Kate­go­rien

Quiet Quit­ting: Warum es mehr ist als nur eine innere Kündi­gung

Published On: 12. Dezember 2022Cate­go­ries: Aktuell

„Wenn die Präsenz­pflicht kommt, dann kündige ich“, sagt die Hoch­qua­li­fi­zierte, die jeden Tag mit Span­nung die weitere Musk-isie­rung ihrer Arbeits­zeit erwartet. Musk-isie­rung heißt für sie: Zurück ins Büro. Nicht wenige Unter­nehmen handeln in ihrer Verzweif­lung gerade frei nach Goethes Erlkönig: „Und bist du nicht willig, so brauche ich Gewalt.“

Frei­willig geht nicht. Mit Zwang auch nicht.

Immer mehr Unter­nehmen merken, dass frei­wil­lige Ange­bote und auch Appelle nicht zu einer Rück­kehr ins Büro führen. Vorschriften wirken aber auch nicht: Sie werden gedehnt und igno­riert. Das Ergebnis von Frei­heit und Vorschrift ist gleich: Büros bleiben leer. Auch Komfort-Initia­­tiven mit Kuschel­büro und mobilen Firmen-Weih­­nachts­­markt locken nicht.

Denn es geht nicht um Komfort. Es geht um nicht weniger als grund­le­gend verscho­bene Prio­ri­täten und Lebens­mit­tel­punkte.

Die Menschen verab­schieden sich grund­le­gend von der Idee, sich rein­zu­hängen für andere.

Das welt­weite Phänomen Quiet Quit­ting irri­tiert Führungs­kräfte und interne Kommu­ni­ka­toren. Beim Quiet Quit­ting kündigt man zwar nur, wenn es unbe­dingt sein muss, etwa weil der Arbeit­geber unge­wollte Pflichten und Kontrolle aufer­legt. Dabei ist es mehr als nur eine innere Kündi­gung: Die Menschen verab­schieden sich grund­le­gend von der Idee mehr als nötig zu leisten, Anfor­de­rungen immer über­zu­er­füllen. Man fühlt sich auch nicht mehr an die Menta­lität gebunden, Arbeit sei ein wich­tiger Teil des Lebens.

I am not going to fucking kill myself over a job that doesn’t care about me as a human being.

So handelt ein Groß­teil der west­lich geprägten Arbeit­nehmer nach dem Motto eines Tik-Tok-Video­­fil­­mers: „I am not going to fucking kill myself over a job that doesn´t care about me as a human being.”

Lange habe ich mit einem Beitrag über „Quiet Quit­ting“ gezö­gert. Mir war nicht klar, was dieses Phänomen anders ist als „Dienst nach Vorschrift“. Dass Gallup Jahr um Jahr meldet, dass die Mehr­zahl der Mitar­bei­tenden wenig verbunden mit dem Job sei, das wieder­holt sich und ist nicht neu.

Was jedoch neu ist, scheint mir in der Konse­quenz und in den Konse­quenzen zu liegen, die viele ziehen. Neu ist die Konse­quenz und sind die Konse­quen­zenHat man früher ausge­harrt, ist heute die “Dann geht ich”-Neigung deut­lich größer.

Keine Lowper­former mehr

Es sind außerdem nicht mehr Lowper­former, die die innere Flamme der Leiden­schaft für den Beruf ausschalten. Es sind enga­gierte Leute.  Junge Fach­kräfte. Leute, die Führung über­nehmen könnten, aber keinen Grund dafür sehen. Leute, die älteren Mitar­bei­tern einiges beibringen könnten, aber nicht einsehen, warum sie ihre Digi­ta­li­sie­rungs­kom­pe­tenz an ein verän­de­rungs­re­sis­tentes Umfeld verschwenden sollten.

Es sind also nicht jene, die eine sinn­lose Anwe­sen­heits­pflicht — etwa wenn man eh 8 Stunden im Online-Meeting verbringt — mit „Mouse Jiggling“ kontern. Das sind Tools, mit denen man Anwe­sen­heit und Akti­vität am Bild­schirm vortäuscht, während man in Wahr­heit drei Stunden im Fitness­studio verbringt.

