Kate­go­rien

Vom Zicken­krieg zum Psycho­terror: Wann fängt Mobbing an?

Published On: 27. März 2014Cate­go­ries: Karriere

Concepto de presión fiscal, impuestos.Der Stempel auf dem gelben Zettel schien ein eindeu­tiges Zeichen zu sein. „Die Krank­mel­dung kam aus einer psycho­so­ma­ti­schen Klinik“, erzählt Agen­tur­chef Thomas. „Ich hatte nicht ernst genommen, was mir meine Kollegin ange­deutet hatte: Dass Sabine sich ernst­haft gemobbt fühlt.“ Erst jetzt dämmerte dem Unter­nehmer, dass seine Bera­terin nicht mehr wieder­kommen würde. Dabei hatte er doch einfach nur immer wieder gesagt, dass sie sich endlich aufraffen müsse und die Leis­tung bringen, die man von ihr erwar­tete! Einige Wochen später: die Kündi­gung. Im beilie­genden hand­ge­schrie­benen Brief: der Mobbing-Vorwurf.

Eine vor kurzem veröf­fent­lichte Studie des „Bünd­nisses gegen Cyber­mob­bing“ befragte 6.200 Menschen und kam zu dem Ergebnis, das 40 Prozent bereits Opfer von Atta­cken am Arbeits­platz oder im Internet waren. Frauen sind andert­halb Mal häufiger betroffen als Männer. Doch was defi­nieren diese Befragten als Mobbing? Ist es Mobbing, wenn der  Vorge­setzte ständig kriti­siert? Wenn der Auftrag­geber auf die Körb­chen­größe der Auftrag­neh­merin anspielt?

Eine einheit­liche Defi­ni­tion für Mobbing gibt es nicht, am grif­figsten scheint mir diese von Hans Leymann: „Nega­tive kommu­ni­ka­tive Hand­lungen (von einer Person oder mehreren Personen) die gegen eine  Person (oder mehrere Personen) gerichtet sind und die  sehr oft und über einen längeren Zeit­raum hinaus vorkommen und damit die Bezie­hung zwischen Täter und Opfer bestimmen“. Leymann setzt dem eine mindes­tens einmal wöchent­lich erlebte Mobbing-Hand­­lung über mindes­tens ein halbes Jahr voraus.

Ich denke nicht, dass die Mobbing-Studie diese eher strenge Defi­ni­tion verwendet hat, sondern vermut­lich die subjek­tive Mobbing-Betrof­­fen­heit. Und mit der ist es schwierig. Keine Frage, dass es Mobbing ist, wenn Schüler immer vor dem Musik­un­ter­richt die Gitarre der Mitschü­lerin verste­cken, woraufhin diese regel­mäßig in Tränen ausbricht. Keine Frage, wenn Infor­ma­tionen syste­ma­tisch und immer wieder vorent­halten werden, um jemanden auszu­hun­gern. Auch Face­­book-Gemein­heiten: darüber braucht man nicht reden, das ist klar Mobbing. Aber wenn der Chef, hier Thomas, mit seiner Mitar­bei­terin nicht zufrieden ist und das sagt? Wenn er Projekte entzieht, weil er die Termine gefährdet sieht? Dann ist die Sache mehr­deutig. Und die meisten Fälle, die mir begegnet sind, sind genau so: mehr­deutig.

Es gibt Persön­lich­keiten, die eher dazu neigen, Mobbing­opfer zu werden. In einer Studie mit Erwach­senen war signi­fi­kant, dass Mobbing-Betrof­­fene höhere Werte in den Big-Five-Persön­­lich­keits­­di­­men­­sionen Neuro­ti­zismus und Offen­heit für Erfah­rungen aufwiesen. Menschen  mit höherem Neuro­tizimus litten auch mehr unter Mobbing, das heißt, sie empfanden es stärker.

Extra­ver­sion korre­liert leicht negativ mit Mobbing-Opfer-sein. Das heißt „laute“ Menschen können sich einfa­cher schützen. Ich erlebe manchmal – in der Regel Frauen — in der Bera­tung, die in solchen Situa­tionen wie erstarrt sind und höllisch darunter leiden, was die Gegen­über gar nicht merken. Viele Frauen können nicht so gut Grenzen ziehen, und schlag­fertig ist auch längst nicht jeder. Das heißt, wirk­same Anti-Mobbing-Tech­­niken kann nicht jeder anwenden.

Diverse Teams — mehr Mobbing?

nach Hofsteede: Vergleich China-Deutschland

nach Hofsteede: Vergleich China-Deut­sch­­land

Mein subjek­tiver Eindruck ist, dass Mobbing­vor­würfe gegen Team­mit­glieder in inter­kul­tu­rellen Kontexten, also im Zuge einer immer stär­keren ethni­schen und geschlech­ter­be­zo­genen Diver­sity im Moment zunehmen. Es bleibt nicht ohne Folgen, dass plötz­lich mehr Frauen da sind (wiewohl noch in der Minder­heit, und Minder­heiten werden eher gemobbt) und andere Natio­na­li­täten in die Teams ziehen. Ich könnte mir vorstellen, dass sogar schon eine stär­kere regio­nale Durch­mi­schung in länd­liche Regionen, Mobbing begüns­tigen kann. Wird doch eher der Außen­seiten gemobbt als der Zuge­hö­rige.

