Kate­go­rien

Selbst- und Fremd­bild: Warum hier oft Lücken klaffen und wie Sie sie schließen

Published On: 21. Februar 2015Cate­go­ries: Aktuell
Der Kollege sieht Führungskraft Frank ganz anders als dieser sich selbst.

Der Kollege sieht Führungs­kraft Frank ganz anders als dieser sich selbst.

Frank hat ein klares Bild von sich. Er sieht sich als über­durch­schnitt­lich führungs­stark, gestal­tungs­freudig und leis­tungs­be­reit. Seine Vorge­setzten und Kollegen sehen das anders: In ihren Augen ist Frank weitaus mittel­mä­ßiger. Außerdem attes­tieren sie ihm eine geringe Analyse-Neigung. Wie kann das sein? Da ich in letzter Zeit wieder vermehrt mit Selbst- und Fremd­bil­dern aus dem Bochumer Inventar oder mit dem Führungs­kräf­te­test MLQ arbeite, den es auch in zwei Vari­anten selbst/fremd gibt, sehe ich oft Diffe­renzen. In Fremd­be­ur­tei­lungen kommen Menschen ganz anders rüber als sie sich selbst sehen. Oft wesent­lich mode­rater und mittel­mä­ßiger.

Will keiner mehr mittel­mäßig sein?

Eine Kollegin hatte dafür neulich einen guten Erklä­rungs­an­satz: Menschen wollten in letzter Zeit immer beson­derer sein, sich weniger mit Mittel­mä­ßig­keit anfreunden, das Normal- und Durch­­­schnit­t­­lich-Sein nicht akzep­tieren. Natür­lich gibt es zuneh­mend indi­vi­dua­lis­ti­sche Tendenzen. Das Streben danach kumu­liert in der Suche nach Selbst­ver­wirk­li­chung und dem Streben nach Sicht­bar­keit, das einem Selbst­ver­mark­tungs­experten aufok­troy­ieren. Die These der Kollegin ist nahe­lie­gend, aber nicht so wahr­schein­lich. Persön­lich­keits­tests orien­tieren sich ja an einer Norm­gruppe, sie sind geeicht. Das heißt, die Test­person sieht sich immer im Vergleich, etwa zu anderen Geschäfts­füh­rern und Vorständen. Möglich aller­dings, dass sich das Ankreuz­ver­halten in Tests inner­halb weniger Jahre ändert und damit der Bezug zur Norm­gruppe ein anderer ist, der Test also neu normiert werden müsste. Intel­li­genz­tests werden etwa alle 10 Jahre dem sich verän­dernden allge­meinen IQ ange­passt.

Der Alpha­­tier-Effekt

Die Diffe­renzen im Selbst- und Fremd­bild werden sich so allein also nicht erklären lassen. Wie dann? Zum Beispiel mit dem Alpha­tier­ef­fekt: Ihm verfallen Männer, oft über 45, oft Berater oder Führungs­kraft und gewöhn­lich voller blinder Flecken. Das Alpha­tier schätzt sich meist über­durch­schnitt­lich gut ein, hinkt aber im Know-how und in den defacto-Führungs­­­qua­­li­­täten weit hinterher. Offenbar wird das oft nach einer Kündi­gung, mit der Alpha­tiere nie rechnen, denn sie fühlen sich immer sicher und unent­behr­lich…

Nicht nur Über‑, sondern auch Fehl­ein­schät­zung

Blinde Flecken müssen nicht nur mit Selbst­über­schät­zung zu tun haben. So hatte ich jahre­lang die Über­zeu­gung, wenig geplant und struk­tu­riert zu sein, bis mein Bild durch Feed­backs Risse bekam. Man nahm mich ganz anders wahr. Und meine Umge­bung hatte wohl recht. Ich entsprach nicht MEINEN Ansprü­chen, aber in den Augen von ANDEREN wirkte ich struk­tu­riert. ich verglich mich mit Über­flieger, andere legten Normal­maß­stäbe an. Antworten auf Persön­lich­keits­fra­ge­bögen, ob von einem selbst oder von anderen vorge­nommen, richten sich immer an einer Vergleichs­gruppe aus. Wenn ich meine eigene Führungs­mo­ti­va­tion beur­teile, so checke ich inner­lich, wie sehr ich mich selbst für eine Führungs­po­si­tion moti­viert sehe, im Vergleich zu anderen. Menschen, die mit mir arbeiten, verglei­chen auch.

In einem Seminar ist mir mal ein junger Mann begegnet, der sich selbst als hoch­mo­ti­viert ansah, die beiden Kollegen aus derselben Firma bewer­teten das ganz anders. Ein Frus­t­er­lebnis, zunächst — wieso sehen die nicht, wie sehr ich will? Aber auch eine Hilfe und Basis für Entwick­lungs­maß­nahmen, denn aus dem Vergleich von Selbst- und Fremd­bild lassen sich konkrete Maßnahmen ableiten.

Dabei sind folgende Fragen rele­vant:

  • Welche Unter­schiede im Selbst- und Fremd­bild sind rele­vant im Hinblick auf eigene Ziele?
  • Woran zeigen sich die Unter­schiede in der Wahr­neh­mung durch mich selbst und andere in konkreten Situa­tionen?
  • Warum hat mich jemand so anders wahr­ge­nommen? So kann es sein, dass der eigene Vorge­setzte wesent­lich strenger bei einem Punkt urteilt als Kollegen, weil er andere Ausschnitte des Verhal­tens in Erin­ne­rung hat.
  • Welches Verhalten habe ich in diesen Situa­tionen gezeigt? Passt das zu meinem Selbst­bild? Oder hat das Fremd­bild „recht“?
  • Könnte und wollte ich ein anderes Verhalten und neue Stärken entwi­ckeln? Wie? Dazu habe hier in der Karrie­re­bibel geschrieben.
  • Könnte und wollte ich mich mit einer Verschie­bung des Selbst­bild in Rich­tung Fremd­bild anfreunden?

Im Rahmen unserer 360Grad-Analyse oder eines Stra­te­gie­tags können wir explizit auf das Thema eingehen und für Sie passende Maßnahmen entwi­ckeln.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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