Kate­go­rien

Warum bin ich nicht erfolg­reich? Ein Bewer­bungs­expe­ri­ment im Fach­kräf­te­mangel (Teil 1)

Published On: 30. Oktober 2012Cate­go­ries: Mensch & Orga­ni­sa­tion

„Warum sind manche Menschen nicht erfolg­reich?“ schrieb ich hier vor einiger Zeit. Daraufhin wandte sich ein junger Wirt­schafts­in­ge­nieur und Master of Science der Wirt­schafts­wis­sen­schaften an mich, der anonym auch schon einige Beiträge bei Kollegin Janson über seine erfolg­lose Jobsuche geschrieben hat. Kein Job trotz Fach­kräf­te­mangel! Er fragte mich, ob ich mir seine Unter­lagen und den bishe­rigen Bewer­bungs­ver­lauf ansehen würde. Ich dürfte darüber in meine Blog schreiben, so lange es ohne Namen sei.

Das tue ich hiermit, der Beitrag ist mit ihm abge­spro­chen. In diesem ersten Teil widme ich mich der Analyse der Unter­lagen und der Stra­tegie und mache konkrete Opti­mie­rungs­vor­schläge. Im Anschluss werde ich mit dem Bewerber über die Stra­tegie spre­chen und mir die daraufhin opti­mierten Unter­lagen ansehen. Nach drei Monaten ziehen wir ein Resümee.

1. Zum Hinter­grund des Bewer­bers

Der junge Mann ist 1982 geboren, also 30 Jahre alt. Er hat bis 2008 Wirt­schafts­in­ge­nieur­wesen studiert, zwecks Wieder­erkenn­bar­keit verzichte ich auf die Benen­nung der Fach­hoch­schule. Wichtig zu wissen ist aber, dass er im Anschluss an der Fernuni Hagen studierte und dort in drei Jahren einen Master oft Science in Wirt­schafts­wis­sen­schaften erwarb. Seit März hat er weit über 100 Bewer­bungen geschrieben. Davon gab es nur 6 Vorstel­lungs­ge­spräche. Das ist unter­halb der Quote, die ich für normal halte, wenn der Lebens­lauf nicht ganz stimmig ist oder in über­lau­fenen Berei­chen wie Marke­ting und Personal: 10%.

2. Woran liegt es, dass der Bewerber so selten einge­laden wird?

Ich beschäf­tigte mich etwa 30 Minuten

  • mit dem CV,
  • dem Anschreiben,
  • den Zeug­nissen und einer Excel-Tabelle, die darüber Auskunft gab, bei wem und auf welche Stelle mit welchem Ergebnis er sich beworben hat,
  • einer ausführ­li­chen Beschrei­bung der Vorstel­lungs­ge­spräche.

3. Was lese ich daraus über den Bewerber?

In der Excel-Tabelle erkenne ich die Syste­matik eines sehr analy­ti­schen Menschen, alles ist akri­bisch erfasst und konse­quent bewertet. Ich erwarte jemand, der eher auf der Seite des intro­ver­tierten Denkers ist als auf des extro­ver­tierten Verkäu­fers — und siehe da: Zwei Mal kommt in den Vorstel­lungs­ge­sprä­chen offenbar das Feed­back, er sei „zu theo­re­tisch“ oder doch besser „in der Forschung & Entwick­lung“ aufge­hoben. Es klingt eine gewisse Unsi­cher­heit aus den Beschrei­bungen, gleich­zeitig eine hohe Selbst­re­flek­tion und kriti­sche Distanz zu den Gesprä­chen und auch sich selbst. Das finde ich gut.

4. Woran liegt die hohe Absa­ge­quote?

Es kommt mehreres zusammen. Der Haupt­grund für die vielen Absagen ist aus meiner Sicht klar die fehlende Stra­tegie bei der Bewer­bung: Mittel­stand, Konzern, Quali­täts­ma­nage­ment und Unter­neh­mens­be­ra­tung sowie Control­ling. Da wird kaum ein Bereich außen vor gelassen. Mir scheint, da hat sich jemand zu wenig damit beschäf­tigt, wo er hinwill. Oder er greift nach jedem Stroh­halm, beides nicht gut.

