Kate­go­rien

Titel­geiles Öster­reich – Wenn der verges­sene „Magister“ bei Bewer­bungen in der Alpen­re­pu­blik zum Stol­per­stein wird

Published On: 30. Dezember 2010Cate­go­ries: Führung

Ein Gast­bei­trag von Mag. Chris­toph Weis­sen­böck / Karriere.at

„Die Melange für Frau Ober­stu­di­enrat, das kleine Gulasch für den Herrn Magister! Mahl­zeit die Herr­schaften!“ Ober­kellner Franz würde in keinem öster­rei­chi­schen Kaffee­haus, das etwas auf sich hält, den Titel eines Stamm­gastes auslassen, sofern er einen solchen weiß. Warum? Weil’s sich gehört – zumin­dest in der Alpen­re­pu­blik. Oder?
Fakt ist: Ein wenig k.u.k‑Atmosphäre schwingt hier­zu­lande immer noch mit. Auch 90 Jahre nach Ende der Monar­chie hat der Titel­wahn in Öster­reich nach wie vor Hoch­kon­junktur. Rund 900 Amts‑, Berufs- und akade­mi­sche Titel zählt man in der Acht-Millionen-Repu­­blik derzeit, erhob Autor Heinz Kaspa­rovsky für sein Buch „Titel in Öster­reich“. Ein Land, in dem nach wie vor Wert auf die Bezeich­nung „Ober­kellner“, „Ober­amts­di­rektor“ und „Medi­zi­nalrat“ gelegt wird. Und wo die Titel dann auch wirk­lich ange­führt werden – nicht nur auf Visi­ten­karten, in Mail­si­gna­turen oder in Briefen. Als gelernter Öster­rei­cher lernt man von klein auf, wo und wie man die wenigen Buch­staben, die für viele die Welt bedeuten, einzu­fügen hat. Nicht, weil man tatsäch­lich in unter­tä­niger Ehrfurcht vor dem Gegen­über sein Anliegen vorbringt, sondern weil es sich eben „gehört“. Punkt.

Konster­niert stehen diesem Phänomen dann oft deut­sche Studenten, Arbeit­nehmer und vor allem Arbeit­su­chende gegen­über. Worauf ist zu achten? Wie sieht eine perfekte Bewer­bung in Öster­reich aus? Was kann ins Auge gehen? Wo lauern öster­reich­spe­zi­fi­sche, zuvor belä­chelte Schrul­lig­keiten als Bewer­­bungs-Stol­­per­­fallen? Den „Mag.“ vor dem Namen anführen oder nicht? Muss ich den „Hofrat“ oder den „Ober­amtsrat“ in die Anrede aufnehmen? Und sind die Flos­keln „Sehr geehrte/r…“ bezie­hungs­weise „Hoch­ach­tungs­voll“ auch im E‑Mail-Schrif­t­­ver­­kehr wichtig? Schwer zu sagen. Einfache Antworten gibt es darauf nicht. Weil die Ausprä­gung des Titel­wahns von den Präfe­renzen, den Bran­chen und/oder dem Alter der Ansprech­person abhängt.
Ein kleiner Leit­faden ist dennoch zu wagen. Arbeits­titel: „Worauf zu achten ist, wenn ich mich in Öster­reich bewerbe.“

Erstens: Ein Bewer­bungs­schreiben mit Lebens­lauf, das in Deutsch­land als „hervor­ra­gend“ einzu­stufen ist, wird zu 99 Prozent auch in Öster­reich Eindruck machen und alle formalen, erwünschten und gefor­derten Krite­rien erfüllen. Also keine Panik, öster­rei­chi­sche Perso­na­listen, Firmen­chefs und Profes­soren sind keine k.u.k.-Beamten, wie man sie aus Sissi-Filmen kennt. Sie reden nur anders als ihre Pendants in Hannover, Kassel oder Münster.

Zwei­tens: Höflich­keit zieht immer. Und zwar im klas­si­schen Sinn. Geht es um eine Job-Bewer­­bung, ist – ausge­nommen von Krea­tiv­be­rufen — absolut anzu­raten, auch eine E‑Mail mit „Sehr geehrte/r Herr/Frau XXX“ zu beginnen. Das in Deutsch­land in Mails oft verwen­dete „Hallo Frau/Herr XXX“ wird in Öster­reich von arri­vierten Perso­nal­ent­schei­dern mit großer Wahr­schein­lich­keit als zu persön­lich empfunden. Als Schluss­formel liegt man mit den „Freund­li­chen Grüßen“ niemals verkehrt. „Hoch­ach­tungs­voll“ muss sich niemand mehr zwin­gend unter­werfen. Maximal in Briefen in Papier­form.

