Kate­go­rien

Warum große Egoisten erfolg­rei­cher sind und kleine einfach nettere Kollegen

Published On: 5. August 2013Cate­go­ries: Führung, Mensch & Orga­ni­sa­tion

Gehören Sie zu den coolen Socken, denen es egal ist, was andere über sie denken? Die nicht stun­den­lang ihre Worte wägen und einer ordent­li­chen Ausein­an­der­set­zung nicht auf dem Weg gehen? Oder sind Sie von der anderen Front, ein netter Kumpel?

umgänglichWir spre­chen hier unter anderem über den Gegen­satz von Egoismus und Altru­ismus, einer Teilskala der Verträg­lich­keit, Umgäng­lich­keit oder Sozia­bi­lität im Big Five, englisch agree­ab­leness (alles sind mehr oder weniger Synonyme). Nied­rige Verträg­lich­keit ist der Faktor im Big Five, der Menschen kantig macht. Hohe Verträg­lich­keit dagegen sorgt für den netter-Mensch-Faktor. Das hat, wie alles im Leben, seine guten Seiten, wirft aber auch Schatten. Je nachdem, von welcher Seite man drauf­schaut.

Wenig verträg­liche Personen sind egois­ti­scher und konkur­rie­render – aber auch oft sach­­lich-logi­­scher in ihrem Denken und Handeln. Sie geben über­ge­ord­neten Über­zeu­gungen (Mahatma  Gandhi) oder der Sache (Steve Jobs) den Vorzug und/oder sehen vor allem den eigenen, beispiels­weise ökono­mi­schen Nutzen (Dr. No Nonnen­ma­cher). Die anderen sehen zuerst einmal die Bezie­hungen. Und  nehmen Rück­sicht.

Verträg­liche Personen richten sich an anderen aus. Deshalb sind sie empa­thi­scher – und zwar aus Über­zeu­gung. Das ist ein Unter­schied zu den weniger verträg­li­chen Zeit­ge­nossen, die kognitiv-empa­­thisch sein können (Theory of mind) — also wenn es ihnen nutzt. In Empa­thie­tests schließen Unver­träg­liche nicht schlechter ab. Sie können, wenn sie wollen, es ihnen also nützt. Indes: Wer berühmt ist, will öfter nicht. Nützt ja nicht mehr.

Den Unver­träg­li­chen gehört die große Bühne

Mir fällt keine verträg­liche Berühmt­heit ein… außer viel­leicht  Phil Collins, jeden­falls beschrieb mir ihn ein Insider aus der Musik­branche als sehr nett. Nena dagegen: augen­schein­lich unver­träg­lich – wahr­schein­lich in allen Skalen der Dimen­sion (siehe Bild).  An der Poli­ti­ker­front sehe ich niemanden, der durch eine auffal­lend hohe Verträg­lich­keit auffällt. Angela Merkel ist viel­leicht ein biss­chen verträg­li­cher als Peer Stein­brück, oder aber hat ihr Verhalten besser unter Kontrolle. Aber sonst: Eine breite Egois­ten­front.

Einfühlsam auf Kommando

Ich erin­nere mich an einen Manager, der mir erzählte, dass ihn der „Klein­scheiß“ seiner Mitar­beiter, einge­schlossen Gejammer über Schei­dungen, kranke Kinder und gebrech­liche Eltern, so gar nicht inter­es­siere. Er weiß indes, dass es zu seinem Vorteil ist, sich einfühlsam zu zeigen, also hört er zu (siehe oben: er zeigt sich kognitiv empa­thisch). Den kleinen, feinen Unter­schied merkt man nur, wenn man  ganz genau hinschaut.

Unter­schied­liche Berufe erfor­dern verschie­dene Ausprä­gungen

Während verträg­liche Menschen nach Konsens streben, gehen unver­träg­liche bereit­willig in die Ausein­an­der­set­zung. Man ahnt hier schon verschie­dene beruf­liche Einsatz­ge­biete neben dem Musik- und Polit­busi­ness. Ein Straf­ver­tei­diger ist vorzugs­weise wenig verträg­lich, sonst würde er seinem Mandanten keinen guten Dienst erweisen und nur lauter faule Kompro­misse schließen. Eine Kran­ken­schwester dagegen sollte eher umgäng­lich sein, andern­falls könnte sie die alte Mutti angiften, wenn keiner hinschaut.