Weitere Gründe:

  • Die Fernuni Hagen unter­streicht das (mögli­cher­weise) Vorur­teil eines eher analy­ti­schen Theo­re­ti­kers. Ich habe sehr oft gesehen, dass dieser Abschluss nicht durchweg positiv aufge­nommen wurde; erst recht nicht, wenn es nicht berufs­be­glei­tend, sondern haupt­be­ruf­lich statt­fand. Hinzu kommt, dass während des Studiums keinerlei im Lebens­lauf sicht­bare prak­ti­sche Erfah­rungen gewonnen wurden.
  • Man wird miss­trau­isch: Warum studiert ein Wirt­schafts­in­ge­nieur nach seinem FH-Abschluss noch mal Wirt­schaft und dann an einer Fern­uni­ver­sität? Ich vermute still, er wird 2008 schon keinen Job bekommen haben. Auch die Unter­lagen erklären hierzu nichts. Im Anschreiben kein Wort zur Moti­va­tion, das Master­stu­dium gerade an einer Fernuni aufzu­nehmen. Das Miss­trauen wird nicht entkräftet.
  • Die gewonnen Praxis­er­fah­rung ist dürftig: 4 Jahre Kommis­sion in einem Lager, Diplom­ar­beit bei einem Indus­trie­kon­zern sowie ein vier­mo­na­tiges Prak­tikum dort.
  • Warum gab es kein Joban­gebot durch den Konzern, bei dem er Prak­tikum und Diplom­ar­beit absol­viert hat? Kein Netz­werker? Nicht gut gewesen? Natür­lich werden nicht alle Prak­ti­kanten über­nommen, doch geschieht das häufiger. Ein kleines Frage­zei­chen.
  • Die IT-Kenn­t­­nisse erscheinen rudi­mentär für einen Wirt­schafts­in­ge­nieur. Neben Excel und Word Grund­kennt­nisse Java.
  • Beide Studi­en­gänge haben nur mittel­präch­tige Abschlüsse, wurden mit einem „befrie­di­gend“ abge­schlossen. Manche Bewerber studieren noch mal, um die schlechte Note des ersten Abschlusses zu kompen­sieren. Wenn das hier die Absicht war, ist das nicht gelungen.
  • Die Kennt­nisse in Englisch sind nur „gut“, was vor allem deshalb auffällt, weil bei Polnisch „sehr gute Kennt­nisse (nur Wort)“ steht. Man bekommt den Eindruck, dass das Englisch schlechter sein müsse. Es fehlt auch eine weitere Auslands­er­fah­rung.
  • Die Natio­na­lität des Bewer­bers ist polnisch. Ich bin bekann­ter­maßen eine Verfech­terin der anonymen Bewer­bungen, auch weil ich genau weiß, dass nicht stimmt, was alle Perso­naler und Fach­ver­ant­wort­liche gern behaupten: sie hätten keine Vorur­teile. Ich kann die schlech­teren Einla­dungs­quoten bei Bewer­bern mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund nach­weisen. Die Benach­tei­li­gung erfolgt selten bewusst, aber sie ist eine Tatsache.

Was tun? Die Opti­mie­rungs­stra­tegie

  • Zunächst sollte der Bewerber für sich sortieren, für welche Jobs er von der Persön­lich­keit her in Frage kommt. Mehr als zwei sehr unter­schied­liche Rich­tungen machen keinen Sinn und wirken beliebig.
  • Es könnte even­tuell eine sinn­volle Stra­tegie sein, erst einmal in die Tech­­no­­logie-Bera­­tung zu gehen. Da der Bewerber keine sicht­bare SAP-Erfah­rung hatte, könnte es über­le­gens­wert sein, einen Kurs zu machen. Es könnte aber auch „ohne“ klappen, der stärkste fach­liche Ansatz findet sich für mich im Bereich Produk­tion und Logistik. Even­tuell – typbe­dingt — könnte aber auch Quali­täts­ma­nage­ment ein Thema sein. Dann wäre ein Zerti­fikat hilf­reich. Das kann man z.T. beim TÜV in fünf Tagen erwerben. Auch Kennt­nisse in Six Sigma wären sicher ein Vorteil. Dauert die Suche länger, würde ich in Weiter­bil­dung inves­tieren. Die Arbeits­agentur müsste sich bei der schlechten Bewer­bungs­bi­lanz dafür gewinnen lassen.