Kultu­rell bedingtes unter­schied­li­ches Kommu­ni­ka­ti­ons­ver­halten ist oft die Wurzel für Miss­ver­ständ­nisse, die in einem Mobbing­vor­wurf münden können. Eine gute Hilfe dabei, sich diese Unter­schiede bewusst zu machen, liefert die App Culture GPS, die die Dimen­sionen des nieder­län­di­schen Kultur­wis­sen­schaft­lers Geert Hofsteede aufgreift und grafisch umsetzt.

So kann eine höhere Macht­di­stanz (Power distance) Mitar­beiter mit entspre­chenden kultu­rellen Hinter­grund hindern, klare Schritte gegen Angriffe zu unter­nehmen. Ein nied­riger Indi­vi­dua­lismus bringt oft die Neigung mit sich, Über­griffe eher zu tole­rieren (weil man sich selbst nicht so wichtig nimmt). Diesen Aspekt, mehr Mobbing auch als Folge von stei­genden Diver­sität,  hat meines Wissens noch niemand richtig aufge­griffen. So schlimm und schreck­lich einzelne Mobbing­fälle sind, das viel größere Problem ist aus meiner Sicht die fehlende Bewusst­heit für die Unter­schied­lich­keit von Menschen.

Was tun?

Als Mensch und als Führungs­kraft sollten Sie sich bewusst machen, dass die Grenzen bei jedem Menschen anders liegen und dass fanta­sie­volle (Offen­heit für neue Erfah­rungen), empfind­same und emotio­nale Menschen (Neuro­ti­zismus) etwas anfäl­liger für Mobbing sind. Hören und sehen Sie genau hin. Fragen Sie, wie Ihr Gegen­über eine Aussage und Hand­lung empfindet. Sensi­bi­li­sieren Sie Ihr inter­kul­tu­relles Gespür. Was Mobbing­opfer tun sollten, ist anderswo ausführ­lich beschrieben. Ich finde, eins dabei wird oft vergessen: Auch die Führungs­kraft, betei­ligt oder scheinbar unbe­tei­ligt, muss für sich sorgen und den Vorwurf Mobbing erst einmal für sich verar­beiten und bewerten.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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3 Kommen­tare

  1. Süreyya Yavuz 28. März 2014 at 22:34 — Reply

    Ich wurde massiv von meinem Arbeits­kol­legen gemobbt. Er versteckte regel­mäßig meine erfor­der­li­chen Auszüge. Ich beschwerte mich bei meinem Grup­pen­leiter, doch mehr als ihn einmal zur Rede zu stellen kam nicht dabei raus. Ein Jahr lang konnte ich nachts nicht mehr schlafen, bekam Migräne und bekam mit der Zeit Probleme wegen Fehl­zeiten vom Abtei­lungs­leiter. Dann wurde ich schwanger. Da es meine erste Schwan­ger­schaft war beschloss ich mit meinem heutigen Ex-Mann zu kündigen. Aus heutiger Sicht war das natür­lich unüber­legt, aber damals vor 15 Jahren schien mir das die einzige Möglich­keit. Ich hätte heute als allein­er­zie­hende einen guten Job- auch wenn es erst mal halb­tags wäre. Mobbing hat mich dazu gebracht so schnell wie möglich aus dieser Bank auszu­scheiden.

    • Svenja Hofert 28. März 2014 at 22:43 — Reply

      Das ist wirk­lich massiv und leider oft die Folge: Man kündigt — auch weil der Kampf gegen die Wind­mühlen die ohnehin schon einge­schränkten Kräfte raubt. Schade, dass es solche Gemein­heiten gibt. LG Svenja Hofert

  2. Chris­tiane 10. September 2014 at 12:06 — Reply

    Ich bin vor 1 Jahr in eine neue Firma halb­tags als Aushilfe.
    Zuerst fragte man mich ob ich Team­fähig sei und die 2 lästerten über die vorgänger das sie es nicht gewesen seien.
    Ich sollte mich einar­beiten lassen womit ich kein Problem hatte aber die,die mit einar­beiten sollte.
    Hatte Fragen und sie antwor­tete mir mit einem Schul­ter­zu­cken oder schauete einfach nur weg.
    Sie lästerten über mich bei den anderen Arbeits­kol­legen, wo ich sie dann zur Rede stellte.Sie leug­neten alles.
    Sie redeten immer in einem abfäl­ligen Ton mit mir aber nur wenn keiner in der Nähe war.
    Bin noch immer in dieser Firma mitler­weile werde ich igno­riert.
    Als gestern Mate­rial gelie­fert wurde hatte ich gefragt ob ich helfen kann das 2 mal und keine Reaktion.Ich werde isoliert und das ist es waas einem kaputt macht.Man will arbeiten hat einen Job und andere bestimmen ob du Geld verdienst oder nicht.Einmal habe ich mit bekommen das sie Agst hätten das ich ihr den Job weg nehme…Weil sie wäre ja schon 10 Jahre dort und sie würde keinen Job mehr finden weil sie zu alt wäre.…Ich bin selber 40 geworden und bin am über­legen ob ich kündigen soll weil es kann nicht angehen das man auf einer Arbeit weint es sollte Spass machen.

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