Kate­go­rien

Schorn­stein­kar­rie­re­system: Im Fahr­stuhl nach oben

Published On: 28. Oktober 2013Cate­go­ries: Führung

schornsteinDeutsch­land ist das Land der Regeln und Gesetze. Da gibt es Haupt­ab­tei­lungen und Bereichs­di­rek­toren. Große Unter­nehmen klas­si­fi­zieren Gehälter nach „E4“ und „E15“. Wer was zu sagen hat, möge sich bitte hinten anstellen. Entschei­dungen werden durch mehrere Etagen  nach oben gereicht und am Ende entscheidet keiner (weil dieses System die nicht so Entschei­dungs­starken anzieht und fördert). Der Aufstieg ist strikt regle­men­tiert. Will­kommen im Schorn­stein­kar­rie­ren­system. Das ist Teil 3 meiner Serie. Das Schorn­stein­kar­rie­re­system folgt der Fürsorge- und der Macht­kar­riere.

Die Schorn­stein­kar­riere ist in Deutsch­land behei­matet wie die Eiche. Sie wächst und gedeiht immer noch, selbst wenn Behörden etwa verzwei­felt versu­chen, mit Leis­tungs­ge­danken frischen Wind in dieses nicht selten eichen­ähn­lich feste System zu bringen. Sie kennt weder Manager noch Leader (und wenn nur aus Semi­naren), sondern Vorge­setzte. Schorn­stein­kar­rie­re­sys­teme domi­nieren viele Konzerne und stark durch Vorschriften und Gesetze regle­men­tierte Umfelder wie etwa die Phar­ma­branche oder das Gesund­heits­wesen. Kontrol­lieren, regle­men­tieren, struk­tu­rieren und doku­men­tieren: Das sind die posi­tiven Seiten des Ökosys­tems „Schorn­stein“. Im besten Fall herrscht Gleich­heit und Gerech­tig­keit – Regeln gelten (meist) für alle. Nega­tive Auswüchse: Unbe­weg­lich­keit, Inno­va­ti­ons­feind­lich­keit, Aussitzen von Entschei­dungen.

Welche Werte herr­schen im Schorn­stein­kar­rie­re­system?

Die wich­tigsten: Halte dich an Vorgaben und ordne dich unter. Es gesellen sich dazu: Gleich­heit, Regeln gelten für alles, Prozesse, der ältere hat Erfah­rungs­wissen, die Jugend schweigt bitte.

Was kenn­zeichnet Karriere im Schorn­stein­kar­rie­re­system?

Im Schorn­stein­kar­rie­re­system kommt derje­nige weiter, der am längsten dabei ist und aufgrund von Zuge­hö­rig­keit und Fleiß „dran“ ist. Dabei wird ordent­lich auf Gerech­tig­keit geachtet: Da ist die Gleich­stel­lungs­be­auf­tragte, die für formelle Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit sorgt. Die Arbeits­zeit ist vorge­geben, gern auch in einem festen Rahmen Gleit­zeit genannt, Gehälter sind tarif­lich gebunden und die Hier­ar­chien fest und unum­gäng­lich. Mal eben dem Vorstand eine Idee präsen­tieren: Wo kämen wir da hin?

Welche Unter­nehmen ticken so?

Fast alle Behörden sowie viele Konzerne, die noch nicht unter starkem Verän­de­rungs­druck sind. Auch tradi­tio­nelle hansea­ti­sche Handels­häuser und grund­sätz­lich Firmen, die langsam gewachsen sind und schon lange bestehen. Regle­men­tierte Umfelder zwingen fast zum Schorn­stein, es muss ja geprüft, audi­tiert und gestem­pelt werden.

Für wen ist das was?

Für Leute, die nicht so gern ins kalte Wasser springen und Führung im Sinne von Leitung und Weg-Vorgeben wünschen. Geord­nete Trai­nee­pro­gramme, struk­tu­rierte Weiter­bil­dungen und bitte keine Über­ra­schungen. Für alle, die Geduld genug haben und brav auf die Entschei­dung von „E12“ zu warten, weil es ist wie es ist.

Vorsicht

Zukunft der Arbeit macht sich breit und sorgt für Bewe­gung. Die ist auch notwendig, denn in keinem anderen Karrie­re­system ist die Gefahr so groß, dass man als Ange­stellter stecken­bleibt – und nach einigen Jahren auf dem freien Markt keine Chancen mehr hat.

Wie bewirbt man sich?

Bewerben sollten Sie sich in Schorn­stein­un­ter­nehmen, indem Sie sich an altbe­kannte Regeln halten: Tabel­la­ri­scher Lebens­lauf, sauber unter­schrieben, nicht zu viel Schnörkel, Foto und Zeug­nisse bis hin zum Abitur. Und lieber keine unge­wöhn­li­chen Wege, die sind in diesem konser­va­ti­veren Umfeld meist nicht so gern gesehen.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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One Comment

  1. […] ein Unter­nehmen z.B. Silo­denken abbauen will, im Talent Manage­ment aber weiterhin soge­nannte „Schorn­stein­kar­rieren“ gelebt und geför­dert werden, werden auch die ausge­klü­geltsten Maßnahmen zur […]

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