Was tun? Der CV

  • Der Lebens­lauf ist seltsam kasten­förmig und enthält zu wenige Infor­ma­tionen, unter anderem steht der Titel der Master­thesis nicht da. Ich würde im Layout die Zahl der Linien redu­zieren.
  • Mehr Infor­ma­tion hinein über das, was gemacht wurde. Auch auto­di­dak­ti­sche Erfah­rungen würden passen.
  • Da man anhand der Studi­en­gänge nicht sicher einschätzen kann, was der Bewerber kann (im Wirt­schafts­in­ge­nieur­wesen lernen die einen richtig gut program­mieren, die anderen bekommen besten­falls einen Einblick), würde ich eine Rubrik „Kennt­nisse“ empfehlen, in der z.B. entweder tech­ni­sches oder kauf­män­ni­sches Know-how aufge­führt wird (ja nach Entschei­dung für die eine oder andere Rich­tung).
  • Beim Engli­schen würde ich immer dazu raten, die Kennt­nisse vergleichbar zu machen. Entweder man stuft sich selbst ein mit Hilfe des GER (gemein­samer euro­päi­scher Refe­renz­rahmen) oder macht einen Test, der bis Niveau B1 bei Cornelsen kostenlos im Internet zu absol­vieren ist. Das durch­schnitt­liche Niveau von Inge­nieuren mit ein, zwei Jahren Berufs­er­fah­rung liegt bei B1. Diese Einschät­zung sagt weit mehr als ein „gut“, „sehr gut“ oder „verhand­lungs­si­cher“. Ein Mensch mit einem eher schlech­teren Selbst­be­wusst­sein wird hier geneigt sein „gut“ zu schreiben, der Über­treiber „verhand­lungs­si­cher“. Beide Aussagen sind also prak­tisch nicht zu gebrau­chen.
  • Es steht nicht da, wann der Bewerber nach Deutsch­land gekommen ist. Da der Geburtsort in Polen liegt und nur sicher ist, dass der Bewerber seit 2000 eine Gesamt­schule besuchte und diese mit Abitur abschloss, könnte der Umzug nicht so lange her sein. Ich habe die Erfah­rung gemacht, dass einige Perso­naler insge­heim befürchten, dass ein Ausländer noch nicht richtig Deutsch kann. In der Tat sagt der Abschluss einer deut­schen Hoch­schule über fehler­freie Deutsch­kennt­nisse so wenig aus, wie der Abschluss einer ameri­ka­ni­schen Uni über fehler­freies Englisch. Das notwen­dige Studien-Niveau B2 ist immer noch holprig. Und fehler­freie Unter­lagen könnten auch nur aussagen, dass sich da jemand hat helfen lassen. Also: Butter bei die Fische — wie gut sind die Sprach­kennt­nisse wirk­lich?
  • Das Deck­blatt würde ich ersetzen durch eine Profil­seite mit den wich­tigsten Eckdaten und einer Angabe zum beruf­li­chen Ziel. Das ist eine Art „Fast Reader“ und hilf­reich, wenn sich Perso­naler im Durch­schnitt nicht mal 60 Sekunden mit einer Bewer­bung beschäf­tigen.

Was tun? Das Anschreiben

Es ist schön knapp und fehler­frei, aber es kommt keine Moti­va­tion heraus. Das deckt sich mit meiner Vermu­tung, dass das Ziel nicht ganz klar ist.

