Kate­go­rien

Vom Schwatt­lappen zum stillen Wasser – oder: Was ist eigent­lich wirk­lich „intro­ver­tiert“?

Published On: 7. Juli 2013Cate­go­ries: Karriere, Mensch & Orga­ni­sa­tion

Sind Sie auch manchmal still, halten sich lieber im Hinter­grund, scheuen Small Talk und lieben die Ruhe? Will­kommen überall. Sie gehören vermut­lich zur abso­luten Mehr­zahl der Menschen.

„Ich bin in so´nen Busi­ness Club einge­treten“, sagt mein Kollege. „Ich hab erst zwei Leute  kennen gelernt. Das ist eine lausige Bilanz. Aber ich hasse das, mit so vielen Leuten an einem Abend zu reden. Bin ich zu intro­ver­tiert?“  Ich sage, er sei halt kein Schwatt­lappen. Er lacht. Ich glaube das Wort kommt aus meiner kölni­schen Heimat, wie auch immer: Ein Schwatt­lappen bin ich auch nicht. Ich höre die meiste Zeit lieber zu. Wäre in meinem Job auch komisch andersrum.

Zurück zur Frage meines Kollegen. Viele Menschen, die keine Schwatt­lappen sind und ganz normale Bedürf­nisse nach Rückzug haben, denken sie seien intro­ver­tiert, erst recht seit das Thema mit Susan Cain´s Buch „Still“ und Sylvia Löhkens „Leise Menschen“ größere Wellen schlug. Jeder, der eini­ger­maßen selbst­re­flek­tiert ist, entdeckt an sich intro­ver­tierte Seiten. Und diese, das ist das Ding, sind plötz­lich gesell­schafts­fähig, galt doch lang eine Extro-Kultur, man denke nur an all die Moti­va­ti­ons­päpste der 1990er und frühen Nuller Jahre.

Mir scheint derzeit, dass die Diagnose „intro­ver­tiert“ sogar etwa so erwünscht ist wie „Hoch­in­tel­li­genz“ oder „Hyper­sen­si­bi­lität“. Wir stellen uns unter Extra­ver­tierten Laut-Schnacker, Bühnen­kasper und eben diese „Schwatt­lappen“ vor.  Aber das ist natür­lich Blöd­sinn. Es gibt solche Typen, aber dass sie irgendwie unan­ge­nehm sind, hat weniger mit Extra­ver­sion zu tun als viel­mehr mit Desin­ter­esse am anderen und mangelndem Fein­ge­fühl.

Wer die Diagnose „intro­ver­tiert“ unbe­dingt möchte, kann sie sich überall holen. Alle frei verfüg­baren Internet-Tests sind Kurz­ver­sionen, die die Haupt­di­men­sion, nicht jedoch die Facetten, testen. Beim MBTI landet man so oder so schnell in der Intro-Kate­­gorie, es reichen 49% Intro-Antworten. Somit zeigen Kurz­tests immer eine Tendenz, selten jedoch das volle und diffe­ren­zierte Bild – und das beinhaltet verschie­dene Facetten der Intro­ver­sion.

extraversionbig5Auf der einen Seite gibt es das, was man „soziale Intro­ver­sion“ nennt. Die kenn­zeichnet jemand, der nicht allzu kontakt­freudig ist und beschreibt die gängige Laien-Defi­­ni­­tion. Nimmt man die wissen­schaft­li­chen Big Five, etwa in der Version Neo FFI, als Grund­lage, hat Intro­ver­sion aller­dings sehr viel mehr unter­schied­liche Seiten. Danach sind auch nur rund ein Sechstel aller Menschen wirk­lich intro­ver­tiert – weil alle fünf Unter­di­men­sionen dem Merkmal Intro­ver­sion entspre­chen — und genauso viele oder wenige sind wirk­lich extra­ver­tiert. Die übrigen zwei Drittel sind nicht eindeutig zuzu­ordnen, das nennt man dann ambi­ver­tiert. Gerade sie können eine breite Verhal­tens­va­rianz entwi­ckeln. Und sie stellen die Mehr­heit.

