Kate­go­rien

Kompe­tenzen für die Arbeits­welt von morgen

Published On: 16. Februar 2007Cate­go­ries: Führung

Zu dem folgenden Thema habe ich am 8.2.2007 im Rahmen des Trai­ning­clubs einen Vortrag gehalten. Ein Inter­view dazu finden Sie hier.

„Sicher­heit ist mir einfach extrem wichtig“, sagen mir Absol­venten in Semi­naren oft. „Ich will Karriere machen, Haupt­sache weiter kommen“ – auch solche Sätze lese ich nicht selten. Sie machen mich nach­denk­lich. Denn immer wieder merke ich: Die Arbeits­welt verän­dert sich offenbar viel schneller als die Menschen. Niemand hat die Menschen darauf vorbe­reitet, was sie jetzt und in Zukunft zu erwarten haben. Sicher­heit und eine verti­kale Karriere nach dem Muster der Nach­kriegs­jahr­zehnte? Alle Wissen­schaftler sagen einmütig: Passé, auch wenn man natür­lich nach wie vor Führung braucht. Nur: Weniger und anders. Die Vorher­sagen der Wissen­schaftler stimmen mit meinen Beob­ach­tungen aus der Karrie­re­be­ra­tung überein. Es gibt keine Sicher­heit mehr, keine Dauer­jobs, keinen steilen Karrie­re­berg mehr, den man ein ganzes Berufs­leben lang abschnitts­weise erklimmt. Der goldene Kugel­schreiber zum 20. Jubi­läum der Betriebs­zu­ge­hö­rig­keit, er gehört in die Vergan­gen­heit.

Längst zeichnet sich ab, wohin die Reise geht:

  • Lebens­ab­schnitts­jobs statt Dauer­be­schäf­ti­gung
  • Hori­zon­tale Kompe­tenz­er­wei­te­rung statt verti­kaler Aufstieg
  • Globale Arbeit im virtu­ellen Team statt Job vor Ort
  • Lebens­langes Lernen statt einmal Ausbil­dung oder Studium
  • Selbst­ständig handeln statt Führen lassen
  • Mehr arbeiten, mehr wissen, mehr entscheiden

Als Teil der Wissens­ge­sell­schaft verdienen wir mit Wissen Geld. Hand­werk­liche Tätig­keiten und einfache Jobs gibt es immer weniger. Die Menschen werden aber auf über­holte Art und Weise auf ein Berufs­leben vorbe­reitet – von Lehrern, die die Privat­wirt­schaft da draußen gar nicht kennen und deshalb nicht wissen können, worauf es ankommt.

Unser drei­glie­de­riges Schul­system, immer noch da um auf hand­werk­liche (Haupt­schule), kauf­män­ni­sche (Real­schule) und akade­mi­sche Tätig­keiten (Gymna­sium) vorzu­be­reiten, präpa­riert schlecht. Dass unser schönes Hamburg nun versucht, mit den Regio­nal­schulen Real­schüler und Haupt­schüler gemeinsam vom Rest der Wissens­ge­sell­schaft abzu­son­dern, macht das eher schlechter als besser… Der Bedarf ist klar: Wir brau­chen Wissens­ar­beiter. Jeder muss in die Lage versetzt werden, vernetzt zu denken. Dass Haupt­schüler und auch viele Real­schüler das nach­weis­lich oft nicht können, liegt am System und nicht an der Intel­li­genz.

Bildung ist das eine – Ausbil­dung das andere. Wir sind immer noch gefangen in unseren gewohnten Verhal­tens­mus­tern und Glau­bens­sätzen wie „Lerne erst einmal etwas Rich­tiges.“ Junge Leute werden nach wie vor darauf getrimmt, den Arbeit­geber „fürs Leben“ zu finden. Auch die Arbeits­agen­turen denken in klas­si­schen Berufs­bil­dern, neue Ausbil­dungs­be­rufe versu­chen, dem erkannten Trend hinterher zu hechten und sind dabei immer eine Nasen­länge zu spät. Wäre es nicht viel sinn­voller, kürzere und schnel­lere Aus- und Weiter­bil­dungen zum normalen Bestand­teil des Berufs­le­bens zu machen. Und ich denke da nicht an einen Tag Bildungs­ur­laub….