Drit­tens: Ähnliche Regeln gelten am Telefon. „Hallo“ zu Beginn und „Tschüs“ zum Abschied wird von Propo­nenten der Alters­gruppe 40+ in bestimmten Berufs­fel­dern wie dem öffent­li­chen Dienst, im Bank‑, Versi­che­rungs- und Univer­si­täts­wesen wohl eher als Respekt­lo­sig­keit aufge­fasst werden. Daher: „Guten Tag“ und „Auf Wieder­hören“ passt immer.

Vier­tens: Die Titel. Während in Deutsch­land Titel wohl erst ab dem Doktor­titel ange­führt werden, ist es in Öster­reich durchaus Usus, auch seinen „Mag.“ zur Schau zu stellen. Die Motive dafür sind – wie erwähnt – viel­schichtig. Oft verlangt dies quasi die Tradi­tion einer Branche oder eines Berufs­feldes, andere legen persön­lich Wert auf die Tatsache, ein Studium abge­schlossen zu haben. Geht es also um Bewer­bungen, sollte man nichts riskieren und einfach den Mag. des Ansprech­part­ners voran­stellen. In der Regel reicht es heute auch, akade­mi­sche Titel, also Mag., Dr., Prof., Dipl.Ing. und Co. in der Anrede anzu­führen und nicht die Berufs­titel wie „Regie­rungsrat“. Tipp: Verfügt der Ansprech­partner über keinen akade­mi­schen Titel/Grad/Abschluss, so kann es im öffent­li­chen Dienst bauch­pin­sel­tech­nisch in vielen Fällen aber durchaus gut ankommen, Amts­titel anzu­führen: „Sehr geehrte Frau Ober­amtsrat…“ beispiels­weise.

Fünf­tens: Den Titel „Professor“ gibt es in Öster­reich in mehr­fa­cher Hinsicht. Einer­seits ganz klas­sisch als Univer­si­täts­pro­fessor, verliehen durch eine Hoch­schule. Zwei­tens gibt es jede Menge Profes­soren an öster­rei­chi­schen Gymna­sien, die gegen­über ihren jungen Lehrer­kol­legen den Vorteil genießen, als prag­ma­ti­sierte (=unkünd­bare) Bundes­be­diens­tete ihr Dasein fristen zu dürfen. Und drit­tens – halten Sie sich fest – als Ehren­titel, verliehen durch den Bundes­prä­si­denten. Diese „Alters­er­schei­nung“ kann durchaus auch kuriose Blüten schlagen: So dürfen sich beispiels­weise mitt­ler­weile Karl Moik, Udo Jürgens oder Spor­t­­re­­porter-Legende Robert Seeger den Titel „Professor“ auf die Visi­ten­karte schreiben. Für alle drei Profes­­soren-Vari­anten gilt: Jeder, der ihn hat, freut sich, in Briefen und Mails auch so ange­spro­chen zu werden.

Viel­be­ti­teltes Öster­reich.

Chris­toph Weis­sen­böck ist Autor, Texter und PR-Veran­t­­wor­t­­li­cher beim öster­rei­chi­schen Jobportal karriere.at. Im karriere.blog schreibt er täglich über alles, was die Job‑, Karriere- und HR-Welt zu bieten hat. Seinen Mag. verschweigt er oft.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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12 Kommen­tare

  1. […] Titel­geiles Öster­reich – Wenn der verges­sene „Magister“ bei Bewer­bungen in der Alpen­re­pu­blik … […]

  2. Mag. (FH) 30. Dezember 2010 at 14:14 — Reply

    Soweit alles richtig. Was nicht vergessen werden sollte, ist die Titel­kom­bi­na­tion. Im Gegen­satz zu DE wird nicht nur der höchste Titel geführt, sondern alle. Beispiel eines Maschi­nen­bauers mit Doktor-Titel:
    DE — Dr., evtl. auch Dr. tech. oder sowas.
    AT — Dipl. Ing. Dr.

    Beson­ders kurios wird’s bspw. bei Ing. Dipl. Ing (FH) Vorname Nach­name, MBA.

