Kate­go­rien

St. Gallen slow growt – und sagt: Jeder kann gründen

Published On: 4. Februar 2013Cate­go­ries: Führung

Wäre ich ein Mann, man(n) wäre wohl härter mit mir ins Gefecht gegangen. Doch als Frau bekam ich ein paar kriti­sche Fragen und einige „so funk­tio­niert das nicht wie Sie das sagen“, als ich letztes Jahr einige Vorträge vor Wirt­schafts­för­de­rungen hielt. Die Banker und länd­li­chen Unter­nehmer beäugten meine Aussagen kritisch: Kein Ziel, Busi­ness Plan eher ein Erfolgs­ver­hin­derer – das hört man nicht so gern in diesen Kreisen. Und sagt dann leicht „ja, Berater können sowas sagen.“ Dass ich  selbst Unter­neh­merin bin, mich also nicht nur im Kommu­­ni­­ka­­tions- sondern durchaus auch im Hand­lungs­raum bewege, hätten sie nicht gedacht.

Zu meine über­wie­gend sehr gut bewer­teten „Slow­­Grow-Prinzip“ bei Amazon findet sich der ein oder andere Kommentar, der die vielen posi­tiven Bewer­tungen Menschen zuschreibt, die anders als man selbst „nicht unter­neh­me­risch moti­viert“ seien. Wirk­lich? Dahinter verbirgt sich die These, Unter­nehmer sei Unter­nehmer  — und ein Frei­be­rufler können das nie werden.

Und jetzt, endlich, bekomme ich ganz offi­zi­elle Rücken­de­ckung! Über Twitter wurde mir am Freitag ein Video des Lehr­stuhls für Entre­pre­neur­ship der Univer­sität St. Gallen zuge­spielt. Es fasst aus wissen­schaft­li­cher Sicht unter dem Namen „die unter­neh­me­ri­sche Methode“ zusammen, was ich in meinem Slow­­Grow-Prinzip aus Sicht der Praxis schon vor zwei Jahren beschrieben habe.

Ich fasse hier die wich­tigsten Punkte zusammen und füge ein wenig aus meiner Erfah­rung hinzu:

1.       Schau nach, was in Deinem Vorrats­schrank ist und koch daraus was Passendes

Ich hatte nie konkrete Ziele, aber ich habe immer erreicht, was ich mir vorge­stellt habe, meist eher „so unge­fähr“ und mit der stän­digen Bereit­schaft, Entwick­lungen sofort zu inte­grieren und neu zu denken. Damit nutze ich ähnlich wie Richard Branson die „unter­neh­me­ri­sche Methode“, sagt St. Gallen. Ich habe keine direkten Ziele, sondern folge dem, was mich gerade antreibt.  

Da ticken Unter­nehmer ganz anders als Manager. Manager denken: welches Ziel habe ich und wie kann ich es errei­chen? Unter­nehmer checken die vorhan­denen Mittel, zu denen auch die Persön­lich­keit gehört. Man schaut, was man im Vorrats­schrank findet und daraus kochen kann. Genau das empfehle ich in meinem als Marke geschütztem Slow-Grow-Prinzip.

2. Du brauchst keine beson­dere Idee, mach einfach

Die verkrampfte Suche nach einem vermeint­li­chen USP war mir immer schon suspekt. Es führt zu dem, was ich in meinem Buch „Quick-Posi­­tio­­nie­rung“ nenne. Die meisten Menschen machen etwas, was es schon gibt, und das ist OK so. Dem einen schrägen Namen zu geben, ist Unsinn. „Schau in den Kühl­schrank und nimm was da ist!“ empfiehlt auch das Video. Wichtig ist, anzu­fangen und seine Ideen dann weiter­zu­ent­wi­ckeln oder neue zu gene­rieren. Es geht darum, nach und nach eine Beson­der­heit zu entwi­ckeln und nicht unbe­dingt von Anfang an.

3.      Gewinn­erwar­tung? Kalku­liere mit dem ertrag­baren Verlust

Die meisten von uns bekommen Bauch­schmerzen, wenn Sie Kredite aufnehmen sollen. Anders als Manager kalku­lieren wir Slow­­Grow-Unter­­nehmer keine Gewinne, sondern ertrag­bare Verluste. Womit können wir gut schlafen? Das ist die Summe, die wir aufzu­nehmen bereit sind. Bei mir ist das übri­gens null, das mag Fami­li­en­his­to­risch bedingt sein.  Deshalb finan­ziere ich alles aus privaten Mitteln.