Zu spät sind wir, zu langsam mahlen die Mühlen: Mir begegnen in meiner Karrie­­re­­be­ra­­tungs-Praxis selten Menschen, deren Tätig­keiten sich in einen Berufe-Katalog einordnen lassen. Wofür braucht man diese Schub­laden über­haupt? Wäre bedarfs­ori­en­tiertes Lernen nicht sinn­voller als das abschluss- und zerti­fi­ka­te­ori­en­tierte Ausbil­dungs­system? Liegt die Grund­ver­ant­wor­tung nicht darin, Kompe­tenzen zu vermit­teln, mit denen Menschen Wissen bewäl­tigen und sich immer wieder neu aneignen können, und zwar eigen­ver­ant­wort­lich?

Über­haupt, Eigen­ver­ant­wor­tung: Die ist mehr als je zuvor gefor­dert. Immer mehr Ange­stellte, vor allem in der IT, arbeiten im Home Office zusammen mit der ganzen Welt in virtu­ellen Teams. Auf diese Arbeit bereiten normale Trai­nings nicht vor, die Anfor­de­rungen an die multi­me­diale Kommu­ni­ka­tion, an Führung per Skype und Video­kon­fe­renz und an das Selbst­ma­nage­ment jeden einzelnen Team­mit­glieds sind andere, auch wenn letzt­end­lich alte Kommu­ni­ka­ti­ons­re­geln weiter gelten.

Die Perso­nal­ab­tei­lungen kommen der Entwick­lung nicht mehr hinterher. Ich sehe immer mehr Lebens­läufe mit immer kürzeren Stationen. Der Arbeits­markt verlangt nach beruf­li­chen Wech­seln und für die persön­liche Entwick­lung, das behaupte ich, sind diese ein Plus. Genauso wie beruf­liche Pausen, denn die Schnell­le­big­keit der Arbeits­welt und den dauer­haft erhöhten Stress­pegel hält niemand mehr über 30 Jahre auf glei­chem Niveau durch.

Unver­ständ­lich, dass schnelle Wechsel und Pausen oft zum Aussor­tieren der Bewer­bung führen. Alle wollen Spezia­listen, Bran­chen­ex­perten und Lücken im Lebens­lauf werden nicht tole­riert. Das passt nicht zu der logi­schen Entwick­lung hin zur Kurven­kar­riere, in der die Station OHNE Führungs­ver­ant­wor­tung der MIT Führungs­ver­ant­wor­tung nach­folgen kann. Das passt auch nicht zur Entwick­lung Rich­tung Patch­work­kar­riere, die unter­schied­liche Tätig­keiten auf eine bunte Kette reiht, in der das eine oder andere Glied auch mal fehlen darf.

Ich bin über­zeugt, dass es in Zukunft viel mehr beruf­liche Auszeiten geben muss. Es muss Menschen möglich sein, drei Jahre etwas „anderes“ zu machen. Aus mehreren Gründen: Die hohe Dreh­zahl im Job – ein Ange­stellter arbeitet heute so viel wie früher drei — lässt sich nicht dauer­haft durch­halten. Warum sollten sich z.B. nicht auch Bildungs- und Arbeits­phasen abwech­seln und beruf­liche Pausen zum Auftanken ganz normal werden?

Lange haben sich die Gehälter hoch­ge­schau­kelt, auch um gut quali­fi­zierte Mitar­beiter zu halten. Doch deren Quali­fi­ka­tion ist in den Jahren der Tätig­keit für einen Arbeit­geber veraltet. Geschäfts­pro­zesse sind oft firmen­in­di­vi­duell, nur ein Teil der in gewach­senen Struk­turen erwor­benen Erfah­rungen sind über­tragbar. Die Konse­quenz: Jahre­lang für einen Arbeit­geber tätige Mitar­beiter kommen nicht mehr besser ausge­rüstet als die Wett­be­werber auf den Markt. Im Gegen­teil: Sie sind markt­tech­nisch weniger wert als der mit aktu­ellen Kompe­tenzen ausge­stat­tete Nach­wuchs. Das „kostet“ Gehalt — so ist der Markt.