    Das ist der klas­si­sche Standes-Inge­­nieur mit 3 Jahren Berufs­er­fah­rung, danach ein tech­ni­sches FH-Studium und ein MBA.

    Greets, der Mag. (FH)

    • Marius 23. Dezember 2012 at 22:29 — Reply

      In Öster­reich gibt es keine wie immer gear­tete Pflicht, akade­mi­sche Grade (das sind keine “Titel”) zu führen. Und noch weniger gibt es eine Pflicht, *alle* erwor­benen Grade zu führen.

      Wer also Diplom­in­ge­nieur Doktor ist, darf beide Grade, einen davon, oder auch gar keinen führen — ganz nach Belieben. Auch gegen­über Behörden bleibt es einem stets selbst über­lassen, welche der (recht­mäßig erwor­benen) Grade man führt oder gar in Doku­mente eintragen lässt. Anders­lau­tende Gerüchte (“Doktor ist Namen­be­stand­teil”, “bei Behörden muss der Titel ange­ge­geben werden”) kursieren zwar immer noch, werden aber davon nicht wahrer.

      In der Praxis ist es sowieso höchst unüb­lich, jemanden als “Diplom­in­ge­nieur Doktor” anzu­spre­chen oder anzu­schreiben. Da tut’s der Doktor­grad, oder man lässt die Namens­ver­zie­rungen ganz weg.

      Das in der Über­schrift bemühte Klischee vom “titel­geilen” Öster­reich ist auch schon ein biss­chen ange­staubt. Während man in Öster­reich zwar nach wie vor diverse alte Berufs­titel findet (wie den bekannten Hofrat), ist in der Praxis nicht mehr viel vom Titel­wust übrig. Der Kult um den Doktor­grad ist in DE sogar noch wesent­lich ausge­prägter, siehe “Promo­ti­ons­be­rater” und ähnliche Dienst­leister.

      Gruß, ein Mag. Dr.

  3. Jürgen 1. März 2014 at 23:42 — Reply

    Wenn schon ein solcher Artikel geschrieben wird, dann richtig. Im Text heißt es “Sehr geehrte Frau Ober­amtsrat…”, dabei müsste es richtig heißen “Sehr geehrte Frau Ober­amts­rätin…”. Diese geschlechts­be­zo­gene beson­dere Form anzu­wenden ist durchaus von Wich­tig­keit.

  4. Reak­zerl von Stein 11. März 2014 at 12:39 — Reply

    Naja, zum Thema “Titel in Deutsch­land”. Es gibt jede rauhe Menge Ing. und sogar Ober-Ing. bei BBC, BASF, Siemens, Grün­zweig und anderen Indus­trie­be­trieben.

    Reak­zerl

  5. […] Chris­toph Weis­sen­böck: Titel­geiles Öster­reich – Wenn der verges­sene „Magister“ bei Bewer­bungen in der Alpen­re­pu­blik zum Stol­per­stein wird. Karrie­re­blog Svenja Hofert, 2010. (online) […]

  6. Stefan Schulz 25. September 2015 at 15:53 — Reply

    Als Deut­scher bin ich selbst nach fünf Jahren als Univer­si­täts­pro­fessor in Öster­reich pein­lich berührt, wenn ich mit “Herr Professor” ange­redet werde (erst recht, wenn danach mein Namen “unter­schlagen” wird). Ich mag das einfach nicht. Es offen­bart wohl eine Abnei­gung gegen asym­me­tri­sches Kommu­ni­ka­ti­ons­ver­halten, welches in Deutsch­land zumin­dest im univer­si­tären Umfeld eher verpönt ist.

    Nicht, dass “Titel­geil­heit” in Deutsch­land nicht exis­tiert – siehe Gutten­berg & Co. Aber es herrscht ein zuneh­mender Konsens, gewisse Zeit­ge­nossen entweder als eitel – wenn sie auf der Anrede bestehen – oder als anbie­dernd – wenn sie andere mit Titel oder akade­mi­schen Graden anreden – zu betrachten.

    Als ahnungs­loser Deut­scher tut man mit diesen Unter­stel­lungen den Öster­rei­chern Unrecht. Das kann zu tragi­schen Miss­ver­ständ­nissen führen, denn ein Öster­rei­cher ist nicht unbe­dingt arro­gant, wenn er sich am Telefon mit dem entspre­chenden Namens­zu­satz vorstellt, und er ist erst recht nicht devot, wenn er jemandem mit “Herr Magister” oder “Frau Professor” anspricht. Im Gegen­teil, er ist einfach nur höflich.

