Kate­go­rien

Trüge­ri­sches Bauch­ge­fühl: Warum wir mehr auf den Verstand hören sollten

Published On: 27. Juni 2013Cate­go­ries: Karriere

„Hören Sie auf Ihren Bauch,“ ist oft in Frau­en­zeit­schriften zu lesen. „Was Sie spüren wird schon richtig sein“, argu­men­tieren esote­risch ange­hauchte Coachs. Unter­stüt­zend wird gepen­delt oder gekniffen oder geklopft.

Angela Merkel hört nicht auf ihren Bauch. Deshalb gilt sie als uncool. Aus irgend­einem Grund mögen die Leute Menschen lieber, die sich hinstellen und sagen „so ist es, folgt mir!“ Solche Manager, die Ruck­zuck intui­tive Entschei­dungen treffen, nennt man charis­ma­ti­sche Leader. Sich lange beraten, recher­chieren, abwägen? Kommt nicht so gut an. Merkel bekommt Schimpfe, weil ihre Entschei­dungen so lange dauern.

Ich neige auch zum guten Durch­denken, selbst wenn ein Bauch­ge­fühl schon da ist. Schön, wenn das Durch­denken den Bauch bestä­tigt, über­flüssig macht es den Kopf meiner Meinung nach nicht. Manchmal schimpfen Dozenten und Leser mit mir, weil ich in meinem Buch „Am besten wirst du Arzt“ zu mehr Analyse auffor­dere.  Ich möchte, dass junge Leute darüber nach­denken, wie sich Berufe entwi­ckeln, bevor sie sich entscheiden. Das ist mir wichtig. Ich finde das auch nicht schwierig: Man muss einfach nur die Gegen­wart fort­schreiben. Dafür muss man sie kennen. Das fordert ein biss­chen Recherche und Gespräche.

Genau dies würde viele über­for­dern, finden einige.  Zu einem Inter­view zum Thema „Entschei­dung für die rich­tige Berufs­wahl“ wollte eine Jour­na­listin gerne eine locker­leichte Empfeh­lung, was denn die Berufe der Zukunft seien. „Nein“, sagte ich. „Das wäre unse­riös. Sicher ist: Es wird auch kaum noch Berufe geben wie wir sie heute kennen.“ Zur Erläu­te­rung nenne ich Beispiele: „Schauen Sie sich das Bäcker­hand­werk an, das gerade dahin­siecht und sicher bald stirbt. Lebens­mit­tel­tech­no­logen haben das Ruder über­nommen. Man kann sich ausrechnen, dass der Beruf des Bäckers in der heutigen Form maximal noch fünf bis zehn Jahre über­lebt. Dazu muss man nicht in die Zukunft blicken, sondern nur die Entwick­lungen der Gegen­wart kennen und sie weiter­denken.“ Ich merke, dass die Jour­na­listin am Ende der Leitung eine Krise bekommt, wahr­schein­lich weil es Ärger geben wird, wenn sie mit solchen Recher­che­er­geb­nissen aus dem Gespräch mit mir zurück­kommt. „Bitte, bitte sagen Sie doch, welche Jobs Zukunft haben! Bitte-bitte!“ fleht sie. Zähne­knir­schend ringe ich mir irgend­welche Kompro­misse ab…

Wer  Verstand fordert hat einen harten Stand, denn heraus­kommen leider eben keine einfa­chen Lösungen und keine Lösungen von der Stange. Hirn­for­scher Gerhardt Roth bestä­tigt im Buch „Persön­lich­keit, Entschei­dung und Verhalten“, was mir der gesunde Menschen­ver­stand und/oder die Werke von Jonah Lehrer einge­flüs­tert haben: Das Bauch­ge­fühl ist trüge­risch. Es ist besser, wenn Entschei­dungen auf fundiertem Wissen basieren – dann können sie ruhig intuitiv sein. Roth sagt: Bauch­men­schen sollten besser mehr denken. Und Verstan­des­men­schen dann dicht machen, wenn sie genü­gend Infor­ma­tionen haben, weil sie noch mehr Wissen auch nicht mehr weiter­bringt.  In dieser Über­zeu­gung stehend, berate ich seit Jahren, ohne es bisher so genau gewusst zu haben, also hirn­ge­recht.

