Kate­go­rien

Stechender Blick, krumme Nase: Bestimmt das Gesicht die Karriere?

Published On: 30. November 2011Cate­go­ries: Führung

Da habe ich mich  geär­gert. Über das Buch, das ich neulich vom Best­sel­ler­tisch mitge­nommen habe, „Das Geheimnis, Gesichter zu lesen“. Offenbar gehen immer mehr Unter­nehmen und Menschen längst wider­legten Annahmen auf den Leim gehen.  »Der Urcha­rakter eines Menschen steht von Geburt an fest«, behaup­tete ein Berater namens Klaus Eisen­blätter gestern in Zeit Online.  „Psycho-Physio­­gnomik nennt sich der groteske Versuch, vom Äußeren aufs Innere zu schließen“, kommen­tiert das  Autor Bernd Kramer mit einer Distanz, die man außer­halb von Zeit, Süddeut­sche, FAZ und Spiegel nur noch selten findet. So kann sich Unsinn frei entfalten.

Halb­sei­dendes Gedöns und innere Haltungen, deren Wurzel in früh­kind­li­chen Prägungen stecken müssen, sind den Leuten nicht auszu­treiben.  „Er hat einen stechenden Blick“, urteilte der Geschäfts­führer eines mittel­stän­di­schen Betriebs und stellte den jungen Absol­venten als Projekt­leiter ein – obwohl die Stelle für mindes­tens 5 Berufs­jahre ausge­schrieben war. Jemand mit stechendem Blick könne sich durch­setzen, war er über­zeugt. Natür­lich ist das Blöd­sinn. Für jeden Fall, der das belegt, fällt mir mindes­tens ein Gegen­bei­spiel ein. Aber inmitten der Infor­ma­ti­ons­flut macht ein einfa­ches Krite­rium wie “stechender Blick” einem das Leben doch ziem­lich leicht. Halb­sei­denes Gedöns verbreitet sich schneller unter Denk­faulen.

Menschen mit großer krummer Nase seien keine Führungs­per­sön­lich­keiten, steht in dem oben erwähnten Buch, das ich lieber nicht verlinken möchte. Das ist nicht nach­ge­wiesen. Und selbst wenn, wäre damit der Beleg immer noch nicht erbracht. Schließ­lich könnte der fehlende Manage­men­t­er­folg ja auch auf andere Faktoren, etwa andere Talente, frühe Ausgren­zung im Kindes­alter oder eine schau­spie­le­ri­sche Lauf­bahn zurück­zu­führen sein (Gerard, ich grüße). Und was ist nach einer Nasen-OP? Hat man mit gerich­tetem Riech­organ mehr Erfolg? Liegt das dann an der gestie­genen Attrak­ti­vität oder verhin­dert der Ur-Charakter, das sich was ändert? Könnte man gar den Charakter wegope­rieren?

Keine Frage: Das Äußere wirkt und bewirkt. Aber deuten herab­hän­gende Mund­winkel auf eine (ange­boren) pessi­mis­ti­sche Grund­hal­tung oder schlicht auf ein schlechtes Binde­ge­webe und nicht genug Geld für oder Inter­esse an Hyaluron-Unter­sprit­­zungen? Ist eine krumme Nase wahr­haft Indiz für einen führungs­un­fä­higen Menschen? Ich denke an das Buch von Ralf Dobelli, das ich neulich gelesen habe: „Die Kunst des klaren Denkens. 52 Denk­fehler, die Sie besser anderen über­lassen.“ Da gibt es zum Beispiel den „Over­con­fi­dence Effekt. Warum Sie syste­ma­tisch Ihr Wissen und Ihre Fähig­keiten über­schätzen“.  Experten leiden demnach noch stärker am Selbst­über­schät­zungs­ef­fekt als Laien. Der Autor Jonah Lehrer zitiert einen Beleg, dass nur dieje­nigen Experten besser zutref­fende Prognosen als Laien liefern, die sich selbst öfter mal revi­dieren und in Frage stellen. Physio­­gnomie-Experten können sich nicht selbst revi­dieren, weil im Mittel­punkt dieser “Wissen­schaft” nur eine einzige Frage steht.

