Kate­go­rien

Taylo­rismus 2.0: Der Mensch in der Effek­ti­vi­täts­falle – vermessen und durch­leuchtet

Published On: 3. Dezember 2017Cate­go­ries: Mensch & Orga­ni­sa­tion

Glauben Sie ernst­haft, Sie könnten heute noch mit einem einfa­chen Lebens­lauf durch­kommen? Vergessen Sie es. Die „Career History“, immer öfter vor einem Vorstel­lungs­ge­spräch in Form eines Frage­bo­gens gereicht, will tief­ge­hend und weit­läufig erforscht werden. Immer mehr Firmen begnügen sich nicht mit einge­reichten CVs, sondern wollen, dass Sie sich daten­tech­nisch bis auf den letzten Monat ausziehen. Warum haben Sie Ihren letzten Job verlassen? Wurden Sie etwa gekün­digt? Was war der größte Erfolg? Gab es Probleme mit dem Chef? Wieviel genau (in EUR oder Dollar) hat ein Projekt Ihrer Firma gebracht?

Unmög­lich sagen Sie? Ach, das ist noch harmlos. warten Sie ab, wenn IBM Watson dazu kommt! Ich habe selbst gesehen, was dieser Daten­kerl so alles ausspu­cken kann. Sie füttern ihn einfach mit einem Bewer­bungs­an­schreiben und heraus kommt ein perfektes Persön­lich­keits­profil. Big Five, Werte, Motive, alles braucht nur 3.500 Zeichen. Mampf, mampf — durch­leuchtet! Nichts bleibt geheim. Doof nur, wenn ein Bewer­bungs­be­rater den Text geschrieben hat oder gar ein Muster­schreiben zugrunde liegt. Aber dafür gibt es ja schon die Sprach­ana­lyse “Precire”: 15 Minuten mit dem Computer der RWTH Aachen reichen – und man weiß, wes Geistes Kind Sie sind.

Rational und effektiv – aber unmensch­lich

Wir sind auf dem Weg in einen neuen Taylo­rismus, Taylo­rismus 2.0. Was bitte? Okay: Frede­rick Winslow Taylor war ein Inge­nieur um die vorletzte Jahr­hun­dert­wende, der im Zeichen der Auto­mo­bi­li­sie­rung den Arbeiter so vermessen wollte, dass er zum perfekten Roboter werden konnte, jeder Ablauf getaktet, jeder Hand­griff geplant. “Scien­tific Manage­ment” nannte er das. Das war einem ähnli­chen Denken wie der durch die Forschungen von Daniel Kahne­mann über­holte Homo Oeco­no­micus entsprungen: Alles ist rational, nichts mensch­lich. Gott­sei­dank retteten die Human Resources den Arbeiter und schafften adäquate Bedin­gungen. Studien und Expe­ri­mente hatten schließ­lich seit den 1930er Jahren gezeigt: Soziale Bindung und Auto­nomie braucht der Mensch. Selbst­be­stimmt­heit! Oh, Wunder.

„ich bin doch keine Maschine“, singt Tim Bendzko – und wahr­schein­lich war er lange nicht mehr fest­an­ge­stellt. Haben Sie mal Googles neues Büro­ge­bäude gesehen, dieses Donout-artige Ungetüm? Sahen Sie Leute in dichten Groß­raum-Käfigen arbeiten? Haben Sie den Vorständen gelauscht, die von Agilität schwärmen und mehr Effek­ti­vität meinen? Schnellst­lernen, schnellst­denken, schnell­st­in­no­vieren – was für Begriffe! Ich habe sie nicht erfunden. Sie stammen aus Inter­views. Mit diesem Denken wird Agilität in bestehende Struk­turen einge­hangen, werden ehedem humane Ideen wie die des agilen Mani­fests (z.B. “Indi­vi­duen und Inter­ak­tionen sind wich­tiger als Prozesse und Werk­zeuge!”) in Perfor­­mance-und KPI-Ketten gelegt.

