Kate­go­rien

Sind intro­ver­tierte Piloten weniger absturz­ge­fährdet?

Published On: 12. März 2012Cate­go­ries: Karriere

Mein Artikel über “Leise­treter” ist (über­ra­schend) der meist­ab­ge­ru­fene in diesem Blog über­haupt. Es geht darin um die Benach­tei­li­gung der Intro­ver­sion in unserem Kultur­kreis. Vor einigen Wochen hatte ich Sylvia Löhken hier zum selben Thema im Inter­view. Sie hat das Buch “Leise Menschen” geschrieben, das ich gerade mit viel Gewinn ausge­lesen habe.

Ein für mich — mit dem Blick der Karrie­re­be­ra­terin — zentraler Satz in dem Buch lautet etwa so: “Wenn ich ins Flug­zeug steige und dieses gerät in Turbu­lenzen, würde ich mir ehrlich gesagt wünschen, dass der Pilot ein Intro­ver­tierter ist.”

Oh ja! Natür­lich ist Intro­ver­sion nicht das einzige Merkmal, welches ein Pilot mitbringen sollte, bewahre. Aber neben den kogni­tiven Fähig­keiten ist eben auch die Persön­lich­keit entschei­dend. Und da gehört die Intro­ver­sion dazu. Diese würde ich, hier aus Passa­­gier- und nicht aus Perso­nal­ersicht, mit Hilfe des Reiss-Profils bestimmen und anhand weiterer Merk­male auswählen. So sollte es jemand sein mit einer eher nied­rigen emotio­nalen Ruhe. Unter Stress sollte diese Person auf keinen Fall nervös-hyste­risch werden wie Kapitän Schet­tino, der das sinkende Schiff, die Costa Concordia, verlassen hat. Es sollte auch niemand sein, dessen haupt­säch­liche Ehrgeiz-Quelle der Status ist, die grüne oder gelbe “Ordnung” nicht zu hoch ausge­prägt. Wichtig wäre eine “rote” Aner­ken­nung, was Sicher­heit auch bei fehlendem Feed­back und die Bereit­schaft mit sich bringt, aus Fehlern zu lernen. Neben der hohen Macht würde ich auch noch eine grüne oder gelbe Team­ori­en­tie­rung dazu defi­nieren — und damit die höchst­wahr­schein­liche Bereit­schaft zur Abstim­mung mit Co-Pilot und Tower. Sie sehen: Es gibt Gründe, die für einen Intro spre­chen. Nur werden diese oft nicht so gesehen. Orgi­na­lität und Ideen­reichtum, die mir bei ENTP-Typen sympa­thisch sind, mag ich bei Flug­tur­bu­lenzen aus Sicht des Passa­giers nicht ein Cockpit lenken sehen.

Warum ich einen intro­ver­tierten Pilo­tentyp bevor­zuge? Intro­ver­tierte lassen sich oft weniger ablenken, weil sie dank höherer innerer Stimu­la­tion den Reiz von außen nicht so brau­chen. Das passt ins (doch einsame) Cockpit und auch aufs Kreuz­fahrt­schiff.
Wir haben in unserer Bera­tung einige Piloten auf das Assess­ment Center vorbe­reitet. Fast immer war der Grund für ein Durch­fallen bei Luft­hansa, Air Berlin & Co. eine zu große Intro­ver­tiert­heit.
Nun liegt das Heil dieser Welt, um Gottes willen, nicht in den Intros, wie sie Sylvia Löhken nennt. Es sind auch nicht 30–50% der Bevöl­ke­rung bessere Menschen. Das ist Quatsch.
Wir alle füllen unsere Intro- oder Extro­ver­sion anders aus, manchmal liegen intro- und extro­ver­tierte Seiten kaum trennbar dicht bein­ein­ander. Was indes wahr ist, ist die offen­sicht­liche Benach­tei­li­gung der Intro­ver­sion im ameri­ka­ni­schen und auch in unserem west­eu­ro­päi­schen Kultur­kreis. Über Jahre, ja Jahr­zehnte wurde das Extro­ver­tierte kulti­viert und gemehrt. Wenn Vertriebler oder Manager in meine Bera­tung kommen, weil sie unsi­cher sind, wie sie ihreIn­tro­ver­tiert­heit im Vorstel­lungs­ge­spräch thema­ti­sieren, sagt das eine Menge über unsere über­ge­ord­nete Haltung, Wahr­neh­mung und Bewer­tung.