  • Der Bewerber sollte drei Teile formu­lieren: Im ersten stellt er seine Moti­va­tion dar, sich auf die Stellen zu bewerben. Im zweiten Teil argu­men­tiert er, warum er passt und sich für bestimmte Schritte, etwa das Studium in Hagen, entschieden hat. Im dritten sagt er etwas zu seiner Persön­lich­keit und erwähnt, falls gefor­dert, Gehalts­vor­stel­lung und Einstel­lungs­termin.
  • Beim Gehalt ist es wichtig zu signa­li­sieren, nicht zu billig zu sein. Genannt sind in einem Anschreiben 35.000 EUR — ich würde eher bei 40.000 EUR einsteigen, bei größeren Unter­nehmen und bestimmten Bran­chen höher (z.B. Metall mehr) sowie even­tuell runter­gehen bei klei­neren.

Die Reso­nanz des Bewer­bers auf meine erste Analyse:

“vielen Dank für die Analyse meiner Unter­lagen. Ich werden in den nächsten Tagen die Mappe über­ar­beiten und Ihnen dann zusenden. Ich finde es übri­gens sehr inter­es­sant was Ihnen alles auffiel. So sind Sie die erste die die fehlende Angabe des Datum meiner Immi­gra­tion nach Deutsch­land und die damit verbun­dene Sprach­pro­ble­matik bemerkte.”

Im nächste Schritt werde ich mit dem Bewerber tele­fo­nieren.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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25 Kommen­tare

  1. Thomas Hoch­ge­schurtz 30. Oktober 2012 at 11:33 — Reply

    Frau Hofert, es ist Ihre Beru­fung, nur umsetz­bare Verbes­se­rungs­vor­schläge zu machen, daher können Sie schlecht Aspekte kriti­sieren, die der Bewerber nicht ändern kann. Unter­nehmen stellen lieber “form­bare” Mitar­beiter ein. Der Bewerber ist schlicht zu alt (was er aber nicht mehr ändern kann).
    Sie raten übri­gens zu vielen Ergän­zungen an den Unter­lagen. Meine Erfah­rung aus 10 Jahren Perso­nal­lei­ter­tä­tig­keit: Weniger ist mehr. Viele Perso­naler lesen Unter­lagen so, dass sie Anhalts­punkte zur Ableh­nung suchen. Versu­chen Sie es doch einfach ein paar Mal mit einer deut­lich gekürzten Bewer­bungs­mappe (quasi eine Twitter-Bewer­­bung;-)

    • Rein­hardt 30. Oktober 2012 at 13:32 — Reply

      Lieber Herr Hoch­ge­schurtz,

      kurze und knappe Bewer­bungen werden tatsäch­lich immer wich­tiger in dieser schnell­le­bigen Zeit. Ob eine Twitter-Bewer­­bung ausrei­chen wird, wage ich zu bezwei­feln. Dies wird sehr stark vom jewei­ligen Unter­nehmen abhängig sein.

      Zum Artikel:
      Für Erfolg muss man manchmal auch inves­tieren. Ob man mit Zeit oder Geld “zahlt”, letzend­lich muss man sich immer rein­hängen, um das Ziel zu errei­chen. Beim Schreiben einer Bewer­bung ist man zwar oft auf sich allein gestellt, jedoch kann man Familie, Freunde, Bekannte oder einen Bewer­bungs­ser­vice, wie http://bit.ly/Tl9Mpl
      , um Rat fragen. Demnach dürfte diesem Ziel, also der Job, nichts mehr im Wege stehen.

      • Luisa 17. Februar 2021 at 17:21 — Reply

        Wenn ich wegen jeder Bewer­bung meine Familie und Freunde fragen würde, würden die inzwi­schen Frau Hofer Konkur­renz machen, abge­sehen von der verschwen­deten Lebens­zeit 😀

