Kate­go­rien

Schöne neue Arbeits­welt: Alles kann besser werden

Published On: 15. November 2010Cate­go­ries: Führung

„Letztes Jahr haben alle noch gesagt, wie schlimm alles ist. Und jetzt soll alles besser sein?“ Dies sagte mir Schul­ter­zu­ckend ein Zuhörer am Rande meines Vortrags an der Univer­sität Olden­burg. Wird alles besser? Ich glaube schon, das hat mit der momen­tanen Gutkon­junktur aber nur wenig zu tun. Hier einige meiner  Thesen im Über­blick:

  1. Die Flexi­bi­li­sie­rung von allem

Neulich wollten uns Wirt­schafts­for­scher weis machen, dass die Wochen­ar­beits­zeit unwei­ger­lich auf 45 Stunden steigen müsse. Nun, ich glaube, das Gegen­teil wird der Fall sein. Weil der demo­gra­phi­sche Wandel unwei­ger­lich zu einer stär­keren Stel­lung der Arbeit­geber führen wird, setzen sich deren Bedürf­nisse durch. Und die liegen am Anfang des Berufs­le­bens teil­weise im Durch­powern (Constantin Gillies etwa hypte diese Woche in der Karrie­re­welt die 12 Stunden-Malo­cher), aber über­wie­gend eben nicht.

Und selbst der Teil, der bis zur ersten Blut­hoch­druck­mes­sung alles für die Arbeit gibt, wird unwei­ger­lich mit 40, 45 weniger powern wollen, wenn nicht gegen den Stress, dann für die Familie.  Ein Blick in die Tabelle der Demo­­gra­­phie-Entwick­­lung zeigt: Damit sind die Voll­­power-Karrie­risten in der abso­luten Minder­zahl.  Einem kleinen Irrtum aber unter­liegen die HRler, die derzeit Work-Life-Balance ins Programm hieven: Darum geht es vielen gar nicht. Manchen meiner Kunden würde es reichen, wenn sie arbeiten könnten, wann und wo sie wollten. Dann auch gern viel.

2. Der Sieg der unge­liebten Fächer

Geis­tes­wis­sen­schaftler hatten es immer schon schwer, ebenso wie manche Natur­wis­sen­schaftler, Geologen und Biologen etwa.  Im Zuge des Demo­gra­phie­wan­dels, heissa, dürften diese endlich die Chance bekommen, die ihnen gebührt – und das Studieren nach Neigung ist mittel­fristig wieder erlaubt. Wie traurig, wenn manche BWLer, die ich in der Bera­tung oder auf Semi­naren traf, sich nur aufgrund angeb­li­cher Chancen für das Studium entschieden haben (und am Ende keinen Deut besser dastanden). Wer leiden­schaftslos studiert hat die Inhalte  so schnell vergessen wie ich die Inte­gral­rech­nung aus der Ober­stufe.

Ach ja, bei der Gele­gen­heit sei auch gesagt: Alle suchen zwar nach Eliten – aber wo bitte sollen die arbeiten? Es gibt nicht so viele Jobs, wie gerade Unis Elite werden und Elite­stu­denten produ­zieren wollen. Mein Tipp: Mittelmaß siegt! Wo wir beim Thema sind: Entspre­chend der demo­gra­fi­schen Kurve müssten logi­scher­weise auch die Numeri Clausi für Fächer wie Medizin sinken. Eine Chance für Menschen, die dieses Fach aus einem gewissen Altru­ismus heraus studieren möchten – aber keine guten Noten hatten. Ehrlich gesagt, würde ich lieber von solchen Ärzten behan­delt werden und nicht von den Einser­kan­di­daten.

