Kate­go­rien

Meine Hard­ware im Gehirn ist grad inkom­pa­tibel

Published On: 24. Mai 2012Cate­go­ries: Karriere

„Ich kann das nicht“, sagen Sie. Wirk­lich?

Ich nutze hier eine Formu­lie­rung von Franz Hütter, Inhaber von Brain-HR, dessen Vortrag ich am letzten Samstag neugierig gelauscht habe: Ihre Hard­ware im Hirn ist für diese Aufgabe im Moment noch inkom­pa­tibel. Ange­nommen, Sie sollen auf die Bühne und vor 1.000 Leuten spre­chen. Wenn Sie das nicht schon öfter gemacht haben, wird Ihre Hard­ware schon bei dem Gedanken daran streiken und melden: „Ich kann das nicht.” Oder „Ich bin kein Mensch für die Bühne.“ Aber ist es ein Wunder? Sie haben das schließ­lich weder gelernt noch geübt.

Das hört nicht gern, wer an Natur­ta­lent glaubt. Auch Verän­de­rungs­ver­wei­gerer mögen nicht so, was die Neuro­wis­sen­schaften sagen: Niemand, der gesund ist, ist sich selbst ausge­lie­fert. Wir alle können uns neues Verhalten antrai­nieren, neue Verdrah­tungen im Ober­stüb­chen schaffen. Sogar neue Denk­weisen. Mit Einschrän­kungen sogar intel­li­genter werden.

Um etwas dazu zu lernen, müssen neue Gehirn­areale akti­viert werden, neu vernetzt werden. Das passiert auch im Kopf nach dem Slow­­Grow-Prinzip, also nach und nach. Wir müssen neue Stecker wachsen lassen. Solche Stecker sind nicht nur bild­lich gespro­chen da; man sieht sie mit Hilfe einer Magnet­re­so­nanz­to­mo­grafie, MRT genannt. Von solchen Verän­de­rungen im Gehirn sind Vorher-Nachher-Bilder möglich: Pre- und Post-Trea­t­­ment des Gehirns, auch das sind Hütters Worte. Es nutzt manchmal im Leben doch wie Hütter ein Sprach­wis­sen­schaftler zu sein – besonder gefällt mir auch sein Begriff „Gammel­fleisch­de­tektor“ für ein Hirn­areal, das Fäulnis schmeckt.

Wenn sich jemand sehr intensiv mit etwas beschäf­tigt, also zum Beispiel lernt, auf einer Bühne frei und entspannt zu spre­chen, verän­dert das auch sein Gehirn (genau: Pre- und Post-Trea­t­­ment — vorher ohne, danach mit neuen Steckern). Je inten­siver wir etwas üben, desto mehr setzt es sich fest. Das erklärt en passant auch beharr­liche Verhal­tens­weisen und nervige Verhal­tens­muster. Dass zum Beispiel Menschen in der Medi­en­branche gewöhn­lich offener sind für Neues als sagen wir mal, Mitglieder der Bauern­ver­bände, hat nicht nur mit Neigung, sondern auch mit Trai­ning und Anre­gung zu tun. Und nein, ich sage Ihnen, das sind nicht nur Klischees.

„Lass sie/ihn mal, sie ist zu alt, sich noch zu verän­dern oder etwas zu lernen“, so etwas habe ich oft gehört als Kind. Ich wollte mich nicht damit abfinden. Als mein längst verstor­bener Groß­vater mit 95 noch Compu­tern lernen wollte, habe ich es ihm beigebracht. Es ging langsam — aber es ging. Heute ist erwiesen: Verän­de­rung – und dazu zähle ich auch fach­li­ches und persön­li­ches Dazu- und Umlernen — ist jeder­zeit möglich, auch im Alter.

Aber macht das auch Sinn? Sollten wir uns verän­dern, wenn wir Defi­zite im Lernen, unserem Verhal­tens­re­per­toire oder wieder­keh­rende Muster fest­stellen? Genies sind immer das, was heute mit allen Kräften unter­bunden wird: weit­ge­hend eindi­men­sional, fokus­siert, unter­ent­wi­ckelt in den Social Skills. Wer sich sehr, sehr intensiv mit nur einer Sache beschäf­tigt, muss anderes ausblenden – siehe Einstein, Beet­hoven, viel­leicht auch Kafka, alle Genies am Rand dessen, was wir — die eine selt­same Bench­mark defi­nieren — fälsch­li­cher­weise Wahn­sinn nennen.

