Kate­go­rien

Lebens­phasen: Vom Eintreten, Ankommen, Karrie­re­ma­chen und Sinn­su­chen

Published On: 22. April 2024Cate­go­ries: Karriere, Klas­siker

Ich sage immer: Das wich­tigste ist ein guter Start. Die ersten Erfah­rungen im Beruf sollten positiv sein. Denn ist die erste Berüh­rung mit dem Berufs­leben schwierig, führt dass dazu, dass ein Mensch sich nicht finden kann. Er kann seine Iden­tität nicht gesund ausbilden. Das belastet auch alles, was danach kommt. Das heißt nicht, dass man nicht mal falsch liegen darf. Aber drei Jahre in einem total unge­sunden Umfeld, in dem die Stärken nicht gefragt und die Persön­lich­keit nicht wachsen darf, die werden sich bemerkbar machen.

Konnten wir den Berufs­ein­tritt positiv erleben — oder begann das Arbeits­leben gleich mit “null Bock”? Durften wir erfolg­reich sein auf unsere Weise — oder kamen wir nie bei uns an? Lebten wir posi­tive Bezie­hungen — oder war jede Liebe ein Desaster?

Durch inte­grierte Lebens­phasen entstehen neue Dimen­sionen und Sicht­weisen auf uns selbst. Iden­tität fächert sich auf. Inte­gra­tion beudeutet dabei: Etwas ist auf eine posi­tive Art und Weise Teil von mir gworden. Es entsteht ein eigenes Bild ovm Ich, das die Basis für neue Schat­tie­rungen des “Ich bin”  legt — zum ich war, ich werde…

Mein Lebens­pha­sen­mo­dell habe ich vor über 15 Jahren entwi­ckelt, basie­rend auf Erfah­rung und ange­regt durch das Denken der Psycho­dy­namik, vor allem Erik Erikson. Ich hatte die Erfah­rung gemacht, dass Menschen, die kein gutes “Entree” hatten immer wieder dahin zurück fielen, sich nicht gut entwi­ckeln konnten. Es fehlte die Basis. Außerdem begeg­neten mir immer wieder dieselben Themen.

Mein Modell hat eine posi­tive Seite und eine nega­tive.  Unten sehen Sie die posi­tive:

Copy­right: Svenja Hofert

Jede Lebens­phase erwei­tert die Sicht. Aus einem „ich bin Data Scien­tist“ wird viel­leicht ein „ich trage zu einem verant­wor­tungs­vollen Umgang mit Daten bei“. Das Selbst­ver­ständnis dehnt sich, der Radius wird größer, der Fokus verwan­delt sich wobei das Vorhe­rige immer Eingang findet. Es verän­dert seine Form — nicht etwa durch Antworten, sondern durch immer mehr Fragen. Selbst die, die wir uns nie gestellt haben.

Hinter den Phasen stehen auch Bedürf­nisse:

  • Im Entree geht es darum, eine neue Zuge­hö­rig­keit zu finden.
  • In der Karrie­re­phase steht das Bedürfnis nach Erfolgs­er­leben im Vorder­grund.
  • In der Inte­gra­ti­ons­phase geht es um Verbin­dung.
  • In der Sinn­phase um Tran­szen­denz, auch Verbun­den­sein.

Negativ gelebt ergibt sich ein proble­ma­ti­sches Bild: Die nega­tiven Muster ziehen sich dann durchs gesamte Leben. Das kann dann so aussehen wie in dem folgenden Bild:

Lasst uns nun die Phasen einmal für sich betrachten:

Die Entree­phase: Gut Ankommen

Haben Sie Kinder? Dann schauen Sie gut hin. In der „Entree­phase“ ist die Frage “wer bin ich” auch von „wozu gehöre ich?“ getrieben. Und das obwohl diese Fragen von einigen jungen Leuten selten so gestellt werden. Ankommen ist das Ziel.

