Kate­go­rien

Online-Jobsuche: Tragödie in drei Akten (Selbst­ver­such)

Published On: 29. Mai 2014Cate­go­ries: Mensch & Orga­ni­sa­tion

find the solutionHaben Sie schon mal versucht, einen Job in einem Online-Stel­­len­­markt zu finden? Das ist eine furchtbar klein­tei­lige und aufwän­dige Aufgabe, vor allem wenn Bewerber keine Konfek­ti­ons­größe tragen, weil sie zu erfahren sind (was der Normal­fall ist). Ich will Ihnen das mal vorma­chen. Nehmen wir an, ich suchte einen Job.

Akt 1: Ich suche ein Stich­wort, leider vergeb­lich

Was tue ich zuerst? Ich versuche meinen Beruf in ein Stich­wort zu über­setzen. Das ist ziem­lich schwer; ich habe auch keine Konfek­ti­ons­größe, sondern 23 Jahre Berufs­er­fah­rung. Was bin ich? Mir fallen gut 10 Jobs ein. Ich war schon viel, aber nichts davon war von der Stange.

stepstone-sucheMein Studium hilft mir auch nicht weiter. Ist ja fast ein Vier­tel­jahr­hun­dert her. Also gebe ich ein, was ich zuletzt gemacht habe, versuche es mal mit Karriere… Karrie­re­ent­wickler vervoll­stän­digt mir Stepstone — 89 Treffer. Wenn ich mir diese aber anschaue, wäre ich bitter enttäuscht, würde ich wirk­lich suchen… Es sind Cloud‑, Soft­­ware- und Hard­ware­ent­wickler. Karrie­re­ent­wi­cker – eigent­lich ein Job mit Zukunft – ist kein einziger darunter. Nicht einmal ein Coach ist dabei. Ich  versuche es also direkt mal mit Coach. 334 Ergeb­nisse: Kanban Coach, Vertriebs­coach, agile Coach, tech­ni­scher Coach. Oh nee, das bin ich nicht.

Akt 2: Ich finde keine passenden Kate­go­rien

Denken wir mal anders Nun ja, ich leite Unter­nehmen. Eine Geschäfts­füh­rung wäre OK. Ein kleines Unter­nehmen im Bildungs­be­reich viel­leicht. Ich könnte doch so was machen wie syste­ma­tisch Kaffee­trinken Lars Hahn, Bildungs­pro­dukte entwi­ckeln und verkaufen! Das Ergebnis stimmt opti­mis­tisch. Ich finde 2054 Geschäfts­führer. Schaue genauer hin – und finde davon 70% Assis­tenten.

bildung

Puh. Links kann ich das Berufs­feld eingrenzen auf 749 Führungs­kräfte. Ich kreuze an „Bildung und Soziales“ (seit wann ist Bildung sozial, siehe Kauf­stu­dium?). Da muss ich jetzt noch mal Leitung eingrenzen, sonst würde man mir wieder Assis­tenten auswerfen (dabei habe ich das schon einmal defi­niert). Aber wie über­trage ich diese Suche auf die rechte Seite, auf meine 749 Geschäfts­führer (70% von ca. 2054)? Mir scheint das geht gar nicht. Unten fragt Stepstone, ob ich zufrieden mit der Suche bin. Nein, über­haupt nicht. Und mir fallen adhoc ein paar Leute ein, die schon lange Mails an Stepstone geschrieben haben – weil sie genauso wenig fündig wurden wie ich.

Akt 3: Null­kom­ma­null Ergeb­nisse

Ich versuch´s noch mal anders, über die Detail­suche. Da muss ich mich nun entscheiden, ob mit oder ohne Perso­nal­ver­ant­wor­tung, mit oder ohne Berufs­er­fah­rung. Das sind ja wirk­lich grobe Krite­rien! Ich hätte jetzt erwartet, dass man die Führungs­ebene fest­legen kann. Bei großen Unter­nehmen gibt es 16 bis 25. Ist ein Riesen­un­ter­schied, ob ich auf E12 oder E25 führe. Es könnten ja zumin­dest mal drei Ebenen sein, erste, zweite und dritte.Dass man auswählen kann, ob man eine Allein­ge­schäfts­füh­rung möchte oder ein Team. Geht alles nicht. Aber ich bin opti­mis­tisch — jetzt noch ein Stich­wort und dann müsste ich fein genug selek­tiert haben: Geschäfts­füh­rung! Ergebnis: Null.