        Im Ernst, ich muss in die RICHTIGEN Dinge inves­tieren. Eine schrift­liche Bewer­bung zählt da meiner meiner Erfah­rung nach weniger dazu. Entweder sie wollen dich, und meist wollen sich dich genau dann, wenn es bei dir läuft und du sie nicht brauchst (also sprich in einem lukra­tiven Job, um dich z.B. von deinem derzei­tigen Arbeit­geber abzu­werben wie es viele Head­hunter oder Zeit­ar­beits­firmen machen) oder sie wollen dich über­haupt nicht (meist wenn du auf sie bzw. auf sie als Einkom­mens­quelle ange­wiesen wärst). Das alte Gesetz von Angebot und Nach­frage greift auch hier. Da ist es dann auch egal, ob du wie oben erwähnt bei Uni Hagen deinen Master gemacht hast oder nicht, oder ob du im Moti­va­ti­ons­schreiben ein Komma zu wenig gesetzt hast oder dem Perso­naler deine Nase oder dein Lächeln nicht gefallen. Denn wichtig ist erstmal: Bist du verfügbar? Ja, du bist verfügbar, d.h. für den Perso­naler nicht auf dem Arbeits­markt gefragt. Danach findet der Perso­naler immer eine Begrün­dung, damit er dich nicht nehmen muss. Denn der Perso­naler ist auch nichts anderes als ein digi­taler Algo­rithmus, der nach einer festen Scha­blone vorgeht und wer bereits verfügbar ist, macht schon einen großen Fehler.

        Es ist daher nicht ziel­füh­rend zu vermuten, dass man mit sinn­loser Ener­gie­ver­schwen­dung weiter kommt, wozu ich schrift­liche Bewer­bungen auf Stel­len­aus­schrei­bungen zähle. Genauso wie panik­an­fall­ar­tige Weiter­bil­dung (die nur dem Jobcenter dienen, ihre Arbeits­lo­sen­sta­tistik aufzu­hüb­schen). Etwas besser — aber auch nur minimal — mag es bei einer Initia­tiv­be­wer­bung aussehen. Man kann also folgendes machen: Entweder versu­chen, über Vitamin B wieder in den Job rein­zu­rut­schen (also die rich­tigen Leute kennen), sich selb­ständig zu machen oder sich selbst­ge­wählt ganz aus dem Arbeits­leben zu verab­schieden und sich ehren­amt­lich zu enga­gieren (was gerade für ältere Arbeit­nehmer nicht der schlech­teste Weg sein muss, weil sie dadurch mehr Frei­zeit haben und nicht das Gefühl haben, lebens­läng­lich in einer Tret­mühle gefangen zu sein).

        Bewer­bungs­schreiben sind voll­kommen über­flüssig, weil sie wie erwähnt nur den Argwohn der Perso­naler wecken sollen, damit die beschäf­tigt sind. Die gehen meist schon mit einer nega­tiven Haltung gegen­über ihren Bewer­bern ran. Raus kommt dann bereits ab dem einfa­chen Ange­stell­ten­ver­hältnis das Ideal­bild eines 23-jährigen männ­li­chen Studi­en­ab­sol­venten, mit mind. 2 Jahren Auslands­auf­ent­halten in den USA (und dortigem Bachelor-Abschluss), billig und willig (aber nicht zu billig, er muss gerade noch den Eindruck vermit­teln, dass er mit anpa­cken oder Leute bequat­schen kann, je nachdem wofür er sich bewirbt), geho­bene Abstam­mung (gerne mit Adels­titel oder einem “niveau­vollen” Nach­namen wie etwa “von Thal­heim” oder “van der Stenz”, möglichst groß gewachsen und Wunsch­stu­dium unbe­dingt kauf­män­nisch oder digital. Bitte auch keine Lücken im Lebens­lauf (was bei einem 23-jährigen Absol­venten schwierig sein dürfte. “NUR” FH-Abschluss ist da schon schwie­riger, kein Anstel­lung nach dem Studium gefunden? Sehr verdächtig, viel­leicht wollte ihn niemand oder er war krank? hm.. schlechtes Human­ma­te­rial. Klingt komisch und unmensch­lich? Ist aber so.