Doch wo sind die Grenzen des Nach­den­kens über Entschei­dungen? Kleine Anek­dote: Meine Familie suchte neulich abends ein gutes Restau­rant in einer ostfrie­si­schen Klein­stadt. Um den Mark­platz herum hatten sich zehn Gast­stätten nieder­ge­lassen. Ich hätte zur Entschei­dung ins Internet geschaut, aber das funk­tio­nierte hier nicht. Ich argu­men­tierte, dass die Wahr­schein­lich­keit, das irgend­eines dieser zentral gele­genen Restau­rants gut sei, sehr niedrig sei, weil sich in einem solchen touris­ti­schen Zentrum niemand Mühe geben müsse. Geringe Rate an Stamm‑, hohe an Lauf­pu­blikum… Ich riet, lieber in einsamen Gassen nach­zu­schauen.

Wollte die Familie aber nicht. Also lasen wir Spei­se­karten und sortierten die aus, die sich beson­ders fanta­sielos zeigten. Ich meinte, dass es ein gutes Indiz sei, wenn ein Restau­rant besser gefüllt sei als ein anderes, aller­dings nicht, wenn es dabei einen zentralen Blick auf den Hafen böte – dann zieht das Touristen an; solche, die gucken, aber nicht unbe­dingt gut essen wollen. Nach langer Diskus­sion deutete meine Mutter auf einen Restau­rant mit der Auszeich­nung „Fein­schme­cker 2010“. Irgendwie verdächtig kam mir das vor, doch halb­ver­hun­gert gingen wir rein. Was soll ich sagen:  Ein Rein­fall. Wahr­schein­lich haben sie den Koch nach der Auszeich­nung raus­ge­worfen.

Wenn eine so einfache Entschei­dung wie die der Wahl eines Restau­rants so komplex ist und so viele Denk­fallen beinhaltet, dann viel­leicht demnächst doch wieder Bauch?  Am nächsten Tag ließen wir den Hund entscheiden. Dort wo er am meisten zog, da zog es uns hin. Und es war ein (Zufalls-)Treffer. Ein weiterer Rein­fall wäre auch keine Kata­strophe gewesen.

Aber: Wollen wir Zufalls­treffer in poli­ti­schen Entschei­dungen?  Möchten wir uns darauf verlassen, dass Angela Merkel ein gutes Bauch­ge­fühl hat, heim­lich einen Hund entscheiden lässt oder ein Pendel, damit es bloß schnell geht? Möchten wir, dass der charis­ma­ti­sche Manager in maßloser Selbst­über­schät­zung schon „weiß“, was richtig ist?

Wenn wir genauer darüber nach­denken, wohl nicht. Wir möchten, dass Merkel und der charis­ma­ti­sche Manager Wissens­ma­schinen sind, die ALLE entschei­dungs­re­le­vanten Krite­rien schon einge­spei­chert haben. Wir möchten Roboter!

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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4 Kommen­tare

  1. Gilbert 27. Juni 2013 at 23:13 — Reply

    Sehr schöner Artikel! Vielen Dank dafür. Kahneman (http://www.geistundgegenwart.de/2011/12/das-gute-leben-intuition-wohlergehen.html) sagt: “Wenn es um viel geht, sollten wir unserer Intui­tion miss­trauen. Es gibt keinen Grund anzu­nehmen, dass die Qualität unserer Intui­tion mit der Wich­tig­keit des gestellten Problems wächst.”

    Und: “Tim Wilson hat gezeigt, dass Leute, die sich für ein Deko-Gegen­­­stand entscheiden müssen, besser daran tun, ihren Impulsen zu folgen, als das Für-und-Wider abzu­wägen. Sie waren später mit ihren Entschei­dungen länger glück­lich.”

    Und: “Experten — solche, die genug Übung darin haben, die Muster in ihrer Umwelt zu erkennen — [treffen] bessere Entschei­dungen, wenn sie ihrer Intui­tion folgen, als wenn sie große Analysen anstellen.” (Jetzt denken wahr­schein­lich wieder alle: “Ach toll, na ich bin ja Experte in EVERYTHING, dann kann ich auch mit dem Bauch entscheiden!” Trug­schluss!)