Denn bitte vergessen Sie nicht: Eine unter­neh­me­ri­sche Haltung wird von den Eltern weiter­ge­geben. Da  die meisten von uns keine Unter­­nehmer-Eltern hatten, ist der uns Nicht-Unter­­neh­­mer­kinder maximal erträg­liche Kontext am  Anfang oft der Frei­be­ruf­lers.  Die Jahre verän­dern das, mit ihnen steigt bei erfolg­rei­chen Frei­be­ruf­lern auch die Selbst­wirk­sam­keits­er­war­tung.

Nach­wach­sende Gene­ra­tionen, die ja schon  ganz andere Lebens- und Arbeits­mo­delle vorge­lebt bekommen, werden sich hier ganz sicher anders verhalten. Mutiger!

4. Geheim­halten? Quatsch: Spre­chen wir drüber

„Ich hab eine Idee und keiner darf es wissen.“ Was für ein Quatsch! Ideen, die kaum ausge­spro­chen, schon abge­kup­fert sind, sind sowieso nicht markt­taug­lich. Es geht gar nicht um Win-Loose, da der Kuchen sowieso noch nicht geba­cken ist. Co-Krei­ieren nennt es St. Gallen: Durch die Ideen der anderen und Partner entsteht der Erfolg. Deshalb teste ich meine Produkte in meinem Fanbe­reich bei Face­book. Deshalb gehe ich stets auf Feed­back ein und schaue mir immer an, was ich auch aus kriti­schen Rück­mel­dungen lernen kann. Kunden­dialog gehört genauso dazu wie Kolle­gen­dialog. Wozu es führt, wenn Manager abge­kop­pelt sind vom Feed­back, sehen wir jeden Tag. Und auch die Unter­nehmer das Typs „ich weiß am besten, was ich kann und brauche keine Berater“ sterben gott­sei­dank aus.

5. Idee oder Persön­lich­keit? Natür­lich Persön­lich­keit

Jeder kann  gründen, auch das ist eine These in meinem Buch. Was Entre­pre­neure besser können als andere ist der Umgang mit dem Uner­war­teten. Es entwi­ckelt sich nicht wie gedacht? Kein Problem: So lange Sie keinen Busi­ness Plan haben, an dem Sie sich krampf­haft fest­halten, können Sie sich auf Neues immer einstellen.  Auch der Umgang mit dem Uner­war­teten ist lernbar.

„Entre­pre­neurs are made not born“, sagt das Video. Genauso ist es.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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5 Kommen­tare

  1. Sabine Dinkel 4. Februar 2013 at 14:40 — Reply

    Sehr schön, Svenja, du schreibst mir mal wieder aus der Seele.

    Ich finde das Slow-Grow-Prinzip richtig gut und habe das Buch schon vielen meiner Klienten ans Herz gelegt.

    Beson­ders denen, die hart­nä­ckig mit ihrer angeb­lich nicht vorhan­denen “Unter­neh­mer­per­sön­lich­keit” hadern. Oder denje­nigen, die durch den Mythos “ich muss mit jetzt absolut fest­legen, wo die Reise hingehen soll.” üble Bauch­schmerzen haben und daher oft nicht zu Potte kommen.

    Herz­liche Grüße
    Sabine

  2. Loers 4. Februar 2013 at 20:47 — Reply

    Liebe Svenja,
    Glück­wunsch zu der Rücken­de­ckung aus St. Gallen!
    Für mich ist Dein Slow grow ein guter Ratgeber, immer dann, wenn ich unge­duldig werde und auch hadere. Es erin­nert mich immer wieder, dass es Schritt für Schritt in die rich­tige Rich­tung geht.
    Ja, reden darüber, das machen viele Gründer zu wenig. Mein Tipp dazu, Blog schreiben hilft und gewöhnt einen daran, immer wieder seine Themen zu kommu­ni­zieren. Das kann ich nur empfehlen!
    Gerade den Umgang mit dem Uner­war­teten genieße ich am Unter­neh­mertum. Es kommen so ganz span­nende Themen auf einen zu, wenn man es zulässt.