Und bringt mich zu der Frage, warum so viele Fest­an­stel­lungen in einem sich schnell verän­dernden Umfeld wie etwa der IT über­haupt sein müssen. Wäre es nicht für Arbeit­geber und Mitar­beiter besser, wenn die Zeit der Zusam­men­ar­beit beschränkt wäre? Dies würde das schnelle Veralten von Fähig­keiten oder das Entstehen von allzu firmen­in­di­vi­du­ellen und damit nicht mehr auf andere Posi­tionen über­trag­baren Profilen verhin­dern und böte den Arbeit­ge­bern mehr Flexi­bi­lität. Um den Über­gang zum nächsten Projekt zu erleich­tern, könnte am Ende der Zusam­men­ar­beit ja eine Art Karenz­geld stehen…

Das bringt mich um nächsten Stich­wort: Markt­fä­hig­keit. Jeder Ange­stellte muss wie sein selbst­stän­diger Kollege künftig ein Arbeits­leben lang dafür sorgen, markt­fähig zu bleiben. Das bedeutet, ständig zu schauen, wohin der Markt sich entwi­ckelt, welches inhalt­liche und metho­di­sche Wissen gefragt ist. Damit nähern sich Ange­stellte und Selbst­stän­dige immer mehr an – beide brau­chen nicht nur Unsi­cher­heits­to­le­ranz, beide brau­chen auch unter­neh­me­ri­sches Denken und die Bewusst­heit, dass jeder selbst für die Verkaufs­fä­hig­keit seines „Produkts“, seiner Arbeit, sorgen muss. Das ist, zuge­geben, anstren­gend. Ein Grund­ein­kommen, über das ich demnächst an dieser Stelle schreibe, würde diese Anstren­gung aus meiner Sicht erheb­lich abmil­dern.

Die neue Arbeits­welt fordert eine andere Art von Flexi­bi­lität, auch was die Lebens­um­stände angeht. Ich denke, dass es künftig sein kann, dass ein und derselbe Ange­stellte drei Jahre mehrere hundert­tau­send Euro verdient, um dann zehn Jahre – in einem Job mit gerin­geren Anfor­de­rungen — nur noch 50.000 Euro zu bekommen. „Die Kunst des stil­vollen Verar­mens“, so ein Best­­seller-Buch­­titel aus dem Jahr 2005, wird jeder immer wieder mal lernen müssen. Ich glaube: Der Persön­lich­keits­ent­wick­lung tut das richtig gut.

Die Konse­quenzen? Meine Gedanken im Über­blick:

Die schnellen Ände­rungen in globalen Unter­nehmen verlangn

  • eine Aufgabe des Sicher­heits­ver­spre­chens (so genannter „psycho­lo­gi­scher Vertrag“)
  • eine höhere Unsi­cher­heits­to­le­ranz
  •  die Fähig­keit, sich selbst perma­nent markt­fähig zu halten
  • die Fähig­keit, Wissen zu managen
  • das Bewusst­sein, dass Mitar­beiter und Unter­nehmen Geschäfts­partner auf Zeit sind
  • einen höheren Anteil von Free­lan­cern, die projekt­weise arbeiten.

Virtu­elle Teams fordern

  • Fähig­keit zum Selbst­ma­nage­ment
  • Fähig­keit zur Selbst­mo­ti­va­tion
  • Inter­kul­tu­relles Wissen
  • Lebens­mo­tive jenseits von Status und Macht
  • Kommu­ni­ka­ti­ons­kom­pe­tenz per E‑Mail, Chat etc.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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One Comment

  1. Flüge Bangkok 15. Januar 2010 at 15:41 — Reply

    hey super artikel. gefällt mir sehr. ist sehr infor­mativ. hast die proble­matik super darge­stellt.

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