Kate­go­rien

Persön­lich­keits­tests: Warum sie auch Profis oft täuschen

Published On: 24. März 2015Cate­go­ries: Mensch & Orga­ni­sa­tion

Guilty businessmanAuf dem Papier schien er weder leis­tungs­mo­ti­viert noch gewis­sen­haft zu sein, weder analy­tisch noch team­fähig. In sämt­li­chen Persön­­lich­keits­­test-Skalen unter­durch­schnitt­lich. Im parallel absol­vierten Inter­es­sen­test RIASEC sowie im BIS (Berufs­in­ter­es­sen­test) deutete alles darauf, dass er sich für gar nichts inter­es­sierte. Doch komi­scher­weise waren die Zeug­nisse von Dr. Schmidt, nennen wir ihn einfach mal so, exzel­lent. Überall nur über­durch­schnitt­liche Noten. Er war in namhaften Unter­nehmen ange­stellt gewesen, um ihn warb man als Arbeit­geber. Wie bitte passt das zusammen?

Tests werden als Abkür­zung für die Urteils­bil­dung miss­braucht

In 15 Jahren habe ich mehr als 100 Verfahren kennen­ge­lernt. Ich habe fünf Persön­­lich­keits­­test-Zerti­­fi­­zie­rungen. Doch je mehr Tests und Zerti­fi­zie­rungen ich in meinen Leben durch­laufe und mit Klienten absol­viere, für desto gefähr­li­cher halte ich sie in den Händen von Menschen, die Tests als Abkür­zung für die eigene Urteils­bil­dung nutzen möchten. Menschen, die vorwie­gend dem Papier trauen, es als Basis für die Vermes­sung des Menschen nutzen.

Meine Warnung betrifft zunächst Perso­naler, danach Coachs und Berater und zuletzt auch die Klienten selbst. Alle treiben unter­schied­liche Motive zur schnellen Thesen­bil­dung bei mangel­hafter Über­prü­fung:

  • Die Perso­naler: Sie sind darauf fokus­siert sind, Fehler bei der Einstel­lung zu vermeiden und eine möglichst zeit­ef­fi­zi­ente Auswahl zu gestalten. Das heißt, in das Auswer­tungs­ge­spräch wird meiner Erfah­rung nach viel zu wenig Zeit inves­tiert. Oft gibt es gar kein Auswer­tungs­ge­spräch. Der Test – nicht selten ein veral­tetes und unwis­sen­schaft­li­ches Verfahren — wird zur Absi­che­rung der Einstel­lung hinten­an­ge­stellt. Ah, ein “ENTP”, passt ja für den Job als Produkt­ma­nager.
  • Selbst­stän­dige — Coachs und Karrie­re­be­rater — fokus­sieren „ihr“ teuer einge­kauftes Verfahren — und möchten es zu Geld zu machen. In den ebenso teuren Kursen lernen sie die indi­vi­du­elle Wahr­heit des Anbie­ters. MBTI®-Schüler etwa argu­men­tieren mit C.G. Jung als wäre er ein Heiliger und „mögen“ keinen Keirsey (den es viel „billiger“ gibt). Statt zum objek­tiven Anbieter wird man da leicht zum Vertei­diger.
  • Endver­brau­cher wollen preis­werte Lösungen und möchten nied­rig­schwel­ligen Erkennt­nis­ge­winn. Sie sind nicht bereit, sich mit Details zu beschäf­tigen. Und können es oft auch nicht.

Effi­zienz auf der einen, ökono­mi­sche Gründe auf der anderen, Unwissen auf dritten Seite: Ein Dr. Schmidt mit seinem unge­wöhn­li­chen Profil hat es da schwer. Wir alle haben schließ­lich die Neigung, Bestä­ti­gungen zu sammeln – und Gegen­be­weise auszu­blenden. Es ist ja auch so: Meis­tens stimmt es. Und die paar Mal, wo es nicht stimmt, biegt das Gehirn schon zurecht: stimmt doch… irgendwie.