Grund­schul­lehrer sind nach­weis­lich in der verträg­li­chen Version erfolg­rei­cher.  Zu gymna­sialen Mathe­leh­rern gibt es meines Wissens keine Studie, aber vermut­lich sind diese öfter unver­träg­lich, wären aber besser verträg­lich.

berufeCoachs sind wie Psycho­the­ra­peuten wohl häufiger verträg­lich – aller­dings werden sie es dann als Selbst­stän­diger womög­lich wenig weit bringen. Denn in Sachen Unter­neh­mertum ist mindes­tens eine mitt­lere Verträg­lich­keit einer der Erfolgs­in­di­ka­toren neben Extra­ver­sion, Gewis­sen­haf­tig­keit und maximal mitt­lerem Neuro­ti­zismus. Studien haben ergeben, dass es für Selbst­stän­dige optimal ist, wenn sie situa­ti­ons­ab­hängig mal so, mal so handeln können – mal koope­rativ, mal konkur­rie­rend. Coole Socke und netter Kumpel. Sie profi­tieren also von einer eher ausge­wo­genen Verträg­lich­keit. Zu starker Eigen­sinn, eine Konse­quenz nied­riger Verträg­lich­keit, verdammt sie zum Einzel­kampf. Und der mag bei konkur­rie­renden Döner­bu­den­be­sit­zern in mafiösen Struk­turen funk­tio­nieren – in wissens­in­ten­siven Bran­chen eher nicht.

Unver­träg­liche Gründer?

Die Tatsache, dass eine mitt­lere bis nied­rige Verträg­lich­keit eher erfolgs­re­le­vant für Gründer ist, spie­gelt indes auch einen der Grund­kon­flikte, die ich bei Coachs und Bera­tern erlebe, die sich selbst­ständig machten. Einige sind ZU verträg­lich, um erfolg­reich zu sein. Sie können einfach nicht beißen. Und so wie sich ein Bichon Frisé nicht als Wach­hund eignet, ist ein extrem verträg­li­cher Coach schlechter gewappnet, sich einen Markt­vor­teil zu verschaffen und zu sichern (wiewohl sein Vorteil in der Koope­ra­tion liegen könnte).

Einen gewissen Ausgleich zur Verträg­lich­keit schafft  Neuro­ti­zismus und/oder Extra­ver­tiert­heit.  Je höher die Extra­ver­sion, desto kontakt­ori­en­tierter wird auch der verträg­liche Mensch sein. Es könnte ihm indes an Abschluss­si­cher­heit fehlen. Da ist dann wieder Unver­träg­lich­keit ein unschätz­barer Vorteil: der unver­träg­liche Akqui­si­teur wird  seinen eigenen Vorteil im Blick behalten.

Die Unab­hän­gig­keit im Denken und Handeln macht unver­träg­liche Menschen aus der Ferne zum Helden und aus der Nähe zum Teufel  — wenn die Eigen­schaft stark ausge­prägt ist. Wie sich der Unver­träg­liche insge­samt als Persön­lich­keit präsen­tiert, hängt stark von seinen rest­li­chen Big Four ab. Der extro­ver­tierte Unver­träg­liche wird zum Charis­ma­tiker, der neuro­ti­sche Unver­träg­liche zum unab­hän­gigen Denker und der risi­ko­af­fine Unver­träg­liche (nied­riger Neuro­ti­zismus) entwi­ckelt mögli­cher­weise psycho­pa­thi­sche Züge. Der ausge­gli­chene Unver­träg­liche gründet ein Unter­nehmen und wird mittel erfolg­reich. Ist er dagegen sehr unver­träg­lich, sehr extra­ver­tiert, sehr unneurotisch/stabil , hoch gewis­sen­haft und ausge­prägt offen für Neues hat er gute Karten, ein zweiter Richard Branson  oder Steve Jobs zu werden. Schon wieder: Die großen Egos.