Auf nur sehr wenige Menschen treffen also alle Merk­male der Intro­ver­sion nach den Big Five zu:

  1. Sie scheuen Kontakte,
  2. (ver-)meiden persön­liche Aufmerk­sam­keit – Small Talk z.B.,
  3. sind ruhig, also „still“ oder „leise“,
  4. über­nehmen keine Führung und
  5. behalten ihre Meinung lieber für sich.

Edward Snowden kann also schon kein reiner Intro mehr sein (5).

Schaut man sich die Videos von Susan Cain bei TED an, so spricht die relativ starke Gestik und Zuge­wandt­heit zum Publikum – verglei­chen sie Cain mal mit David Kahne­mann! – eher dafür, dass Punkt 2 und 3 nicht oder situativ nicht erfüllt sind.

Facetten von Intro­ver­sion sind viel­seitig, und die meisten Diskus­sionen über die Kompe­tenzen von Intro­ver­tierten deshalb irre­füh­rend, weil eben nur wenige Menschen wirk­lich intro­ver­tiert sind. So ist es bei näherer Betrach­tung keine sensa­tio­nelle Erkenntnis, dass der medi­en­af­fine Wissen­schaftler Adam Grant in seinen Expe­ri­menten bewiesen hat („Rethin­king the extra­vert ideal“), Ambi­ver­tierte seien die besseren Vertriebler, denn sie bringen mehr Geld ein. In seiner Studie zog er auch die Big Five heran. Was im Medi­en­raffer unter den Tisch fällt: Er spricht eben NICHT von einer Rand­gruppe.

Zwei Drittel der Vertriebler erreicht zwei Drittel der Kunden besser als das eine Sechstel, das wirk­lich klar extra­ver­tiert ist (die mutmaß­li­chen Schwatt­lappen, vor allem bei starker Ausprä­gung von E1 und E2). Das wundert nicht: Ein über­durch­schnitt­lich starker Extro ist meist kein einfa­cher Zeit­ge­nosse. Er wird sich im Vertrieb wie auch in anderen Jobs schwer tun, zum Beispiel weil er vielen Menschen zu nahe kommt, sich zu stark in den Vorder­grund drängt oder durch sein Nähe­be­dürfnis anstrengt.

Genauso ist es mit sehr ausge­pägten Intros: die Wahr­schein­lich­keit, dass diese es an die Führungs­spitze bringen, ist gering, vor allem, weil sie null Inter­esse daran haben. Im Einzel­fall kann (!) es sogar sein, dass sich Intro­ver­sion mit Tendenzen von Asperger über­schneidet (einer milden Form des Autismus). Ja, es wird in den USA sogar disku­tiert, ob Asperger und Intro­ver­sion ein und dasselbe sind bzw. sich über­schneiden. Wen das inter­es­siert: Asperger wird mit einem “AQ” entwi­ckelt von Simon Baron-Cohan getestet, der hier verfügbar ist. In einem Asperger-Forum habe ich mir die Selbst­be­schrei­bungen der Mitglieder nach Big Five ange­sehen. Die Intro-Werte lagen immer deut­lich unter 15%, oft unter 10% (und wie gesagt, gemeint ist hier nicht nur E1, also Kontakt­fä­hig­keit, sondern alle vier oder fünf Werte – je nach Big Five-Version — zusammen!)

Menschen mit einer derart klaren Prägung werden anders eben als Ambi­ver­tierte höchst­wahr­schein­lich nicht zu Führungs­kräften, Vertrieb­lern, Key Account Mana­gern und Spea­kern wie Susan Cain.  Die Wahr­schein­lich­keit für die Ausprä­gung spezi­eller Bega­bungen ist indes größer, übri­gens vor allem dann, wenn hohe Intel­li­genz und ein höherer Neuro­ti­zismus (emotio­nale Insta­bi­lität) dazu kommt. Die darunter liegenden Fähig­keiten zu entde­cken dagegen ist entspre­chend schwie­riger – und eine Heraus­for­de­rung für Perso­nal­ab­tei­lungen, die mit den übli­chen Auswahl­ver­fahren wie AC und Inter­view hier an Grenzen kommen.

