Konnten wir den Berufseintritt positiv erleben – oder begann das Arbeitsleben gleich mit “null Bock”? Durften wir erfolgreich sein auf unsere Weise – oder kamen wir nie bei uns an? Lebten wir positive Beziehungen – oder war jede Liebe ein Desaster? Durch integrierte Lebensphasen entstehen neue Dimensionen und Sichtweisen auf uns selbst. Identität fächert sich auf. Integration beudeutet dabei: Etwas ist auf eine positive Art und Weise Teil von mir gworden.

Neue Schattierungen des “Ich bin” (ich war, ich werde…)

Jede Lebensphase erweitert die Sicht. Aus einem „ich bin Data Scientist“ wird vielleicht ein „ich trage zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Daten bei“. Das Selbstverständnis dehnt sich, der Radius wird größer, der Fokus verwandelt sich wobei das Vorherige immer Eingang findet. Es verändert seine Form – nicht etwa durch Antworten, sondern durch immer mehr Fragen. Selbst die, die wir uns nie gestellt haben.

In meinen Vierteljahrhundert als Impulsgeberin für persönliche und organisationale Veränderungen habe ich immer wieder ähnliche Fragestellungen erlebt, die sich bestimmten “Reifephasen” zuordnen lassen. Dahinter stehen stets auch bestimmte Bedürfnisse. Diese Phasen ähneln denen, die Erik Erikson beschrieben hat. Durch seine Pole liefert er auch eine Einordnung zu funktionaler und dysfunktionaler Integration.

 

Die Entreephase: Gut Ankommen

Hast du Kinder? Dann schaue gut hin. In der „Entreephase“ ist die Frage “wer bin ich” auch von „wozu gehöre ich?“ getrieben. Und das obwohl diese Fragen von einigen jungen Leuten selten so gestellt werden. Ankommen ist das Ziel.

Welche Türen gesucht werden, das zeigt sich im Handeln: “Keine Frage, ich möchte die Welt retten”. Ja, das ist die eine Variante. Es gibt den zielgerichteten und den experimentell-suchenden Typ. Die Vergemeinschaftung eigener Perspektiven auf die Welt ist spezifisch. Man sucht nach Zugehörigkeit – auch indem man sie ablehnt.

Die lebenslange Zugehörigkeit zu der erstgewählten professionellen Gruppe bleibt auch dann noch bestehen, wenn man ihr den Rücken gekehrt hat (“ich war Friseur”). Fehlt das, fehlt die Basis für den nächsten Schritt.

Wie sucht man nach der passenden Tür? Oft noch wenig bezogen auf eigene Stärken. Die Türen, durch die man gehen könnte, tragen Etiketten. Ich kann sagen „ich studiere Jura“, weil das in meinen sozioökonomischen Gruppen ein übliches und anerkanntes Berufsbild ist (meist wird das nicht aktiv gedacht). Ich kann auch sagen “ich studiere Jura”, obwohl dieser Weg der Familie bisher fremd war (das wird eher aktiv gedacht). Das Ergebnis bleibt: ein Jurastudium.

Fragen, die jetzt offen oder versteckt gestellt werden:

  • Wo gehöre ich hin?
  • Wer bin ich nicht?
  • Zu welcher Gruppe will ich gehören?
  • Zu welcher nicht?

Ob der Gang durch die erste Tür zu einer positiven oder negativen Integration in die Identität führt, hängt z.B. davon ab, ob wirklich eigene Stärken fruchtbar gemacht werden können. Oder nur die Pläne von anderen verwirklicht. Der mit der Entreephase verbundene Wert ist Finden. Es gilt als erstrebenswert, gefunden zu haben, bisweilen aber auch dauersuchend zu sein.

Nach Erik Erikson entwickelt sich Identität zunächst entlang der Pole Urvertrauen versus Urmissvertrauen und später Autonomie versus Scham/Unsicherheit. 

Karrierephase: Wie bin ich (erfolgreich)?

Hast du alles erreicht, was du wolltest? Wahrscheinlich ist auch der Einstieg glatt gelaufen. Wenn nicht, hast du ihn vielleicht ein paar Mal wiederholt.

Diese Phase braucht die vorherige – andernfalls kann der Wunsch nach „Ankommen“ und das Rumstraucheln für dauernde Unzufriedenheit sorgen. Ich habe oft mit Menschen gearbeitet, bei denen das so war. Manchmal waren schon weit über 40 Jahre. Wer sich aber nicht gefunden hat, kann kaum erfolgreich sein – und das meine ich nicht nur im gradlinigen Sinn. Man kann auch auf Kurven erfolgreich sein. Wie Erfolg persönlich gedeutet wird – eine biografische Frage.

