Kate­go­rien

Update fürs Denken: Wie uns neue mentale Modelle helfen, neue Probleme zu lösen

Published On: 18. März 2022Cate­go­ries: Aktuell

Wie würden Sie 100 Milli­arden ausgeben? Also, ich möchte nicht in der Haut der Vertei­di­gungs­mi­nis­terin stecken. Und ich hoffe, sie nimmt sich die Zeit und die rich­tigen Berater, ihre mentalen Modelle anzu­passen. Das sollten wir alle tun, auch wenn wir nicht so viel Geld zur Verfü­gung haben, sondern einfach nur Entschei­dungen treffen. Doch wie wir Entschei­dungen treffen, ist eben auch eine Frage der Zeit in der wir leben? Was bewertet unser Umfeld zum Beispiel als schlau? Wäre es schlau andere zu fragen? Oder hat es sich bewährt, den Ober­schlau­meier zu markieren.

Intel­li­genz im Wandel der Zeit

Vor der Aufklä­rung galten Menschen als intel­li­gent, die gut rechnen konnten. Entspre­chend zählte das Rechnen zur höheren Bildung. Mit der Renais­sance und den mathe­ma­ti­schen Künsten Johann Carl Fried­rich Gauss´ rückte dagegen die Lösung komplexer Aufgaben in den Vorder­grund.

Erzählt wird heute die folgende Geschichte: Gauss´ Lehrer Büttner gab seinem Schüler in der zweiten Klasse der Volks­schule eine aus seiner Perspek­tive unlös­bare Rechen­auf­gabe: Er solle die Zahlen von 1 bis 100 zusam­men­zählen. Dies gelang ihm außer­ge­wöhn­lich schnell — er erfand die später so genannte Summen­formel, ein mentales Modell aus dem Bereich Mathe­matik.

Mentale Modelle sind Abbilder der Wirk­lich­keit – und verän­dern sie

Jede Zeit schafft ihre eigenen mentalen Modelle. Mentale Modelle sind kogni­tive Abbil­dungen der von uns ange­nom­menen Wirk­lich­keit. Sie enthalten kleine Scripte zur Anwen­dung, eine Art „so geht´s“. Erfinder des Begriffs ist Kenneth Craig, ein Psycho­loge. Aber auch schon der Philo­soph Ludwig Witt­gen­stein schrieb Anfang des 19. Jahr­hun­derts.

“Wir machen uns Bilder der Tatsa­chen. Das Bild ist ein Modell der Wirk­lich­keit. Den Gegen­ständen entspre­chen im Bilde die Elemente des Bildes.“

Manche mentale Modelle haben kollek­tive Durch­schlags­kraft: Dass die Erde eine Kugel ist, löste die Vorstel­lung von der Scheibe voll­ständig ab. Andere sind indi­vi­duell: So hat wohl jeder Autor ein anderes mentales Modell für den Auftrag „Artikel schreiben“.

Shared mental models – geteilte mentale Modelle

In Zusam­men­hang mit Team­ar­beit, vor allem im agilen Umfeld, ist oft von „shared mental models“ die Rede. Das sind mentale Modelle, wie man zusam­men­ar­beitet. Diese mentalen Modelle sind wie kleine Programme, etwa für das Abhalten eines Meetings. In unserem Buch “Teams & Team­ent­wick­lung” haben wir dazu unser Modell vorge­stellt — die Beschäf­ti­gung mit gemein­samen mentalen Modellen ist sinn­voll nach der Forming-Phase und ist Teil des Normings.

Manche mentale Modelle sind unscharfe Vorstel­lungen, wie etwas sein soll. Dazu gehören Bilder von „Augen­höhe“, „flachen Hier­ar­chien“, „Selbst­or­ga­ni­sa­tion“ oder „New Work“. Es gibt also eine ideo­lo­gi­sche Verfär­bung, die von den Anwen­dern nicht immer erkannt wird. Als Wirk­lich­keits­ab­bil­dungen zeigen mentale Modelle eben nicht nur objek­tive, sondern auch subjek­tive Wahr­heit.

Wie Sche­mata – nur lösungs­ori­en­tierter

Mentale Modelle sind verwandt mit den Sche­mata, die Jean Piaget erfand. Ein Schema ist ebenso ein Abbild von Wirk­lich­keit. Es entwi­ckelt sich und diffe­ren­ziert sich im Kindes- und Jugend­alter aus. So denken Kinder im Kinder­gar­ten­alter, dass in einem breiten Gefäss mehr Inhalt sei als in einem läng­li­chen – die Größen­ver­hält­nisse sind noch nicht gelernt.

Sche­mata enthalten aber nicht unbe­dingt und direkt kollek­tive und indi­vi­duell Lösungs­an­sätze. Sie veralten auch nicht durch neue Erkennt­nisse, sie diffe­ren­zieren sich bloß aus. Hier liegt der Unter­schied.

Sie ähneln auch den Heuristen und Biassen, die unser Denken erleich­tern oder verkürzen. Diese sind aber Folge „lang­samen Denkens“ und in aller Regel unbe­wusst. Sie werden dann zum mentalen Modelle, wenn daraus eine kleine Anwen­dung wird, etwa: „Um der Selbst­be­stä­ti­gungs­ten­denz zu wider­stehen, suche dir stets Gegen­be­weise“.

Agilität greift zu kurz

Auch rund um Agilität bestehen zahl­reiche mentale Modelle, die sich teils sogar wider­spre­chen. Ein verbrei­tetes mentales Modell ist das der Customer Centri­city. Sie zielt auf Wert­schöp­fung für den Kunden. Aber was, wenn der Kunde heute noch nicht weiß, dass morgen die Sprit­preise steigen? In Retro­spek­tiven gilt es aus der Vergan­gen­heit zu lernen. Doch wo lernt man die Zukunft kennen?

Die Beispiele zeigen, dass mentale Modelle auch Zeit­zeugen sind. Sie entwi­ckeln sich weiter. Wir entwi­ckeln sie weiter. Dafür müssen wir sie prüfen und erneuern – und nicht als ewig gegeben hinnehmen.

Über mentale Modelle habe ich ein Video gedreht. Eine sehr umfang­reiche Liste mentaler Modelle findet sich bei Lukas von Hohn­horst, der Weg zur Welt­klug­heit.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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