Das Ozon­loch war eindeutig auf FCKW zurück­zu­führen. Ab 1996 wurde es welt­weit verboten. Inzwi­schen ist das Ozon­loch kleiner geworden, die schä­di­genden Schichten haben sich um die Hälfte redu­ziert. Zwischen Ursache und Wirkung besteht hier ein klarer Zusam­men­hang.

Seit einigen Jahren gibt es den umge­kehrten Flynn-Effekt. Der besagt, dass die mit dem IQ-Test gemes­sene Intel­li­genz anders als in den Jahr­zehnten zuvor sinkt. Dafür haben viele Forscher viele Ursa­chen ausge­macht, unter anderem Compu­ter­spiele. Doch ob und welcher Zusam­men­hang besteht – hier ist es völlig unklar.

Trenn­schärfe herzu­stellen ist schwierig

Im wissen­schaft­li­chen Bereich ist „Ockham´s Rasier­messer“ als mentales Modell bekannt. Es stammt von einem Gelehrten aus dem Mittel­alter. Es leitet dazu an, einen Unter­su­chungs­ge­gen­stand trenn­scharf heraus­zu­schälen. Somit gilt es auch, alle anderen Erklä­rungen des Phäno­mens zu entfernen, zack und weg. Bis eben nur noch der Kern, das Wesent­liche übrig­bleibt. Das muss noch lange nicht die Wahr­heit sein, aber es ist die wahr­schein­lichste, weil einfachste Theorie. Sie liegt da, wo es die wenigsten Varia­blen gibt. Anwendbar ist dies aller­dings nur da, wo es einen Ursache-Wirkungs­­­zu­­­sam­­men­hang gibt. Und der findet sich immer seltener.

Denn die Welt hat sich seit Ockham doch ziem­lich verän­dert. Das gilt auch für Wege zu Erkennt­nissen zu kommen. So gehen wir seit Karl Popper von Falsi­fi­zier­bar­keit und nicht mehr Verfi­zier­bar­keit aus. Das heißt, dass man eine gute Theorie wider­legen können muss. Es geht also nicht darum, den endgül­tigen Beweis zu erbringen, sondern im Gegen­teil, Belege dafür zu finden, dass es nicht stimmt. Jemand sollte also beweisen können, dass die Erde keine Scheibe ist, wenn er der Flat-Earth-Theorie anhängt. Was keiner tut.

Von Ockhams Messer gibt es auch eine Laien­va­ri­ante — ein mentales Modell namens KISS. Das steht für “Keep it simple and stupid”. Auch dieses Denk­mo­dell gehört in die Motten­kiste, denn es führt zu schnell und zu leicht zu allzu groben Verein­fa­chungen. Der Gedanke „es muss doch eine einfache Erklä­rung geben“ ist auch nicht hilf­reich. Viel hilf­rei­cher ist es oft, zu erkennen, dass es keine einfache Erklä­rung gibt. Und die wahre Kunst darin liegt, heraus­zu­ar­beiten, was sich nicht wider­legen lässt. Davon würden auch Diskus­sionen erheb­lich profi­tieren.

Tote Zusam­men­hänge sind immer eine Nach­richt wert

Allzuoft finden wir dagegen tote Zusam­men­hänge, die auch medial groß­artig aufbe­reitet werden. Tote Zusam­men­hänge sind auch endgül­tige Zusam­men­hänge. Niemand stellt sie mehr in Frage. Sie wollen und sollen nicht wider­legt werden.

Da werden dann Ursa­chen und Wirkungen verbunden, die nichts mitein­ander zu tun haben. So denkt man ein bestimmter Führungs­stil wirke auf den Erfolg. Oder mutmaßt, eine Methode — etwa eine agile — sei ursäch­lich dafür, dass etwas im Team funk­tio­niert (oder nicht). Dabei wird das Messer lustig an alle mögli­chen Varia­blen ange­legt, auf dass nur eine übrig bleibe.

Ein trag­fä­hi­geres Mental­mo­dell ist „mach es einfach, aber nicht primitiv“. Das bedeutet: Die komplexen Zusam­men­hänge so weit wie möglich zu durch­dringen, um sie soweit wie möglich zu verein­fa­chen. Viele beginnen aber schon bei der Verein­fa­chung. Und dort führt der direkte Weg in die Trivia­li­sie­rung.

Das neue mentale Modell

Bevor man etwas einfach machen kann, sollte man erst die Komple­xität erhöhen — und nicht etwa redu­zieren. Diesen Schritt lassen allzu viele aus. Er ist anstren­gend — nur möglich im “System 2”, dem lang­samen Denken nach Daniel Kahne­mann. Er erfor­dert Zusam­men­ar­beit und, noch viel heraus­for­dernder, den Umgang mit unter­schied­li­chen Posi­tionen zu ein und derselben Sache. Ja, mitunter sogar mit einem Fakten-Fächer. Denn nicht immer lässt sich die eine Wahr­heit wirk­lich finden. “Hört auf die Wissen­schaft” heißt deshalb oft auch: Hört auf eine Viel­zahl von Posi­tionen zu einem Sach­ver­halt, der sich irgendwie nicht immer ganz eindeutig verhält, weil es zu viele Varia­blen gibt.

Denn, was viele nicht verstehen, ist ganz einfach: Wir können besten­falls die Vergan­gen­heit auswerten. In die Zukunft schauen können wir nicht. Und da diese unge­wiss ist, bleiben immer sehr viele, viel­leicht unend­liche Möglich­keiten. An die meisten hat jetzt noch niemand gedacht.

Dieser Text basiert auf einem mentalen Modell im Buch “Mach dich frei. 100 mentale Modelle für klareres Denken und bessere Lösungen.” Er ist in meinem News­letter “Weiter­denken” auch als Audio-Podcast erhält­lich.

Foto von Chris J Mitchell: https://www.pexels.com/de-de/foto/selektive-fokusfotografie-des-skeletts-1528375/

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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