Alle wollen auf Nummer sicher gehen

Perso­naler suchen Personen, die optimal auf eine Stelle passen. Falschein­stel­lungen werden bestraft: Der Perso­naler ist es schuld. Deshalb enga­gieren einige Firmen Head­hunter, vor allem auch, um einen Buhmann zu haben, der am Ende eine falsche Empfeh­lung gegeben hat und dem Vorstand als Schul­diger präsen­tiert werden kann. Kein Wunder, dass viele Head­hunter vorsichtig sind und auf Nummer sicher gehen. Mit dem Unter­schied, dass sie in der Regel keine Tests einsetzen, womög­lich weil es in der Regel keine Psycho­logen sind. Dafür betonen sie Grad­li­nig­keit im Lebens­lauf noch ein wenig mehr. Die maxi­male Sicher­heit scheint gegeben, wenn der Bewerber vorher schon genau das gemacht hat, was er nachher auch tun soll.

Hier liegt allzu oft ein stati­sches Menschen­bild zugrunde: Menschen sind so, und sie verän­dern sich nicht (wesent­lich). Ein stati­sches Menschen­bild haben nicht nur manche Perso­naler. Auch die Nutzer, die im Internet „Persön­lich­keits­test gratis“ eingeben, sind heim­liche “Statiker”. Sie möchten wissen, wie sie sind und nicht so sehr wie sie sein könnten. Möge es doch eine schnelle Erklä­rung für mich selbst geben!

Arbeits­hy­po­thesen sind erlaubt, aber keine Todes­ur­teile

Ich habe meine Teil­nehmer im letzten Karrie­re­ex­perte Profes­­sional-Kurs gefragt: Wie würdet ihr reagieren, wenn euch so ein Ergebnis auf den Tisch käme? Die Hälfte der profes­sio­nellen Truppe war früher einmal im Recrui­ting oder als Perso­nal­leiter tätig gewesen. Es sind somit gut ausge­bil­dete, sehr erfah­rene Personen. Aber Arbeits­hy­po­thesen bilden sich auch bei Profis – und genau darauf hinzu­weisen, war mein Anliegen. Ich wollte zeigen, dass Arbeits­hy­po­thesen falsch sein können.

Sie hätten ihn, Dr. Schmidt, in der Funk­tion als Perso­naler wohl nicht einge­stellt. Und auch als Coach hätten sie einen schwie­rigen „Fall“ erwartet. Genau das war es aber nicht. Es ließen sich Erklä­rungen finden, es kostete nur etwas mehr Zeit als ein Perso­naler hat: einen halben Tag. Zum einen hatte der Mann eine extreme Vergleichs­gruppe, denn er arbei­tete in einen Job mit Menschen zusammen, die sehr anders tickten als er. Unter Spit­zen­sport­lern würde meine Selbst­wahr­neh­mung für Leis­tungs­mo­ti­va­tion ins Boden­lose fallen. Jede Selbst­ein­schät­zung beruht auf dem Vergleich.

Eine weitere Erklä­rung für das unter­durch­schnitt­liche Abschneiden von Herrn Schmidt: Seine Inter­essen waren in dem Test nicht abge­bildet. Er inter­es­sierte sich für Dinge, die in Tests wie Explorix, RIASEC oder BIS schlicht keine Rolle spielen. Da gibt es weder Big Data noch Spie­le­pro­gram­mie­rung, Licht­ge­stal­tung, Tonkunst und Scho­ko­la­den­fa­bri­ka­tion, sondern nur grobe, „typi­sche“ beruf­liche Bereiche.

Darauf muss man erst mal kommen. In jedem Fall braucht das Zeit. Und vor allem eins: die Bereit­schaft, nach Gegen­be­weisen für die eigene Arbeits­hy­po­these zu suchen.

Folgende Tipps möchte ich dazu geben:

  • Bilden Sie Arbeits­hy­po­thesen, das werden Sie ohnehin tun, aber seien Sie bereit, diese jeder­zeit zu verwerfen. Suchen Sie gezielt nach Beweisen, dass Sie falsch liegen. Sagt also der Test aus, dass sich jemand über­haupt nicht einfühlsam verhält, erfragen Sie Beispiele für einfühl­sames Verhalten. Und beob­achten Sie — aber nicht auf der Suche nach Verdachts­mo­menten, sondern nach Gegen­be­weisen.
  • Setzen Sie Tests nicht im ersten Schritt ein, sondern zum Beispiel zwischen zwei Terminen. Legen Sie den Test erst mal zur Seite, schauen Sie am besten selbst nicht rein und spre­chen Sie unvor­ein­ge­nommen mit dem Klienten.
  • Kein Test ohne Auswer­tungs­ge­spräch – das sollte auch für Perso­naler Devise sein. Erklären Sie den Test und am besten auch Ihr Menschen­bild. Idea­ler­weise ist es nicht statisch, das heißt Sie gehen davon aus, dass Verän­de­rung immer und jeder­zeit möglich ist. Schauen Sie sich dazu mal das Ted-Video von Carol Dweck an.
  • Lassen Sie sich nicht (nur) von Anbie­tern schulen, die ein ökono­mi­sches Inter­esse daran haben, Tests zu verkaufen. Diese werden immer alle Daten im besten Licht präsen­tieren. Suchen Sie unter „Kritik an“ auch gezielt nach kriti­schen Stimmen.