  2. Svenja Hofert 30. Oktober 2012 at 12:02 — Reply

    Hallo Herr Hoch­ge­schurtz, der CV ist schon kurz gewesen — zu kurz. Ich bin mir recht sicher, dass sich mit unserer Opti­mie­rung und einer klareren Stra­tegie eine Verbes­se­rung erzielen lässt — das habe ich zu oft live gesehen, es geht 😉 Und das Alter ist nicht so das Problem, man muss nur die passenden Firmen auswählen. Verfolgen Sie einfach, wie es weiter geht, ich freue mich. LG Svenja Hofert

  3. Inge 30. Oktober 2012 at 12:12 — Reply

    Mir hat der Beitrag sehr gut gefallen. Ich glaube nicht dass der Bewerber zu alt ist. Abge­sehen von den vielen notwen­digen Ände­rungen, kann sich der Bewerber auch für ein Prak­tikum bewerben, da gibt es bei Xing viele Ange­bote.
    Also viel Erfolg dem Bewerber

    • Svenja Hofert 30. Oktober 2012 at 12:17 — Reply

      danke­schön. Ich halte ein Prak­tikum zur Zeit nicht für ziel­füh­rend. Heute nach­mittag werden wir tele­fo­nieren. LG SH

  4. Chris­tian 30. Oktober 2012 at 14:05 — Reply

    Sehr hilf­reich, die Bestand­teile einer Bewer­bung mal aus “Perso­nal­ersicht” ausein­an­der­zu­nehmen. Danke dafür! Den Hinweis auf GER werde ich gleich für mich nutzen.

  5. Lars Hahn 30. Oktober 2012 at 15:10 — Reply

    In der Tat ist ein passender CV ganz wichtig, aber eben nicht alles. Manchmal kommt es auf die Stra­tegie der Arbeit­ge­ber­an­sprache an. Bisweilen sind infor­melle Gespräche die Alter­na­tive, wenn es mit formalen Bewer­bungen nicht klappt. Wir nennen so was Syste­ma­tisch Kaffee­trinken. Für Akademiker/innen, die sich damit schwertun, haben wir ein Programm, das wir zwar Absol­ven­ten­of­fen­sive nennen. Es ist aber auch geeignet für Berufs­er­fah­rene. Die Kombi Praxis­ori­en­tiertes Coaching mit Weiter­bil­dung und Praxis­pro­jekt im Betrieb diente bereits vielen unserer Teil­nehmer als Einstieg in den Job. Mit Erfolg!
    Infos gibts auch unter http://bit.ly/WXNWiP

    • Svenja Hofert 30. Oktober 2012 at 16:54 — Reply

      danke, Lars!

  6. Eva Reich­mann 30. Oktober 2012 at 15:18 — Reply

    Ich stelle mir eine andere Frage: ist der Mann auf dem zu ihm passenden Berufsweg? Wenn beide Abschlüsse mäßig sind, keinerlei Praxis­er­fah­rung gesucht wurde und keinerlei Ziel­stra­tegie und Moti­va­tion erkennbar sind — viel­leicht fehlen Ziel und Moti­va­tion? Dann wäre eine komplette beruf­liche Neuori­en­tie­rung ange­sagt (auch wenn mir bewusst ist, dass das ohne jegliche beruf­liche Erfah­rung proble­ma­tisch ist — aber besser spät richtig mit dem “Airbus” durch­starten als ein Leben lang mit Wachs­flü­geln auf den Armen verzwei­felte Hüpfer machen …)

    • Svenja Hofert 30. Oktober 2012 at 16:56 — Reply

      schon mit ihm gespro­chen und das geklärt. Es gibt einen Wunsch und ein Ziel. Es war das was ich schon vermutet hatte: Der Bewerber hat sein Ziel nach dem Erst­stu­dium nicht erreicht, das zweite war eine Notlö­sung. Weil nichts geklappt hat, bewarb er sich bunt auf alles. Habe ihn über­zeugen können, dass das nun gar keine gute Idee ist. LG SH

  7. […] Hofert hat gerade ein Bewer­bungs­expe­ri­ment gestartet: Ein 30jähriger Wirt­schafts­in­ge­nieur, der bereits auch mehr­fach hier im Blog kommen­tiert […]

  8. […] Hofert hat gerade ein Bewer­bungs­expe­ri­ment gestartet: Ein 30jähriger Wirt­schafts­in­ge­nieur, der bereits auch mehr­fach hier im Blog kommen­tiert […]

