noch sonst. Authen­ti­sche Corpo­rate Iden­tity?

Hat der Vertriebler recht? Wiederum ist die gege­bene Antwort mittel­scharfer Karrie­re­senf. Bestimmte Berufe und Unter­nehmen bleiben Absol­venten einer Lehre oder tech­ni­scher Aufstiegs­qua­li­fi­ka­tionen mehr und mehr verwehrt. Unter­nehmen, gerade große, schaffen Regeln für die interne Karriere, die es begabten Prak­ti­kern schwer bis unmög­lich machen nach oben zu kommen. Entscheider sind mehr und mehr Besitzer eines Diploms, Masters oder Bache­lors. Nur die kleinen und weniger beliebten Unter­nehmen schnappen sich die weniger gut ausge­bil­deten Mitar­beiter und wachsen mit ihnen dann (viel­leicht).

„Bis 40 muss er es geschafft haben, danach kann er die Karriere vergessen.“

Der Satz kommt mit voller Über­zeu­gung, da passt keine Gegen­mei­nung, wir salu­tieren gedank­lich (um uns dann wegzu­wenden). Ein Manager alten Schlags, der keine andere Meinung kennt als die eigene.

Er sprach offenbar für seinen Sohn – ein Mann aus der alten Karrie­re­welt, deren Regeln teil­weise noch gelten, aber eben immer weniger.  Schwierig wird es für einen Sach­be­ar­beiter, der  20 Jahre nicht wesent­lich dazu gelernt hat, mit über 40 noch eine Führungs­po­si­tion zu ergat­tern. Für ihn wird das Über­leben am Arbeits­markt aber auch gene­rell schwie­riger.

Für alle anderen ist bis derzeit 80, ach 110 alles möglich. Sage ich, und weiß einfach, dass ich recht habe, wenn ich sehe, dass der 80jährige Vater eines Bekannten sich jetzt wieder selbst­ständig gemacht hat, weil ihm zu lang­weilig war in Rente.

Derzeit erlebt man, das sagen auch Experten, die anders als ich auf Ironie verzichten, sogar eine Renais­sance älterer Führungs­kräfte, die das haben, was den Youngs­ters fehlt: Erfah­rung und .…. yes, Kinder,.… Geduld. Auch das Ego sinkt mit stei­gendem Alter norma­ler­weise  selbst bei ausge­wie­senen Narzissten – das alles spricht für perso­nelle Verant­wor­tung, die  gekenn­zeichnet ist vom Wunsch, Menschen mitzu­nehmen und ihnen Raum zur Entfal­tung eigener Stärken zu geben. So eine Führungs­kraft ist man nicht mit 40, sondern.… also ehrlich ich brauch noch was Zeit.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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3 Kommen­tare

  1. Frank Strat­mann 18. Oktober 2011 at 11:32 — Reply

    Asyn­chroner Senf. Span­nende Vorstel­lung wie die Tube im Reise­koffer wächst, um in Ihrem Blog zu zerplatzen. Zu mir würde man sagen, Du alter Besser­wisser. Bei Ihnen hat das Charme.

  2. Wilhelm Zorem 21. Oktober 2011 at 10:46 — Reply

    Mir gefällt dieser Eintrag. Endlich keine ange­maßte Exper­tise. So kann das weiter gehen.

  3. Svenja Hofert 23. Oktober 2011 at 23:21 — Reply

    Hallo Herr Zorem, ich fass es nicht, Lob von Ihnen ist ja schon etwas beson­deres 😉 beste Grüße SH

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