3. Die Traum­jobi­sie­rung

„Sie sind keine, die Traum­jobs herbei­redet. Unter anderem deshalb haben wir sie einge­laden“, sagte mir die stell­ver­tre­tende Rektorin der Uni Olden­burg. Trotzdem stelle ich fest, dass nach etwa ein, zwei, manchmal auch fünf Jahren im Beruf nach etwas gesucht wird, das Sinn und Erfül­lung bietet. Da werden es die Firmen noch ganz schön schwer haben… Und die Menschen auf der Suche nach dem X‑Faktor im Beruf auch. Denn Traum­jobs, mit Verlaub, die gibt es ganz selten. Die Wolfs­trai­nerin, von der mir neulich ein Outdoor­trainer erzählte, hat so einen, vermut­lich.  Aber sonst? Die Indus­trie, zumal in der globa­li­sierten Welt, ist so ganz und gar nicht auf Traum­jobs ausge­richtet. Deshalb mein Trend-Tipp: Ein flexi­bler Job fürs Geld­ver­dienen und den Rest ins Privat­leben verlegen. Damit hätte man auch gleich etwas für die so wich­tigen 5 Säulen der Iden­tität getan. Denn wenn nur die Säule „Beruf“  exis­tiert (nach Petzold: Beruf und Leis­tung, Körper, soziales Netz­werk, mate­ri­elle Sicher­heit und Werte), ist der Mensch doch nichts als eine Arbeits­hülle.

4. Tschüss Head­hunter

Ist ja klar, dass Head­hunter nicht beson­ders angetan sind von den neuen Trends: Soziale Netz­werke wie Xing und Linkedin sind Selbst­be­die­nungs­läden. Gerade für kleine Firmen sehr prak­tisch, aber auch – siehe Otto, die ein Fünftel in Netz­werken rekru­tieren – ziem­lich attraktiv. Span­nend auch, wenn man in Zukunft das ganze Leben eines Bewer­bers nach­voll­ziehen können wird, einschließ­lich seiner sozialen Vernet­zungen. Ich frage mich gerade, was mit jenen passiert, die wie neulich eine Studentin jammern und sagen „ich kenne doch niemand“. Brutale Aussor­tiere? Nein, denn da gibt es noch… siehe Punkt 2.

5. Bewer­bung – nur noch per Klick

„Das stimmt doch alles nicht, in Wahr­heit wollen die Firmen doch lieber Post­be­wer­bungen“, entrüs­tete sich neulich eine Vortrags­teil­neh­merin. Mein sanfter Hinweis auf das AGG und die Errun­gen­schaften der digi­talen Archi­vie­rung, die E‑Mail-Bewer­­bungen auch für Arbeit­geber defi­nitiv attrak­tiver machen, erstaunte aller­dings.

Ich bin mit meiner Trend­schau schon einen Schritt weiter: Was sich schon jetzt bei Linkedin zeigt, wird es bald auch in Kombi­na­tion mit deut­schen Jobbörsen geben. Wer sich bewerben will, postet einfach sein Profil – und kann sich damit das ewige Hoch­laden und Ausfüllen von Formu­laren sparen.

6. Die Anglo­ame­ri­ka­ni­sie­rung der Bewer­bung

Rund 30% aller Bewer­bungen, die meine Mitar­bei­terin Maja und ich sehen, sind mitt­ler­weile auf Englisch. Es gibt keine Zahlen dazu, doch wir merken von Monat zu Monat, dass die Zahl der engli­schen Bewer­bungen steigt. Dies hat nicht nur sprach­liche Konse­quenzen, sondern wirkt sich auch auf das Layout und die inhalt­liche Heran­ge­hens­weise aus. Statt „deut­scher“ Tätig­keits­be­schrei­bungen finden Leis­tungs­be­schrei­bungen und Erfolge Eingang (oder sollten es besser, denn das kommt an). Auch die tabel­la­ri­sche Form wird aufge­geben – Haupt­sache der Inhalt stimmt. Meine These: in 5 Jahren sind 70% der Akade­­miker-Bewer­­bungen Englisch, auch in Deutsch­land. Es setzt sich das anglo­ame­ri­ka­ni­sche Format ohne „Tabelle“ durch. Das Foto fällt weg. Bewer­bungs­fo­to­grafen (die aus uner­find­li­chem Grund einfach  nicht kapieren, dass das Post­be­wer­bungs­zeit­alter passé ist), müssen dann leider umschulen.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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