Kate­go­rien

So schnell kann´s gehen: Wie sich 12 Monate Arbeits­lo­sen­geld­an­spruch durch äußere und innere Umstände ruck­zuck auf 0 redu­zieren

Published On: 28. August 2013Cate­go­ries: Mensch & Orga­ni­sa­tion

Ein Jahr Arbeits­lo­sig­keit geht rum wie nix. 12 Monate Arbeits­lo­sen­geld im Normal­fall — hört sich lang an. Aber es ist ruck­zuck vorbei. Und es sind auch keine “echten” zwölf Monate,  in denen man durchweg die Chance hat einen neuen Job zu bekommen.

Das sehe ich gerade mal wieder bei Kunden im Outpla­ce­ment oder in der Prozess­be­glei­tung. Meist haben sie spezia­li­sierte Profile, fast immer sind es Akade­miker. Deren Erfah­rung:

  1. Im Jahr fallen etwa drei Monate aufgrund höherer Gewalt einfach AUS. Es  arbeitet sowieso niemand bzw. mindes­tens eine Person aus Fach­ab­tei­lung, Person oder Führungs­etage NICHT im:
  • Januar (bis einschließ­lich 3. Woche, also 2 Wochen)
  • gesamten Juli und August (8 Wochen)
  • halben Dezember (2 Wochen)

- 3 Monate = 9 Monate

So redu­ziert sich die Zeit zum Suchen, Bewerben etc. auf neun kurze Monate. So lange braucht ein Embryo bis zur Austra­gung. Und die Zeit geht schnell vorüber, wie Sie selbst viel­leicht wissen werden!

Aber dabei bleibt es nicht.  Die Zeit­re­duk­tion geht weiter.…

Sechs weitere Monate sind unver­meid­li­chen Kolla­toral­schäden geschuldet. Diese liegen nicht in der Macht des Bewer­bers und auch nicht in der seines Bera­ters, sondern sind system­im­ma­nent:

  • Mann/Frau muss den ganzen Mist erst mal verar­beiten. Schlie­ßung, Kündi­gung etc. Ich rechne pro Jahr Betriebs­zu­ge­hö­rig­keit mit einem Monat Trauer, Wut oder Depres­sion, für die ersten 10 Jahre. Danach redu­ziert sich das Nach-dem-Job-Leiden auf ein halbes Jahr bis zum 20.. Leicht über­trieben, aber kein wirk­li­cher Scherz. Sie können nämlich davon ausgehen, dass Menschen mit höherer Betriebs­zu­ge­hö­rig­keit viel­fach einen höheren Neuro­ti­zismus haben, also grund­sätz­lich oft mehr LEIDEN.
  • Mann/Frau muss erst am eigenen Leib erfahren, dass Frau Hofert DOCH Recht hat. Ich sage natür­lich, wie es ist, soweit ich das (ab-)sehen kann. Mein Hang zum Realismus zwingt mich in nüch­terne Betrach­tungs­weisen, die ich nett verpacke. Mann und Frau nickt. Aber er/sie wird selbst wenn wir planen VIEL aktiver zu sein  in den ersten drei bis Monaten oft nur wenige Bewer­bungen losschi­cken…. Man glaubt halt nur, wie es ist, wenn man es erlebt.

- 3 Monate = wir haben noch 6 Monate, Hilfääää….

  • Mann/Frau schickt dann mehr Bewer­bungen raus, um bloß nicht mehr mit diesem unsym­pa­thi­schen Fall­ma­nager zu tun zu bekommen, der einem Char­mantes sagt wie „Ihr Coach … hat Sie doch sicher darauf hinge­wiesen, dass Sie nie mehr so gut verdienen werden?“ (Nein, weil das Bull­shit ist und weil man wirk­lich einfühl­sa­mere Worte finden kann, um die Möglich­keit gerin­gerer Verdienste zu thema­ti­sieren!)
  • Einla­dungen kommen dann auch…. aber erst nach rund vier bis sechs Wochen. Die eigent­liche Entschei­dung kann sich dann wiederum vier bis sechs Wochen hinziehen, es folgt  die 2. und 3. und 4. Auswahl­runde – macht noch mal drei Monate Warten, Füße Scharren.

