Kate­go­rien

Lena schmeißt Studium – darf man so einfach abbre­chen?

Published On: 9. August 2012Cate­go­ries: Führung

Es währte nur ein Semester. Unser Star für Oslo hat ihr Studium der Afri­ka­nistik und Philo­so­phie an der Uni Köln geschmissen.

Darf man das? Einfach so? Und die Zukunft? Weiß ja kein Mensch, ob der zweite Anlauf als Sängerin ein Erfolg sein wird. Siehe Blüm­chen. Die war zwar kein Star für Oslo, aber auch ein One-Hit-Wonder, das fortan und bis heute aller­dings Zutritt zu gewissen Parties und damit Kreisen bekam und soviel ich weiß auch noch bisweilen in der Bunte zitiert wird. So kommt man immerhin an Spon­soren für seine Klamotten — wenn es wenig andere Einnahmen mehr gibt.

Nun zum ernsten Teil.

Für mich wirft dieser Studi­en­ab­bruch drei Fragen von allge­meinem Karriere-Inter­esse auf.

1.)   Kann so etwas wie Afri­ka­nistik und Philo­so­phie zu irgendwas jenseits der Arbeits­lo­sig­keit und prekären Jobs führen?

2.)   Was soll ein (poten­zi­eller) Künstler studieren oder lernen?

3.)   Ist ein Studi­en­ab­bruch legitim?

Zu 1.) Ja, es kann, aber bei den meisten, die sich für solche Orchi­deen­fä­cher einschreiben, führt das Studi­en­ende zu Frage­zei­chen. Dann war man sich nicht klar darüber, dass man mit Inter­es­sen­fä­chern ohne Stra­tegie für den Berufs­ein­stieg, Schwie­rig­keiten haben wird. Warum kriege ich bloß keinen Job, fragen sich viele über­rascht — und ja mein Kollege Lars Hahn hat in NRW eine Lösung (durch Quali­fi­zie­rung).

Sie sollten sich außerdem gut über­legen, was Sie auf Fragen wie “wie kommen Sie denn auf diese Kombi­na­tion?” antworten. Mir erschließt sich die Verbin­dung von Philo­so­phie und Afri­ka­nistik hat hoc jeden­falls nicht. Gerade wer sich für bunte Studi­en­st­räuße entscheidet, sollte sich gut erklären können: gern auch auf Basis persön­li­chen Inter­essen, aber dann bitte nach­voll­ziehbar erläu­tert. Ginge es Lena um die Bröt­chen in Notzeiten hätte ich ihr bei einer ehrli­chen Leiden­schaft für Afri­ka­nistik als Kombi­fach etwas Wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­ches empfohlen — aber vor allem richtig schlaue Prak­tika.

Zu 2.) Da Lena ja offen­sicht­lich ein Künst­ler­leben anstrebt wäre eine andere, soli­dere Basis auch nicht schlecht gewesen. Der “Graf” der Musik­gruppe Unheilig ist Hörge­rä­te­akus­tiker, ein prima Exit-Job. Das wäre auch gleich eine Empfeh­lung: Am besten etwas mit nicht ganz so hohem Verfalls­datum, also eher keine aktu­elle Tech­no­logie wählen.  In der IT darf man nicht 10 Jahre raus sein. Besser wäre was eini­ger­maßen Halt­bares: Lebens­mit­tel­che­miker, Tier­ärztin, Psycho­logie oder Pädagogik, viel­leicht Agrar­wis­sen­schaften und zur Not auch BWL. Jura bei deut­li­chem Lernehr­geiz.  Jeden­falls etwas, in das man immer wieder einsteigen kann, wenn die Kunst nicht läuft. Auch Regie und Drama­turgie wären bei echter Leiden­schaft vertretbar, um sich für ein Leben hinter der Kamera zu rüsten. Alles besser als.… nichts.

