Kate­go­rien

Gene­ra­tion Y: Zwischen Geld, Karriere und Sinn

Published On: 20. Mai 2014Cate­go­ries: Mensch & Orga­ni­sa­tion

sinnembraceAnna hat super Noten, einen tollen Lebens­lauf und einen  genialen Job in Berlin. 70 Prozent ihrer Freunde hangeln sich dagegen von Projekt zu Projekt, Sozial- und Geis­tes­wis­sen­schaftler; auch BWLer haben ohne Berufs­er­fah­rung nicht mehr die unbe­grenzte Wahl. Wollen halt alle in den coolen Städten bleiben und nicht aufs Land.

Früher hätte man gesagt: Anna hat´s geschafft. Sie selbst empfindet das nicht so. Sie lang­weilt sich, der Job scheint ihr zu wenig sinn­voll. Sie kündigt und wird demnächst durch die Welt reisen, für Dawanda basteln und sich so ein paar Euros verdienen. Ob das ihren Lebens­lauf kaputt macht, fragt sie vorher noch. So ganz frei von Karrie­re­denken ist die Gene­ra­tion Y dann doch noch nicht. Anna ist eine Sinn­su­cherin, eine von ganz vielen. Aber Anna ist auch speziell.

Etwa 30 Prozent unserer Kunden sind unter 30, gehören also zur Gene­ra­tion Y der nach 1981 gebo­renen. Ich habe einige Annas erlebt, aber das alle gleich sind und genauso ticken wie dieses Fall­be­spiel, kann ich nun wirk­lich nicht sagen. Es gibt junge Männer, die wie eh und je nach Geld streben und ihre Entschei­dungen vor allem finan­ziell moti­viert treffen. Alles, was man bei ihnen von der medial gehypten Gen Y merkt, ist eine gewisse Verun­si­che­rung, ob das mit der Karriere so wie früher gelingen kann. Wo man ja jetzt (leider) nicht mehr sicher sagen kann, dass eine Führungs­kar­riere das Nonplus­ultra ist, weil manche Experten mehr Geld verdienen und haupt­säch­lich das attraktiv ist.

In der Ober­pfalz, da gibt es keine Gen Y

Es gibt auch junge Männer, die im Job kürzer­treten, weil sie sich um ein Baby kümmern möchten. Für sie ist es eini­ger­maßen selbst­ver­ständ­lich, dass die Frau halt auch mal mehr verdienen kann (ganz auf Dauer ange­legt sein soll das aber eher nicht). Das ist womög­lich ein rein groß­städ­ti­sches Phänomen. In der Ober­pfalz, so klärte mich Regio­nal­kenner kürz­lich auf, sei die Welt ganz anders. Weit und breit keine Gen Y, die irgendwo ja auch die Gleich­be­rech­ti­gung von Mann und Frau karrie­re­tech­nisch umsetzt.

Ja, die Gen Y ist schon anders. Junge Frauen, so merke ich, wollen oft früher Kinder als das in meiner Gene­ra­tion — ich würde mich von der sozio­kul­tu­rellen Prägung zur Gene­ra­tion X zählen — noch der Fall war. Wir haben mit dem Kinder­kriegen öfter mal gewartet, bis es zu spät war. In meinem Fall lag das nicht mal an einer bewussten Karriere-Entschei­­dung, ich habe einfach an diese Dinge vor meinem 34. Lebens­jahr nie gedacht.

Karrie­re­pla­nung gab´s früher nur für Männer

Bis  etwa 2005 habe ich nur Karrie­re­pla­nung mit Männern gemacht, bis heute sind 95% der Outpla­ce­ment­kunden Männer. Dass  Frauen Karrie­re­pla­nung suchen und wünschen (und bezahlen), ist ein neues Phänomen. In Fami­li­en­pausen Still­stehen kommt nicht mehr in Frage: Im Zweifel studiert frau (noch mal). Und das will alles gut durch­ge­taktet sein, sinn­voll gefüllt und mit Ziel ange­gangen. Das war auch mal anders, da hat man sich einfach ein paar Jahre ausge­klinkt und nicht an später gedacht.

Karriere trifft Sinn?

Was meine prak­ti­schen Einblicke zeigen ist: Die Gene­ra­tion Y macht einiges anders, aber ob sie auch grund­le­gend anders tickt? Da bin ich nicht sicher. Gibt es Beweise? Hierzu hole ich eine neue Studie hervor. Viel­leicht hilft die uns weiter.

