Kate­go­rien

Rebel­lion aus dem Home Office: Das Dilemma der Führungs­kräfte

Published On: 21. November 2021Cate­go­ries: Führung

Diese Woche habe ich fünf Mal eine ähnliche Geschichte gehört. Die geht so: Ein Unter­nehmen möchte zur Norma­lität zurück­kehren. Doch die Mitar­beiter spielen nicht mit. Sie rebel­lieren, weigern sich sogar, den Anwei­sungen Folge zu leisten.

Der Inhaber eines kleinen Unter­neh­mens hat die Hälfte seiner Mitar­beiter verloren. Fünf von zehn wollten einfach nicht zurück ins Büro. Sie begrün­deten das damit, dass es ja noch nicht vorbei sei mit Corona und man im Herbst und Winter sicher gehen müsse. Der Chef sah das anders: Die Kunden bräuchten Ansprech­partner vor Ort. Nebenbei traut er dem Home Office nicht, hat Angst vor dem Gewöh­nungs­ef­fekt. Aber der ist sowieso längst einge­treten.

Druck der Mitar­beiter

Das das so schnell geht, hätten wohl wenige gedacht. Apple ändert seine Home-Office-Stra­­tegie nunmehr fast jede Woche. Zu groß der Druck der Mitar­beiter. Und die Ratlo­sig­keit auf Seiten der Führungs­kräfte könnte größer kaum sein.

Apple macht es wahr­schein­lich gar nicht so falsch: Es tastet sich heran, tariert die Inter­essen aus. Die Orga­ni­sa­tion braucht Mitar­beiter, aber sie muss sich auch erhalten. Am Ende geht es ums Über­leben – der Orga­ni­sa­tion. Die Mitar­bei­tenden können woan­ders anheuern. Das bringt in Zugzwang.

Dann bin ich eben… wegge­zogen

Die Unter­neh­mens­kultur wirkt sich unter­schied­lich aus. Statt gemein­schaft­lich zu rebel­lieren, gehen bei einigen Firmen nur Einzelne in den passiven Wider­stand. Sie haben plötz­lich kranke Kinder­gar­ten­kinder, Arzt­be­suche oder wohnen zu weit weg.

Hybrid ist viel­fach unrea­lis­tisch: Nicht, weil man die rund 2.500 Euro pro Bild­schirm mit Weit­win­kel­ka­mera nicht tragen könnte. Es sind die Mitar­bei­tenden, die kein Breit­band haben. Sie wohnen auf dem Land – oder haben es immer noch nicht geschafft, die Tarife umzu­stellen.

Die kolle­gialen, ergo fürsorg­li­chen Mama-Papa-Chefs auf der mitt­leren Ebene machen sich Sorgen. Sie pendeln zwischen den Erwar­tungen eigener Vorge­setzter und den Erwar­tungen der Mitar­bei­tenden, dass doch bitte jetzt nicht wieder alles sein solle wie vor der Pandemie.

Das wird es nicht. Menschen sie gewöhnen sich schnell an neue Umstände und einmal erlebte Vorteile geben sie nicht mehr ab: Keine Zeit­ver­schwen­dung durch Anfahrten mehr, freie Eintei­lung der Arbeits­zeiten, Sport zwischen­durch, schön Kochen, Jogging­hose statt teurem Kostüm.

Inno­va­tion und Bindung in Gefahr

Gleich­wohl sind die Zweifel auf Arbeit­ge­ber­seite berech­tigt. Wenn Home Office sich durch­setzt, verän­dert das die Arbeits­welt funda­men­taler als man es sich wünscht.

So führte Home Office anfangs zu einem Effi­zi­enz­ge­winn, doch dann schwä­chelte die Leis­tungs­kurve. Vor allem Tätig­keiten, die Koor­di­nie­rung erfor­dern, leiden in der Distanz. Der kompen­sa­to­ri­sche Kommu­ni­ka­ti­ons­auf­wand ist hoch. Doch es geht auch nicht nur um Effi­zienz. Inno­va­tion ist mindes­tens genauso wichtig. In manchen Orga­ni­sa­tionen braucht es diese sogar zum Über­leben des Struk­tur­wan­dels.

Weniger Kontakte, weniger Ideen

Studien wie die von Micro­soft ermit­telten, dass durch das Arbeiten von zuhause die „schwa­chen Verbin­dungen“ abnehmen. Das sind lose Bezie­hungen in einer Orga­ni­sa­tion. Zudem lernt man viel weniger Menschen neu kennen, festigt gleich­zeitig die ohnehin schon starken Bindungen um den harten Kollegen-Kern. Da droht dann schnell mal die Komfort­zone.

Das alles ist zwar gut fürs Wohl­ge­fühl, aber schlecht für krea­tiven Output.

Nach­las­sende Bindung

Viele Firmen regis­trieren zudem eine nach­las­sende Bindung an die Orga­ni­sa­tion, die sich in Leis­tungs­ver­lusten und in höherer Fluk­tua­tion spie­gelt. Onboar­ding funk­tio­nierte in der Pandemie beson­ders schlecht: Viele neue Mitar­beiter kamen in der Videoka­chel nicht richtig bei den altein­ge­ses­senen Kollegen an. Gerade mitt­lere und klei­nere Unter­nehmen spürten zudem auch direkte geschäft­liche Nach­teile, verloren Aufträge und Kunden.

Die Lösung: Bloß kein Best Prac­tice

Viele wollen es nicht hören: Aber alle Entschei­dungen, die jetzt getroffen werden, sind Entschei­dungen unter Unsi­cher­heit. Da braucht es schnelle, itera­tive und krea­tive Lösungen. Und diese werden unter­schied­lich ausfallen müssen. Manche erfor­dern höchst­wahr­schein­lich auch struk­tu­relle Ände­rungen. Durch flexi­blere Lösungen und mehr Eigen­ver­ant­wor­tung werden mitt­lere Führungs­kräfte nicht mehr für Kontrolle und Durch­rei­chen gebracht. Das können Teams selbst, sie brau­chen nur den Rahmen, in dem sie sich orga­ni­sieren. Agilität wird somit einen weiteren Schub bekommen. Ohne geht es gar nicht mehr.

Dieser Beitrag erschien im Oktober 2021 bei XING Insider und hatte am 21.11. mehr als 220.000 Aufrufe erzielt. Folgen Sie mir bei XING!

Foto: Anya­baku — iStock.com

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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