Im Mai ging die Meldung durch die Presse, dass SAP Autisten einstellt – nicht aus Selbst­lo­sig­keit, sondern aufgrund der häufigen Insel­be­ga­bung. Nun sind stark Intro­ver­tierte beileibe nicht gleich­zu­setzen mit Autisten. Dennoch sind bei ihnen ähnlich wie bei stark (!) Intro­ver­tierten die sozialen Kompe­tenzen geringer und auch schwerer zu entwi­ckeln. Das fordert ganz andere Maßnahmen – oder einfach nur mehr Tole­ranz? Ist doch die (Personal-)Entwicklung zur „Mitte“ und Auffä­che­rung der Verhal­tens­va­rianz das übliche Ziel der Human Rela­tions. Verhal­tens­va­rianz verwäs­sert aber eben auch das extreme, starke Talent. Oder so gesagt: Genies sind meist keine super Sympa­thie­träger. Wollen wir sie also gleich­ma­chen oder ihre Inte­gra­tion fördern?

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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15 Kommen­tare

  1. Alex­ander Plath 8. Juli 2013 at 12:32 — Reply

    Ein gut geschrie­bener Artikel ! Ergän­zend füge ich hinzu, dass Persön­lich­keits­merk­male auch situativ ausge­prägt sind. Je nach Kontext wird ein Mensch also stärker oder weniger stark intro­ver­tiert / extro­ver­tiert wahr­ge­nommen.

    • Gilbert 22. Juli 2013 at 22:28 — Reply

      Hm, na alles ist irgendwie situativ ausge­prägt, sogar die Bräune Ihrer Haut!

      Was Sie sagen, ist natür­lich richtig (jeden­falls was Ambi­ver­tierte angeht), aber es verfehlt genau den Punkt, um den es bei Tests solcher Persön­lich­keits­di­men­sionen geht: Zu ermit­teln, wo die “natür­liche” Präfe­renz der Person liegt, abseits von situa­tiven “Störungen”.

      Und da gibt es auf diesen Achsen natür­lich alle mögli­chen Ausprä­gungen. Wie bei einer Bell-Curve ist zu erwarten, dass die meisten von uns sich näher zur Mitte hin grup­pieren (ambi­ver­tiert) und nur sehr wenige an den äußeren Extremen (sehr extro­ver­tiert oder sehr intro­ver­tiert) liegen.

      Je näher man an den Extremen liegt, desto weniger werden sich situa­tive Ände­rungen bemerkbar machen. Und dann kann es durchaus hilf­reich sein, über einen solchen Test zu erfahren, warum man “irgendwie anders” ist und eben nur sehr selten als mehr oder weniger intro­ver­tiert oder extro­ver­tiert wahr­ge­nommen wird.

  2. Bianca 12. Juli 2013 at 18:49 — Reply

    Ein wirk­lich starker Artikel! Herrn Plaths Kommentar kann ich nur beipflichten — der Kontext entscheidet eben­falls.

    Zur Frage gleich­ma­chen oder Inte­gra­tion: Was wollen die wirk­lich Intro­ver­tierten? Weder noch. Ein wirk­lich Intro­ver­tierter will nicht inmitten von Kollegen arbeiten, will nicht mit Kunden tele­fo­nieren, will nicht im Vertrieb sein. Er will einen Home-Office-Arbeits­­platz und idea­ler­weise nur per E‑Mail kommu­ni­zieren.
    Bedenken wir, dass viele Unter­nehmen (bis auf Yahoo 😉 ) sich in diese Rich­tung entwi­ckeln, erfolgt doch die Inte­gra­tion auf eine neue Art und Weise von allein. Das halte ich für gut, richtig und wichtig, denn natür­lich sollen Intro­ver­tierte nicht ausge­schlossen werden. Wirk­lich Intro­ver­tierte dürften schon beim Vorstel­lungs­ge­spräch in Panik ausbre­chen — das jeden Tag fühlen zu müssen, stelle ich mir schreck­lich vor!

