Kate­go­rien

Kultur­re­vo­lu­tion bei der Bundes­agentur? Drin­gend nötig!

Published On: 28. Juli 2011Cate­go­ries: Führung

Heute Morgen kam die Meldung, dass die Bundes­agentur für Arbeit demnächst Assess­ment Center durch­führen wird. Pilot­pro­jekte in drei Städten seien erfolg­reich verlaufen. NDR Info präsen­tierte auch eine von  102 Fragen bzw. Aussagen:  „Wenn ich im Team von anderen über­stimmt werden, aber anderer Meinung sind, setzen ich meine Meinung dennoch durch.“ Die Antworten erfolgen auf einer Skala von 1 bis 5, je nach Grad der Zustim­mung. Es ist also ein Persön­lich­keits­test, auf welcher Grund­lage ist nicht bekannt. Zeitungen nennen sowas gern Psycho­test.

An sich eine gute Nach­richt. Die Frage ist jedoch, wer diese Antworten auswertet, nach welchem System und welche Schlüsse daraus abge­leitet werden. So hört sich erst mal gut an, dass offen­sicht­lich ein Psycho­loge einbe­zogen ist, neben dem Fall­ma­nager. Aber woher kommen die ganzen Psycho­logen? Von außen? Werden welche einge­stellt? Fragen…

Inwie­weit die Mitar­beiter für Auswer­tungs­ge­spräche ausge­bildet werden, ist nicht bekann. Da wäre sicher eine Menge zu tun. Schade, dass die Einfüh­rung der neuen Werk­zeuge offen­sicht­lich frei­willig ist – der Gang zur Arbeits­agentur aber nicht (wenn man nicht auf Geld verzichten will). Der Kunde, wie ihn die Agen­turen nennen, ist an seine örtliche Agentur gebunden. Er kann nicht einfach zu einer besseren gehen. Einen Wett­be­werb gibt es deshalb nicht.

Wett­be­werb wäre aber förder­lich, wir sehen es an dem begin­nenden Wett­be­werb unter Schulen, der einige Perlen zutage bringt. Wett­be­werb zwingt zu besserer Ausbil­dung. Und die ist, keine Frage, drin­gend nötig.

Ich habe viele Geschichten gehört, die von wenig Bera­tungs­kom­pe­tenz und zusätz­lich oft fehlender Empa­thie zeugen wie die einer 50jährigen, die von der Bera­terin hörte, sie solle sich gleich selbst­ständig machen, in den Medien hätte sie keine Chancen in ihrem Alter. Einen Tag später hatte sie ein Vorstel­lungs­ge­spräch und wurde einge­stellt. Bei manchen hinter­lassen solche Feed­backs regel­rechte Trau­mata.

Neulich ging eine Bekannte zu einer regio­nalen Arbeits­agentur, die ich hier nicht benennen möchte. Meine Bekannte hat Islam­wis­sen­schaften und Theo­logie studiert und sich zehn Jahre im Wesent­li­chen um Kinder­er­zie­hung geküm­mert. So eine lange Auszeit ist nicht vernünftig, aber der Einfluss einer Karrie­re­be­ra­terin greift privat manchmal weniger weit als beruf­lich. Irgend­wann ging sie aber doch Agentur, positiv gestimmt und opti­mis­tisch, bereit sogar zu einer neuen Ausbil­dung.

„Da gibt es ein Wieder­ein­stiegs­pro­gramm für Mütter, das kann ich viel­leicht bewil­ligen“, sagte der Fall­ma­nager.

Sie: „Kenn ich, da waren 16 Bekannte hier aus dem Umkreis. Keine hat eine Job gefunden. Außerdem lernt man dort Excel und Word — und das kann ich.“

Er (schmun­zelnd): „Klar, dass DIE nichts finden. Die können ja auch nach dem Kurs noch nichts.“

Sie: „Warum schi­cken sie die Frauen denn dann dahin?“

Er: „Beschäf­ti­gungs­the­rapie“.

Es folgte noch mehr: Als Sekre­tärin tauge sie nichts, das sehe man sofort (stimmt, wobei man es wirk­lich anders ausdrü­cken könnte). Und auch der Beruf der Alten­pfle­gerin, der bei jeder Verzwei­felten sonst greifen würde, sah er bei ihr nicht, dazu sei sie zu schlau und belesen (ein selt­samer Schluss).