Nichts zu haben, kann zum Problem werden — siehe den trau­rigen Fall von unserer „Anna“ Silvia Seidel, die am Ende ihre Miete nicht mehr bezahlen konnte. Merke, wenn Du ein Künst­ler­leben anstrebst: Es ist quatsch, wenn dir jemand sagt, es geht im Leben nur ums Wollen und Können oder eins Davon. Es geht auch um  Glück. Und rich­tigen Erfolg haben nur die oberen 2–5% der Künstler. Der Rest krebst vor sich hin – und hat Schwie­rig­keiten mit 40 noch eine Lehr­stelle zu finden.

Zu 3.) Eindeutig ja, je früher desto besser: Drei, vier kurze Studi­en­etappen kann man im Lebens­lauf super mit „verschie­dene Studien zur Orien­tie­rung“ umschreiben. Aber klar: Je mehr Indif­fe­renz diese Etappe ausstrahlt, desto verdäch­tiger macht man sich. Ganz wilde Kombis besser verschweigen. Ist man erst mal im vierten oder fünften Semester würde ich gut über­legen, ob ich die Sache – den Bachelor —  nicht doch durch­ziehe und anschlie­ßend etwas ganz anderes mache. Immerhin gibt es das Vordi­plom ja nicht mehr, das früher auch noch half, wenn man es nicht ganz zuende geschafft hatte.

Als viel Erfolg Lena, bin gespannt, welche Fächer als nächstes kommen. Aber mach was.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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4 Kommen­tare

  1. Huberta Weigl 9. August 2012 at 17:06 — Reply

    Ein guter Artikel, vielen Dank!

    Ich habe Kunst­ge­schichte und BWL studiert, aber nicht als Kombi­na­tion, sondern jeweils einzeln. Nach gut 12 Jahren Arbeit als Kunst­his­to­ri­kerin (darunter viele Jahre an der Univer­sität) bin ich nun als Schreib­coach tätig. Habe ich das jemals geahnt? Nein. 🙂

    Ich denke, es ist gut, einfach flexibel zu sein bzw. zu bleiben. Ich kenne Kunst­his­to­ri­ke­rinnen bzw. Kunst­his­to­riker, die kennen nur eines: Die Uni! Sie spezia­li­sieren sich immer mehr und mehr, werden dabei älter und sehen nichts als ihr Fach und ein (1) Stand­bein. Gleich­zeitig klappt es nicht mit einer Beru­fung. Schwierig!

    Ich betreue sowohl in meiner “Schreib­werk­statt” als auch in Lehr­ver­an­stal­tungen Studie­rende. Ich würde niemanden von einem “exoti­schen” Fach abraten, wenn dieses Fach der abso­lute Traum für dieje­nige bzw. denje­nigen ist.
    Als ich meine Studien begonnen habe, hatte ich auch keine klare Vorstel­lung, was am Ende stehen würde. Und das finde ich gar nicht schlimm. Wer Philo­so­phie studiert, sollte nur nicht damit rechnen, “Philo­soph” zu werden. Sonst aber kann ein “Philo­­so­­phie-Studium” die Basis für viele andere span­nende Dinge sein.

    Ein “exoti­sches” Studium mit einem soliden zweiten Fach zu kombi­nieren, halte ich auch für sehr sinn­voll. Einer­seits den Inter­essen nach­gehen, ande­rer­seits auch an die Zukunft denken.

    Herz­li­chen Gruß, Huberta Weigl

  2. Lars Hahn 10. August 2012 at 11:44 — Reply

    Danke für die Blumen, liebe Svenja. In der Tat haben wir bei uns gute Erfolge mit Absol­venten der Geistes‑, Sozi­al­wis­sen­schaften etc., die mit praxis­ori­en­tierten Kurz­qua­li­fi­zie­rungen all das nach­holen, was im Studium oftmals fehlt. Clou unseres Ansatzes ist aller­dings ein Praxis­pro­jekt in einem Unter­nehmen, das meis­tens die Türen öffnet.

