Kate­go­rien

Wann gelingt ein Quer­ein­stieg? 5 Thesen

Published On: 23. September 2013Cate­go­ries: Mensch & Orga­ni­sa­tion

wirtschaftsjournalistscanJe länger Sie in ein und demselben Bran­chen­seg­ment arbeiten, desto schwie­riger kommen Sie wieder raus. Man steckt fast fest, wie in einem Sumpf.

Beson­ders bemerkbar macht sich dieser Effekt bei sehr spezi­fi­schen, wissens­in­ten­siven Tätig­keiten – etwa bei Jour­na­listen. Wo in der freien Wirt­schaft kann ein Fern­seh­jour­na­list seine Erfah­rungen eins zu eins anwenden? Wo ein Adels­haus­experte? Oder jemand, der sich vor allem mit Life­style beschäf­tigt hat? Die Sache ist knifflig.

Vor mir liegt die Zeit­schrift „Wirt­schafts­jour­na­list“, der die Wege von 185 ehema­ligen FTD-Jour­na­­listen nach­ge­zeichnet hat. Das Ganze schön geglie­dert nach Ressorts. Rund 15% haben bisher ange­stellt die Fronten gewech­selt, sind also Jour­na­­lismus-Aussteiger. 25 Prozent sind (fraglos über­wie­gend nicht ganz frei­willig) selbst­ständig, teils auch bran­chen­fremd. Eine verkauft Torten übers Internet.

Die Karrieren der Quer­ein­steiger lesen sich beein­dru­ckend. Einer landete bei der EZB, ein anderer bei der Deut­schen Bank, noch einer wurde Director bei Hering Schup­pener, auch kein kleiner Name. Anhand dieser und anderer Geschichten wage ich fünf Hypo­thesen für einen gelun­genen Quer­ein­stieg, von dem auch alle lernen können, die ähnlich spezia­li­siert sind, nicht nur Jour­na­listen:

  1. Die Spezia­li­sie­rung erleich­tert den Seiten- und Quer­ein­s­tiegs-Erfolg auf höherem Niveau. Am einfachsten schienen es die Redak­teure aus dem Bereich Finanzen und Geld  gehabt zu haben, es folgt Unter­nehmen. Schwerer hat scheinbar, wer mit Politik‑, Nach­richten- oder Agen­daressort oder gar mit Beilagen eher allge­meiner unter­wegs war. Bei einem High-End-Wechsel – in ein mutmaß­lich auch weit besseres Gehalts­ni­veau —  ist so gut wie immer ein Orts­wechsel inklu­diert, d.h. diese Art von Karriere-Weiter­flug fordert regio­nale Flexi­bi­lität.
  2. Je besser die Kontakte außer­halb der Branche, desto leichter geht´s woan­ders hin. Ich weiß nicht, wie der Ex-Redak­­teur zur EZB oder Deut­schen Bank gekommen ist, aber vermut­lich eher nicht über ein Stel­len­in­serat Ganz sicher kauften die neuen Arbeit­geber auch Medien- und Politik-Kontakte mit ein.
  3. Die Vision treibt den Geschäfts­er­folg. Vergleiche ich die, die nur irgendwie „frei“ arbeiten mit denen, die eine Vision vom Web 3.0 oder des digi­talen Jour­na­lismus verfolgen (oder das so beschreiben), so vermute ich, dass die mit der Vision in drei Jahren ökono­misch besser da stehen, da sie sich breiter und unab­hän­giger von den klas­si­schen Medien aufstellen.
  4. Selbst­be­wusst­sein und Erfolg hängen unmit­telbar zusammen. Wer bewirbt sich direkt auf eine Leitungs­stelle anderswo? Wer nicht? Ich denke und sehe in der Praxis: die Unter­schiede liegen oft weniger im Fach­li­chen, sondern viel­mehr im Ego. Schon die kurzen Selbst­be­schrei­bungen spre­chen Bände davon, wie sich die Personen selbst sehen… Je „größer“ das Ego, sofern es auf etwas fußt (und davon kann man bei allen FTDlern ausgehen), desto besser.
  5. Wer sein Jobleben früh­zeitig selbst in die Hand nimmt, stellt bessere Weichen. Einige Redak­teure hatten offen­sicht­lich schon nach neuen Jobs gesucht, als die Gerüchte sich verdich­teten. Sie warteten nicht bis Ultimo. Andere sind immer noch in der Trans­fer­ge­sell­schaft. Mir fällt hier das mit den Ratten und dem sinkenden Schiff ein, aber das Bild ist mir viel zu negativ. Ich sehe überall, dass dieje­nigen besser gestellt sind, die abspringen, bevor der Tanker sinkt. Und dass dieje­nigen es schwerer haben, die fest­halten.

Mit meinen Kunden erar­beite ich gern so genannte Brücken, die einen von A nach B oder von A nach C über den Umweg B führen.

Solche Brücken sind indi­vi­duell in jedem Lebens­lauf andere. Es können sein:

  • Kontakte
  • Erfolg­reiche Projekte, auch ein Blog, selbst wenn der 0 Euro bringt
  • Wissen, auto­di­dak­tisch und erlernt, am besten beides
  • Erfah­rungen, auch die müssen nicht bezahlt worden sein
  • Fähig­keiten: „Der kann Leute moti­vieren“ (die vermu­tete Kompe­tenz bei einem ehema­ligen Hand­ball­trainer).

Merke: Selten laufen Quer­ein­stiege über die Perso­nal­ab­tei­lung. Die Perso­nal­ab­tei­lung hat ein Haupt­in­ter­esse: keine Fehler machen! Sie meidet von daher Risi­ko­reiche Einstel­lungen; wird also einen Quer­ein­steiger eher nicht auswählen. Sie igno­riert dabei, dass diese Einstel­lungen oft auch die chan­cen­reichsten sind. Ein Beispiel dafür ist die Karriere das Marriott-CEOs Arne Sorensen, eines ehema­ligen Wirt­schafts­ju­risten. Er wurde von Bill Marriot noch als Anwalt entdeckt und für den Job in einem gänz­lich anderen Umfeld enga­giert. Hätte sich Sorensen normal beworben, die Absage wäre ihm sicher gewesen.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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2 Kommen­tare

  1. Finetta 28. September 2013 at 17:15 — Reply

    Dieses Thema beschäf­tigt mich im Moment sehr. Ich denke, das viel Eigen­mo­ti­va­tion und Networ­king dazu­ge­hört, an einen Blog hatte ich schon gedacht. Ihr Text war für mich eine erneute Anre­gung, sich damit weiter ausein­an­der­zu­setzen.

  2. Chris­toph Lamprecht 7. November 2013 at 10:20 — Reply

    Ein aktu­elles Thema. Bin gerade in einer ähnli­chen Situa­tion.
    Gerade das Fazit (Merke) spricht mir aus der Seele.
    Die 5 Thesen sind gute Tipps.
    Gibt es auch einen Beitrag zu dem ange­spro­chenen “Brücken bauen”?

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