hossiepIn dem Zusam­men­hang möchte ich das Buch von Rüdiger Hossiep und Oliver Mühl­haus „Perso­nal­aus­wahl und –entwick­lung mit Persön­lich­keits­tests“ empfehlen (z.B. bei Hogrefe), das in zweiter Auflage vorliegt. Sie finden dort einen hervor­ra­genden Leit­faden für die Profil­in­ter­pre­ta­tion und Rück­mel­de­ge­spräche. Diese sind auch für Prak­tiker verständ­lich, die keine psycho­lo­gi­sche Ausbil­dung haben.

Beitrag teilen:

Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

Folgen Sie mir gerne auf Youtube und wenn Sie nichts verpassen wollen auch bei Linkedin.

 

8 Kommen­tare

  1. Marina 24. März 2015 at 10:22 — Reply

    Der Artikel spendet mir etwas Trost, da ich gerade schrift­lich ein Test­ergebnis bekommen habe, das mich sehr beschäf­tigt, etwas ratlos zurück­lässt. Ok, ich bin laut diesem Unter­nehmen nicht für den Job geeignet. Ich habe angeb­lich Null Denk­ge­schwin­dig­keit. Ich habe Hoch­schul­ab­schluss, lange Berufs­er­fah­rung und vieles auf fach­li­cher Ebene erreicht. Das mit nahe Null Denk­ge­schwin­dig­keit. Ich will ja nicht Kraft­fahrer werden, wo ich blitz­schnell auf Gefahren im Stra­ßen­ver­kehr reagieren muss. Der Test attes­tiert mir heraus­ra­gende Manage­ment und Führungs­qua­li­täten. Ich führte bisher immer fach­­lich- sollte ich laut Test jetzt auch Menschen führen, da der Test mir auch gute Entschei­dungs­fä­hig­keit attes­tiert? Ich weiß es leider nicht. Den Test sehe ich als Denk­an­stoß, den ich mir so auslege wie es mir gerade in die Lebens­si­tua­tion passt.

  2. Markus Väth 24. März 2015 at 20:27 — Reply

    Ich stimme zu: Ein noch so guter Test kann das sorg­fäl­tige Gespräch nicht ersetzen. Doch das Problem beginnt schon mit der Test­aus­wahl.

    Viel­leicht holt mich jetzt der Shit­s­torm, aber in meiner Wahr­neh­mung sind viele Nicht-Psycho­­logen nicht fähig, eine Test­aus­wer­tung sinn­voll zu inter­pre­tieren oder dessen Basis­kenn­werte (Relia­bi­lität, Vali­dität etc.) einzu­schätzen (wenn diese über­haupt vorhanden sind). Dafür fehlt ihnen schlicht das Grund­wissen der Statistik. Daher machen sie halt eine Schu­lung in einem “zerti­fi­zierten” Verfahren; am besten kommt dann noch irgendein “Typ” heraus (“Oh, wie schön, ich bin ein Gelber!”). Simpler geht’s nicht. Und weil man keinen Über­blick über viele Test­ver­fahren hat, wendet man auf jedes Thema das einmal gelernte Test­ver­fahren an.

    P.S. Zu dieser Thematik empfehle ich das sehr gute Kapitel über Persön­lich­keits­dia­gnostik im “Schwarz­buch Perso­nal­ent­wick­lung” von Viktor Lau: http://amzn.to/1Nc9r5l

    • Svenja Hofert 24. März 2015 at 21:54 — Reply

      Danke für den Kommentar. Es holt sie kein Shit­s­torm, früher war es ja auch so, dass nur Psycho­logen Persön­lich­keits­tests einkaufen durften. Das ist aber eben auch kein Güte­be­weis, denn entschei­dend ist die Haltung — und die ist nicht an Diszi­plinen gekop­pelt. Ich gebe Ihnen aber recht, dass psycho­lo­gi­sche Kennt­nisse notwendig und wichtig sind. Nur haben die andere Sozi­al­wis­sen­schaftler auch… Und ich kenne Psycho­logen, die vor 20 Jahren studiert haben.… und heute so gut wie nichts mehr wissen, jeden­falls nicht über den statis­ti­schen Teil. Kurzum: Man darf das nicht dogma­tisch sehen — zumal die Vergleich­bar­keit auch der heutigen Lern­in­halte nicht mehr da ist. Es bleibt also bei Selbst­re­gu­lie­rung. LG Svenja Hofert