    • Svenja Hofert 13. Juli 2013 at 10:00 — Reply

      Danke! Das ist eine wirk­lich gute, weil weiter­den­kende Ergän­zung. Das wir in eine Welt mit lauter Vorteilen für Intro­ver­tierte getreten sind, diese Idee hatte ich auch schon — und wollte auch drar­über mal was schreiben… Sie haben mich neugierig gemacht. Ich war drauf und dran Ihr Buch zu bestellen. Sind nun Sie der Kommen­tator und ist Bianca ein Pseud­onym? Weihen Sie mich ein, gern per Mail 🙂 LG Svenja Hofert

    • Juli Scheld von Viel­be­gabte 5. September 2013 at 10:16 — Reply

      Klasse Ergän­zung zu Frau Hoferts Artikel! Die neuen Arbeits­mo­delle mit Trends zu flexi­blerer Zeit­ein­tei­lung und mehr Möglich­keit, in einer selbst gewählten Umge­bung zu arbeiten, kommen intro­ver­tierten Menschen sicher­lich entgegen. Hier erschließen sich die Unter­nehmen ein Poten­tial, das sich unter ungüns­tigen Bedin­gungen nicht voll entwi­ckeln kann.

      Gestol­pert bin ich über den Satz „Wirk­lich Intro­ver­tierte dürften schon beim Vorstel­lungs­ge­spräch in Panik ausbre­chen“: Intro­ver­sion ist nicht das Gleiche wie Schüch­tern­heit. Ein schüch­terner Mensch hat oft Probleme mit einer unge­wohnten Situa­tion und fremden Menschen – noch dazu unter Anspan­nung, wenn es um einen neuen Job geht. Er möchte gerne in Kontakt treten, bleibt jedoch an seinen Hemmungen und Ängsten „hängen“.
      Intro­ver­tierte können mit solch einer Situa­tion in der Regel gut umgehen! Insbe­son­dere wenn es um ein Gespräch in kleiner Runde geht und die Small Talk-Phase über­standen ist.

      Ich habe gerade erst etwas geschrieben zu 10 Stärken intro­ver­tierter Menschen. Aus meiner Sicht können sie sich gerade in einem Bewer­bungs­ge­spräch auf die Stärken 1–3, viel­leicht auch 4 (wenn sie in der Firma eine Insti­tu­tion von Wert sehen), 5, 7, 8 und 10 stützen. Das sind ja schon eine ganze Menge für solch eine Sonder­si­tua­tion!

      Extra­ver­tierte haben dagegen einen klaren Vorteil, wenn es um Small Talk (der ja meist zum Einstieg statt­findet), Begeis­te­rungs­fä­hig­keit (hier wägt ein Intro­ver­tierter in der Regel erst einmal Vor- und Nach­teile ab, bevor seine Augen leuchten) und Eigen­in­itia­tive bzw. Selbst­wer­bung geht. Hier drehen sich die Stärken eines Intro­ver­tierten schnell mal zu seinem Nach­teil, weil sie von außen viel zu leicht fehl­in­ter­pre­tierbar sind. Dies klar­zu­stellen, dazu fehlt in einem Bewer­bungs­ge­spräch oft die Zeit bzw. wird gerade von Extra­ver­tierten als „anstren­gend“ empfunden.
      Aber Intro­ver­tierte sind nicht auto­ma­tisch auch schüch­tern!