Hier ist ein riesiger Markt entstanden, den man bei den Best­sel­ler­tools von Amazon gut beob­achten kann. Nein, dieje­nigen, die sich sinn­loser Kontrolle seitens der Chefs mit Tools entziehen, sind nicht unbe­dingt gleich­zu­setzen mit den Quiet Quit­tern. Viel­leicht ist der eine oder andere dabei, der sich nicht anders zu helfen weiß als sich den kontrol­lie­renden Erzie­hungs­ver­su­chen wie ein Puber­tie­render mit Tricks zu entziehen.

Da gilt dann das Motto: „Wenn die da oben mich wie ihren Leib­ei­genen behan­deln, dann kontere ich eben mit den Waffen der Digi­ta­li­sie­rung.“

Aber über­wie­gend sind die Quiet Quitter Leute, die ihre Arbeit machen und nicht pfuschen. Menschen, die sich einbringen würden, wenn sie einen Sinn darin erkennen könnten. Sich von den Karrie­re­mühlen dieser Welt zertreten zu lassen, ist jeden­falls kein attrak­tiver Grund.

Warum die Produk­ti­vität sinn­loser Unter­neh­mungen stei­gern?

Warum die Produk­ti­vität von anderen stei­gern und Talente und Ideen an Leute verschwenden, die die Zeichen der Zeit nicht erkannt haben?Ich bin eine frühe Quiet Quit­terin, obwohl ich aus der Gene­ra­tion X stamme. Dass ich mich 2000 selbst­ständig machte, hatte genau denselben Grund, der mir jetzt in den Zitaten bei TikTok begegnet: Ich fragte mich, warum ich die Produk­ti­vität von anderen stei­gern und meine Talente und Ideen an Leute verschwenden sollte, die die Zeichen der Zukunft nicht erkannt hatten. Ja, damals waren es eben noch nicht die Zeichen der Zeit. Man machte noch Karriere und stellte diese noch über alles andere. Man hing sich noch rein und wollte Anerkennung.Neue Grün­dungs­dy­namik? Für mich war die Selbst­stän­dig­keit Chance, einem Arbeits­leben zu entkommen, indem ich nicht einbringen konnte, was ich konnte.

Selbst­stän­dig­keit als Lösung?

Die Gene­ra­tion Z lieb­äu­gelt ebenso mit Selbst­stän­dig­keit – für 23 Prozent kommt das Gründen in Frage. Ob dies zu einer neuen Grün­dungs­dy­namik führt, bleibt abzu­warten. Allein im Jahr 2021 stiegen nach dem coro­nabe­dingten Einbruch im Jahr 2020 die Exis­tenz­grün­dungen von 537.000 auf immerhin 607.000 an (Grün­dungs­mo­nitor KfW 2022).Wie und ob das mit dem gleich­zei­tigen Wunsch nach Privat­leben und Frei­zeit zusam­men­passt?

Ich denke ja: Antworten wird die Gene­ra­tion finden, in der tech­no­lo­gi­schen Entwick­lung, in neuen Unter­neh­mens­formen und viel­leicht auch in der Deindus­tria­li­sie­rung, vor der doch so viele Angst haben. Viel­leicht entstehen Antworten auch aus dem Druck, wenn immer mehr in andere Länder abwan­dern. Jeden­falls hat Enga­ge­ment nicht unbe­dingt nur mit dem zeit­li­chen Einsatz zu tun.

Und Erfolg in Zukunft kann ganz anders aussehen als Erfolg in der Vergan­gen­heit. Erosion der Arbeit wie wir sie kennen

Quiet Quit­ting: Erosion der Vorstel­lungen von Arbeit, wie wir sie kennen.

Die ersten Anzei­chen sehen wir längst. Denn das Phänomen hat auch das Gesund­heits­wesen erreicht. Immer weniger Fach­kräfte dort wollen sich von der Arbeit aufreiben lassen. Sie lassen sich auch nicht mit unge­rechten Bonus­zah­lungen oder Pseudo-Aner­ken­­nung täuschen wie die jüngste Revolte, etwa der Charité-Mitar­­beiter, auf Lauter­bachs unfairen Pfle­ge­bonus zeigt.Das betrifft uns dann alle – und enhält eine enorme poli­ti­sche Brisanz. Denn es geht um nichts weniger als um die Frage, ob sich Systeme wie sie sind durch die aktu­ellen Flick­schus­te­reien der Politik erhalten lassen. Hoffent­lich nicht.

Foto: Kalle­jipp — Photo­case

Dieser Beitrag erschien zuerst in meinem sonn­täg­li­chen Weiter­­denken-News­­­letter. Es gibt ihn auch als Audio auf Youtube

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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