Kate­go­rien

„Neues ist wie Wollen, Wandel wie Müssen“

Published On: 10. Mai 2013Cate­go­ries: Führung

Sind Sie auch so jemand, der viele Ideen hat und Lust an der Verän­de­rung? Prost, Mahl­zeit, vergessen Sie Konzerne wie Audi und BMW. „Groß­un­ter­nehmen stellen vornehm­lich Zwang­hafte ein, keine Aben­teurer, Unter­nehmer, Quer­denker, Erfinder, Forscher und Welt­ver­bes­serer“, lehrt uns Gunter Dueck in seinem neuem Buch „Das Neue und seine Feinde“.

Mit zwang­haft bezieht sich der Mathe­ma­tiker, Buch­autor und Hobby­psy­cho­loge Dueck  — er bezeichnet Face­­book-Nutzer in Vorträgen auch schon mal als depressiv —  auf Riemanns „Grund­formen der Angst“, ein Buch, das wahr­schein­lich jeder Zuhause hat, der sich für die Selt­sam­keiten des mensch­li­chen Zusam­men­le­bens inter­es­siert. Wer dieses Buch kennt, weiß: Der Gegenpol des Zwang­haften ist das Hyste­ri­sche: Während der zwang­hafte Mensch möchte, dass alles seine Ordnung hat, sucht der Hyste­riker Abwechs­lung und das Neue. Thomann, der Riemann später ergänzte, deutete die beiden Pole etwas weniger „krank­haft“ um in Wechsel- und Dauer­ori­en­tiert.

Der ausge­prägt wech­se­l­ori­en­tierte Mensch will auf keinen Fall stehen­bleiben. Versetzen wir uns in die Zeiten, in denen wir fell­be­haart in der Natur herum­stro­merten, steht dahinter der Gedanke: dort könnte er von einem wilden Tier gefangen und erlegt werden. Also bewegt sich der Wech­se­l­ori­en­tierte im Geiste — entwi­ckelt und erfindet, treibt voran, verfolgt Ideen. Das geht natür­lich in der Forschung und Entwick­lung besser als, sagen wir im Rech­nungs­wesen, weshalb sich Wech­se­l­ori­en­tierte, schaffen sie wider Erwarten doch durchs Vorstel­lungs­ge­spräch und landen zufällig in einem Groß­un­ter­nehmen, oft dort ein Zuhause finden. Eine andere Heimat für Wech­se­l­ori­en­tierte ist meiner Erfah­rung nach das Marke­ting. Dauer­ori­en­tierte findet man eher im Personal, wo sie regeln und regle­men­tieren können. Alles nur eine Tendenz, also bitte keine Proteste 😉

Im System vieler Groß­un­ter­nehmen – und ich füge aus eigener Erfah­rung hinzu: auch des Mittel­stands und selbst kleiner Unter­nehmen – wirken Wech­se­l­ori­en­tierte, also Riemanns „Hyste­riker“, mit ihrem Neuen jedoch wie ein schlimmer Virus, der alle zum Niesen, zum Husten und manchmal sogar zum Kotzen bringt.

Das Neue ist ein Stören­fried. Es kata­pul­tiert aus der Komfort­zone ins Unbe­kannte, verlangt umzu­denken und zu verän­dern. Es will gehört werden! Es ist zäh und anstren­gend und wird öfter von Spin­nern reprä­sen­tiert, die nicht auf den Punkt kommen und vor allem: durch ganz wenig bis null Inter­esse an poli­ti­schen Spiel­chen über­haupt nicht formbar sind. Je intro­ver­tierter und verkopfter, desto stören­frie­diger ist der Mensch mit dem Neuen im Gepäck. Und wehe wenn Idea­lismus dazu kommt. Sag ich jetzt, nicht Herr Dueck.

Nun könnte Dueck über die Feinde des Neuen schimpfen, all die Dauer­ori­en­tierten und wenig Intui­tiven, denen das eigene Hemd näher sitzt als die große Idee. Doch das tut er nicht. Als Schlüs­sel­er­lebnis beschreibt er einen Workhop in New York, der ihm die Augen öffnet. Hier erkannte er: Echte Entre­pre­neure, die unein­ge­schränkt an eine Idee glauben, verkaufen Haus und Hof, um sie zu reali­sieren. Dazu ist er nicht bereit. Und weiterhin: Wer Ideen voran­treiben möchte, muss nicht mit einen biss­chen Gegen­wind rechnen, sondern mit 100% Bull­shit.

Vor allem muss der Prophet des Neuen mit etwas rechnen, das er oft nicht auf dem Plan hat: Eine Armada von Gegnern, die mit unter­schied­li­chen Waffen das Neue bekämpfen:

  • Open­Minds, die eine Inno­va­tion gut fänden, wenn sie denn soweit wäre… hier sind fried­liche Mittel der milden Kommu­ni­ka­tion zu finden.
  • Close­Minds, die mit „so etwas braucht kein Mensch“ den Kopf schüt­teln. Von blanker Anleh­nung bis nacktem Hohn ist hier mit allem zu rechnen.
  • Antago­nisten, die das neue aktiv bekämpfen (gefähr­lich! Siehe Face­book…). Hier ist mit direkter, harter Ausein­an­der­set­zung und unmit­tel­barer Konfron­ta­tion zu rechnen.