  9. […] Hofert hat kürz­lich gezeigt, dass oft nur Klei­nig­keiten in der Kommu­ni­ka­tion über Top oder Flop einer Bewer­bung entscheiden. Da wünsche ich mir, wenn schon von […]

  10. […] Hofert hat kürz­lich gezeigt, dass oft nur Klei­nig­keiten in der Kommu­ni­ka­tion über Top oder Flop einer Bewer­bung entscheiden. Da wünsche ich mir, wenn schon von […]

  11. Frank 10. Mai 2014 at 14:35 — Reply

    Das kann’s doch wohl nicht sein, dass man als Maschi­nen­bau­in­ge­nieur mit Uni-Abschluss 1,7 in Konstruk­ti­ons­technik trotz Fach­kräf­te­mangel ein Hoch­glanz­pro­spekt plus Coach plus Stra­te­gien (Tricks) plus drei Asses­s­­ment-Center plus Jahres­prak­tika braucht, nur um einen Job zu bekommen. Wir haben früher unsere viel­leicht fünf Bewer­bungen mit Hand geschrieben, mit Füller, sind einmal zum einstün­digen Vorstel­lungs­ge­spräch einge­laden worden. Danach gab’s die Zusage. Lebens­stra­te­gien und Sozi­al­kram waren völlig unin­ter­es­sant. Kannste’s leisten oder nicht? Nur das zählte. Was heut­zu­tage am Arbeits­markt los ist, zeigt doch ganz deut­lich, dass dieses Wirt­schafts­system krank ist und drin­gend einer Rund­erneue­rung bedarf.

    • JKH 29. Mai 2015 at 20:41 — Reply

      Nach etwa drei­hun­dert Bewer­bungen auf Inge­nieurs­stellen und nur drei Vorstel­lungs­ge­sprä­chen kann ich mich dem nur anschließen.

  12. Fabian 25. November 2014 at 1:49 — Reply

    Ja.. die Welt ist traurig..

    Hab mich auch beruf­lich umori­en­tieren wollen, nachdem der Handels­as­sis­tent ledig­lich eine Teil­zeit­stelle im Einzel­handel hervor­brachte. Den Bachelor of Laws neben dem Beruf absol­viert, mit 2.0 abge­schlossen und auf Jobsuche gegangen. Außer verein­zelten Gesprä­chen kam nichts bei rum.. nach 2 Jahren ist er nun wertlos, hab den Master begonnen und zeit­gleich mal wieder eine Absage nach einem Gespräch kassiert. Aber wie soll.man auch Berufs­er­fah­rung bekommen ohne Arbeit im Beruf… Und irgend­wann fragt man sich selbst was man über­haupt noch kann…

  13. Fran­ziska 1. Februar 2015 at 8:27 — Reply

    Gelun­gener Beitrag. Aller­dings wird auch, wie so oft, ein Studierter als reales Bespiel ange­bracht. Was ist mit denen die “nur” eine drei­jäh­rige Ausbil­dung genossen haben und trotz hunderter Bewer­bungen keinen Job finden?

  14. modjac 1. Februar 2015 at 18:32 — Reply

    was ist aus dem Bewerber geworden? Hat er durch eine genauere Ziel­set­zung sein Ziel erreicht und in welchem Zeit­raum, nach wieviel weiteren Bewer­bungen? Ich selbst habe mich mit 24 im Jahr nach meiner Diplom­ar­beit über 300 mal auf Prak­tika oder Fest­an­stel­lungen in einem sehr engen Rahmen mit sehr konkreten Ziel­vor­stel­lungen beworben — nach 1 Vorstel­lungs­ge­sprüch an der Uni Zürich und 0 in deut­schen Unter­nehmen wurde ich mißtrau­isch, was das Wirt­schafts­system in unserem Land betrifft. Nach 4 Jahren weiterer arbeits­lo­sig­keit, Hartz4 und Neben­jobs habe ich ange­fangen, mich aus reiner Verzweif­lung auf alles mögliche zu bewerben, was soll man denn auch anders machen???