      • Svenja Hofert 5. September 2013 at 10:34 — Reply

        … stimmt, man muss die Big-Five-Dimen­­sion Neuro­ti­zismus hinzu­nehmen, hier ist Schüch­tern­heit in einer Unter­fa­cette abge­bildet, sie liegt nicht direkt bei der Intro­ver­sion. In der aktu­ellen Diskus­sion wird das aber kräftig gemischt. Aller­dings korre­lieren Neuro­ti­zismus und Intro­ver­sion mitein­ander. Über­haupt ist, wie beschrieben Intro­ver­sion extrem viel­fältig — es gibt auch intro­ver­tierte Schnacker. LG Svenja Hofert

  3. Finetta 14. Juli 2013 at 12:05 — Reply

    Das ist ein Thema, das mich in den vergan­genen Monaten beschäf­tigt hat. Stille leise Menschen sind nicht nur intro­veriert, sonder können auch Hoch­sen­sibel sein. Aufmerksam geworden bin durch das Buch von Sylvia Löhkens “Leise Menschen” und “Zart­be­saitet”. Das Buch hat mir Mut gemacht, meinen Weg zu finden.Doch wie? Und durch Zufall fand ein Vortrag in unserer Stadt statt, und ja es gibt regel­mä­ßige Treffen, so dass ich in dieser ‘lauten Welt‘ meinem Pfad folgen kann. Eine span­nende Reise kann beginnen.
    Finetta

    (Zitat: auch mein Motto geworden: “In einer lauten Welt sich gut einrichten, und in dem, was Ihnen wichtig ist, Erfolg zu haben. oder http://www.stressfrei-im-alltag.de)

  4. Gilbert 22. Juli 2013 at 22:51 — Reply

    Inter­es­santer Artikel, beson­ders als Hinweis auf Intro­ver­sion, Hoch­sen­si­bi­lität etc. als Mode­phä­no­mene. Es nervt auf der einen Seite, dass nun jeder gern irgendwie die sensible Seite bei sich entdeckt hat. Auf der anderen Seite kann das die entstig­ma­ti­sieren, die wegen extrem ausge­prägter Intro­ver­sion lange dachten, sie sind irgendwie nicht richtig im Kopf.

    In den Diskus­sionen wird immer wieder unter­schlagen, wie enorm der Einfluss der anderen Dimen­sionen und des Verhal­ten­trai­nings auf die phäno­ty­pi­sche Ausprä­gung der Intro­ver­sion ist. Zum Beispiel können wir eben nicht an Susan Cains Vortrags­weise ablesen, wie intro­ver­tiert sie “tatsäch­lich” ist, denn sie hat diesen Vortrag immer wieder üben müssen (und ist trotzdem nicht über das Mittelmaß hinaus­ge­komen, wie ich finde). Oder Snowden: Wie lange hat er seine Meinung für sich behalten? Und haben Intro­ver­tierte nie auch feste Prin­zi­pien (Judging vs. Percei­ving im MBTI oder geringe Offen­heit in den B5) oder einfach mal die Schneuze voll? Sie behalten ihre Meinung so lange für sich, so lange sie nicht sicher sind, dass es Zeit ist, sie zu äußern. Extro­ver­tierte haben da weniger Hemmungen. Und natür­lich können Intro­ver­tierte ein Inter­esse für Führung entwi­ckeln, denn einmal Blut geleckt, mögen auch sie die Macht. Fürhung ist sehr komplex und erschöpft sich nicht darin, im Rampen­licht zu stehen oder Small-Talk halten zu müssen. Im Gegen­teil: Führung und Macht können sogar als Rück­zugs­ge­biete aus dem ewig sozialen Mitein­ander im Beruf sehr verlo­ckend für Intro­ver­tierte sein.

    Trotz allem Hype bleibe ich dabei: Es ist wichtig für jeden, der sich irgendwie am Rande bei den Extremen befindet, darüber Bescheid zu wissen und damit umgehen zu lernen. Die Ambi­ver­tierten bilden natür­lich die größte Gruppe. Und ob sie es jetzt schick finden, sich in eine extreme Ecke zu stellen, ist für mich genauso inter­es­sant wie das Umkrem­peln der Hosen­beine oder irgend eine andere Mode.