Wenn in der Schule extro­ver­tiertes Verhalten, nämlich Aufzeigen und aktiv in der Gruppe sein, mehr als früher und mehr als je zuvor positiv bewertet wird, deutet auch das darauf hin, dass Extro­ver­sion als Ideal ange­sehen wird.
Der intro­ver­tierte Schüler wird sich mehr mit seinen Inter­essen beschäf­tigen als mit der äußeren Welt — und deshalb schlech­tere Leis­tungen im Münd­li­chen nach Hause bringen. Viel­leicht kann er deshalb nicht Arzt werden, obwohl er als solcher beson­ders gut wäre. Seine Leis­tungen aus dem Reich der tiefen Konzen­tra­tion, der Genia­lität in der Lösungs­fin­dung, der Krea­ti­vität, der schrift­li­chen Kommu­ni­ka­tion und des Schöp­fe­ri­schen  fließen immer weniger in Noten ein. Das ist unge­recht.

Dieses Buch sollte deshalb auch bei (den über­wie­gend extro­vierten Lehrern) landen, denn es hilft zu verstehen, wie der andere tickt. Für intro­ver­tierte Kinder ist die dauernde Grup­pen­ar­beit eine Belas­tung und der laute Kinder­ge­burtstag kein Fest, sondern eine Anstren­gung. Danke Sylvia Löhken für die Anre­gung. Mir hat schon Susan Cain ausneh­mend gut gefallen. Dieses Buch erwei­tert Cains wunderbar analy­ti­sche und tiefe Sicht um die prak­ti­sche Kompo­nente und eine direkt nutz­bare Lebens­hilfe.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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4 Kommen­tare

  1. Burk­hard Reddel 12. März 2012 at 19:10 — Reply

    Hallo Frau Hofert,

    ich war schon immer ein ruhiger Mensch und habe in meinem Leben bisher fest­stellen müßen, wer eine gewisse “Laut­stärke” nicht prak­ti­ziert, iwrd nicht wahr­ge­nommen. Die leisen Töne oder Zwischen­töne werden häufig nicht reali­siert bzw. warge­nommen. Wer zu leise ist geht unter nicht nur beurf­lich. Nicht umsonst haben viele Vertriebler bessere Chancen, weil sie auch sich selbst besser verkaufen können. Ich war nie der Typ für Selbst­dar­stel­lung. Gilt übri­gend für das ganze Leben und nicht nur für den Beruf.
    Grüße B.RE

    • Gilbert 23. März 2012 at 0:31 — Reply

      Ich glaube, das ändert sich gerade — Intro­ver­tierte sind “in” wie noch nie zuvor. Irgendwie Zeit­geist. Ist doch auch mal schön. Googlen Sie mal “intro­ver­tiert” oder “Susan Cain”… sie finden tausende Resul­tate, die Intro­ver­tierte ins rechte Licht rücken. Es gibt übri­gens auch viele Tipps, zu Stra­te­gien für intro­ver­tierte Menschen: Wie können sie ihre Eigen­heiten zu stärken machen?

  2. […] weniger posi­tives Feed­back bekommen als andere „pfle­ge­leichte“.  Das sind z.B. bestimmte intro­ver­tierte Typen oder auch sehr hand­lungs­ori­en­tierte […]

  3. […] Perso­nal­ent­wick­lung und ist somit ein Instru­ment für die HR-Abtei­­lung. Manche Firmen setzen ihn im Rahmen von Assess­ment Centern, einige schon bei der ersten Bewer­ber­aus­wahl im E‑Assessment […]

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