  15. Max Friese 5. Januar 2016 at 12:33 — Reply

    Was soll der ganze Opti­mie­rungs­kram bei der Bewer­bung?! Ich dachte wir haben _Fachkräftemangel_?!
    Wenn alle das machen würden, was Ihr Hilfe­su­chender machen würde, also eine perfekt opti­mierte Bewer­bung schreiben, müsste der nächste Mitbe­werber eine noch perfek­tere opti­mierte Bewer­bung schreiben. Das mag indi­vi­duell für den Einzelnen notwendig sein, aber was bringt das für das Kollektiv(?!), zu mal wir ja angeb­lich einen kollek­tiven Fach­kräf­te­mangel haben. Da sich die Firmen noch jeden aussu­chen können und auch ablehnen können mit den Worten “die Bewer­bung ist nicht opti­miert genug”, gibt es wahr­schein­lich gar keinen Fach­kräf­te­mangel. Ich glaube, der Ausruf des Fach­kräf­te­man­gels soll die Reak­tion auslösen, dass sich mehr Menschen für einen angeb­li­chen Mangel­beruf quali­fi­zieren, damit soll sich das Angebot der Arbeits­su­chenden erhöhen und die Löhne sollen sinken.

  16. Leila 27. Januar 2016 at 9:55 — Reply

    Hallo,
    Ich habe mal eine Gegen­frage.
    Ich bin seit 4 Jahren auf Jobsuche. Ich habe versucht die Zeit mit einem Studium im Bereich BWL zu über­brü­cken. Aller­dings wurde mir die staat­liche Unter­stüt­zung nicht weiter­ge­neh­migt, so dass ich abbre­chen musste.

    Als gelernte Bank­kauf­frau mit fehlende Berufs­er­fah­rung mit 28 Jahre habe ich kaum eine Chance auf dem Bewer­ber­markt.

    Umschu­lungen oder sowas wird ebenso nicht geneh­migt und private Weiter­bil­dungen sind für mich nicht bezahlbar.

    Haben Sie eine Idee wie ich trotzdem Fuß im Arbeits­leben fassen kann?

    Liebe Grüße

    • Chris 2. November 2016 at 15:53 — Reply

      Ein BWL-Studium ist kein Allheil­mittel und die durch­fall­quote selbst bei stre­bern hoch.

      den Satz mit dem jobcenter find ich komisch, wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. leute, die meinen, andere seien schuld an deren Misere, sind nicht gut infor­miert.

      Sie könnten locker einen nebenjob als Studentin annehmen usw.

  17. Chris 2. November 2016 at 15:48 — Reply

    Sehr geehrte Frau Hofert,

    Sie sind defi­nitiv eine der wenigen, die wirk­lich offen und ehrlich auf Probleme eingehen und nicht alles schön reden. Zudem sind Ihre Einschät­zungen bril­lant.

    Den Wunsch nach anonymer Bewer­bung kann ich nur unter­strei­chen. in den vielen welt­of­fenen inter­na­tio­nalen unter­nehmen wo ich Prak­ti­kant und Mitar­beiter gewesen bin, fiel mir folgendes immer auf. Perso­nal­ver­ant­wort­liche waren immer blonde deut­sche Frauen. DIVERSITY ist ein schönes Wort, doch das wort schmückt nur die wände und das Image der Unter­nehmen
    schauen Sie sich REWE an, dort in den Filialen alles schön bunt und sehr viele mit dunkler haut. Schauen Sie auf Toch­ter­un­ter­nehmen DERTOUR, TEMMA usw. so finden sie kaum einer von denen.

    von den Verwal­tungen ganz zu schweigen

    es stimmt einfach nicht, dass KMU allein schlimm sind. Die großen Firmen sind es auch.

    Habe polni­sche freunde, die nicht mal einen studi-job im Einzel­handel finden konnten aufgrund von Klischees usw.

    Doch schlimmer finde ich eine situa­tion vor 1 Jahr. Damals war ich Prak­ti­kant und sah, wie sich einige der perso­naler über Bewer­berin lustig machten. Wort­laut war: Hoppla da ist in dem Nach­namen nicht mal ein Vokal. NE lieber nicht das gibt Unruhe

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