    • Svenja Hofert 23. Juli 2013 at 9:28 — Reply

      Danke für die zwei gute Ergän­zungen Ich denke man muss diffe­ren­zieren. Sicher­lich sagt situa­tives Verhalten sehr wenig aus, wohl aber situativ gehäuftes — und das Verhalten dabei und danach. Soviel ich weiß hat Cain den Vortrag wieder­holt, ein Unter‑7%-Intro” würdde das wohl eher als Hölle empfinden.
      Bei den meisten enschenM ist die Ausprä­gung der verschie­denen Unter­di­men­sionen verschieden. Ich bin bei den Themen “äußert Meinung” und “über­nimmt Führung” deut­lich extro­ver­tiert. Aber: Ich kriege einen Fön, wenn viele Menschen durch­ein­ander reden, bei Menschen­auf­läufen und in Clubs. Ich habe eine Menge Facetten von Intro- und Extro­ver­sion gesehen und all das bestä­tigt mich: Kein Mensch tickt wie der andere. Dieses Phänomen “irgendwie anders” kommt aus allen mögli­chen Quellen, Intro­ver­sion ist eine. Eine, die man auch diffe­ren­zierter betrachten sollte, was übri­gens auch die Diskus­sion in Intro-Foren zeigt, wo man kaum je auf einen grünen Zweig kommt — weil die Leute komplett verschie­denen ticken. Und weil dort eben nicht nur 7%-Intros sind, sondern die meisten ambi­ver­tiert LG Svenja Hofert

  5. Anton Jonas 24. Juli 2013 at 0:03 — Reply

    Der Artikel spornt zum Nach­denken an.
    Als jemand,der sich von längeren sozialen Inter­ak­tionen ausge­laugt fühlt und sich nur erholen kann,wenn er alleine ist und Stille hat,habe ich mich eigent­lich schon im Lager der Intro­ver­tierten gesehen.
    Aber die Big Five treffen so ziem­lich gar nicht auf mich zu.
    Kontakte scheue ich nur,wenn es langsam an meine mentalen Kraft­re­serven geht.
    Small­talk mag ich tatsäch­lich nicht,aber Aufmerk­sam­keit selbst hat bei mir keine nega­tiven Konno­ta­tionen.
    Ich bin auch nur ruhig,wenn ich im Ener­gie­spar­modus bin. Über­nehme gerne die Führung,wenn ich das Gefühl habe,dass niemand die Rolle befrie­di­gend ausfüllt und behalte selbst im Spar­modus selten meine Meinung für mich. 🙂

    Viel­leicht sind “Stille” und “Dr. Carmella´s Guide to Under­stan­ding the Intro­verted” doch nicht genug um sich eine Meinung zu dem Thema zu bilden…

    • Svenja Hofert 25. Juli 2013 at 9:35 — Reply

      danke­schön, das freut mich, wenn mein Artikel zum Nach­denken anregt. Letzt­end­lich wird mit dem Intro­­ver­­­tierten-Thema auch Politik und Verkauf betrieben… und der MBTI ist nun mal hoff­nungslos veraltet. Er wird nicht mehr weiter­ent­wi­ckelt, es gibt keine aktu­ellen Studien. Das ist bei den Big Five ganz anders. Ich habe seitdem, ich damit arbeite, das Gefühl, die Dinge auch belegen zu können. Das ist mir persön­lich sehr wichtig.
      Die Leute mögen den MBTI trotzdem mehr als die Big Five. Ich denke aus 2 Gründen: 1. Die Schub­lade ist einfa­cher als sich mit Diffe­ren­zie­rung ausein­an­der­zu­setzen. 2. Die Big Five sind nicht unein­ge­schränt sexy z.B. ist die Dimen­sion Neuro­ti­zismus durchaus proble­ma­tisch. Intro­ver­sion muss man in Wech­sel­wir­kung damit betrachten. So wird ein intro­ver­tierter, stabiler Mensch ganz anders sein als ein intro­ver­tie­trer, insta­biler. Auch beim Big Five gibt es verschie­dene Versionen, vor allem die Unter­di­men­sionen können sich unter­scheiden. Was ich hier verwende basiert auf dem Neo FFI. LG Svenja Hofert

  6. Bettina Stackel­berg 26. Juli 2013 at 12:05 — Reply

    Hallo zusammen!