Selbst­kri­tiker verkaufen sich schlechter als Selbst­über­schätzer. Inso­fern eignet sich eine selbst­kri­ti­sche Haltung schon mal perse nicht dazu, etwas Altes als Neu und Wissen­schaft­lich zu verkaufen. Im Zeit-Artikel steht, die Feed­backs von Teil­neh­mern in einem Unternehme,n, das den Physio­­gnomie-Experten gebucht habe, seien begeis­tert ausge­fallen.  Das kann ich mir vorstellen. Ein Trainer wird gut evalu­iert, wenn er gut unter­halten konnte. Das fällt mit eingän­gigem Gedöns eben beson­ders leicht.

Wie Sie Gedöns als solchen erkennen?

  • Er wird als neu verkauft.
  • Es führt zu Schwarz-Weiß-Denken.
  • Belege sind nicht vorhanden, uralt oder halten keiner Prüfung stand.
  • Es gibt keinen prak­ti­schen Beweis.
  • Das Gedöns schadet Menschen und Gruppen von Menschen.

Und nun ab in die Quatsch-Box mit diesem Physio­­gnomie-Unsinn.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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3 Kommen­tare

  1. Eva Maria Gold­mann 30. November 2011 at 14:36 — Reply

    Ich bin absolut Ihrer Meinung! Gestern tauchte das Thema ja schon via Twitter auf. Ich war entsetzt. Irgendwie hatte ich mir einge­bildet, dass das Thema Phre­no­logie oder Physio­gnomik wäre endlich aus der Welt.…

  2. Lars Hahn 30. November 2011 at 21:23 — Reply

    Danke Svenja. Voodoo halte ich auch für wissen­schaft­li­cher, als nach Perso­nal­aus­wahl per Nasen­faktor. Mir gruselt es dabei.

    Vermes­sung von Gesich­tern, Nasen und Ohren haben über­dies in Deutsch­land eine sehr leidige Vergan­gen­heit. Schon die Natio­nal­so­zia­listen vermaßen während einer “wissen­schaft­li­chen Vorfüh­rung” bei einem jüdi­schen Mann das typi­sche arische Ohr, wie bereits bei Inge Deutsch­kron nach­zu­lesen ist.

  3. Ulrike Juli Scheld 1. Dezember 2011 at 12:38 — Reply

    Danke, liebe Frau Hofert, für diesen Artikel!

    „Halb­sei­denes Gedöns verbreitet sich schneller unter Denk­faulen“, hat mich sehr zum Lachen gebracht. Leider ist viel Wahres daran. Auch das Allge­meine Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) ändert daran leider nicht viel, außer dass der Umgang mit direkten Äuße­rungen gegen­über den Betrof­fenen zu einem Balan­ceakt wird.

    Äußer­lich­keiten, die nega­tive Asso­zia­tionen hervor­rufen, docken meiner Erfah­rung nach an schlechten Erin­ne­rungen an: aus der Familie, der Schul­zeit oder Kollegen, mit denen man schlechte Erfah­rungen gesam­melt hat. Aus diesem Grund einen hoch­qua­li­fi­zierten Kandidat auszu­sor­tieren, kann sich ein klug und unter­neh­me­risch denkender Entscheider nicht leisten! Grund zum Hinschauen und an sich selbst zu arbeiten.

    Meine Erfah­rung hat zudem gezeigt, dass sich das wahr­ge­nom­mene Äußere mit den Erleb­nissen wandelt, die man mit einem Menschen hat.

    Zwei­fels­ohne beein­flusst das Äußere unsere Wirkung auf andere. Daraus Charak­ter­ei­gen­schaften abzu­leiten, halte ich für Wunsch­denken!

    Herz­liche Grüße
    Ulrike Juli Scheld

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