Geld, Ich und Ihr: Die Studie „Karriere trifft Sinn“, die von der Medi­en­fa­brik embrace heraus­ge­geben worden ist, einer Tochter von arvato, zeichnet drei große Sinn­be­reiche in ihren SINN­dizes auf.  SINN­Dizes — das Wort ist eine krea­tive Wort­schöp­fung ähnlich Frechmut von Herrn Buck­mann, aber dann auch wieder ganz anders (Frechmut klingt unschuldig, SINNdex irgendwie nicht…).

Den SINNdex machen aus:

  1. Der SINNdex Ich: Hier geht es vor allem um Weiter­ent­wick­lung und Selbst­ver­wirk­li­chung in der Arbeit.
  2. Der SINNdex Ihr:Wer ihn präfe­riert, möchte Menschen helfen und die Welt verbes­sern.
  3. Der SINNdex Geld. Hier­unter lese ich lauter alte, oft als extrin­sisch diffa­mierte Karriere-Werte, etwa Geld verdienen und Sach­werte wie Dienst­wagen.

Diese SINN­dizes bilden (Stereo-)Typen, je nachdem in welcher Kombi­na­tion sie in einer Teil­gruppe zu finden sind. Eine Präfe­renz für den SINNdex Geld kenn­zeichnet der so genannte “Karriere-Kai”. Die “Alles-Anna” will auf nichts verzichten, der Helfer-Hans will ganz viel “Ihr” und die “Fami­­lien-Franzi” Work-Life-Balance.

sindizes

aus der embrace-Studie Karriere trifft Sinn

Karrie­re­ori­en­tie­rungen sind nicht neu

Wie ich die Studie lese, frage ich mich, ob hier wirk­lich heraus­kommt, was diese Gene­ra­tion ausmacht (wenn man es als Unter­schied defi­niert) oder ob das nicht mal wieder eine groß­ar­tige Marke­­ting-Show ist. Man jongliert ein paar Zahlen und schon hat man ein paar Phäno­mene krei­iert — die Pres­se­auf­merk­sam­keit ist einem mit “Karriere-Kai” fast sicher.

Mich erin­nert die Auftei­lung in Typen an Lutz von Rosen­stiel, der 1993 drei Grund­typen der Karrie­re­mo­ti­va­tion iden­ti­fi­zierte:

  • „Karrie­risten“ sind leis­tungs­be­reit und auf der Suche nach hier­ar­chi­schem Aufstieg aus; hohe Entloh­nung ist ihnen wichtig.
  • „Frei­zeit­ori­en­tierte“ sind nicht bereit, zugunsten der Arbeits­zeit auf Frei­zeit zu verzichten.
  • „Alter­­nativ-Enga­­gierte“ sind ähnlich Leis­tungs­be­reit wie die Karrie­risten, verfolgen aber Ideale, deren Verwirk­li­chungs­mög­lich­keiten sie außer­halb tradi­tio­neller Unter­nehmen sehen.

Edgar Schein entwi­ckelte sechs Jahre später mit dem Karrie­re­anker sieben Karrie­re­mo­ti­va­tionen. Er erkannten die Karrie­re­mo­ti­va­tion “Lebens­stil­in­te­gra­tion”, im Grunde Frei­zeit­ori­en­tie­rung nach Rosen­stiel oder/und Worklife-Balance (“Fami­­lien-Franzi”) nach Gen Y.  Rosen­stiels Alter­­nativ-Enga­­gierte, so meine Hypo­these, dürften sich in Scheins Karrie­re­anker “Unab­hän­gig­keit” wieder­finden. Das ist der Anker/die Karrie­re­mo­ti­va­tion der oft etwas eigen­wil­ligen Intra­pre­neure.

Den Wunsch sich nicht totzu­ar­beiten, neudeutsch Work-Life-Balance, gab es schon immer. Neu ist aller­dings, dass dieses Work-Life-Balance-Ding allen Karrie­re­ori­en­tierten irgendwie wichtig ist, auch den Karrie­risten von heute (SINNdex Geld und/oder Ich). Doch ist das eigent­lich wirk­lich ein Trend oder nur etwas, was man verin­ner­licht hat? “Ich bin Gen Y”, also muss ich Work-Life-Balance fordern? Wenn Menschen mir off records verraten, dass sie liebend gern 12 Stunden arbeiten würden, sofern die Kohle stimmt (SINNdex Geld) oder von der Work-Life-Balance eigent­lich nur ab und an einen freien Freitag wollen (SINNdex Ich), liegt die Vermu­tung nahe.