Er empfahl ihr schließ­lich, Putz­frau zu werden, das ginge immer und ohne Umschu­lung, die ihr eh keiner geneh­migen würde; der Mann ist Inge­nieur und inso­fern besteht kein Anspruch auf “Fordern und Fördern” durch die Jobcenter.

Putz­frau?

Meine Bekannte kann alte Spra­chen, unter anderem Latein und noch eine Menge mehr, was sich aber nicht in Stan­­dard-Arbeits­agentur-Kate­­go­rien fassen lässt. Sie wird jetzt Lehrerin werden, das hat sie eh schon ehren­amt­lich gemacht. Und Latein­lehrer sind gesucht.

Aber dass sie darauf gekommen ist, lag nicht an der Bundes­agentur, sondern an ihrem Ärger über die schlechte Bera­tung. Danach hat sie sich nämlich richtig rein­ge­kniet und infor­miert. Auch eine Wirkung — noch mehr solche Berater und man könnte sich die Millionen für teure Kompe­ten­zin­stru­mente wirk­lich sparen 😉

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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7 Kommen­tare

  1. Thomas Hoch­ge­schurtz 28. Juli 2011 at 14:49 — Reply

    Die Reak­tion Ihrer Bekannten zeigt, dass der Fall­be­rater alles richtig gemacht hat. Er hat bei seinem Kunden Kampf­geist, Ausdauer, Durch­set­zungs­kraft und Wille in einem Gespräch entfacht. Da anschei­nend fast alle Gespräche bei der BfA so laufen muss das die “hidden stra­tegy” der BfA sein! Und der Erfolg gibt ihr Recht. “Nie” (seit Einfüh­rung der BfA) hatten wir weniger Arbeits­lose.

  2. Markus Väth 28. Juli 2011 at 16:13 — Reply

    Es wäre wirk­lich inter­es­sant zu erfahren, welche Persön­lich­keits­tests einge­setzt werden. Es fängt ja schon mal damit an, dass eine Menge Verfahren am Markt exis­tieren, und ein Laie die Daten zu Relia­bi­lität, Vali­didtät etc. gar nicht beur­teilen kann. Oft wird dann irgendein Verfahren einge­kauft, dass schickt aussieht und eine Menge kostet.
    In der Durch­füh­rung selbst sehe ich gar nicht mal die Schwie­rig­keiten. Das findet ja meist auto­ma­ti­siert statt, entweder online oder in der “paper & pencil” — Fassung.
    Die Inter­pre­ta­tion hat’s in sich. Der Beur­teiler braucht psycho­lo­gi­sche Erfah­rung und Erfah­rung im Test­wesen, um die Ergeb­nisse mit einer Perso­nal­aus­wahl zu verknüpfen. Solche Leute sind intern schwer zu finden; daher tippe ich auf einen externen Dienst­leister.
    Hoffen wir, dass sich diese neue Methode eini­ger­maßen bewährt und kein Inves­ti­ti­ons­grab wird.

  3. Miri 29. Juli 2011 at 0:08 — Reply

    In der Bundes­agentur für Arbeit gibt es 430 Stellen für Psycho­lo­ginnen und Psycho­logen. Was viele nicht wissen: Sie ist der größte Arbeit­geber für Psycho­logen. Jähr­lich werden ca. 250000 (!) Kunden in den 180 psycho­lo­gi­schen Diensten der Agentur für Arbeit getestet und beraten. Sie können davon ausgehen, dass die einge­setzten Persön­lich­keits­tests nach wissen­schaft­li­chen Krite­rien entwi­ckelt wurden und von Psycho­logen mit Erfah­rung in Eignungs­dia­gnostik ausge­wertet werden. Manchmal wäre es gut, genauer zu recher­chieren. Auch eine etwas diffe­ren­zier­tere Darstel­lung wäre nicht schlecht. Sie können sich auf der offi­zi­ellen Seite der Bundes­agentur über die Arbeit des psycho­lo­gi­schen Dienstes infor­mieren:
    http://www.arbeitsagentur.de/nn_26812/zentraler-Content/A10-Fachdienste/A102-PD/Allgemein/Psychologischer-Dienst-Allgemein.html