    Herz­liche Grüße
    Silke

  3. Marion Rohwedder 5. Februar 2013 at 9:52 — Reply

    Liebe Frau Hofert,

    mit Inter­esse verfolge ich Ihren Blog, habe mir vor längerer Zeit auch Ihr Slow-Grow-Buch zuge­legt und vieles wieder­ge­funden, was ich selber unter­schreiben würde. Auch ich stoße — beson­ders bei einge­fleischten Unter­neh­mern der alten Schule — immer wieder auf Skepsis und Unver­ständnis, wenn es um die Themen Coaching­kon­zepte, Firmen­ent­wick­lung, Exis­tenz­grün­dung o.ä. geht. Aber der Erfolg gibt Ihnen, mir und anderen, die das Slow-Grow-Prinzip auf die ein oder andere Art anwenden, recht: Es funk­tio­niert, ist zeit­gemäß und auf lange Sicht eine stabile Basis für unternehmerische/freiberufliche Tätig­keiten. Wunderbar, dass Sie das Buch geschrieben haben, und ich freue mich für Sie, dass die Uni St. Gallen Ihre Auffas­sung unter­mauert. Die Berliner Werk­statt für Entre­pre­neure unter Prof. Faltin tut das übri­gens auch.

    Beste Grüße,

    Marion Rohwedder

  4. Martina Baehr 11. Februar 2013 at 15:08 — Reply

    Liebe Frau Hofert, auch ich habe in den letzten Tage ihr Buch zum Slow Grow Prinzip gelesen. Und ich war wirk­lich sehr angetan von dem Ansatz. Für die meisten von uns bedeutet der Schritt in die Selb­stän­dig­keit ja eine größere Verän­de­rung. Weg von der sicheren abhän­gigen Beschäf­ti­gung hin zur unsi­cheren unab­hän­gigen Selbst­stän­dig­keit. Und da ist es aus meiner Sicht sehr intel­li­gent kleine, mach­bare aber auch voll­ständig abge­schlos­sene Schritte — wie die Grün­dungs­pro­jekte — zu gehen und aus jedem der Schritte zu lernen und sich langsam mit den Verän­de­rungen vertraut zu machen. Ich selbst beschäf­tige mich seit längerem mit der Macht posi­tiver Gefühle und weiß daher, dass ohne posi­tive Gefühle wie Spaß, Freude und/oder Zuver­sicht eine Verän­de­rung über­haupt gar nicht möglich ist. Das heißt wenn wir uns zu viel vornehmen und Frus­tra­tionen oder Ängste über­hand nehmen sind wir aus neuro­bio­lo­gi­schen Gründen gar nicht mehr in der Lage konstruk­tive Lösungen zu finden und weiter zu machen. Beson­ders gefallen hat mir ihr State­ment zum Mittelmaß. Das wir endlich wieder mal mensch­lich sein dürfen und nicht zu vermeint­lich perfekt funk­tio­nie­renden Maschinen mutieren müssen. Denn gerade unsere Mensch­lich­keit macht uns ja auch liebens­wert. Herz­li­chen Dank dafür Martina Baehr

    • Svenja Hofert 11. Februar 2013 at 17:05 — Reply

      Liebe Frau Baehr, Ihr State­ment freut mich sehr. Ich finde auch: Wir denken zu viel in Top-Leis­­tungen und zu früh. Um “groß und stark” zu werden, muss man im eigenen Tempo wachsen — nur dadurch kommen die von Ihnen beschrie­benen posi­tiven Gefühle. Dann kommt später viel­leicht auch eine Top-Leis­­tung, viel­leicht auch guter Durch­schnitt. Dieser Aspekt wird von der männ­lich domi­nierten Leis­tungs­li­te­ratur leider ausge­blendet… Ein Argu­ment, dass mir öfter entge­gen­ge­bracht wird: Die Leis­tungs­ori­en­tie­rung würde das gene­relle Niveau heben. Wirk­lich? Ich sehe nur eine gene­rell größere Spal­tung. Das ist wie die Diskus­sion, ob mich lieber mehr um die schwa­chen oder um die leis­tungs­starken Schüler kümmert. Ich sage: Und wo bleiben die in der Mitte?
      LG Svenja Hofert

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