Welche Türen gesucht werden, das zeigt sich im Handeln: “Keine Frage, ich möchte die Welt retten”. Ja, das ist die eine Vari­ante. Es gibt den ziel­ge­rich­teten und den expe­ri­­men­tell-suchenden Typ. Die Verge­mein­schaf­tung eigener Perspek­tiven auf die Welt ist spezi­fisch. Man sucht nach Zuge­hö­rig­keit — auch indem man sie ablehnt.

Die lebens­lange Zuge­hö­rig­keit zu der erst­ge­wählten profes­sio­nellen Gruppe bleibt auch dann noch bestehen, wenn man ihr den Rücken gekehrt hat (“ich war Friseur”). Fehlt das, fehlt die Basis für den nächsten Schritt.

Wie sucht man nach der passenden Tür? Oft noch wenig bezogen auf eigene Stärken. Die Türen, durch die man gehen könnte, tragen Etiketten. Ich kann sagen „ich studiere Jura“, weil das in meinen sozio­öko­no­mi­schen Gruppen ein übli­ches und aner­kanntes Berufs­bild ist (meist wird das nicht aktiv gedacht). Ich kann auch sagen “ich studiere Jura”, obwohl dieser Weg der Familie bisher fremd war (das wird eher aktiv gedacht). Das Ergebnis bleibt: ein Jura­stu­dium.

Fragen, die jetzt offen oder versteckt gestellt werden:

  • Wo gehöre ich hin?
  • Wer bin ich nicht?
  • Zu welcher Gruppe will ich gehören?
  • Zu welcher nicht?

Ob der Gang durch die erste Tür zu einer posi­tiven oder nega­tiven Inte­gra­tion in die Iden­tität führt, hängt z.B. davon ab, ob wirk­lich eigene Stärken fruchtbar gemacht werden können. Oder nur die Pläne von anderen verwirk­licht. Der mit der Entree­phase verbun­dene Wert ist Finden. Es gilt als erstre­bens­wert, gefunden zu haben, bisweilen aber auch dauer­su­chend zu sein.

Nach Erik Erikson entwi­ckelt sich Iden­tität zunächst entlang der Pole Urver­trauen versus Urmiss­ver­trauen und später Auto­nomie versus Scham/Unsicherheit. 

Karrie­re­phase: Wie bin ich (erfolg­reich)?

Hast du alles erreicht, was du woll­test? Wahr­schein­lich ist auch der Einstieg glatt gelaufen. Wenn nicht, hast du ihn viel­leicht ein paar Mal wieder­holt.

Diese Phase braucht die vorhe­rige – andern­falls kann der Wunsch nach „Ankommen“ und das Rumstrau­cheln für dauernde Unzu­frie­den­heit sorgen. Ich habe oft mit Menschen gear­beitet, bei denen das so war. Manchmal waren schon weit über 40 Jahre. Wer sich aber nicht gefunden hat, kann kaum erfolg­reich sein — und das meine ich nicht nur im grad­li­nigen Sinn. Man kann auch auf Kurven erfolg­reich sein. Wie Erfolg persön­lich gedeutet wird — eine biogra­fi­sche Frage.

Der Wert in der Karrie­re­phase ist persön­li­cher Erfolg, nicht notwendig objek­tiver oder mess­barer. Der Erfolg findet im Spiegel der profes­sio­nellen Gruppe statt, mit der ich mich iden­ti­fi­ziere. Kann ich „wie bin ich (erfolg­reich)?” nicht beant­worten, geht es zurück auf Start: “Wer bin ich (wirk­lich)?”. Das passiert oft, wenn wir die Pläne anderer reali­sieren, einen Fami­li­en­auf­trag unbe­wusst ange­nommen haben. Der Erfolg ist dann nicht unserer, ein Fremd­körper, kein Teil von Iden­tität.

Fragen, die jetzt offen oder versteckt gestellt werden:

  • Wie kann ich mich verwirk­li­chen?
  • Was sind meine Stärken?
  • Wo kann ich erfolg­reich sein?
  • Wo kann ich nicht erfolg­reich sein?

