Kate­go­rien

SLOW WORK: Wo Sie es heute noch richtig langsam angehen lassen können

Published On: 7. Februar 2012Cate­go­ries: Führung

Zukunft der Arbeit: Die einen lieben und die anderen hassen sie. Jedes Jahr mehr atypi­sche Arbeits­ver­hält­nisse. A‑Typisch heißt: Nicht typisch. Oder auch: Unnormal, anders. Bisher. IBM plant, seine Mitar­beiter in die Cloud zu sourcen. Projekt­ver­träge statt Fest­an­stel­lung.  Atypisch wird typisch. Unnormal normal. Das lang­same ist jetzt das andere.

Ihnen läuft der kalte Schweiß über die Stirn, wenn Sie daran denken? Gibt es denn gar keine SLOW Jobs, fragen Sie sich?

Ich hab mich für Sie umge­schaut. Dies ist Folge EINS des SLOW-WORK-Reports.

Der Notar

Meine aktu­elle Hitliste der aller­SLOWSTEN Jobs führt der Notar an. Letzte Woche war ich bei so jemandem, um die „Löschungs­be­wil­li­gung“ für das Zwan­zigstel eines Hauses ausfüllen zu lassen, das ich bis zu diesem Zeit­punkt besaß. Ich kam meine übli­chen 5 Minuten nach dem verein­barten Termin in übli­cher  Noslow-Hektik. Eine nette Dame an der Rezep­tion nahm meine Verspä­tung völlig entspannt, zwei weitere links und rechts stem­pelten SLOWLY vor sich her, während ich im Warte­zimmer IN ALLER RUHE Platz nehmen durfte. Derweil wurde getippt und gedruckt, unter­schrieben und versie­gelt. Als die Urkunde fertig war, schritt der Notar mit breitem Lächeln auf mich zu und reichte mir seine sehr entspannte Hand mit der Kosten­note (14,67 EUR). Eine Sekunde dachte ich, dass ich doch besser Jura studiert hätte, eh ich mich daran erin­nerte, dass dieses Jobleben IMMER so aussehen würde, Jahr um Jahr, Tag für Tag.

Mir fiel die Statistik ein, die ich neulich zur Aktua­li­sie­rung des äußerst span­nenden Unter­ka­pi­tels „Berufs­un­fä­hig­keits­ver­si­che­rung“ für mein „Praxis­buch für Frei­be­rufler“ gelesen hatte: Notare führten die Liste derje­nigen an, die nur ein sehr geringes Risiko haben, je berufs­un­fähig zu werden. Depres­sionen und andere psychi­sche Erkran­kungen, die weit mehr als 20% aller Künstler im Laufe ihres Arbeits­le­bens heim­su­chen – Notare bleiben verschont.  Nun kann jeder Künstler werden, aber nicht jeder Notar: Ein zweites juris­ti­sches Staats­examen muss sein, außerdem sollte gerade Bedarf an Notaren bestehen, denn die Länder regle­men­tieren den Zugang. Schade auch.

Der Patent­an­walt

Ähnlich entspannt fühlt sich mindes­tens aus der Ferne ein Dasein als Patent­an­walt an. Kürz­lich saß ich mit einem solchen beim Essen, er strahlte einen Fächer voller Ruhe aus. Mir fiel ein früherer Kunden, der sich Eltern­ge­steuert in diese Ausbil­dung begeben hatte und wenig Gutes berichtet hatte. Doch sein Problem war wohl, dass er kein SLOW Jobber war – zu dyna­misch, aktiv und leis­tungs­hungrig. Der Patent­an­walt indes braucht eine ausge­gli­chene Prüfer-Menta­­lität (Shaper wäre voll­kommen falsch an dieser Stelle). Doch auch für den Patent­an­walt ist der Zugangsweg steinig: Erst mal ein Inge­nieur­stu­dium oder etwas anderes wie beispiels­weise Physik; es folgen mehr als drei Jahre Ausbil­dung. Aber dann! Über­schau­bare Arbeits­zeiten! Geld wie Heu. Return on Invest­ment = very high. Und dann: Slow Life, Fitnesstudio den ganzen Tag, Mittags in Ottensen Cafe trinken und den Latte Macchiatto-Mamis  zuschauen…

Steu­er­be­rater

Ausruh­jobs gibt es  natür­lich auch in der Finanz­branche. Steu­er­be­rater wäre mein aktu­eller Favorit. Mit geschicktem Pricing und nach der Lektüre von Stefan Meraths „Ihr Weg zum erfolg­rei­chen Unter­nehmer“ (die logi­sche Konse­quenz meines Slow-Grow) schafft man es, seine Ange­stellten so zu dispo­nieren, dass man nur noch die Gespräche mit den VIPs führen muss und ansonsten einmal im Jahr seinen Otto unter die Steu­er­erklä­rungen macht. (Lieber Steu­er­be­rater, ich weiß, dein Job kann richtig stressig sein — deshalb verweise ich ausdrück­lich auf Herrn Merath ;-))

SAP-Berater

Würde ich heute noch mal wählen können, fiele meine Studi­en­ent­schei­dung entweder auf Jura (wegen des Notars) – oder auf Infor­matik, weil man damit SAP-Berater werden kann. Gut, ich hätte mich durch­quälen müssen. Aber die Früchte hängen hoch, u.a. am SAP-Baum. Man kann schön in einem ruhigen Winkel einer großen Firma arbeiten und niemand weiß so ganz genau, was man tut. Außer viel­leicht der Projekt­leiter. Oder der Kollege. Ruhe satt? Nicht ganz. Dafür aber eine rela­tive ökono­mi­sche Sicher­heit. In 20 Jahren ist mir jeden­falls noch kein SAP-Berater begegnet, der lange dursten musste.

Heil­prak­tiker

Über­schau­bar­keit, Slow­ness… Und: Eine Stunde ist eine Stunde, und eine Stunde kostet ab 60 EUR. Ist nicht viel, aber bere­chenbar. Heil­prak­tiker ist wirk­lich kein sehr gut bezahlter Job, und man sollte es nicht werden mitten in Hamburg oder Berlin, wo so viele andere SLOW arbeiten wollen – aber irgendwo auf dem Land; die Ruhe ist in diese Beruf ja system­im­ma­nent.  Der ideale Job für Menschen in der zweiten Lebens­phase,  die Stress genug gehabt hatten, SAP-Berater zum Beispiel 😉

Blöd nur, dass eine lange, lange Ausbil­dung dazu gehört. Nix da Para­­celsus-Schule und Prüfung, fertig zum Erfolg. Die richtig Guten bilden sich länger als Patent­an­wälte und Notare zusammen. SLOW GROW.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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One Comment

  1. […] Selbst­stän­dige und gene­rell im Berufs­leben erfolg­rei­cher. Intro­ver­sion billigen wir allen­falls dem Heil­prak­tiker zu oder dem Psycho­the­ra­peuten. Der muss auch nicht akqui­rieren und Kunden gewinnen. Die kommen ja […]

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