Gewalt führt zu Gegen­ge­walt, Druck erzeugt Gegen­druck: So geht es nie um die Sache, wenn Ideen mit aller Wucht durch­ge­boxt werden. Es geht um alles andere. Und das ist der Grund, aus dem unsere Welt schon Millio­nen­fach durch Ideen hätte gerettet werden können. Wenn da nicht all die da Verhin­derer da oben wären.

„Welch Narr ich war“, schreibt der sympa­thisch selbst­re­flek­tierte Dueck, der in seinen frühen Jahren wohl auch eher mit dem Kopf (voller Ideen) durch die Wand (voller Wider­stand) wollte. Damals sah er nicht den Kontext mensch­li­chen Zusam­men­spiels in Unter­nehmen. Anders als Kollege Precht mit seiner Bildungs­at­tacke hat er aber keine Revo­lu­tion im Sinn. Viel­leicht ist das der Grund, aus dem Dueck bisher nicht in Spiegel-Best­­sel­­ler­­listen und Talk­shows auftauchte. Der Mann ist einfach nicht eindi­men­sional genug.

Botschaften wie „macht das Beste aus dem, was da ist“ (jetzt hier stark verein­facht) sind natür­lich weniger drama­tisch als Forde­rungen, ganze Bildungs­sys­teme abzu­schaffen. Es bedeutet: Man kann wirk­lich was machen und muss gar nicht viel disku­tieren. Wie unkom­pli­ziert. Zu unkom­pli­ziert, da Ände­rung so möglich wird.

Dueck wäscht den verträumten Spin­nern, den welt­fremden Erfin­dern, die er manchmal am Telefon hat, den Kopf. Nur etwas Neues zu haben und zu wissen, dass es besser geht, reiche nicht. Nur wer es schaffe, an den Hinder­nissen vorbei zu kommen und mit den unter­neh­mens­ge­ge­benen Regle­men­tie­rungen Hand in Hand zu arbeiten, die eben zu einem Groß­un­ter­nehmen gehören, kann Neues nicht nur erfinden, sondern auch in die Welt bringen. Sein Rat für Erfinder:  „Work under­ground as long as you can.“  Um Ideen zu reali­sieren, müsse man taktisch vorgehen, lernen, sich auch als Quer­denker Freunde zu machen und Bünd­nisse zu schmieden. Einem Spinner hört keiner zu, einer grauen Eminenz aber sehr wohl.

So ist das Buch ein Plädoyer für gegen­sei­tiges Verständnis und für Annä­he­rung des Verschie­denen – ein somit trotz spitzer Thesen sehr versöhn­li­ches Buch, das auch viel über das Wesen der Zusam­men­ar­beit in Unter­nehmen und die Moti­va­tionen der Menschen aussagt. Und deut­lich lesbar aus spiral­dy­na­misch gelben Denken entspringt, ohne darauf zu verweisen. Gelb heißt: Inte­grativ, versöhn­lich, zusam­men­füh­rend.

„Das Neue erobert unter Eustress die Welt, während das Alte unter Distress sein Revier vertei­digt“, ist mein Lieb­lings­zitat aus dem Buch. Oder auch, in anderer Vari­ante: „Das Neue ist wie Wollen, Wechsel wie Müssen.“ Oh ja! Wenn ich jetzt von all den Menschen in Tages­zei­tungen und Maga­zin­re­dak­tionen höre und lese, die unter stän­digem Distress arbeiten! Und denen die aus der digi­talen Welt stam­mend, sehr viel mehr Eustress erleben, kann ich nur sagen: Wer Spaß an der Arbeit haben will, sollte Umge­bungen meiden, in denen Wandel zwin­gend nötig ist, aber das Alte regiert und Menschen, die Neues wollen nicht nur 100% Bull­shit bescheren, sondern 1000.

Wie oft habe ich Menschen gesehen, die in Unter­nehmen arbei­teten, die sich verän­dern mussten. Immer war die Stim­mung ange­strengt, die Moti­va­tion künst­lich. Allzu­lange wird Verän­de­rung halb­herzig und mit den – auch perso­nellen Mitteln und Ressourcen – des Alten betrieben. Was die Neu-Affinen frus­triert und demo­ti­viert.