Früher musste man für viel Kohle viel Arbeiten, heute weniger

Aller­dings haben sich Vorzei­chen verän­dert, die Arbeits­um­welt ist eine andere, wenn auch das System Wirt­schaft tickt wie immer — und den Karrie­retakt vorgibt (nach Niklas Luhmann konse­quent im binären Code Zahlung/keine Zahlung): Die Geld­ori­en­tierten müssen heute nicht mehr unbe­dingt 12 Stunden am Tag rein­hauen und schaffen, sofern sie die rich­tigen Lauf­bahn­ent­schei­dungen getroffen haben. Passt´s, können sie durchaus in Rich­tung Frei­zeit­ori­en­tie­rung mutieren. Aber wehe wenn der Schwei­ne­zy­klus kommt.

Die Ich-Orien­­tierten wollen nicht stehen­bleiben. Möglich, dass es immer mehr unter ihnen gibt, deren Enga­ge­ment sich nicht mehr in Geld auszahlen wird (weil das System Wirt­schaft nicht Bildung, sondern eben Zahlung will, welche verwert­bare Arbeits­kräfte eher verheißen). Denn wer nicht für sich und nicht für das Konto studiert, folgt oft seinen (Lern-)Interessen. Da hat man dann ruck­zuck mehrere Studi­en­gänge und nichts Mone­täres davon.

Idea­listen gab´s schon immer

Dieje­nigen mit dem SINNdex Ihr könnten Edgar Scheins Idea­listen („Dienst für die Sache“) sein. Immer schon wollten Idea­listen die Welt verbes­sern, nur waren die Themen andere. In meiner Gene­ra­tion noch eher das Wald­sterben und Tcher­nobyl. Inzwi­schen sind die Dinge, die man retten muss, erheb­lich größer und unüber­schau­barer geworden. Es besteht ein sehr viel inten­si­verer Bedarf nach Rettung von allem Mögli­chen… (und irgendwie bin ich nicht zur Gen Y zu gehören, denn ich wüsste nicht, wo anfangen).

Werden sich die beruf­li­chen Wege, die Irrungen und Wirrungen der Gen Y von unseren unter­scheiden? Wenig, meine ich. Die Karrie­re­le­bens­phasen scheinen genau dieselben sein werden, finden nur zu anderen Zeit­punkten statt. Es geht am Anfang des Berufs­le­bens IMMER darum, Türen zu finden, durch die man beruf­lich gehen kann und hinter denen ein Zuhause wartet. Das war schon früher mit Umwegen verbunden, nur durfte man diese nicht so unge­straft gehen wie heute. Danach, in der Karrie­re­phase, will man seine Schäf­chen ins Trockene bringen, die einen mehr, die anderen weniger. Irgend­wann kommt der Wunsch noch mal was anderes zu machen und schließ­lich holt einen die gene­relle Sinn­frage ein: warum lebe ich? Und wieso arbeite ich? Für das nächste LED TV?

Eins ist mögli­cher­weise jedoch wirk­lich funda­mental anders: Die erste Sinn­krise kommt deut­lich früher. Siehe Anna. Malen in der Toskana ging früher erst ab 40.

Beitrag teilen:

Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

Folgen Sie mir gerne auf Youtube und wenn Sie nichts verpassen wollen auch bei Linkedin.

 

2 Kommen­tare

  1. René Jacobi 21. Mai 2014 at 12:49 — Reply

    Sehr geehrte Frau Hofert, ^^

    ich danke Ihnen für diesen objek­tiven Blick und die realis­ti­sche Darstel­lung dessen, was “meine” Gene­ra­tion ausma­chen soll.

    Ich empfinde es ehrlich gesagt mitt­ler­weile als höchst frag­würdig, die Forde­rungen in Gene­ra­tionen zu unter­teilen. Und wie Sie ja tref­fend darge­stellt haben, sind die Wünsche und Ziele alle­samt gar nicht so wirk­lich neu, nur wurden Sie eben früher anders genannt.

    Und ich glaube hier liegt der Kern der Wahr­heit. Es ist nicht eine bestimmte Alters­klasse die möchte das etwas anders wird, es ist eine Gesell­schaft die sich mehr und mehr diffe­ren­ziert und ihre Wünsche neu formu­liert, auch wenn es im Vergleich zu früher “nur” neue Formu­lie­rungen sind.

    Alles neue auf eine Gene­ra­tion zu beziehen halte ich für zu kurz­sichtig und einfach.

  2. Sprach­auf­nahmen 13. Juli 2015 at 13:07 — Reply

    Danke für diesen Beitrag. Auch in 2015 inte­resant.

Leave A Comment

Diesen Blog durch­su­chen