Kate­go­rien

Selbst­test Berufs­in­ter­essen: Können ist nicht gleich Wollen

Published On: 16. Januar 2014Cate­go­ries: Führung

Dieses Jahr ist das Jahr, der Berufs­ori­en­tie­rung – so hat es Recru­­tain­­ment-Chef Joachim Diercks in seiner Blog­pa­rade ausge­rufen. In diesem Rahmen will ich mich mal ganz prak­tisch mit der Frage beschäf­tigen: Helfen Tests dabei? Diese Frage ist immer wieder umstritten.

Über die Rela­ti­vität von Inter­essen habe ich bereits hier geschrieben. Inter­essen leiten bei der ersten Berufs- und Studi­en­ori­en­tie­rung.

Für die Bewäl­ti­gung des Studiums aber braucht es Kompe­tenzen: kogni­tive, moto­ri­sche oder/und soziale, Hand­lungs­kom­pe­tenzen auch.  Noch wich­tiger sind jedoch Moti­va­tionen: Treibt mich etwas, das Studium durch­zu­halten? Können ist nämlich nicht gleich wollen. Für den späteren beruf­li­chen Erfolg und/oder die Zufrie­den­heit wiederum benö­tigt man noch mal etwas anderes: Werte und Sinn­ori­en­tie­rung. In keinem der Tests ist all das abge­bildet — und das wäre aufgrund der hohen Komple­xität auch gar nicht möglich.

Ich habe mich, 29 Jahre nach Abitur, mal selbst getestet. Bin ich dahin gekommen, wo ein Test mich sieht?

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Mein Test­be­richt

Beginnen wir wir mit dem Geva-Test: Dieser deckt – ähnlich wie ein IQ-Test – Stärken im sprach­li­chen Bereich auf. Auch logi­sche Struk­turen kann ich gut erkennen. In diese Rich­tung bin ich selbst bei der ersten Studi­en­wahl marschiert. Kompe­tenz­ori­en­tiert gesehen richtig, Inter­essen- und moti­va­ti­ons­ori­en­tiert basiert falsch.

Der Inter­es­sen­test BIS beför­dert mein Bildungs­in­ter­esse an die erste Stelle. Es stimmt, ich wäre wohl eine ganz passable Lehrerin geworden, vor allem im Sek II-Bereich. Ich kann gut mit jungen Leuten. Ich kann  aber nicht gut mit Verwal­tung. Ich bin viel zu ideen­ge­trieben und  viel zu wenig anpas­sungs­be­reit – und starre Umfelder sind ein Graus für mich. Sicher­heit ist auch kein erstre­bens­werter Wert für mich. Die Struk­turen waren für mich damals und sind auch heute noch völlig inak­zep­tabel. Ich wäre da nicht glück­lich geworden. Als  z.B. prak­ti­zie­render Psycho­the­ra­peut aber auch nicht. Dazu bin ich zu sehr… getrieben, dyna­misch, verän­de­rungs­willig.eigenschaften

eigenschaften_garnichtSolche Dinge kann man wunderbar aus den Big Five ablesen. Nur sollte dieser Test erst nach etwas Berufs- oder Studi­en­erfah­rung einge­setzt werden, da sich die gemes­senen Eigen­schaften bis etwa 30 Jahren noch stärker ändern können.

Mein Ergebnis beim BIS

Mein Ergebnis beim BIS

Beim RIASEC kommt heraus, dass mein inves­­ti­­gativ-forschendes Inter­esse weit über­durch­schnitt­lich ist. Das stimmt: Solche Selbst­tests mache ich aus dem „Forschungs­trieb“, es macht mir einen Höllen­spaß. Aber Wissen­schaftler? Nein. Der Betrieb an der Uni entspricht mir so gar nicht. Die Tätig­keit des Lehrers wäre passend. Aber das Drum­herum nicht – das aber macht Zufrie­den­heit aus!

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Allen diesen Tests liegen statis­ti­sche Daten­pools zugrunde. D.h. immer wenn ein neuer Test absol­viert wird, kommen neue  Daten hinzu. Deshalb können Tests mit Norm­gruppen arbeiten. Diese besagen z.B. dass ich mit 118 Punkten bei „Bildung“ über dem Durch­schnitt liege. Der ist ähnlich wie beim IQ bei einem will­kür­lich fest­ge­legten Wert von 100 und hat die Stan­dard­ab­wei­chung 15, d.h. 118 ist sehr hoch und 80 ist sehr niedrig.

Indis­ku­tabel für die Berufs­wahl ist auch deshalb – kein belast­bares und aktu­elles Daten­ma­te­rial — der MBTI. Er bietet eine nette Sortie­rung und den Anstoß mal über sich nach­zu­denken. Das ist es aber auch – damit können Erwach­sene umgehen, für den Einsatz bei jungen Leuten unge­eignet. Siehe mein Ergebnis. Kein einziges passt auch nur ansatz­weise.

Fazit Selbst­test: Mit Geva-Test hätte ich mich für Spra­chen einge­schrieben (was ich auch habe), mit BIS für Lehramt (was ich auch habe).  Beides war´s aber nicht. Ich habe schnell gemerkt, dass ich nie an einer Schule unter­richten werde — und auch das „was mit Spra­chen“ nicht mein Ding ist. Nach einem jour­na­lis­ti­schen Volon­ta­riat wurden mir zwei Redak­teurs­stellen ange­boten, ich habe zwei Mal abge­lehnt und bin in ein „normales“ Unter­nehmen in die Marke­ting­kom­mu­ni­ka­tion.