oergebnisse

Ich will hier nicht auf Stepstone schimpfen. Mit anderen Jobbörsen ist es ganz genauso und schlimmer. Das Thema ist viel­mehr, dass sich Funk­tionen und Bereiche immer weiter ent-stan­­dar­­di­­sieren. Die Berufs­pro­file werden jähr­lich spezi­eller, man kann das gut beob­achten.

Hinzu kommt: Die Krite­rien für Jobsuche in den Börsen sind nicht mehr zeit­gemäß, im Grunde ist es das ganze System der Online-Jobsuche nicht. Es ist voll­kommen auf Fach­be­griffe abge­stellt, auf Bran­chen­spe­zi­fika. Was in Anzeigen steht, hat oft nichts mit den Jobs zu tun, die dann besetzt werden. Die Einla­dungs­quoten berufs­er­fah­rener Bewerber, die keine Konfek­ti­ons­größe tragen, werden von Jahr zu Jahr schlechter, auf 10 Bewer­bungen eine Einla­dung ist inzwi­schen absolut normal. Man braucht immer mehr  Bewer­bungen, um irgend­wann zu punkten. Und macht immer öfter die frus­trie­rende Erfah­rung, dass das, was im Anzei­gen­text steht den Gehalt von grünen Tee im fünften Aufguss hat.

Wie könnte eine schlauere Such­ma­schine aussehen? Für mehr Anzei­gen­ge­halt kann nur der demo­gra­fi­sche Wandel und ein Profes­sio­na­li­sie­rungs­schub bei den Recrui­tern helfen. Soweit sind wir aber noch nicht.

Aber tech­nisch müsste es doch einfach möglich sein, weitere Krite­rien dazu zu nehmen!  Ob ich Geschäfts­führer in einem Unter­nehmen mit 20 oder einem mit 2000 Mitar­bei­tern bin, ist schon mal ein Riesen­un­ter­schied. Wieso kann man die Unter­neh­mens­größe dann nicht wählen?  Warum können Unter­nehmen außerdem nicht angeben, wie viele Hier­ar­chie­ebenen sie haben und auf welcher die ausge­schrie­bene Stelle liegt. Damit wäre viel getan.

Weitere Angaben wären hilf­reich: Die Angabe wie groß das Team eigent­lich ist, würde vielen schon helfen. Man könnte sich auch manche Bewer­bung sparen, wenn klar wäre, dass man mit seinem Lebens­lauf eh nicht punktet. Beispiel: Akzep­tiert oder wünscht die Unter­nehmen gar Bran­chen­fremde Bewer­bungen oder ist das ein No-Go? Gut, dann wäre da noch das Allge­meine Gleich­be­hand­lungs­ge­setz. Es geht nicht, was sinn­voll wäre: versteckte Auswahl­kri­te­rien offen legen.

„Wir wünschen uns Fami­li­en­väter im Alter von 40–45 Jahren“ ist nicht AGG-konform – dennoch oft ein verstecktes Auswahl­kri­te­rium. Viel­leicht wären aber Botschaften zwischen den Zeilen möglich? „Wir sind ein konser­va­tives Unter­nehmen mit tradi­tio­nellen Werten im Bereich Familie und Eltern­schaft. Bei uns sind Führungs­po­si­tionen nicht teil­zeit­ge­eignet. Wenn Sie m/w ebenso denken, dann sind Sie der rich­tige Mann/Frau für uns…“ AGG-konform, aber unsexy, sowas könnte sogar der “Marke” schaden…

„Mein Chef hat ganz genaue Vorstel­lungen von dem, den er sucht“, erzählte mir neulich ein Mitar­beiter aus einem Unter­nehmen, bei dem sich jemand beworben hatte, der laut Anzei­gen­text 120 Prozent gepasst hätte, aber eine Absage erhalten hatte. Passte nicht, eben aufgrund dieser genauen, aber verdeckten Vorstel­lungen. Warum schreibt der Chef mit den genauen Vorstel­lungen diese dann nicht in den Text?

