Kate­go­rien

Warum nicht die Besten, sondern die Gleichsten Karriere machen

Published On: 27. Oktober 2017Cate­go­ries: Mensch & Orga­ni­sa­tion

Was ist Ihr Bildungs­hin­ter­grund – und welchen haben die Kollegen? Wo haben Sie studiert oder gelernt, wo die anderen in ihrer “Peer-Group”? Sind die Führungs­kräfte in Ihrem Unter­nehmen sehr unter­schied­lich – oder glei­chen sie sich bei genauer Betrach­tung, wenn nicht optisch, so doch psycho­lo­gisch? Will­kommen in der normalen Welt der Ungleich­heit, in der nicht die besten, sondern oft die gleichsten Karriere machen.

Und jetzt frage ich Sie: Könnte es sein, dass auch Sie selbst dazu beitragen, das Unter­schiede bestehen bleiben? Nicht sofort abwinken — vieles ist uns einfach gar nicht bewusst.

5 kleine Denk­an­stöße:

  1. Wer ist eher Vorbild für Sie? Ist es eher jemand, der sein eigenes Ding macht und durch­zieht oder ein Mensch, der sich anpasst und das eigene Wohl den anderen unter­ordnet? Ich meiner­seits bin in diesem Punkt voll ertappt – als Produkt einer indi­vi­dua­lis­ti­schen Kultur, in der deut­schen Mittel­schicht sozia­li­siert, ameri­ka­nisch beein­flusst, bin ich in meinem ersten Impuls oft auf der Mein-Ding-Seite. Doch die spie­gelt keine Wahr­heit, sondern Prägung. Wenn Sie Führungs­kraft oder Coach sind, wie wirkt sich Ihre Prägung auf Ihr Denken und Handeln aus? Ange­nommen, Sie würden die erkannte Präfe­renz beob­achten und in der tägli­chen Arbeit kontrol­lieren, was wäre anders als jetzt?
  2. Was bewerten Sie höher? Finden Sie es gut, wenn Menschen sich durch­setzen? Ist Selbst­be­wusst­sein für Sie erstre­bens­wert? Will­kommen auf der masku­linen Seite der Welt (die übri­gens wunderbar von Frauen gelebt werden kann, denn sie ist keines­wegs unbe­dingt geschlechts­spe­zi­fisch). Auf der masku­linen Seite werden Führungs­kar­rieren gemacht. Und genau hier entsteht der (hinter­fra­gens­werte) Eindruck, dass wir zu wenig für Führung geeig­nete Frauen haben. Ange­nommen Sie würden die andere Seite – Sich-Selbst-Infra­­ge­stellen und Kompro­misse machen — höher bewerten, was wäre dann anders als jetzt?
  3. Auf Basis welcher Krite­rien machen Sie sich ein Bild? Im Vorstel­lungs­ge­spräch sagt der Bewerber, dass er sich nicht sicher ist, wie er einen Fakt einschätzen soll, obwohl er doch vom Fach sein soll. Ist er dadurch bei Ihnen durch­ge­fallen? Kommt er jetzt als Führungs­kraft noch in Frage? Was denken Sie – und warum denken Sie es so, wie Sie es denken?
  4. Was ist für Sie richtig/optimal/effektiv oder ziel­füh­rend? Ein Bewerber löst eine Case Study ganz anders als das Muster es vorge­geben hat. Könnte es sein, dass die Muster­lö­sung das Problem ist und nicht der Ansatz des Bewer­bers, z.B. weil diese Muster­lö­sung aus einem bestimmten Denken heraus geschrieben ist? Wenn Sie nicht denken, dass auch eine Lösung das Problem sein kann, was lässt Sie so sicher sein?
  5. Wie treffen Sie Ihr Urteil über andere Menschen? Vertrauen Sie auf Ihr Bauch­ge­fühl? Stellen Sie sich vor, es würde laufend gefüt­tert mit falschen Infor­ma­tionen. Welche Infor­ma­tionen sind das? Und wie sähen Infor­ma­tionen aus, die Ihrem Bauch­ge­fühl wider­spre­chen?

