Kate­go­rien

Vorstel­lungs­ge­spräch natu­rell: Warum Sie ohne Vorbe­rei­tung oft besser sind

Published On: 16. April 2013Cate­go­ries: Mensch & Orga­ni­sa­tion

Das Vorstel­lungs­ge­spräch naht. „Muss ich jetzt all diese Tipps auf den Karrie­re­seiten und in den Büchern lesen?“ fragt mich die Kundin. Nee, sage ich, machen Sie das nicht, die vielen Tipps machen nur nervös. Erst recht ein paar Tage vorm wich­tigen Termin. „Aber Ihr Buch lese ich”, erwi­dert sie. Ach, lieb, denk ich. Aber ehrlich gesagt: Ich find´s oft gar nicht nötig. Gerade die netten und koope­ra­tiven Bewerber, die so offen für den Rat von anderen sind und am liebsten  alles einbe­ziehen würden, sind eben oft auch mit feinen Antennen ausge­stattet. Die posi­tive Konse­quenz ist: Sie sind empa­thisch. Die manchmal nicht so gute: Sie nehmen alles an und zwei­feln leicht — an sich, der Rich­tigkein von und über­haupt… Das macht empfäng­lich. Am Ende ist es oft so, dass gerade die Empa­thi­schen gar keine schlauen Ratschläge brau­chen, sondern schon so gut rüber­kommen. Die hingegen, die ohne jeden Selbst­zweifel sind, gehören manchmal gerührt und geschüt­telt. Aber gerade die sind nicht offen für Rat… Verzwickte Sache.

Das Internet hat in Sachen Infor­ma­ti­ons­dichte und Ratgeben viel Unheil ange­richtet — überall unge­prüfte Besser­wis­serei. Die Wahr­heit der “vielen” zu sortieren, ist ein ganz schöner Akt.

Wer lange nicht zu Vorstel­lungs­ge­sprä­chen musste, neigt dazu, am liebsten alles zu inte­grieren, was das Netz an Rat zu bieten hat. Um ja nichts falsch zu machen. Da richtet die Wahr­heit der “vielen” einigen Mist an und macht mehr kaputt als heil.

Wir hatten mal einen Kunden, der hat sich nach der Lektüre (sämt­li­cher!) Bücher zum Thema auch noch stun­den­lang von einem anderen Karrie­re­be­ra­tungs­büro vorbe­reiten lassen. Erfolg? 50 Gespräche, 50 Absagen, über Jahre.

Alles war auswendig gelernt, nichts mehr natür­lich. Die Antworten waren wie glit­schiger Fisch: sie glitten durch die Finger wie geschmiert, nichts blieb hängen außer ein Gefühl “hier stimmt was nicht”.

Ich habe die Zettel “verboten” und den Kunden aufge­for­dert, mal ganz frei zu reden. Zurück auf Start, Reset. Den Normal­zu­stand zu rekon­stru­ieren war harte Arbeit. Vor allem dieser Glau­bens­satz, “sag, was die anderen erwarten und hören wollen” ist schwer aus den Köpfen zu bekommen, vor allem bei Leuten der Baby­boomer und Gene­ra­tion X, die noch eini­ger­maßen brav und obrig­keits­ori­en­tiert denken. Etwas mehr Hoff­nung hege ich da bei der Gen Y, da kommen dann andere Themen 😉

Wer im Vorstel­lungs­ge­spräch punkten will, muss erst mal bei sich selbst anfangen. Wenn die Intro­ver­tierten Stillen erkennen, dass zwei, drei Sätze mehr auch der Verständ­lich­keit dienen, ist viel erreicht. Wenn die Unsi­cheren auf Video sehen, dass ihre einge­fal­lenen Schul­tern nicht zur schnit­tigen Verbal­akro­batik passt, sind wir weit gekommen. Wenn die Nörgler begreifen, dass sie kein Vertrauen wecken, beginnt das Umdenken. Und wenn erst die Viel­redner ihren roten Aus-Knopf finden 😉

Ach ja, alles fängt bei einem selbst an, bei der Selbst­er­kenntnis. Dieser Weg kann manchmal lang sein, manchmal reicht ein Impuls für den Aha-Effekt, um eine natür­liche und posi­tive Wirkung zu erzielen. Wie das geht, lässt sich nicht in einem Maga­zin­bei­trag mit 10 Tipps abhan­deln. Und in keinem Buch der Welt.