    Die Selbst­ver­ständ­lich­keit der Anrede mit dem Berufs­titel nehmen Öster­rei­cher fast schon mit der Mutter­milch auf: die Anreden “Herr Lehrer” in der Volks­schule und “Frau Professor” in weiter­füh­renden Schulen sind eine unhin­ter­fragte Selbst­ver­ständ­lich­keit, auch wenn das für deut­sche Ohren nach Lehrer Lämpel, Schie­fer­tafel und Rohr­stock klingt und solche Anreden selbst in der Gene­ra­tion unserer Eltern nicht mehr üblich waren.

    Was mit der “Titel”-Anrede in einer modernen Gesell­schaft gewonnen wird, und welche Motive in dahin­ter­stehen ist mir dennoch uner­gründ­lich. Für mich wäre es ein Fort­schritt, wenn diese Namens­zu­sätze ausschließ­lich im beruf­li­chen Kontext und nie in der münd­li­chen Anrede verwendet würden. Ich schreibe meine akade­mi­schen Grade nur, wo absolut notwendig, und dann auch nur in Klam­mern hinter meinen Namen, um damit zu verdeut­li­chen, dass ich mit “Herr X” ange­redet werden möchte. Ansonsten lasse ich sie weg, und lasse auch in Formu­laren die entspre­chenden Felder leer. Ich sehe für mich keinerlei Sinn darin. Was für mich gilt, gilt aller­dings nicht unbe­dingt für andere, und so vermeide ich, andere Menschen durch Weglassen ihrer Namens­zu­sätze zu brüs­kieren.

    Sich selbst treu zu bleiben, und ander­seits den kultu­rellen Eigen­arten des Gast­landes mit Respekt und Tole­ranz zu begegnen ist immer ein Kompro­miss. In Bezug auf Öster­reich ist dies beson­ders hervor­zu­heben, da es sich hier eben nicht um ein Klein-Deut­sch­­land handelt, sondern um ein eigen­stän­diges Land mit einer eigenen Kultur, Geschichte und eben auch einer eigenen Varietät der deut­schen Sprache.

  7. Roland Maier 30. Mai 2018 at 14:17 — Reply

    Man muss Öster­reich zu Gute halten, dass nach dem 1. Welt­krieg im Gegen­satz zu Deutsch­land, der Adels­stand rigoros abge­schafft wurde. Es gab also keine “von und zu” mehr. Otto Habs­burg wurde in der Deut­schen Presse immer noch mit Otto von Habs­burg beti­telt. Der Boule­vard goutierte es wohl­wol­lend.

    Also kann man auch verstehen, dass dieses Fest­halten an ellen mögli­chen Nicht-Adels­­titel nichts anderes ist als ein Ersatz. Immerhin ein Ersatz den man sich selber erar­beiten konnte, im Gegen­satz zum Adels­titel, den man ja mit der Geburts­ur­kunde ohne Gegen­le­si­tungen verliehen bekam.

  8. Stephan Broda 8. März 2021 at 16:20 — Reply

    Wie spricht man jemand im münd­li­chen Gespräch höflich an, der ein Studium nach dem Bologna-Prozes abge­schlossen hat, also einen nach­ge­stellten Bakkalaurea/us, Bachelor und/oder Master hat?

    • Stephan Broda 8. März 2021 at 16:22 — Reply

      PS: ich führe einen Magister rerum natu­ra­lium, bin also “Meister” bzw. “Lehrer” für Natur­wis­sen­schaften und/oder Mathe­matik, lege aber keinen Wert darauf, mit diesem Titel ange­spro­chen zu werden, was unter anderem daran liegt, dass ich gerade am zweiten Master arbeite.

    • Stefan Schulz 14. Februar 2022 at 1:43 — Reply

      Den spricht man ohne Titel an. Also Herr Huber oder Frau Fischer.

      Wie hoffent­lich bald auch alle Doktoren und Profes­soren.

      In der Schweiz ist man schon soweit, in vielen Teilen Deutsch­lands ebenso.

      Der asym­me­tri­schen Kommu­ni­ka­tion haftet etwas Feuda­lis­ti­sches an, auf das wir nun wirk­lich verzichten können.

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