Der Wert in der Karrierephase ist persönlicher Erfolg, nicht notwendig objektiver oder messbarer. Der Erfolg findet im Spiegel der professionellen Gruppe statt, mit der ich mich identifiziere. Kann ich „wie bin ich (erfolgreich)?” nicht beantworten, geht es zurück auf Start: “Wer bin ich (wirklich)?”. Das passiert oft, wenn wir die Pläne anderer realisieren, einen Familienauftrag unbewusst angenommen haben. Der Erfolg ist dann nicht unserer, ein Fremdkörper, kein Teil von Identität.

Fragen, die jetzt offen oder versteckt gestellt werden:

  • Wie kann ich mich verwirklichen?
  • Was sind meine Stärken?
  • Wo kann ich erfolgreich sein?
  • Wo kann ich nicht erfolgreich sein?

Erik Erikson definiert die Pole Leistung versus Minderwertigkeitsgefühl sowie Initiative versus Schuldgefühl. Menschen, die nie etwas geleistet haben, auf das sie stolz sind, irrlichtern oft im Leben. Sie projizieren den Ärger über den eigenen Misserfolg auf andere.

Integration: Wie geht das zusammen?

Die Integrationsphase folgt, wenn beruflich ein Fundament da ist. Nun werden verschiedene Lebensbereiche kombiniert, priorisiert und auch verändert. Es geht nicht mehr nur um das eine – und oft genug darum, was wirklich im Leben zählt. Die Dinge wollen, wenn sie integriert werden, zugleich auch priorisiert werden – erst die Karriere und dann? Oder umgekehrt? Wer von beiden, wenn wir ein paar sind? Alle zugleich, hintereinander, nebeneinander (her)? Viele Fragen.

Zentrale Fragen, die jetzt gestellt werden, sind aber:

  • Wer bin ich in meinen Arbeits-, Freizeit- und Familienbeziehungen?
  • Was ist mir wichtig?
  • Wie vereinbare ich die teils widersprüchlichen Dinge in meinem Leben?
  • Wie integriere ich unterschiedliche Lebensaspekte?

Erik Erikson kennt jetzt die Pole „Intimität versus Isolation“ sowie „Identität versus Identitätsdiffusion“. Es geht also auch darum, sozial verbunden zu sein. Wir entwickeln ein klares Verständnis von uns selbst und dem was wir sind und wollen. Das verlangt die vorherige Phase – sonst geht es zurück auf Start.

Sinnphase: Was soll bleiben?

Wir werden immer kleiner im Lichte des großen Ganzen. Das Alter führt zu Demut – vor dem, was ist und dem, was blebt. In der Sinnphase ist die treibende Frage „was soll (von mir oder uns) bleiben?“.  Sinn ist jetzt kein jugendlicher und ungestümer Idealismus mehr, keine Weltverbessungsarie, sondern darf und muss auf Lebenserfahrung fussen. Identität wird mehrdimensionaler. “Ich bin” verschwindet im “ich war” und “jetzt will ich …. sein.”

Fragen, die jetzt gestellt werden:

  • Was will ich geben, schenken, hinterlassen?
  • Macht das (noch) Sinn?
  • Wo kann ich in der Fülle sein?

Erik Erikson sieht Generativität oder Stagnation und Ich-Integration oder Verzweiflung. Generativität ist das Weitergeben, die Fortpflanzung im direkten und übertragenen Sinn. Was von mir kann weiterleben in einem familiären oder universellen Kontext? Ohne das entsteht Leere, ja Verzweiflung.

Ich erlebe Verzweiflung vor allem bei Menschen, die in ihrem Leben zentralen, oft auch schmerzhaften Themen aus dem Weg gegangen sind. Dazu gehört die Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft und Familie genauso wie mit Lebensentscheidungen, etwa zugunsten oder zuungunsten der Karriere.

Verdrängen erweist sich typischerweise nur vorübergehend als gesunde Strategie.

Du willst mehr darüber lesen?

  • Svenja Hofert (2024, 2. Auflage), Hört auf zu coachen, Vahlen
  • Erik Erikson (1978)): Identität und Lebenszyklus, Suhrkamp

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Über Svenja Hofert

Svenja Hofert ist vielfache Bestsellerautorin, die sich im deutschsprachigen Raum über mehr als ein Vierteljahrhundert ein hohes Renommee als Vordenkerin für das Thema Zukunft von Arbeit und Führung erworben hat. Ihr Motto "Zukunft der Arbeit mit Sinn und Verstand". Dieses Blog besteht seit 2006 und wird nur noch gelegentlich gepflegt. Folgen Sie der Autorin, indem Sie Ihren kostenlosen Newsletter Weiterdenken  abonnieren. Auf  Linkedin können Sie der Autorin ebenso folgen und erhalten 14tätig die Weiterdenken Essentials.

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