Augen zu. Einfach nicht mehr lesen. Hören Sie auf Kopf und Herz, also auf sich Selbst. Und wenn das Selbst schweigt, wecken Sie es vorsichtig auf. Dann brau­chen Sie erst recht keinen schlauen Ratschlag mehr.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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5 Kommen­tare

  1. Boris Schneider 18. April 2013 at 13:12 — Reply

    Endlich mal ein Artikel, der die Wahr­heit sagt. Viel zu oft lassen sic die Menschen durch zu viel Wissen durch­ein­ander bringen. Jedes meiner Vorstel­lungs­ge­spräche bisher ging ich ohne Vorbe­rei­tung an und siehe da: jedes verlief erfolg­reich.

    Dies gilt aber nicht nur bei Vorstel­lungs­ge­sprä­chen, sondern bei allen anderen Sachen auch. Es gibt keine Anlei­tung für das Leben. Man sollte es einfach leben!

  2. Thomas H. Lemke 20. April 2013 at 19:45 — Reply

    “Ohne Vorbe­rei­tung besser?” — soweit Sie damit dieses hekti­sche Sich-schnell-noch-etwas-anlernen-wollen-und-damit-nur-noch-unsi­cherer-werden verstehen, gebe ich ihnen recht.
    Aller­dings rate ich meinen Klienten immer!, sich vorzu­be­reiten. Unbe­dingt!
    In der Vorbe­rei­tung sollte man heraus­ar­beiten, was man im Gespräch will, was man nicht will und zusam­men­tragen was man vom Gesprächs­partner weis und zu erwarten hat.
    Wer völlig unvor­be­reitet ins Gespräch geht, kommt nach meiner Erfah­rung nur mit viel Glück gut wieder heraus, vergibt Chancen, lässt sich auf Sachen ein, die er hinterher bereut usw..
    Also: Vorbe­rei­tung unbe­dingt! Aller­dings nicht, um sich etwas anzu­lernen, womit man dem Anderen besser gefällt, sondern um durch die Vorbe­rei­tung gestärkt und klar ins Gespräch gehen zu können.

    • Svenja Hofert 22. April 2013 at 12:28 — Reply

      klar ist Vorbe­rei­tung wichtig, aber es kommt halt auf die Art an. Je mehr man sich mit seinem Berufsweg und seinen Stärken beschäf­tigt hat, desto über­zeu­gender wird man sein. Darum geht es. Viele suchen aber den einfa­chen Pauschalrat, etwas das wenig Mühe kostet und für alle passt. Und das gibt es eben nicht. LG SH

  3. Buser 21. April 2013 at 21:12 — Reply

    Ein sehr wich­tiger Satz:
    “Wer im Vorstel­lungs­ge­spräch punkten will, muss erst mal bei sich selbst anfangen”.

    Habe ich die Fähig­keiten, die im neuem Job tatsäch­lich gefor­dert sind? Es kann nicht sein, dass das Thema Geld im Vorder­grund steht. Viel wich­tiger ist Ihr Enga­ge­ment zu Ihrer neuer beruf­liche Heraus­for­de­rung.
    Können Sie eine gewisse Leiden­schaft für die zukünf­tige beruf­liche Tätig­keit aufbringen, ja, dann sind Sie auf dem rich­tigen Weg.
    Viel Erfolg
    Heinz Buser

  4. Hallo Frau Hofert,
    Sie beschreiben in ihrem Artikel genau die Fälle von ÜBER-Trai­­nie­rung oder Perfek­ti­ons­streben, bei der Bewerber aus alles vorbe­reite sein wollen aber ihre komplette Spon­ta­neität verlieren. Es kann dann kein Gespräch mehr geführt werden. Ich rede mit meinen Klienten in der Vorbe­rei­tung auf das Vorstel­lungs­ge­spräch u. a. über Echt­heit im Auftreten und den Menschen auf der anderen Seite. Das ist oft neben meinem prak­ti­schem Rheto­rik­trai­ning ein Schritt in die rich­tige Rich­tung. Freue mich auf die nächsten Artikel von Ihnen.

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