Ich könnte die Liste noch beliebig ergänzen, aber will Ihnen Raum geben, sich selbst mit weiteren Gedanken zu entfalten. Was führt uns alles sonst noch in die Irre? Wo müssen wir uns selbst hinter­fragen? Und wie bilden wir uns eine wirk­lich gute Meinung?  Oder so gesagt: Wie stellen wir sicher, dass die Besten Karriere machen und nicht die “gleichsten”?

Zur Head­line dieses Arti­kels und zu den Denk­an­stößen  hat mich das sehr empfeh­lens­werte Buch „Mit Viel­falt und Fair­ness um Erfolg“ von Vero­nika Hucke ange­regt. Hucke war Diver­­­sity-Veran­t­­wor­t­­liche bei Philips und berät mit ihrem Unter­nehmen D&I Stra­tegy Unter­nehmen. Das Buch ist wirk­lich sehr detail­reich und dicht und enthält eine Fülle von Hinter­grund­infos sowie prak­ti­sche Anlei­tungen. Das ist selten in einer Zeit, in der viele Experten vor allem sich selbst verkaufen. Ich empfehle es nicht nur für HRlr und Diver­­­sity-Veran­t­­wor­t­­li­chen, sondern auch Führungs­kräften, die sich selbst und die eigene Wahr­neh­mung hinter­fragen wollen.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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2 Kommen­tare

  1. Alex­ander Gerber 3. November 2017 at 5:04 — Reply

    Hallo Svenja,

    ich habe mich von der sach­li­chen, der projekt­be­zo­genen Seite dem Problem­feld genä­hert.

    - Warum wird nicht das Gute und Rich­tige umge­setzt, sondern das Bekannte und Vertraute?
    — Warum wird sich so lange in die Tasche gelogen, bis keiner mehr nach­fragt?
    — Warum nimmt die Iden­ti­fi­ka­ti­ons­kraft von Projekten mit zuneh­menden Budget­größen für den einzelnen Projekt­mit­ar­beiter in expo­nen­ti­ellem Maße ab?

    Für die sach­­lich-inhal­t­­liche Seite der Situa­tion habe ich das up2U-Proto­­koll formu­liert.
    Für den persön­li­chen Anteil zum Gelingen muss jeder selbst sorgen.
    Der erste Schritt auf dem Weg in die Komple­xität ist das Herstellen von Augen­höhe …

    U’r welcome

  2. Sladjan Lazic 7. November 2017 at 17:40 — Reply

    Hallo Frau Hofert,

    der Blog in ganz neuem Design, das finde ich echt gut und anspre­chend.

    Der Mensch und seine Gedanken- und Gefühls­welt ist wohl das komple­xeste und wider­sprüch­lichste Wesen im ganzen Universum — abge­sehen vom Universum selbst.

    Während wir die Gleich­stel­lung voran­treiben, sorgen wir dafür, dass die Ungleich­stel­lung aufrecht­erhalten bleibt. Wir verrin­gern die Armut und erhöhen den Wohl­stand auf dem Planeten, gleich­zeitig nehmen wir uns durch Über­be­völ­ke­rung den Lebens­raum weg. Wir schaffen Frie­dens­in­itia­tiven, beenden Kriege und Konflikte und produ­zieren gleich­zeitig mehr Waffen­sys­teme und reifen diese tech­no­lo­gisch aus.

    Warum nicht die Besten, sondern die Gleichsten Karriere machen?

    Ich würde sagen, es ist einfach der unver­voll­kom­mene mensch­liche Faktor. Ein Beispiel: Ein Perso­naler bekommt eine (hervor­ra­gend zusam­men­ge­stellte) Bewer­bung per E‑Mail von einer Top-Kraft. Es passt alles, die fach­li­chen Anfor­de­rungen sowie das persön­liche Erschei­nungs­bild. Doch aus irgend­einem Grund sortiert der Perso­naler nach einigen Minuten oder gar Sekunden die Bewer­bung aus. Zack und weg.

    Jetzt kommt ein Kollege aus der Perso­nal­ab­teilug und empfiehlt genau diese Top-Kraft persön­lich. Der Bewerber wird einge­laden, über­zeugt und wird einge­stellt.

    Die gleiche Person, das gleiche Zeil, aber zwei voll­kommen unter­schied­liche Ergeb­nisse.

    Viele Grüße
    Sladjan Lazic

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