    Hier können Sie auch etwas über Grund­la­gen­for­schung im Bereich Eignungs­dia­gnostik erfahren:

    “Der Psycho­lo­gi­sche Dienst verfolgt die Ergeb­nisse der wissen­schaft­li­chen Forschung in den einschlä­gigen Diszi­plinen der Psycho­logie und macht diese für die prak­ti­sche Aufga­ben­durch­füh­rung nutzbar. Die für die fach­liche Weiter­ent­wick­lung erfor­der­li­chen Grundlagen‑, Entwick­­lungs- und Evalua­ti­ons­ar­beiten fallen in den Zustän­dig­keits­be­reich der Orga­ni­sa­ti­ons­ein­heit „Ange­wandte psycho­lo­gi­sche Forschung und Entwick­lung“ (PFE) im Psycho­lo­gi­schen Dienst der Bundes­agentur für Arbeit. An diesen Arbeiten sind sowohl die Psycho­lo­ginnen und Psycho­logen der Agen­turen für Arbeit als auch der Regio­nal­di­rek­tionen betei­ligt. Der Psycho­lo­gi­sche Dienst koope­riert bei Grund­la­gen­ar­beiten auch mit Hoch­schul­in­sti­tuten.

    Mit freund­li­chen Grüßen
    Miri Broder

  4. Anne Güntert 29. Juli 2011 at 9:11 — Reply

    Solche Erleb­nisse gibt es viele. Gerade Akade­miker hören die selt­samsten “Blüten” der Fall­ma­nager, was wohl damit zu tun hat, dass BA und JobCenter über­haupt nicht auf diese Klientel einge­richtet sind. Ärger­lich dabei ist, dass es ja immer im Ermessen des FMs liegt, wie mit dem “Kunden” umge­gangen wird und das Sozial- und Verwal­tungs­recht, im Gegen­satz zum Arbeits­recht, seine Wurzeln in der “obrig­keits­hö­rigen” Kaiser­zeit vor dem 1. Welt­krieg hat (Es ist ein verti­kales Recht). Das kann sehr schnell zum Bume­rang werden. Inter­es­sant wäre viel­leicht folgendes, dass ein regio­nales JobCenter im Ruhr­ge­biet bereits psycho­lo­gi­sche Auswer­tungen im Rahmen einer 5‑tägigen Maßnahme erstellt.…

  5. Svenja Hofert 31. Juli 2011 at 19:42 — Reply

    @markusväth @annegüntert: danke für die zusätz­li­chen Gedanken und Erfah­rungen. LG SH

  6. Svenja Hofert 31. Juli 2011 at 19:44 — Reply

    @thomashochgeschurtz: absolut richtig — der Effekt war gut. Doch der, der ihn ausge­löst hat, hat zufällig einen Treffer gelandet. Und das ist das Problem. Hätte bei einer anders gear­teten Persön­lich­keit nämlich auch nach hinten losgehen können. LG SH

  7. Silke Bicker 3. April 2013 at 0:51 — Reply

    Hm, als ich vor Jahren bei der BfA gemeldet war, bekam ich Stel­len­an­ge­bote als Wein­händ­lerin (war Buch­händ­lerin u. gerade mit dem Land­schafts­pla­nungs­stu­dium fertig) und Putz­frau zuge­schickt. Gab in einem halben Jahr nur zwei Ange­bote für mich. Mein Studi­en­fach stand nicht im Programm, wurde als Biologin geführt.
    Als Berufs­be­rater waren drei Leute für mich zuständig, alle hatten ursprüng­lich selbst eine völlig andere Ausrich­tung. Erin­nere mich als Schü­lerin kurz vorm Fach­ab­itur das dama­lige Arbeitsamt aufge­sucht zu haben. Der dama­lige Berater riet mir “auf Arbeitsamt” zu studieren, wäre ein feiner Job, gut bezahlt, wenig zu tun und früh Feier­abend. Das war Anfang der 90´er Jahre. Das “rote Tuch” wandert immer noch durch die Familie.

    I

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