    Danke für diesen diffe­ren­zierten Artikel! Vor allem dieser Passus hat mir sehr gefallen:
    “Mir scheint derzeit, dass die Diagnose „intro­ver­tiert“ sogar etwa so erwünscht ist wie „Hoch­in­tel­li­genz“ oder „Hyper­sen­si­bi­lität“. Wir stellen uns unter Extra­ver­tierten Laut-Schnacker, Bühnen­kasper und eben diese „Schwatt­lappen“ vor. Aber das ist natür­lich Blöd­sinn. Es gibt solche Typen, aber dass sie irgendwie unan­ge­nehm sind, hat weniger mit Extra­ver­sion zu tun als viel­mehr mit Desin­ter­esse am anderen und mangelndem Fein­ge­fühl.”

    Mir hat Sylvia Löhkens Buch sehr viel geholfen, weil mir etli­ches an mir klarer wurde. Ich bin deut­lich mehr Intro, als ich bislang dachte und habe durch das Buch vieles verstanden, was ich vorher eher schrullig oder seltsam an mir fand. Ein großes Aufatmen war die Folge — gut!!

    Die Kehr­seite des “Intro Hypes” in meinen Augen: Intros kommen jetzt in der aufkom­menden Diskus­sion oft als die Besseren, Tieferen, Fundier­teren, Wert­vol­leren weg. Es ist hip, ein Intro zu sein.

    Und das ist natür­lich Quatsch! Es gibt reizende Intros.…..und unsäg­liche Schnarch­nasen oder Idioten. Und es gibt reizende Extros.…..und unsäg­liche Brüll­affen und Idioten. Und es gibt erfolg­reiche Intros und erfolg­reiche Extros etc.

    In Sylvias Buch kommt etwas zum Tragen, was ich in der DIskus­sion vermisse: Es gibt nicht DEN Intro und DEN Extro — Sylvia nennt das viel­mehr “die äußeren Punkte eines Konti­nuums”. Und erst recht ist es keine Bewer­tung im Sinne von besser oder schlechter.

    Herz­lichst, Bettina Stackel­berg

  7. Inter­es­santer Artikel, liebe Frau Hofert! Über eine Verlin­kung verschie­dener Beiträge zur Intro­ver­sion bin ich gerade auf ihn gestoßen und habe auf diesem Online-Weg auch den erwähnten Vortrag von Susan Cain gesehen.

    Sie sagt dort sehr klar, dass sie sich als Intro­ver­tierte ein Jahr (!) gezielt auf die Bühne und Vorträge vorbe­reitet hat (im Film ab Minute 16:00). Ihre „relativ starke Gestik und Zuge­wandt­heit zum Publikum“ sind aus meiner Sicht klar antrai­nierte Verhal­tens­weisen; selbst die Pausen sind sorg­fältig einstu­diert. Ihre Aufre­gung kann sie trotz dieser umfas­senden Vorbe­rei­tung nicht verheim­li­chen. Beson­ders auffal­lend ist das, wenn man ausschließ­lich zuhört und ihre Mimik und Körper­sprache nicht sieht. Das verur­sacht mir beim bloßen Zuhören schon Herz­klopfen…

    Über die Moti­v­ana­lyse, mit der ich schwer­punkt­mäßig arbeite, komme ich immer mal wieder an Punkte, an denen die Intro-Extra-Unter­­schei­­dung schnell an ihre Grenzen stößt. Ich erlebe hier extra­ver­tierte Hoch­sen­sible, die sich mit ihrem hohen Kontakt­be­dürfnis schnell über­for­dern oder auch intro­ver­tierte Netz­werker, was aus Sicht der bloßen Intro-Extra-Betrach­­tung ein Wider­spruch in sich selbst darstellt. Da helfen die Begriffe Intro und Extra nicht wirk­lich weiter!

