Kate­go­rien

Minijob? Warum es für Otto Normal­un­ter­nehmer nichts Billi­geres gibt

Published On: 26. April 2011Cate­go­ries: Führung

Heute kam via Nach­rich­ten­dienst die Meldung, dass 25% aller neuge­schaf­fenen Arbeits­plätze Mini­jobs sind. Oder anders ausge­drückt: Jeder vierte Job bringt weniger als 400 Euro. Mir fehlen die Worte. Deshalb schreibe ich statt eines kriti­schen Berichts ausnahms­weise mal eine Anlei­tung für Arbeit­geber. Achtung, bitte, liebe Leserin und lieber Leser: was folgt ist Ironie. Wer diese nicht versteht, dem sei vom Lesen abge­raten 😉 Ich habe dazu inko­gnito, versteht sich, einen typi­schen Unter­nehmer inter­viewt, Otto Normal­un­ter­nehmer sozu­sagen. Er beschäf­tigt drei Teil­zeit­kräfte und 20 Mini­jobber. Lesen Sie, was er sagt:

„Als echter Ausbeuter gründe ich immer wieder neue Firmen. So konnte ich meine auf Teil­zeit­basis beschäf­tigte Sekre­tärin in meiner anderen Firma gleich auch als Mini­job­berin einstellen. Das liefert mir das Argu­ment, ihr auch im ersten Job weniger zu zahlen – schließ­lich bekommt sie die 400 Euro aus dem zweiten Job ja steu­er­frei, also netto wie brutto. Um das zu errei­chen müsste ich ihr mit einem normalen Gehalt gleich 750 EUR über­weisen. Danke lieber Staat. Und sag mal jemand, das sei Miss­brauch, völlig legal.

In meinen anderen Betriebs­teilen beschäf­tige ich auch nur noch Mini­jobber. Da habe ich dann wenig Arbeit mit. Und nur gute Erfah­rungen: Die hängen sich für das wenige Geld auch viel mehr rein, Frauen eben. Einmal wollte eine meiner Mitar­bei­te­rinnen mehr Geld verdienen, weil der Mann arbeitslos wurde. Wir haben das durch­ge­rechnet, bin ja kein Unmensch, doch gelohnt hat es sich nicht. Bei 600 Euro Brut­to­ge­halt und Steu­er­klasse  V kamen gerade mal  410 Euro netto heraus. Nee, sagt sie, da kann sie auch bei 400 Euro bleiben. Macht aber auch nichts, so konnte ich noch jemand einstellen. Ich muss sagen: Das ist ein echter Vorteil. Diese Mini­jobber machen wenig Pause und sind echt enga­giert.  Also besser mehr davon als weniger.

Ich selbst bin unter uns gesagt nicht nur Unter­nehmer, sondern auch in der Politik tätig – die mit den drei Buch­staben, Sie wissen schon. Da habe ich auch einen Minijob. Fünf Stunden im Monat arbeite ich für 400 Euro.  Das könnte ich auch auf selbst­stän­diger Basis tun, aber warum? Dann müsste ich Abgaben zahlen.  So bekomme ich das Geld bar auf die Kralle. Cool, diese Mini­jobs, oder?“

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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8 Kommen­tare

  1. Eskimo 27. April 2011 at 9:06 — Reply

    Ein Mini-Job darf einfach nicht die Haupt­er­werbs­quelle sein. M. e. geben es unsere Sozi­al­sys­teme nicht her. Wer in bestimmten Einkom­mens­gruppen mehr verdient (siehe Kommentar) bekommt weniger raus. Also sucht man nach der Lücke im System und sucht den zweiten Mini-Job. Es würde mich mal inter­es­sieren, wieviele der ganzen Mini-Jobs von einer Person erle­digt werden.