Würde ich mir als junger Mensch heute ein Unter­nehmen aussu­chen, so wäre es eine inno­va­tive Firma im Eustress, die etwas vertreibt oder voran­treibt, was die Welt wirk­lich braucht. Nie mehr würde ich mich an Tätig­keiten orien­tieren oder Berei­chen, an den großen Namen von früher und Rezepten von gestern.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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9 Kommen­tare

  1. Katha­rina Hoehen­dinger 10. Mai 2013 at 12:36 — Reply

    Hallo Frau Hofert, vielen Dank für diesen Blog­ein­trag. Ich stimme Ihnen voll und ganz zu was den Distress in trägen Struk­turen und den Eustress im inno­va­tiven Umfeld angeht. Toll zu lesen, wie es hier auf den Punkt gebracht wurde.

  2. Lars Hahn 10. Mai 2013 at 14:00 — Reply

    Danke Svenja, dass Du das Buch von Gunter Dueck bereits für uns gelesen hast. Allein der Satz: “Work under­ground as long as you can.“ und die dahin­ter­lie­gende Philo­so­phie recht­fer­tigt den Kauf! Sagt einer, der eher hyste­risch, denn zwang­haft agiert.

    • Svenja Hofert 12. Mai 2013 at 19:03 — Reply

      danke Lars und Katha­rina Hoehen­dinger für die Feed­backs. Lese gerne weiter Bücher vor 😉 LG Svenja

  3. Johann 17. Mai 2013 at 9:52 — Reply

    Sie haben absolut Recht und ich erkenne mich, als junger Mitar­beiter im Finanz­be­reich eines Auto­mo­bil­kon­zerns mit einge­fleischten Struk­turen, die vehe­ment vertei­digt werden (“wir machen das schon seit Jahren so”), voll und ganz wieder.

    Sie vergessen nur: Für Firmen im Eustress muss man in der Regel Opfer bringen. Sei es ins Silicon Valley oder nach Berlin umziehen, sei es Über­stunden oder Mini­ge­halt. Den Lohn gibt’s viel­leicht in der Zukunft. Nicht jeder ist bereit hierzu.

    Ich bin der Eustress Typ, habe dies aber nach 2 tollen Jahren für die Sicher­heit, das Gehalt und die 35 Stunden Woche eines Konzern aufge­geben. Sonst hätte ich vor 30 keine Kinder bekommen können (ja es gibt noch Akade­miker die das wollen). Und es war richtig: Ich habe Zeit für die Familie, kann mich, trotz der Tatsache, dass Ideen nicht weiter­ver­folgt und umge­setzt werden, durch Krea­ti­vität von der Masse abheben. Auch finde ich immer mehr gleich­ge­sinnte und falls uns die 50-jährigen bis dahin nicht assi­mi­liert haben, über­nehmen wir in 15 Jahren das sagen. 🙂

    • Svenja Hofert 17. Mai 2013 at 10:08 — Reply

      Hallo J., das ist eine schöne Weiter­ent­wick­lung der Gedanken. Und richtig: Mir fallen auch noch andere Argu­mente für Groß­un­ter­nehmen ein, z.B. dass man dort oft profes­sio­neller Methoden lernt und besser weiter­ge­bildet wird. Wie Sie sagen: Wenn mehr von Ihrer Sorte das Ruder über­nehmen, könnten sich die Blätter auch wenden 😉 LG Svenja Hofert

  4. karrie­re­bibel 10. September 2013 at 12:26 — Reply

    Eine sehr schöne Rezen­sion. Danke! Auch wenn ich seinen Stil zuweilen lang­atmig finde und immer das Gefühl habe, das könnte man kompakter sagen. Viel­leicht bin ich aber auch durchs Bloggen versaut…

    • Svenja Hofert 10. September 2013 at 12:40 — Reply

      merci 🙂 Ich mag das, ich find auch seine kompli­zierten Anfangs­bü­cher “Omniso­phie” toll, auch wenn sie nahezu unver­ständ­lich sind, die Sache mit dem MBTI veraltet und das mit den Gehirn­hälften eh schon immer falsch war… diese Art Gedanken auszu­rollen ist mir sympa­thisch. Kann sein, dass das fami­liäre Ursa­chen hat, die durchs Bloggen nicht kompen­siert wurden… 😉

  5. […] Einwurf von Mode­ra­torin und Award-Initia­­torin Dr. Kerstin Gernig mit Hinweis auf das Buch “Das Neue und seine Feinde“. Steht schon auf meiner Lese­liste! Um ganz kurz einmal das Thema Mitar­bei­ter­suche auf […]

  6. Henner 12. November 2013 at 17:14 — Reply

    Das Buch muss ich unbe­dingt lesen! Ich bin im Rahmen des Bestat­ter­kon­gresses auf das Buch aufmerskam geworden. Genauer: Es ging um Preis­ver­gleichs­por­tale (!) für Bestatter und den Unmut des Refe­renten bzw. der Weige­rung, diese neuen Portale zu akzep­tieren. Die Mode­ra­torin verwies daraufhin auf das Buch. Ich bin gespannt, der Blog­ar­tikel hat den “Lese­wunsch” verviel­facht! Danke!

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