- 3 Monate = es bleiben noch 3 Monate, MY GOD

  • Mann/Frau muss auch erst mal begreifen, dass man eigent­lich doch nicht will, was man anfangs wollte… einen ruhigen Job…. (Lange­weile!)…. Mehr Geld… usw. Neeee, man kann zu viel. Ist auch nicht gut, wenn man das nicht anwenden kann…
  • Mann/Frau will nicht alles machen, wer will das? Verstehe ich. Nein­sagen ist der Weg zum Glück. Findet die Arbeits­agentur natür­lich nicht.
  • Jetzt fängt man an, sich mit den bishe­rigen Erfah­rungen gezielter zu bewerben und langsam kommt auch wieder hoch, was ganz am Anfang geplant wurde.… ja 15 Bewer­bungen im Monat… Aber die Reso­nanz lässt auch sich warten. Durch­schnitt­liche Bear­bei­tungs­dauer, das hatte ich gestern vom IAB bei Face­book gepostet  = 82 Tage. Ich würde sagen, dies ist bei höheren Posi­tionen sogar ein unterer Wert.

- 1, 2, 3 Monate = 0 Monate, ab jetzt müssen wir uns leider selber finan­zieren. Hartz IV – never!

Ach ja, das was ich schreibe, ist halb oder drei­viertel ernst gemeint. Ich weiß nicht so recht, ob es eine Kritik an den 12 Monaten Arbeits­lo­sen­geld ist oder an der Schwer­fäl­lig­keit der Unter­nehmen bei der Perso­nal­aus­wahl – oder an beidem.  Ich weiß nur, dass hoch­qua­li­fi­zierte Fach- und Führungs­kräfte länger brau­chen, um Anschluss­jobs zu finden als einfach quali­fi­zierte. Und dass das mit unserer zuneh­menden Segmen­tie­rung, Spezia­li­sie­rung und Diver­si­fi­zie­rung zu tun hat. Und mit den furchtbar lang dauernden, unbe­frie­di­genden Recrui­­ting- und Auswahl-Prozessen.

Ich bin aber  auch der Meinung, dass eine reine Alg-I-Verlän­­ge­rung keinen Sinn macht. Weiter­bil­dungen mit Anpas­sungs­qua­li­fi­zie­rungen müssen für die immer häufiger werdenden Über­gangs­zeiten zwischen Jiob und Job obli­ga­to­risch werden. Und zwar selbst gewählte und gut ausge­wählte – und nicht diese billige Art, bei der man vormit­tags schlechten Unter­richt bekommt und nach­mit­tags ein Pseudo-E-Lear­­ning hat, das allein dem Zweck dient, Dozen­ten­ho­no­rare zu sparen.

 

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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5 Kommen­tare

  1. Konstanze 29. August 2013 at 14:11 — Reply

    Das sind leider auch meine Erfah­rungen… Gerade wirk­lich gute ausge­bild­tete Akade­miker, welche mit um die 50 auf den Arbeits­markt zurück­ge­schmissen werden (weil zu teuer in der alten Firma) haben erheb­liche Probleme wieder in den Arbeits­pro­zess einzu­steiegen. Dabei reden die heutigen Poli­tiker doch vom Fach­kräf­te­mangel und den Folgen der Demo­gra­phi­schen Entwick­lung!
    Echt schade ist das!!