Franz Hütter sprach, es war übri­gens beim DVNLPdanke Gabi Golling - auch vom „CEO im Kopf“ (den präfron­talen Cortex), der die ratio­nalen Entschei­dungen fällt, selbst­ver­ständ­lich nicht ohne auf Gefühle zurück­zu­greifen.

Es ist unsere Entschei­dung, sich zu verän­dern – oder es lassen. Schon die Fähig­keit, solche Entschei­dungen bewusst zu fällen, ist Verän­de­rung, wenn sie uns sonst nicht zueigen ist. Die wich­tigste Frage ist deshalb: Macht es Sinn, zu lernen auf der Bühne vor 1.000 Zuhö­rern zu spre­chen? Muss ich meine diplo­ma­ti­schen Fähig­keiten ausbauen, wenn ich bisher undi­plo­ma­tisch bisweilen pola­ri­sie­rend, aber durchaus erfolg­reich durchs Leben gekommen bin?

Jeder muss das für sich selbst entscheiden. Oder lernen, es zu tun — sich zu Entscheiden.

Hier einige Erkennt­nisse aktu­eller Hirn­for­schung ganz prak­tisch:

  • Yes, we can. Wir können unser Gehirn neu program­mieren, wenn wir das wollen. Dafür müssen wir neue Areale akti­vieren und Verdrah­tungen schaffen.
  • Wie das geht? Viele Wege führen nach Rom. Meine Kollegin nutzt EMDR, um schäd­liche Glau­bens­sätze wegzu­winken; das Besser-Sieg­­mund-Institut in Hamburg Wing­wave. Es gibt Klopfen oder auch das so genannte Ankern aus dem NLP: Das Neube­setzen von Glau­bens­sätzen mit Gefühlen, Bildern, Gerü­chen. Es gibt viel. Alles kann wirken, kommt auf Sie an.
  • Einfache ratio­nale Einsichten bleiben im präfron­talen Cortex hängen. Er muss erst binnen­ver­drahtet werden mit anderen Arealen, damit aus „Mir ist das bewusst“ eine Verhal­tens­än­de­rung resul­tiert. Die Konfron­ta­ti­ons­the­rapie kann so etwas bewirken. Oder auch prak­tisch über­setzt die bewusste Begeg­nung mit dem Angst­ma­chenden. „Wenn du Angst vorm Springen hast, spring einfach.“ Inter­ven­tionen können ebenso helfen. Solche Inter­ven­tionen können manchmal einfache Fragen eines Coachs sein, die viel im Kopf in Gang setzen.
  • Der mensch­liche Arbeits­spei­cher hat Grenzen: Über­for­dern Sie sich nicht mit zu viel Eindrü­cken. In das mensch­liche RAM passen nur 4–7 Infor­ma­tionen gleich­zeitig. Wissen geht erst in das Lang­zeit­ge­dächtnis über, wenn es mit Emotionen verknüpft ist. Und das passiert, wenn wir handeln, z.B. in einem Rollen­spiel etwas üben, wieder­holen, noch mal… genau!
  • Hormone beein­flussen Gehirn­ak­ti­vi­täten. Unter Einfluss des Kuschel­hor­mons Oxytocin wären wir wohl schlechte Verhand­lungs­partner und würden alles kaufen, was uns char­mante Verkäufer so anböten. Glück­li­cher­weise gibt es das Oxytocin noch nicht in Sprüh­dosen 😉 Deshalb sollten wir manchmal gnädiger gegen unsere schlechte Launen-Phasen sein, wir Frauen, aber auch Männer. Wir können nichts dafür – das vom Hormon über­wäl­tigte Hirn ist schuld.

Dazu passt mein Artikel Neuro­kar­riere aus dem letzten Jahr.

 

 

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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One Comment

  1. […] meine Zeit sparen. Ok, sagte er über­rascht, stellte sich aber darauf ein. Kompli­ment, die Hard­ware im Kopf ist flexibel. Geht doch. Kate­go­rien: Work & Life Tags: Big5, emotio­naler Super­ver­käufer, […]

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