Die Ressource Mensch wird mit Methoden verwertet; Abfall­pro­dukt: Selbst­be­stimmt­heit

Endlich, endlich hat man einen Einsatz­be­reich für den Menschen zwischen den Maschinen! Er soll Ideen­lie­fe­rant sein. Per Design Thin­king lässt sich Krea­ti­vität am Fließ­band produ­zieren, Scrum ermög­licht es, den Blick konse­quent auf die Arbeit zu lenken. „Während des Sprints dürfen wir nicht reden,“, hörte ich neulich. Gut, es war auch schlimm mit dem Flur­funk, Gerüch­te­ko­chen und Selbst­dar­stellen, alles Folgen von zu viel dysfunk­tio­nalem Status und Ego. Status und Ego sollten weg sein, aber sind immer noch da. Design Thin­king verspricht die Ressource Mensch mit seiner Kern­kom­pe­tenz Krea­ti­vität zu verwerten. Methoden verspre­chen Best Prac­tice. Aber wie das so bei Verwer­tungen ist, es bleibt immer etwas übrig, das auf dem Müll­haufen landet — die Selbst­be­stim­mung zum Beispiel. Jaja, das, was den Mensch zum voll­wer­tigen Mitglied einer west­li­chen Demo­kratie macht – zu mehr als einer Human­res­source.

Taylo­rismus 2.0 kommt freund­lich daher; man merkt ihn oft gar nicht. Team­ar­beit, agil, Flow: Das gibt Menschen Energie, macht sie aber auch gefügig. Ein kleiner Cock­tail Endor­phine, etwas Adre­nalin, Grup­pen­druck und schwupps hängt man sich voll rein. Ein wenig Lob und posi­tive Verstär­kung dazu, und die Leis­tung geht ab wie eine Rakete. Selbst­be­stim­mung? Wer das System nicht durch­schaut, kann sich nicht frei­willig dafür entscheiden ist somit abhängig. Ach, was frei­willig – ist ja ohnehin nichts mehr: Heute 20jährige haben bereits einen langen Track Record im Internet und Persön­lich­keits­pro­file hinter­lassen, die jeden Test über­flüssig machen.

Es ist fast wie im Roman The Circle. Wenn wir das zulassen, war es das mit humaner New Work, war es das mit echter Selbst­be­stim­mung und auch mit einer blen­denden Zukunft inmitten von künst­li­cher Intel­li­genz. Dabei wäre in der Mensch-Maschine-Inter­ak­­tion so viel möglich, ein Shift des Denkens – auf zu sozialer und globaler Verant­wort­lich­keit, Gerech­tig­keit, Teil­habe.

Künst­liche Intel­li­genz kann uns die Mensch­lich­keit zurück­geben

Im Film „Lucy“ nutzt Scar­lett Johannson immer mehr brach­lie­gende Gehirn­ka­pa­zität, um das Böse zu besiegen. Sie verschmilzt mit dem Computer, mit Vergan­gen­heit, Gegen­wart und Zukunft. Ein visu­elles Meis­ter­werk — obwohl der zugrun­de­lie­gende 10%-Mythos (besagt, dass wir nur 10% unseres Gehirns nutzen) wissen­schaft­li­cher Blöd­sinn ist. Aber darum geht es nicht. Es ist die Idee von dem, was wir werden können. Wir können unser Gehirn trai­nieren, indem wir uns auf andere Dinge konzen­trieren. Wir können uns neu erfinden. Sozialer werden, empa­thi­scher, verbun­dener mit den anderen und der Welt.

Ich bin doch keine Maschine? Künst­liche Intel­li­genz wäre eine Chance. Sie könnte uns Menschen entlasten von Aufgaben, die Computer besser können. Bliebe mehr Zeit für anderes – der Verbes­se­rung der Algo­rithmen und… der Welt.

© pict rider — Fotolia.com

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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