Kate­go­rien

Moderne, Post­mo­derne? Was kommt ist klar, aber wie heißt das bitte?

Published On: 21. Mai 2011Cate­go­ries: Führung

Meine Inter­net­agentur, Futur Zwei, bastelt derzeit an der Präsenz von Gabor Stein­gart, früher beim Spiegel und jetzt beim Handels­blatt. „Du beschäf­tigst dich in deinem Blog doch…“, fragten sie mich, ob ich Inter­esse hätte, das Buch zu lesen. Habe ich, na klar. Das Buch heißt „Das Ende der Norma­lität“ und kommt bei Amazon nicht beson­ders gut weg. Es hat einen schwarzen Trau­er­rand und will uns damit darlegen, warum wir diese ganze Sicher­heits­sa­chen abhaken können: Renten­ver­si­che­rung, Einklas­sen­kran­ken­kas­sen­system und natür­lich feste Jobs. Soweit, so klar.

Um es deut­lich zu sagen, bevor der nächste kommt, der mir ein Buch anpreist: Ich schreibe keine Gefäl­lig­keits­kri­tiken. Wenn mir etwas nicht gefällt und ich kenne den Autor persön­lich oder ums Eck, lese und schweige ich, jeden­falls öffent­lich.

Doch  trotz der leicht über­wie­genden 1‑Sterne-Rezen­­sionen bei Amazon: Das Buch ist für mich zwar kein echter High­light, aber gut genug, nicht zu schweigen. Ich könnte mir vorstellen, dass es pola­ri­siert, weil es relativ nüch­tern über Mehr­klas­sen­me­dizin, Nied­rig­jobs und die Zunahme von Depres­sionen mit anschlie­ßendem Selbst­mord schreibt. Das bringt nie mitt­lere Bewer­tungen (bezeich­nen­der­weise gibt es bisher kein Mal drei Sterne), sondern durchweg hopp oder top. Es fühlt sich betroffen, wer selbst Angst vor dieser ganzen neuen Frei­heit hat und ziem­lich gut, wen das (ver-)lockt. Doch Sicher­heit domi­niert, sagt auch Stein­gart, ist ein zentrales Gefühl der späten Neuzeit. Ist auch logisch. Noch.

Mein ganz persön­li­ches Krite­rium für gut oder schlecht ist weniger die persön­liche Betrof­fen­heit (dazu lese ich Romane): Ich wünsche mir von Sach­bü­chern mindes­tens einen Aha-Effekt pro Buch. Das ist eine ganz indi­vi­du­elle Rezep­tion. Weil Aha-Effekte sich sehr oft „dünne machen“, frus­triert mich die Mehr­zahl der Bücher, vor allem die von den einschlägig auf dem Buch­markt aktiven deut­schen Besser­wis­sern, ausschließ­lich Männern, die immer das gleiche sagen (während verweich­lichte Frauen Ratgeber schreiben). Doch das Buch hier ist nicht ganz das Gleiche wie immer, weil es nicht ganz so mora­lisch daher kommt.  Und auch nicht so fest­hal­tend am Alten – sondern eher voran­trei­bend. Wir sind nun mal in einem neuen Zeit­alter und so war das auch beim Über­gang vom Mittel­alter, vermut­lich.

Ich musste viele Seiten lesen,  bis der so gesuchte Erkenntnis-Effekt kam. Vorher gab es einige span­nend zu lesende, weil klug kompo­nierte  Kapitel. Der Einstieg, der eine zunächst fern schei­nende Geschichte über die Gravi­ta­tion der Erde langsam ranzoomt und auf das Ist über­trägt, erin­nert an Malcolm Glad­well. Die Gravi­ta­tion kommt öfter mal wieder, der Rest  ist deutsch- intel­lek­tuell mit vielen Philo­­so­­phen- und Lite­ra­ten­zi­taten. Ich wünsche mir bei deut­schen Autoren manchmal etwas mehr Mensch zwischen den Zeilen. Doch persön­liche Wahr­neh­mungen und Erleb­nisse bleiben auch hier wieder mal vor der Tür. Manchmal hatte ich zudem das Gefühl, das Schreiben ist der Zweck und nicht die Botschaft.

Die versteckt sich für mich in dem zentralen Satz, der nicht von Stein­gart selbst stammt, sondern aus Hermann Hesses Step­pen­wolf:  „Es gibt nun Zeiten, wo eine ganze Gene­ra­tion so zwischen zwei Zeiten, zwischen zwei Lebens­stilen hinein­gerät, dass ihr jede Selbst­ver­ständ­lich­keit, jede Gebor­gen­heit und Unschuld verloren geht.“  Wenn Histo­riker einmal unsere Zeit beschreiben werden, so wird sie wahr­schein­lich „frühe Irgendwas“ genannt werden, denn wir leben am Ende der Neuzeit und zu Beginn von etwas, für das man erst im Nach­hinein Namen finden kann.  Es ist das Ende der Post­mo­derne, und kein Mensch weiß, wie das heißt. Auch Stein­gart nicht. Und das ist dann doch ein wenig schade.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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2 Kommen­tare

  1. Thomas Hoch­ge­schurtz 24. Mai 2011 at 21:54 — Reply

    Ich hoffe, Ihr Blog verkommt nicht zu einem Rezen­­sions-Blog für Bücher mit wenig Aha-Effekt. Der letzte Absatz ist es wert, Ihren Beitrag zu lesen und sein persön­li­ches Aha zu erleben. Wie werden die Histo­riker eine Zeit beschreiben, in der ein kleiner Teil der Mensch­heit weit über Ihren Verhält­nissen gelebt habt?

  2. Svenja Hofert 25. Mai 2011 at 8:16 — Reply

    Hallo Herr Hoch­ge­schurtz, aber nein. Ich dosiere gaaaanz vorsichtig. LG und Dank Svenja Hofert

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