  2. Jenny 30. August 2013 at 11:14 — Reply

    Oh wie Recht Sie doch (leider) haben. Ich habe es selbst erlebt, wie Willkür, Hoffär­tig­keit (ein altes Wort, ich weiß, aber es trifft zu), Arro­ganz und einfach “Nicht­be­ach­tung” einem Arbeits­su­chenden das Leben zur Hölle machen.
    Ich hatte 2010 im Juli einen klas­si­schen Burnout, mit Psycha­trie­auf­ent­halt, Reha und alles Drum und Dran.
    Anfang 2012 habe ich meine Job dann aus gesund­heit­li­chen Gründen aufgeben müssen und bei meinem dama­ligen Arbeit­geber gekün­digt. (Der war nicht ganz unschuldig an meiner Misere, Stich­wort Mobbing, Hams­terrad, fehlende soziale Kontakte, keinerlei Kommu­ni­ka­tion während der Arbeit (auch keine Tele­fo­nate, auch nicht geschäft­lich), alles nur per mail. von Schreib­tisch zu Schreib­tisch !!).
    Kurz und schlecht. So habe ich bereits vor Ausbruch meines Burn­outs begonnen, mich zu bewerben. Insge­samt waren es bis März diesen Jahres an die 90 Bewer­bungen.
    Ja, und von ca 15 Firmen gab es eine Rück­mel­dung !!! Andere haben es nicht mal nötig, den Eingang der Bewer­bung zu bestä­tigen, oder sich irgendwie sonst zurück­zu­melden. Und ganz übel: die soge­nannten Arbeits­ver­mittler und Zeit­ar­beits­firmen. Sind sofort dabei, einen Termin mit Dir fürs Vorstel­lungs­ge­spräch zu machen. Und dann hörst Du nix mehr. Aber auch gar nix !! Unglaub­lich. Ich bin 57 Jahre alt und Hartz IV undenkbar, nachdem ich 90% meiner mögli­chen Zeit berufs­tätig war. Auch neuen Heraus­for­de­rungen immer offen gegen­über gestanden habe. Zeug­nisse — echt super. Was viele Arbeit­geber vergessen (wie ich meine): mit 57 ist man zwar nicht mehr die Jüngste, zuge­geben. Aber in aller Regel flexibel, zuver­lässig, gewis­sen­haft, kennt Werte und hat Erfah­rung auf vielen Gebieten, sind nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen und oft belast­barer als Junge.
    Und… letzt­end­lich hat man noch 9 Jahre zu arbeiten, bis die Rente möglich ist.
    Wie man sich das in Perso­nal­ab­tei­lungen zu vorstellt ? Ich weiß es nicht.
    Das Gute zum Schluss: Ich habe letzt­end­lich eine Anstel­lung gefunden. eine die zu mir passt. Nicht mehr ganz auf dem Niveau wie früher (ich bin von Hause aus Einkäu­ferin im textilen Bereich/Mode und Outdoor), aber ich bin sehr sehr glück­lich, dass es noch geklappt hat.
    Viel­leicht jedoch auch nur, weil mein Chef 75 ist (?)…
    Alles Gute jedem, der auf Jobsuche ist.
    Hab auch ein paar Tipps, wenn jemand inter­es­siert ist …

  3. Lars Hahn 31. August 2013 at 12:00 — Reply

    Gute Beschrei­bung, warum Arbeits­lo­sig­keit grad bei erfah­renen Menschen oft schwie­riger ist, wenn sie gut quali­fi­ziert sind. Entspricht genau meiner Erfah­rung:
    Die Gehalts­falle — ich hab ja so viel vorher verdient
    Die Über­qua­lif­zie­rungs­falle — für was einfa­cheres nimmt mich doch eh keiner
    Die Spezia­lis­ten­falle — in meiner Branche gibt es eh nur wenige Jobs und die sind besetzt.

    Neben der von Dir erwähnten Trau­er­ar­beit und des Zurecht­rü­ckends von bestimmten Vorstel­lungen kommt auch noch dazu, dass gestan­dene Profes­sio­nals auf die Bewer­bungs­tour rein­fallen. Sie schreiben ausschließ­lich Bewer­bungen auf Stellen, die möglich­weise gar nicht recht passen und unter­lassen das, was sie im Job vorher getan haben: Netz­werken, Gespräche führen, sich in der Branche rumtreiben, Syste­ma­tisch Kaffee­trinken eben.

    Dein Plädoyer für die Weiter­bil­dung in der Zeit der Jobsuche finde ich natür­lich klasse. Und stimmt: Qualität muss stimmen. Und dann noch: Es ist gut, wenn sich dabei auch der Staat enga­giert. Öffent­lich geför­derte Weiter­bil­dung zahlt sich für die Gesell­schaft aus, sofern sie sinn­voll und ziel­ori­en­tiert ist.

  4. Ross­mann 10. Dezember 2013 at 15:34 — Reply

    Hallo Frau Hofert,

    ich habe Ihren Artikel auf SPON gelesen — (leider) alles richtig
    was Sie schreiben, was ich aus eigener Erfah­rung bestä­tigen kann (promov. Ökon., 5 Jahre Berufs­er­fah­rung, passa­bler CV wie ich finde). Ich will einfach nur Danke sagen für Ihren Beitrag,
    der mehr sowas von aus der Seele gespro­chen hat. Mitt­ler­weile
    (nach genau 12 Monaten ALG1) wieder im Job.

    Es grüßt freund­lichst,
    Ross­mann

  5. Klaus Rosen­kranz 10. Dezember 2013 at 17:02 — Reply

    Ich kann die geschil­derte Situa­tion aus eigener Erfah­rung bestä­tigen und habe mich dann letzt­end­lich vor ca. 8 Jahren für die Selbst­stän­dig­keit als Exis­­ten­z­­grün­­dungs- und Unter­neh­mens­be­rater entschieden. Aller­dings erscheint mir die mit dem Artikel vermit­telte Botschaft nicht gerade hilf­reich für die Betrof­fenen.

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