    • Svenja Hofert 30. Juni 2013 at 16:52 — Reply

      danke, Herr Diet­rich, wir lesen die glei­chen Bücher 😉 LG Svenja Hofert

  2. Tanja Ries 28. Juni 2013 at 9:55 — Reply

    Unser Bauch­ge­fühl ist trüge­risch. Ja. Unsere Gefühle sind zu einem großen Teil ebenso kondi­tio­niert und von unseren bishe­rigen Erfah­rungen geprägt wie — unser Denken. Spätes­tens seit dem Konstruk­ti­vismus ist auch das keine Geheimnis mehr.
    Mit meinem Blick auf die Welt würde ich zu Ihrem Bäcker­bei­spiel wohl sagen: dem Beruf des Bäckers wird nun schon seit Jahren sein sicherer Tod voraus gesagt. Was ich erlebe ist, dass hier und da sehr erfolg­reich wieder Bäcker eröffnen. Bäcker, die sich spezia­li­sieren. Öko. Vegan. Das erlebe ich in anderen Berei­chen auch. Das was geht, das ist das Spezi­al­lis­tentum. Das Beson­dere. Das Exclu­sive.
    Das ist ein Blick durch meine “Verstandes-Brille”. Ebenso geprägt durch mein Umfeld, meine Art und Weise zu denken, so wie Ihre Sicht auf den Bäcker­beruf eben geprägt ist durch ihr Umfeld, ihre Art und Weise die Welt zu sehen.
    Doch was tun, wenn wir uns weder auf unser Gefühl noch auf unseren Verstand verlassen können? Oder: war es denn jemals anders?
    In letzter Zeit wird oft auf die Schwarm­in­tel­li­genz verwiesen. Fragen Sie die anderen! Holen sie viele Meinungen ein!
    Doch, hätte nur eine bahn­bre­chende Erneue­rung statt­ge­funden hätten sich die Erfinder derje­nigen auf die Schwarm­in­tel­li­genz verlassen? — Wohl eher nicht. Und was nun?
    Im Bwreich der persön­li­chen Entschei­dungen bin ich immer gut damit gefahren meine nahes, mir positiv zuge­wandtes Umfeld in den Prozess mit einzu­be­ziehen, und mich dann für das zu entscheiden was sich letzten Endes für mich “gut anfühlt”. In dem Wissen, dass ich mich eben auch täuschen kann, dass ich Fehler mache und das schlicht mensch­lich ist. Dass die Para­meter, die mich heute zu einer Entschei­dung bewegen können, sich im Laufe der Zeit ändern können. Und dann entscheide ich eben wieder neu.
    Im Falle von Frau Merkel, die keine Entschei­dungen für sich fällt, sondern für eine große Gemein­schaft würde ich mich jedoch freuen, wenn sie eben diese auch in ihre Entschei­dungs­pro­zesse einbe­ziehen würde. Und ob Frau Merkel nun lange nach­denkt oder aussitzt, das ist ja ein viel disku­tiertes Thema.
    Beruf­lich gespro­chen: wer sich heute für einen Beruf entscheidet wird eh wissen, dass diese Entschei­dung keine mehr “für’s Leben” ist. Die Welt verän­dert sich, die Para­meter die heute für eine Berufs­wahl entschei­dend sind können sich morgen schon ändern. Und die, die Entschei­dungen treffen von denen viele Menschen betroffen sind, Chefs zum Beispiel, die tun sich gut daran sich mit denen, für und über die sie entscheiden, zu bespre­chen und diese in den Entschei­dungs­pro­zess mit einzu­be­ziehen. So, dass nacher alle sowohl ein “gutes Gefühl” haben, als auch vom Verstand her die Entschei­dung nach­voll­ziehen können.
    Beste Grüße. Tanja Ries.

    • Svenja Hofert 30. Juni 2013 at 16:54 — Reply

      Liebe Tanja, Ries, freue mich über die tolle Ergän­zung. Was ich ganz beson­ders wichtig finde: Ja, man sollte Perspek­tiven von anderen einholen, ganz beson­ders wichtig ist der inter­dis­zi­pli­näre Aspekt. Und da kenne ich Frau Merkel nicht gut genug, ob sie das wirk­lich ausrei­chend macht. LG Svenja Hofert

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