 

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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8 Kommen­tare

  1. Dr. Thomas Hoppe 29. Mai 2014 at 14:03 — Reply

    Liebe Frau Hofert,

    ich kann Sie nur zu gut verstehen. Seit 2007 haben wir probiert eine intel­li­gen­tere Such­tech­no­logie bei Stel­len­märkten zu plat­zieren, die den Sprach­ge­brauch der Stel­len­su­chenden in den der Stel­len­aus­schrei­benden über­setzt. Das Beispiel der Suche nach “Geschäfts­führer” (hmmh, welche Geschäfts­führer müssen sich eigent­lich eine Stelle suchen 😉 ), bei dem die Assis­ten­ten­stellen vermieden werden, ist neben der Berück­sich­ti­gung des Sprach­ge­brauchs und gelebter Synonyme die Stärke unserer Tech­no­logie (was aber hier keine Werbung sein soll).

    Unsere Erfah­rungen waren dabei sehr zwie­spältig. Von den 5 großen Jobpor­talen des deut­schen Marktes kann ein kleiner Startup die Agentur für Arbeit (die es am nötigsten hätte) gar nicht bedienen, da er schon an der Ausschrei­bungs­hürde schei­tert. Eines der vermeint­lich besten, hielt seine Nase sehr hoch: “… wieso verbes­sern? Wir sind doch schon die Besten!”. Zwei andere waren damals von den Mutter­ge­sell­schaften in den USA abhängig, da war kein ran kommen (mitt­ler­weile setzen diese bereits auf seman­ti­sche Tech­no­lo­gien; Inno­va­tion in Deutsch­land ist ein hartes Brot). Die letzte wollte die Macken, die wir ihnen bei einem Versuch aufzeigten selber besei­tigen. Das war 2009. Noch heute findet man dort die selben Probleme. Letzte Aussage von denen war, “wir wollen die Tech­no­logie und Exper­tise im Hause haben”.

    Mit einer großen Jobsuch­ma­schine haben wir uns seit 2007 unter­halten, voran­ge­kommen sind wir bei der aber nicht. Betei­li­gungs­ge­spräche, die sie uns anbot, verliefen im Sand.

    Mitt­ler­weile denke ich, dass der Online Jobbör­­sen/-such­­ma­­schinen-Markt nach ganz anderen Prin­zi­pien funk­tio­niert. Nicht die Zufrie­den­heit der Suchenden und die schnelle Stel­len­be­set­zung scheinen zu zählen, sondern Page Impres­sions und offene Stellen so lange wie möglich auszu­schreiben. Die beiden letz­teren spülen eben das Geld in die Kassen. Die Qualität der Such­funk­tionen würde sich erst ändern, wenn die Stel­len­aus­schrei­benden nach Qualität der Bewerber und Schnel­lig­keit der Beset­zung zahlen würden.

    Immerhin ein fach­spe­zi­fi­scher Stel­len­markt (ingenieurkarriere.de), eine Weiter­bil­dungs­da­ten­bank (Berlin-Bran­­den­­burg), ein unge­nannt bleiben wollender Head­unter und ein Startup-Stel­­len­­markt im Bereich Energie (myWork­book) haben erkannt, dass es besserer Such­funk­tionen bedarf.

    Die Tech­no­logie Stel­len­su­chen zu verbes­sern steht jeden­falls zum Groß­teil schon zur Verfü­gung, so dass es ledig­lich dem Inno­va­ti­ons­willen, der Inves­ti­ons­be­reit­sschaft und dem Neudenken von Geschäfts­mo­dellen bedarf. Naja, und etwas Zeit um die nicht ganz so einfa­chen Funk­tio­na­li­täten Ihrer Ideen umzu­setzen 😉