Die Neben­wir­kungen ausge­prägt nied­riger Verträg­lich­keit sind mitunter für die direkte Umge­bung schwer verdau­lich bis kaum erträg­lich. Steve Jobs etwa beschrieben Mitar­beiter in der Zusam­men­ar­beit als gelinde gesagt schwierig. Manch Manager hat wie mein Kunde mit dem „Klein­scheiß“ gelernt, sich selbst zum eigenen Vorteil zu zügeln und den Mitar­bei­tern die gewünschten Strei­chel­ein­heiten zu geben. Ganz oben an der Spitze ist so ein Theater nicht mehr nötig… Schroff­heit, Direkt­heit, Desin­ter­esse für private Belange der Mitar­beiter oder knall­harte Prio­ri­tä­ten­set­zung zugunsten des Geschäfts­er­folgs sind mögliche — und zumin­dest bezogen auf die Prio­ri­tä­ten­set­zung — durchaus wünschens­werte Folgen. Ob nied­rige Verträg­lich­keit gut oder schlecht ist, ist eine Frage des beruf­li­chen Stand­punkts: Bevor­zugen Sie eine Bundes­kanz­lerin, die Putin nach dem Mund redet, weil sie aus lauter Altru­ismus nur das Gute sieht? Einen Chirurg, der aufgrund seines ausge­prägten Mitge­fühls bei der Opera­tion so sehr um sie bangt, dass er nicht schneiden kann?

Verträg­liche Führung meist besser

Beim Faktor Verträg­lich­keit scheiden sich auch die Geister der Führungs­kräfte. Für die Mitar­beiter „besser“ sind Manager mit hoher Verträg­lich­keit. Mindes­tens für die trans­for­ma­tio­nale Führung, also die Führung im Change-Kontext, ist ein verträg­li­cher Manager belegbar dem unver­träg­li­chen diverse Nasen­längen voraus.  Anders sieht es ganz oben an der Spitze aus. Da braucht es mitunter den unver­träg­li­chen Visionär, der knall­hart entscheidet – ohne Rück­sicht auf Befind­lich­keiten. Das ist auch der Grund, aus dem für solche Jobs oft ehema­lige Unter­neh­mens­be­rater heran­ge­zogen werden – durchs Führungs­kräf­te­trai­nee­pro­gramm hätten es diese Persön­lich­keiten nie geschafft.   Hier fördert man (respek­tive Frau in der Perso­nal­ent­wick­lung) tradi­tio­nell eher die verträg­li­chen Zeit­ge­nossen. Durchaus zurecht: 80–90% der Führungs­jobs sind geeignet für verträg­liche Manager, 10–20% für die coolen Socken und harten Hunde.  Wir sehen schon, dass hier der klas­si­sche Schorn­stein für die Beför­de­rungs­po­litik unge­eignet ist: Unten in der Team­lei­tung ist defi­nitiv nicht derselbe Typ gefragt wie oben beim CEO.

Beim Blick auf die nied­rige Verträg­lich­keit stellt sich die Frage: Wieso finden sich so gut wie keine weib­li­chen Richard Bran­sons und Steve Jobs? Die Antwort ist bitter für uns, Ladies: Frauen sind im Durch­schnitt verträg­li­cher als Männer. Ja, Sie tendieren bei allen Big Five Eigen­schaften mehr zum Durch­schnitt (Psycho­logie heute 7/2013). Aller­dings nicht, wenn sie Führungs­kräfte sind.

Die gute Nach­richt: Deshalb gibt es auch wenig psycho­pa­thi­sche Frauen, denn Psycho­pa­thie ist eine mögliche Folge extrem nied­riger Verträg­lich­keit ähnlich wie Autismus. Nur dass sich das eine, die Psycho­pa­thie in nied­riger Verträg­lich­keit UND nied­rigem Neuro­ti­zismus kumu­liert sowie das andere, der Autismus, in nied­riger Verträg­lich­keit und hoher Intro­ver­tiert­heit.

Sie inter­es­sieren sich für weitere Beiträge zum Big Five? Hier schrieb ich über Neuro­ti­zismus, Extra­ver­sion und Offen­heit für neue Erfah­rungen. In unserer Bera­tung arbeiten wir mit dem Big Five.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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One Comment

  1. Heums 11. Februar 2015 at 16:46 — Reply

    So wie die Autorin schreibt führt der Mangel an kommu­nis­ti­schem Zirkus zu Autismus. Ich bin jedoch trotz meines Autismus ein komi­scher, manchmal über die kapi­ta­lis­ti­sche Gesell­schaft erboster Kommu­nist, also extra­ver­tiert & verträg­lich in Extrem­form. Morgen werde ich als Zeichen des poli­ti­schen Aktio­nismus mit Guy-Fawkes Maske aufziehen und auf das Globa­li­sie­rungs­tri­lemma von Dani Rodrik hinweisen 😀 ☭

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