    Das wird auch im Kommentar von Bettina Stackel­berg deut­lich: „Es ist hip, ein Intro zu sein. Und das ist natür­lich Quatsch! Es gibt reizende Intros……und unsäg­liche Schnarch­nasen oder Idioten. Und es gibt reizende Extros……und unsäg­liche Brüll­affen und Idioten. Und es gibt erfolg­reiche Intros und erfolg­reiche Extros etc.“

    Inter­es­sant wird es für einen Mensch dann, wenn er auch versteht, WARUM er auf Menschen zugeht – oder genau danach kein Bedürfnis hat. Das gleiche gilt für Perso­nal­ab­tei­lungen, da gebe ich Ihnen absolut recht!

    Trotzdem habe ich selbst nach vier­ma­ligem Lesen (!! Sie kennen mich!) immer noch nicht auf den Punkt gekommen, was mir Ihr Artikel sagen will. Hm, viel­leicht schlägt mir der Wetter­um­schwung auf die Schnel­l­­denker-Synapsen??

    Herz­liche Grüße
    Juli Scheld

  8. Reiner intro(w) 10. Februar 2017 at 18:40 — Reply

    Ich bin so ein Kandidat, wie er hier beschrieben wird. Sehr oft werde ich von anderen als extrem ruhig/still beschrieben(so zB mal von einer ehema­ligen Lehrerin, von Verwandten, von Fremden etc). Außerdem sehe ich auch häufig Fotos oder Videos von mir in meiner Kind­heit oder Jugend, in dennen ich alleine und in mich versunken, ja fast schon verträumt wirke und aussehe. Alle Punkte die hier aufge­führt wurden und scheinbar nicht auf Edward Snowden zutreffen, treffen auf mich zu. Auch werde ich oft als ängst­lich beschrieben und ich werde gefragt ob ich über­haupt reden kann(häufig). Ich habe persön­lich keine Scheu andere Menschen anzu­spre­chen , aber gene­rell keine Lust darauf.oder empfinde es nicht so. Ich zieh mich gerne zurück, kann aber auch auf andere zugehen oder mal Zeit mit anderen verbringen. Ich kann wenn ich ein Buch lese sehr konzen­triert sein aber auch leicht ablenkbar. Wenn ich an Situa­tionen in meiner Vergan­gen­heit denke und mir durch­lese was im Internet alles so über Intros berichtet wird stimmt alles . Ich fühle mich dann verstanden und bestä­tigt. So zB stär­kere Scham­ge­fühle, stär­keres Gewissen, ein privates, aber auch ein öffent­li­ches Ich. Sozu­sagen öffne ich mich nicht allen Menschen, aber wenn ich einer Person vertraue und besser kenne verhalte ich mich auch anders, rede , lache mehr und albere auch mal rum. Auf dieser Seite bin ich gelandet weil ich mich schon sehr lange mit diesem Thema beschäf­tige und es mich inter­es­siert. Oft wird behauptet ein Intro könne Extros besser verstehen als andersum. Das stimmt nicht, ich kann es absolut nicht nach­voll­ziehen. So verstehen wir uns gegen­seitig nicht, passt ja. Die Aspekte die hier aufge­führt worden sind sehr inter­es­sant und habe ich so auf keiner anderen Seite wieder gefunden. Ich lese mir auch gerne die Kommen­tare und Antworten hier durch. Klasse Seite, bitte mehr davon. Ich liebe Infos 🙂 Liebe Grüsse

  9. Esther Jung-Gaulle 19. Februar 2021 at 15:20 — Reply

    Inter­es­santer Denk­an­satz, jedoch fehlen mir hierzu die psycho­lo­gi­schen Refe­renzen als Belege fuer Ihre Theo­rien. Der Artikel ist vor acht Jahren veroef­fent­licht worden, inzwi­schen haben wir mit dem Lock­down fest­ge­stellt, dass die Mehr­heit der Menschen eben nicht, wie Sie behaupten, Stille lieben. Hierzu haette ich gern ein paar Belege gesehen, die Ihre Behaup­tung stuetzen.

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