    Ich selbst habe übri­gens die soge­nannten Erzie­hungs­wis­sen­schaften studiert. Was das genau bedeu­tete, war mir zu Beginn meines Studiums nicht bewusst. Eigent­lich wollte ich was mit Bildung studieren, aber das war grad nicht im Angebot. Nun ja: Das Studium enthielt viel Geis­tes­wis­sen­schaft­li­ches, wenig Konkretes und schon gar keine Methoden der Praxis.

    Heute mache ich Bildungs­ma­nage­ment — übri­gens seit 15 Jahren. Das hat inhalt­lich kaum etwas mit meinem Studium zu tun, jedoch glauben prak­ti­scher­weise viele, dass ich das studiert hätte, was ich heute mache.

    Wich­tigster Rat für Absol­venten der nicht berufs­qua­li­fi­zie­renden Studi­en­gänge (also nicht Lehrer, Ärzte, Inge­nieure): Erwerben Sie bereits im Studium wirk­liche Praxis­er­fah­rung in dem Feld, in dem Sie später hoch­wahr­schein­lich arbeiten möchten.

    P.S.: Ich habe dann das Studium der Erzie­hungs­wis­sen­schaften nach 14 Semes­tern und vielen Umwegen in die Praxis abge­schlossen, ausschließ­lich, damit ich einen Abschluss habe. Und das war richtig so!

  3. Jesper 23. Oktober 2013 at 15:13 — Reply

    Geis­tes­wis­sen­schaft­liche Studien führen — allen anderen Behaup­tungen zum Trotz — zu starken Problemen bei der Jobsuche. Viele Absol­venten leiden darunter, nicht sagen zu können “Ich bin das und das und kann dies und jenes”. Statt­dessen müssen sie sich Tätig­keits­be­reiche förm­lich ausdenken. In der Süddeut­schen wurde neulich darauf hinge­wiesen, dass geis­tes­wis­sen­schaft­liche Studien den “gender gap” mani­fes­tieren: 80% de Absol­venten seien Frauen, die später nicht in einem rele­vanten Ausmaß zum Fami­li­en­ein­kommen beitragen können.
    Der Verweis auf Geis­tes­wis­sen­schaftler in der Wirt­schaft ist zynisch: der Einstieg gelingt nur einem kleinen Teil der Absol­venten. Wie schlecht es den anderen ergeht, zeigen Verbleib­stu­dien der Univer­si­täten. Eine Ausnahme, z.B. in den Sprach­fä­chern und in Geschichte, bilden ledig­lich die Studenten mit dem Ziel “Lehramt”.
    Zwei Argu­mente machen beson­ders stutzig: 1. als Geis­tes­wis­sen­schaftler könne man sich in alles einar­beiten — kann man dann die meisten Berufs­aus­bil­dungen in Handel, Technik, Finanz­wesen etc. abschaffen, wenn doch Uni-Absol­­venten alles im Hand­um­drehen lernen? Ich glaube kaum. 2. Wirt­schafts­wis­sen­schaftler sind viel zu prag­ma­tisch und engstirnig und können nicht kommu­ni­zieren — was alles nicht stimmt — gleich­zeitig aber sollen Geis­tes­wis­sen­schaftler gerade in der Wirt­schaft arbeiten — also in den ach so verach­teten Berei­chen des Prag­ma­tismus? Unlo­gisch. Mein Rat: Augen auf bei der Fächer­wahl!

  4. Julia 22. Oktober 2016 at 22:38 — Reply

    Haupt­sache man macht das, was man am besten kann. Ich habe mit zwei Studi­en­gängen ange­fangen und beide abge­bro­chen, im Endef­fekt nur den dritten mit 35 Jahren absol­viert. Ich habe lange nach meinenr Leiden­schaft gesucht, obwohl alle meine Freunde schon mit 25 ihre beruf­li­chen Karrieren machten. Ich habe eine Nische auf dem Markt gefunden und entwi­ckele mein eigenes Geschäft 🙂 Man sollte nie aufgeben!!! sondern suchen, suchen, suchen!

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