  2. Svenja Hofert 27. April 2011 at 12:26 — Reply

    Meiner Meinung nach gehören die Mini­jobs abge­schafft. Wer im unteren Bereich verdient sollte viel­mehr von Sozi­al­ab­gaben frei­ge­stellt werden oder nur sehr mini­male bezahlen. Denn: Der größte Batzen sind nicht die Steuern — die werden erst viel später rele­vant. Man kann übri­gens nur einen Minijob pro Mensch haben. Aber man kann wie im Beispiel in der Firma A teil­zeit­be­schäf­tigt und in Firma B (mit glei­chem Inhaber) Mini­jobber. LG SH

  3. Paul 27. April 2011 at 13:53 — Reply

    Liebe Frau Hofert,
    Vielen Dank für diesen den geschaf­fenen Umständen aufs Korn nehmenden Artikel. Während ich mir ob Rege­lungen dieser Art an die Stirn tippe, frage ich mich inzwi­schen öfter, wie so etwas in anderen Länder (EU/Nicht-EU) wohl läuft? Haben Sie hierzu eine Meinung? Mir schleicht sich zuneh­mend das Gefühl ein, dass wir in Deutsch­land beson­dere Schwie­rig­keiten haben, unsere Welt der Arbeit auf die Mega­trends Globa­li­sie­rung, Spezia­li­sie­rung, Demo­grafie usw. einzu­stellen. ????

  4. Svenja Hofert 27. April 2011 at 14:00 — Reply

    Lieber Paul, ich weiß es nicht genau, wie es anderswo gere­gelt ist, aber der Minijob scheint mir eine deut­sche Beson­der­heit. Wer hat Erfah­rungen aus anderen Ländern? LG SH

  5. Renate 28. April 2011 at 8:49 — Reply

    Die Politik ist schuld. Die Poli­tiker denken nur in 4‑Jahres-Inter­­vallen und nicht lang­fristig. Man kann einer­seits keine wach­senden Gebur­ten­raten fordern, wenn ande­rer­seits die meisten in 400 € Jobs gezwungen werden, mit denen man nicht planen kann. Vor allem, wenn man keinen weiteren Teil­­zeit- oder Voll­zeitjob hat. Alle Kassen stöhnen, ob Renten­kasse, Kran­ken­kassen, dass sie mehr ausgeben als einnehmen. Alles greift inein­ander über, soweit denken die Poli­tiker nicht. Wenn keine regu­lären BEiträge gezahlt werden, ist ja klar, dass irgend­wann das große Erwa­chen kommt. Mini­jobs geören abge­schafft.

    • Svenja Hofert 28. April 2011 at 9:06 — Reply

      Ja, sehe ich auch so! herz­liche Grüße und danke für die Meinung SH

  6. Burk­hard Reddel 28. April 2011 at 10:25 — Reply

    @ Renate, @ Svenja Hofert,
    ich muß das jetzt mal loswerden. Heute morgen hörte ich einen Gewerk­schaftler sagen, 400 Euro Jobs weg. Und ich muß sagen voll­kom­menen über­ein­stim­mung. Das Ziel , mit dem urasprüng­lich 400 Euro Jobs “erfunden” wurden ist eindeutig verfehlt und was sich als falsch heraus­stellt sollte korri­giert werden. Doch ich sehe in der heutigen Politik noch nicht, das sich das rumge­spro­chen hat.

    Dennoch meine Über­zeu­gung: 400 Euro Job , klas­sen­ziel verfehlt, abschaffen und zwar schnellst­mög­lich.

    Freund­liche Grüße B.RE

  7. Klein­un­ter­neh­merin 8. Juli 2011 at 11:08 — Reply

    Abschaffen alleine greift zu kurz. Wenn wir sehen, dass es zu aller­erst die Schwarz­ar­beit deut­lich redu­zieren soll, ist dieses Ziel mit Mini­jobs ganz gut erfüllt (so viel zur Frage, wie es in anderen Ländern so läuft…) — und ja, die Gleit­zone (400–800 Euro) ist auch nicht so viel unat­trak­tiver für die Arbeit­geber, genau so wie der Bereich darüber. Der Schlüssel zurück zur Normal­be­schäf­ti­gung liegt nun mal nur in einem grös­seren Angebot von vollen Stellen. Denn nur da, wo es etwas zu wählen gibt, können sich auch die Jobbe­rInnen FÜR etwas entscheiden. Und werden das auch tun. Nur zweit­klas­sige Unter­neh­me­rInnen verstehen das nicht und nutzen es aus. Dort wird aber nur aus der Not heraus gejobbt.

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