  3. Chris­toph Burger 26. März 2015 at 11:01 — Reply

    Die Warnungen sind alle berech­tigt! Die konträre Aussage stimmt meines Erach­tens aber auch: “Es gibt wenig, was so hilf­reich ist, wie ein richtig ange­wandtes, wissen­schaft­lich fundiertes Test­paket, das die Person von verschie­denen Seiten beleuchtet, das richtig nach­be­spro­chen ist und als eine von vielen Quellen der Meinungs­bil­dung genutzt wird. Dieses Vorgehen hat erheb­liche Vorteile demge­gen­über, keinerlei Tests einzu­setzen.”
    Ich liebe meine Möglich­keiten, in der Bera­tungs­praxis gute Tests zu nutzen!

    Viele Grüße, Chris­toph Burger

  4. Cathrin Eggers 21. April 2015 at 18:03 — Reply

    Ein sehr inter­es­santer und vor allem diffe­ren­zierter Artikel. Vielen Dank, dafür! Ich berate bisher gänz­lich ohne Tests, weil ich selber in meiner Berufs­lauf­bahn mehrere Tests gemacht habe und den Ergeb­nissen keinerlei Mehr­wert entnehmen konnte. Zukünf­tige Arbeit­geber übri­gens auch nicht, da die Erkennt­nisse im persön­li­chen Gespräch sowieso auf den Tisch kamen.
    Ich beob­achte aller­dings auch, dass Bewerber gerne den Weg abkürzen und mit möglichst einfach gehal­tenen Tests die Denk­ar­beit vermeiden möchten und oft auch zuviel, nämlich ulti­ma­tive Antworten auf ihre offenen Fragen, erwarten!
    Ist die Zeit, die es erfor­dert, Test-Erge­b­­nisse kritisch und zuver­lässig auf alle genannten Gesichts­punkte zu über­prüfen, womög­lich und in den meisten Fällen besser ausschließ­lich in Gespräche mit gesundem Menschen­ver­stand inves­tiert? Worin genau steckt der Nutzen von Persön­lich­keits­tests unter den gege­benen Umständen? Ich werde das empfoh­lene Buch gerne lesen in der Hoff­nung auf Antworten! Viele Grüße, Cathrin Eggers

  5. Gabriela Frei 9. Juni 2015 at 22:25 — Reply

    Ich habe Ihren Artikel gerade mit Inter­esse gelesen. Ich bin zurzeit auf der Suche nach einem guten Persön­lich­keits­test, der vor allem dem Mitar­beiter bei seiner Selbst­ein­schät­zung helfen soll. Ein Instru­ment, das in der Perso­nal­ent­wick­lung einge­setzt werden kann und, nebst Fremd­ein­schät­zung des Vorge­setzten und Selbst­ein­schät­zung des Mitar­bei­ters, die beiden zusätz­lich unter­stützt, einen guten Entwick­lungs­plan zu erstellen. Ich kenne aus meiner lang­jäh­rigen HR-Praxis HBDI, MBTI, Reiss-Profil, Insights, IP etc.
    Mich würde daher inter­es­sieren, welchen Persön­lich­keits­test Sie mir empfehlen können?

    • Svenja Hofert 11. Juni 2015 at 16:37 — Reply

      Hallo, ich halte nicht mehr viel von Persön­lich­keits­tests von keinem, ich kenne fast alle. Big Five-Versionen geben am ehesten einen Anhalts­punkt, zeichnen aber auch ein stati­sches Menschen­bild. Nach vielen Jahren und Erfah­rungen komme ich dazu: Der beste Weg einen Menschen zu entwi­ckeln, ist ihn unvor­ein­ge­nommen kennen­zu­lernen. “Mass­bänder” wie Big Five helfen, aber man sollte sie nicht zu ernst nehmen.

  6. […] eines Klienten ange­sehen – und uns größ­ten­teils davon täuschen lassen. Dazu hat sie hier auch schon warnend […]

Leave A Comment