Können heißt nicht wollen, heißt nicht sich entfalten können. Außerdem sind Werte und Moti­va­tionen mitunter wich­tiger als eine einzelne Kompe­tenz.

Fazit für die Bera­tung:

Der Einsatz von Tests ist  bei  jungen Menschen kritisch zu sehen, weil es ihnen schwer fällt, Ergeb­nisse allein zu inter­pre­tieren. Die Gefahr, etwas unre­flek­tiert  anzu­nehmen, ist groß. Die Komple­xität bei der Entschei­dung steigt auch, weil sich der Markt immer stärker segmen­tiert. Die frühere Eintei­lung in z.B. sprach­liche und mathe­ma­ti­sche Kompe­tenz reicht nicht. Deshalb würde ich vom Geva-Test trotz Siegels der Stif­tung Waren­test abraten — da kann man gleich einen IQ-Test machen .

BIS und RIASEC bieten eine  gute Möglich­keit der Vorse­lek­tion, sollten aber nicht außer­halb des Bera­tungs­kon­textes einge­setzt werden.

Hierzu empfehle ich mein Buch “Am besten wirst du Arzt” sowie den Selbst­lern­kurs “Dein Studien- oder Ausbil­dungs­ziel finden”.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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5 Kommen­tare

  1. Jo Diercks 16. Januar 2014 at 17:46 — Reply

    Hallo Svenja, vielen Dank für deinen tollen Beitrag. In diesem Zusam­men­hang­viel­leicht auch für dich inter­es­sant: Wir haben gerade für die HRK (www.hochschulkompass.de) einen Studi­en­in­ter­es­sen­test fertig­ge­stellt, der erst­malig Inter­essen in das Matching auf alle grund­stän­digen Studi­en­gänge in Deutsch­land einbe­zieht. Wie du aber natür­lich richtig anmerkst, dienen Inter­essen (zunächst einmal) nur der ersten und grund­sätz­li­chen Orien­tie­rung, wenn man so will der Nega­tiv­aus­wahl an Optionen. Für eine abschlie­ßende Orien­tie­rung sind natür­lich auch andere Krite­rien wichtig… http://bit.ly/K6MUNP

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  4. Dr. Eva Reich­mann 17. Januar 2014 at 15:07 — Reply

    Nach über 10 Jahren in diesem Bereich — zuerst im Career Service einer Hoch­schule, jetzt selb­ständig — teile ich die Meinung zu Tests im weiteren Sinn.
    Wer sich beruf­lich orien­tieren will und wenig bis gar nichts über sich weiß, sollte etwas Geld in profes­sio­nelle Bera­tung stecken (bzw. die Eltern sollten das tun) um im persön­li­chen Coaching zu klären, wo es hingehen soll. Das hat nämlich den Vorteil, dass man zugleich die beste Stra­tegie zur Zlel­errei­chung erar­beiten kann. (Liebe Eltern, statt der nächsten Jack-Wolskin-Total­aus­rüs­­tung oder dem aller­neusten iPhone viel­leicht mal den Gegen­wert in eine Dienst­leis­tung stecken, die Sinn macht.)

    Eine kleine Anmer­kung zum MBTI: er hilft sehr wohl bei beruf­li­cher Orien­tie­rung, wenn er als ein Instru­ment mit fach­män­ni­scher Bera­tung einge­setzt wird. Denn ob ich mich bei einem Thema gerne und lange ins 100ste Detail vertiefen kann — oder lieber mit breitem Wissen aber schnellem Erfolg die Initia­tive über­nehme … ich denke, da kann man mit profes­sio­neller Beglei­tung schon Tätig­keits­felder ableiten. (Um nur ein Beispiel zu nennen). Abge­sehen davon, dass es aus den USA jede Menge Forschungs­er­geb­nisse zum Einsatz in Schulen (Lern­typen und Grund­ori­en­tie­rung) und in der beruf­li­chen Orien­tie­rung gibt. Nicht immer nur nach D schauen, hier wird die Forschung von einem einzigen Glau­bens­satz in Bezug auf statis­ti­sche Methodik geleitet … Mein Profil stimmt übri­gens zu 100% mit dem überein, was ich beruf­liche tue.

  5. Geertje Achter­berg 19. Januar 2014 at 21:12 — Reply

    Liebe Frau Hofert,
    Ihr Artikel und Selbst­ver­such ist wie immer sehr inter­es­sant!
    Sie hatten für einen früheren Test­ver­gleich auch das Harrison Assess­ment einmal selbst auspro­biert: kennen Sie auch den Bereich “Karrie­re­ent­wick­lung” des Harrison Assess­ments? Dort wird das persön­liche Profil mit über 350 hinter­legten Lauf­bahnen vergli­chen. Es wäre sehr inter­es­sant zu sehen welche Laufbahnen/Berufe Ihnen Harrison vorschlägt und wie Sie zu dem Ergebnis stehen 🙂
    Herz­liche Grüße
    Geertje Achter­berg, Talent­Pro­filing­So­lu­tions

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