    Mit besten Grüßen

    Thomas Hoppe

    • Svenja Hofert 29. Mai 2014 at 23:19 — Reply

      Hallo Herr Hoppe, da wir Outpla­ce­ment anbieten, kann ich Ihnen aus direkter leid­li­cher Erfah­rung sagen: es gibt eine Reihe von Geschäfts­füh­rern, die Jobs suchen, heute ist nun mal nichts mehr auf ewig ange­legt. Und dass Exper­teer absolut keine Alter­na­tive ist. Das dazu. Ich denke, Sie haben recht, dass den Stel­len­märkten gar nicht daran gelegen ist, wirk­lich zu vermit­teln. Die wollen Klicks. Und halten sich für die besten. Das hatte ich schon vermutet. Aller­dings denke ich, dass hier ziem­lich bald eine Branche erfahren wird, was es bedeutet, Trends nicht zu erkennen und Kunden­be­dürf­nisse nicht aufzu­nehmen. Irgend­je­mand wird eine disrup­tive Tech­no­logie erfinden, das muss so sein. Diese Jobbörsen funk­tio­nieren seit 17 Jahren nach demselben Prinzip, da muss mal was anderes kommen. Machen Sie doch ein eigenes Ding und gene­rieren Sie Geld über Crowd­fun­ding. Ich zahle ein 😉
      LG Svenja Hofert

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  3. Sebas­tian Schäfer 30. Mai 2014 at 17:12 — Reply

    Liebe Frau Hofert, lieber Herr Dr. Hoppe!

    Ich möchte mich direkt als partei­isch outen, da ich für ein Start Up arbeite, welches eine Online-Jobbörse betreibt. Im Gegen­satz zu denen von Ihnen beschrie­benen Anbie­tern haben wir noch einen zusätz­li­chen Frage­bogen ange­hängt, der sowohl Antworten von Bewer­bern als auch Perso­na­lern vergleicht. Das ganze funk­tio­niert im Prinzip wie eine Online-Dating-Plat­t­­form.

    Zuge­ge­be­ner­maßen ist dieser Gedanke nicht brandneu, aller­dings funk­tio­niert die Platt­form in Echt­zeit, mobil und bietet auf Jobmessen sogar ein Live-Matching an, welches Bewer­bern live vor Ort anzeigt, zu welchem Unter­nehmen man passt.

    Die Lösung ist also schon da 😉

    Herz­liche Grüße aus Köln!

  4. Andreas 2. Juni 2014 at 8:42 — Reply

    Ich denke, dass hier das Henne-Ei Prinzip aktiv ist. Haben Sie schonmal mit Perso­nal­ver­ant­worl­ti­chen gespro­chen, wenn Sie mit Inno­va­tiven Ideen kommen?

    Die erste Frage ist doch folgende: Werde ich gefunden?

    Logisch ist, dass die Wahr­schein­lich­keit ‘gefunden zu werden’ bei “Dauer­ver­öf­fent­li­chungen” und “vielen Besu­chern” höher ist als bei unbe­kannten Börsen, die weniger Besuche haben.

    Solange die Auftrag­geber der Stel­len­an­zeigen Muster & Ansprüche nicht verän­dern wird das ein harter Weg.

  5. […] Stel­len­an­zeigen mit vermeint­lich toll klin­genden Jobti­teln auf dem Bild­schirm und ist müde. Eine Tragödie. Für den Perso­naler heißt das umge­kehrt: Post & Pray in Rein­form, die mit einer gewissen […]

  6. Claudia 5. August 2015 at 12:02 — Reply

    Dieses Problem kenne ich und viele andere zu gut. Ich habe mich aus diesem Grund für ein Unter­nehmen für Zeit­ar­beit entschieden. So kann man Kontakte knüpfen und muss keine lang­wie­rigen Bewer­bungs­pro­zesse durch­laufen. Kann ich sehr empfehlen.

  7. Katha­rina Siebert 10. Mai 2016 at 16:29 — Reply

    Da kann ich zustimmen, nur weil es so unfassbar viel Angebot im Internet gibt, heißt es nicht, dass die Chancen auf einen Job steigen. Die Online Job Suche hält nämlich die große Hürde der Mensch-Maschine Kommu­ni­ka­tion aufrecht. Es ist einfa­cher einem Menschen genau zu beschreiben, was man will, als dies mit Stich­worten in eine Such­ma­schine einzu­geben. Unter­nehmen sollten versu­chen, diese Hürde durch entspre­chend präzise Beschrei­bungen abzu­bauen.

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