Erik Erikson defi­niert die Pole Leis­tung versus Minder­wer­tig­keits­ge­fühl sowie Initia­tive versus Schuld­ge­fühl. Menschen, die nie etwas geleistet haben, auf das sie stolz sind, irrlich­tern oft im Leben. Sie proji­zieren den Ärger über den eigenen Miss­erfolg auf andere.

Inte­gra­tion: Wie geht das zusammen?

Die Inte­gra­ti­ons­phase folgt, wenn beruf­lich ein Funda­ment da ist. Nun werden verschie­dene Lebens­be­reiche kombi­niert, prio­ri­siert und auch verän­dert. Es geht nicht mehr nur um das eine — und oft genug darum, was wirk­lich im Leben zählt. Die Dinge wollen, wenn sie inte­griert werden, zugleich auch prio­ri­siert werden — erst die Karriere und dann? Oder umge­kehrt? Wer von beiden, wenn wir ein paar sind? Alle zugleich, hinter­ein­ander, neben­ein­ander (her)? Viele Fragen.

Zentrale Fragen, die jetzt gestellt werden, sind aber:

  • Wer bin ich in meinen Arbeits‑, Frei­­zeit- und Fami­li­en­be­zie­hungen?
  • Was ist mir wichtig?
  • Wie verein­bare ich die teils wider­sprüch­li­chen Dinge in meinem Leben?
  • Wie inte­griere ich unter­schied­liche Lebens­aspekte?

Erik Erikson kennt jetzt die Pole „Inti­mität versus Isola­tion“ sowie „Iden­tität versus Iden­ti­täts­dif­fu­sion“. Es geht also auch darum, sozial verbunden zu sein. Wir entwi­ckeln ein klares Verständnis von uns selbst und dem was wir sind und wollen. Das verlangt die vorhe­rige Phase — sonst geht es zurück auf Start.

Sinn­phase: Was soll bleiben?

Wir werden immer kleiner im Lichte des großen Ganzen. Das Alter führt zu Demut — vor dem, was ist und dem, was blebt. In der Sinn­phase ist die trei­bende Frage „was soll (von mir oder uns) bleiben?“.  Sinn ist jetzt kein jugend­li­cher und unge­stümer Idea­lismus mehr, keine Welt­ver­bes­sungs­arie, sondern darf und muss auf Lebens­er­fah­rung fussen. Iden­tität wird mehr­di­men­sio­naler. “Ich bin” verschwindet im “ich war” und “jetzt will ich .… sein.”

Fragen, die jetzt gestellt werden:

  • Was will ich geben, schenken, hinter­lassen?
  • Macht das (noch) Sinn?
  • Wo kann ich in der Fülle sein?

Erik Erikson sieht Gene­ra­ti­vität oder Stagna­tion und Ich-Inte­­gra­­tion oder Verzweif­lung. Gene­ra­ti­vität ist das Weiter­geben, die Fort­pflan­zung im direkten und über­tra­genen Sinn. Was von mir kann weiter­leben in einem fami­liären oder univer­sellen Kontext? Ohne das entsteht Leere, ja Verzweif­lung.

Ich erlebe Verzweif­lung vor allem bei Menschen, die in ihrem Leben zentralen, oft auch schmerz­haften Themen aus dem Weg gegangen sind. Dazu gehört die Ausein­an­der­set­zung mit der eigenen Herkunft und Familie genauso wie mit Lebens­ent­schei­dungen, etwa zugunsten oder zuun­gunsten der Karriere.

Verdrängen erweist sich typi­scher­weise nur vorüber­ge­hend als gesunde Stra­tegie.

Du willst mehr darüber lesen?

  • Svenja Hofert (2024, 2. Auflage), Hört auf zu coachen, Vahlen
  • Erik Erikson (1978)): Iden­tität und Lebens­zy­klus, Suhr­kamp

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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