Kate­go­rien

Lieber ein großer Fisch im kleinen Teich – Warum Sie klein anfangen sollten, um groß raus­zu­kommen

Published On: 16. Juli 2015Cate­go­ries: Karriere

Bastian Schwein­steiger geht zu Manchester United. Man könnte es als Abstieg deuten, spielte Manchester doch Jahre deut­lich schlechter als die Bayern. Genauer betrachtet ist es eine kluge Entschei­dung, denn Schweini handelt nach dem Fisch­teich­ef­fekt (big fish little pond effect), den zuerst der Psycho­loge Herbert Marsh beschrieb. Der Fisch­teich­ef­fekt besagt, dass Menschen sich besser entwi­ckeln, wenn die Umge­bung ihrem Selbst­kon­zept dient. Wenn sich also jemand für einen guten Fußballer hält, entwi­ckelt er sich besser, wenn er zu den besseren gehört, also ein großer Fisch ist, als wenn er in einem großen Teich einer von vielen ist. Dank neuer Zukäufe wäre Schweini bei Bayern demnächst zum kleinen Fisch geworden. Bei Manchester bleibt er in seinem kleinem Teich – vermut­lich ein größerer Fisch.

Das Gesetz der rela­tiven Größe

against the stream - opposite concept - leader goldfishDer Fisch­teich­ef­fekt hängt mit dem Gesetz der rela­tiven Größe unserer wahr­ge­nom­menen Stärken zusammen. Es besagt, dass sich Menschen immer in Bezug auf ihr Umfeld einschätzen. Eine Stärke ist nie absolut, sondern steht in direkter Bezie­hung zum Umfeld. Der Einser-Schüler wird plötz­lich Mittelmaß, wenn er in eine Klasse mit besseren Schü­lern kommt. Die erfolg­reiche Mana­gerin merkt beim Unter­neh­mens­wechsel, dass sie nicht mehr die beste Stra­tegin ist, wie vorher gewohnt, und sackt in ihrer Leis­tung ab. Nicht nur auf das jetzige Vergleichs­ni­veau, sondern sogar darunter.

Sie sind nur so gut, wie die Menschen, mit denen Sie sich aufgrund Ihrer Erfah­rung verglei­chen können. Ich nutze dieses Wissen schon lange für die Karriere- und Stär­ken­ent­wick­lung. Eine Karriere ist immer relativ zu anderen, die im glei­chen Bereich tätig sind. Der Vergleich ist die Basis für die Entwick­lung.

Wenn alle schön und dünn sind, schrumpft das Selbst­be­wusst­sein

Stärken sind ebenso relativ zu der Gruppe, die ich kenne und in der ich mich bewege. Verän­dere ich die Vergleichs­gruppe, verän­dern sich auch die Verhält­nisse. Das hat oft einen Neben­ef­fekt: Unser Selbst­be­wusst­sein schrumpft. Werden gute Mathe­schüler in eine Klasse mit Mathe­ge­nies gesteckt, sinkt das Zutrauen in die eigenen Fähig­keiten. So ist auch zu erklären, dass Models meist nicht beson­ders selbst­be­wusst sind und sich alle für zu dick halten — schließ­lich sind ja alle schön und alle dünn. Soweit, so logisch.

Nicht mehr logisch ist hingegen, dass die Rela­ti­vität auch dann bestehen bleibt, wenn die objek­tiven Fähig­keiten immer noch weit über dem Durch­schnitt liegen, man also davon ausgehen müsste, dass die Voraus­set­zungen für einen selbst objektiv gesehen besser sind. Doch offen­sicht­lich ist dem nicht so. Das hat mit dem Selbst­kon­zept von Menschen zu tun, welches die realen Fähig­keiten beein­flusst. Jemand der glaubt, gut in Mathe zu sein, ist es wahr­schein­li­cher auch. Jemand, der denkt, gut schreiben zu können, kann es eher. Da wirkt zum Beispiel die Moti­va­tion: Glaube ich, gut schreiben zu können, werde ich es eher tun. Wieder­ho­lung ist aber Übung — und Übung macht besser. Mein Glauben an mich wiederum wächst, wenn andere um mich herum schlechter zu sein scheinen… Wenn aber alle besser sind, bewerte ich mich selbst schlechter. So kann es passieren, dass ich auch schlechter werde.

Lieber im Mittelmaß erfolg­reich als in der Elite ein Under­per­former

Der Autor Malcolm Glad­well zeigt das in seinem Buch „David gegen Goliath: Die Kunst, über­mäch­tige Gegner zu besiegen“, rela­tive Größen mit Zahlen von Absol­venten verschie­dener US-Univer­­­si­­täten. Er legt Tabellen vor, nach denen prozen­tual genauso viele Studenten ein Natur­­wis­­sen­­schaf­t­­lich-tech­­ni­­sches Studium in Harvard abbre­chen wie an wenig renom­mierten Unis. Und das obwohl in Harvard nur die besten zuge­lassen werden, was man in Amerika anhand der GMAT-Noten (gmat verb und maths) sehr gut nach­weisen kann. Das heißt, Menschen, die Harvard wählen, tun sich mögli­cher­weise damit keinen Gefallen, denn wenn sie in Harvard aufgrund einer neuen besseren Vergleichs­gruppe im Schnitt nach unten absa­cken, kann es passieren, dass sie das Studium gar nicht schaffen.

Ein Student mit einem sehr guten GMAT, der es auf einer mitt­leren Uni sicher geschafft hätte, geht also auf einer Eliteuni mögli­cher­weise unter. Das Beispiel ist spezi­fisch ameri­ka­nisch, schürt aber auch Zweifel an der Folge­rich­tig­keit gesell­sch­at­li­cher Bildungs­trends, wenn man an den bei uns verbrei­teten Trend zu Exzel­lenz und Elite­för­de­rung denkt. Es könnte sein, dass dies eigent­lich guten Schü­lern auch Chancen nimmt. Was nutzt es zu den Besten zu gehören, wenn man unter den Besten diesen Vorteil verliert und plötz­lich ans Ende gedrängt wird, um sich dort relativ gesehen zu verschlech­tern?

Unter­nehmer sind immer große Fische…

Für die Karrie­re­ent­wick­lung heißt das: Suchen Sie nicht nach Jobs in Umfel­dern, die Über­flieger anziehen. Selbst wenn Sie ganz gut sind, werden Sie hier nicht halb so viel errei­chen wie bei einer klei­neren Firma, die weniger Eliten anzieht. Das wiederum wird sich auf Ihr Selbst­kon­zept auswirken. Und so, wiederum, werden Sie erfolg­rei­cher als Sie in Ihrer Traum­firma jemals hätten werden können. Sie kommen höher und weiter. Schauen Sie sich auch Selbst­stän­dige und Unter­nehmer an. Mit abge­bro­chenem Studium und kleinen Makeln wie Legasthenie (siehe Richard Branson und Ikea-Mann Kamprard), wären viele ange­stellt nie weit gekommen. Aber selbst­ständig, da geht es. Warum? Mögli­cher­weise auch, weil man als Unter­nehmer eben immer auch ein großer Fisch ist.

Bei der Stär­ken­ent­wick­lung ist es genauso. Verglei­chen Sie sich nicht mit den erfolg­reichsten, sondern mit Personen, die etwas besser sind als Sie. Lernen Sie langsam und Schritt für Schritt. Und verän­dern Sie damit auch Ihre rela­tive Größe. Im Zweifel gehen Sie einfach ganz woan­ders hin. Dahin, wo Sie besser sein können. Wie Bastian Schwein­steiger.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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