Kate­go­rien

Warum Schwä­chen wunder­bare Entwick­lungs­helfer sind

Published On: 8. November 2011Cate­go­ries: Karriere

Alle reden davon, dass man Stärken stärken solle – und Schwä­chen am besten igno­rieren. Vor einigen Tagen habe ich ins Feld, äh in den Blog geworfen, dass ich das nicht so sehe. Daraufhin bekam ich eine Mail von einem geschätzten Kollegen, der mich nach einer Begrün­dung fragte. Ich antworte mit diesem Beitrag sozu­sagen exklusiv auf seine Frage, warum ich denke, dass die gängige Formel „Stärken stärken“ nicht ganz richtig ist.  Das Thema ist, wie ich finde, von allge­meinem Inter­esse und verdient ein paar Worte mehr. Viel­leicht auch, weil es nicht meine Stärke ist, kurze Antworten zu geben.

Zunächst beginne ich mit der Frage, was denn eigent­lich unter Stärken zu verstehen ist. Sind es persön­liche oder fach­liche? Gut: Sagen wir, es sind persön­liche. Das lege ich jetzt einfach mal so per order de Mufti fest. Aber wo ist dann bitte die Grenze von der Stärke zum Können und zum Talent?  Die Grenzen entlang solch schwam­miger Begriffe verlaufen ohne Mauer, flie­ßend.

Eine Stärke ist zum Beispiel die Fähig­keit zum Impro­vi­sieren, auch vor großen Gruppen. Aber: Ist das nicht auch Können, viel­leicht sogar Talent? Kaum zu sagen. Lassen Sie uns deshalb einfach darauf einigen, dass Stärken persön­liche Fähig­keiten und die Voraus­set­zung für Können sind — und Können die Vorstufe von Talent ist? Andern­falls plat­schen wir schon bei der Defi­ni­tion in den Matsch fehlender Begriffs­schärfe.

Neuere Forschungen zeigen, dass Talent nicht ange­boren ist. Es ist viel­mehr eine Frage des Übens.  Jeder, der Kinder hat, wird dies bestä­tigen. Je mehr und je früher ich mit ihnen übe, desto besser werden sie. Je klarer ich mich mit ihnen auf ein Themen­ge­biet fokus­siere, desto eher werden sie dort Spezia­listen werden (es sei denn es handelt sich um kleine Revo­lu­tio­näre, was vorkommt). Die Zahl der Musik­vir­tuosen ist auch deshalb in Asien explo­diert, weil lauter Mini-Geiger und Drei­­kä­­se­hoch-Pianisten früh geför­dert wurden. Der Pädagoge Laszlo Polgar trai­nierte seine drei Töchter syste­ma­tisch im Schach, um damit zu belegen, dass Talent eben nicht ange­boren ist. Alle wurden bekannte Schach­spie­le­rinnen. Seine These, die er mit diesem fami­liären Expe­ri­ment belegt sah: Alles Übung.

Dafür spricht auch die 10.000 Stunden-Regel. Sie ist gleich­zeitig aber auch ein Beweis dafür, dass es wichtig ist, sich auf wesent­liche Stärken zu konzen­trieren, wenn man in etwas über­durch­schnitt­lich gut sein will. Was aber trotzdem nicht heißt, dass man Schwä­chen vergessen sollte. Nehmen wir den virtuosen Cellisten, der leider den schau­spie­le­ri­schen Auftritt gar nicht beherrscht. Das ist seine Schwäche, vermut­lich weil er in dem Gezappel vor Publikum keinen Sinn sieht. Will er Erfolg, muss er trotzdem an seiner Schwäche arbeiten. Das Beispiel zeigt: Entschei­dend ist die Moti­va­tion etwas zu verän­dern, für die Arbeit an Stärken genauso wie für das Schwä­chen-Tuning.

Es zeigt sich auch immer wieder, dass die Selbst­ein­schät­zung erheb­liche Folgen für die Wahr­neh­mung eigener Stärken hat. Mädchen, die sich ihrer Weib­lich­keit bewusst sind, erzielen unter diesem Vorur­teil in Mathe nach­weis­lich schlech­tere Ergeb­nisse. Selbst­ein­schät­zung wiederum speist sich zu einem großen Teil aus Feed­back, Lob oder Kritik oder etwas diffusem dazwi­schen, auch Vorur­teilen sowie Null-Feed­­back.

Vorur­teile wiederum haben eine ganz erheb­liche Wirkung auf die Wahr­neh­mung von Stärken.  Weil ich früh gehört habe, dass Mädchen nicht gut in Mathe sind, habe ich  vor diesem Fach mehr Angst als Jungs. Weil dies die Erfah­rung provo­ziert, nicht Rechnen zu können, steigt die Furcht vorm Unter­richt. Diese hält mich schließ­lich ab vom Üben. Und schon ist die da, die Schwäche, und mit ihr ein Kreis­lauf.

Ein weiterer Aspekt, der immer wieder vergessen wird: Bei jeder Beur­tei­lung von Stärken, Können und Talenten handelt es sich um Moment­auf­nahmen! Viel­leicht war ein Mensch vor zwei Jahren nicht in der Lage ein Gedicht zu schreiben oder einen Hand­stand zu machen: Inzwi­schen ist er das – durch Üben. Viel­leicht war jemand vor zehn Jahren unfähig, frei auf der Bühne zu spre­chen – und jetzt läuft es wie geschmiert. Sogar die Ergeb­nisse von Intel­li­genz­tests können durch  Üben syste­ma­tisch verbes­sert werden, auch „schwache“ kogni­tive Teil­be­reiche lassen sich üben. Probieren Sie einmal aus, das hebräi­sche Alphabet von rechts zu lesen. Sie spüren gera­dezu, wie sich die Verdrah­tungen im Gehirn verän­dern. Das tut fast weh. Am Anfang ist das Anstren­gung… irgend­wann geht es leicht.

Und nun zum Punkt: Wenn wir beschließen, uns auf Stärken zu konzen­trieren, dann dämmen wir damit auch persön­liche Entwick­lungs­mög­lich­keiten ein.  Wir beschneiden und verhin­dern Über­ra­schungen. Ich konzen­triere mich seit einiger Zeit auf das, was ich nicht kann. Das strengt an, aber mit zuneh­mender Übung wird es leichter.  Ich könnte es mir leicht machen und vermeint­liche Stärken stärken.  Aber das Arbeiten an Schwä­chen erwei­tert viel mehr das Verhal­tens­re­per­toire.

So eröffnen sich ganz neue Chancen: Kennen Sie nicht auch jemand, der immer sagt „das kann ich nicht.“ Sie könnten an der Stelle aufgeben und sagen, „so ist das“. Oder  Sie arbeiten daran, die Schwäche zur Stärke zu machen.

Auch Firmen sollten hier umdenken. Noch immer scheinen Ergeb­nisse von Tests oder ACs in Stein gemei­ßelt. Doch jemand mag 2007 wegen seiner schlechten Präsen­ta­tion durch das Raster der Bewer­ber­aus­wahl gefallen sein – und 2011 ist er ein rheto­ri­sches Juwel. Weil er an Schwä­chen gear­beitet hat  — und geübt. Blöd nur, dass manche Unter­nehmen der Sitte folgen, Sper­rungen bei nicht bestan­denem AC zu verhängen…

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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9 Kommen­tare

  1. Katja Zakotnik 8. November 2011 at 19:17 — Reply

    Liebe Frau Hofert,
    was für ein wunder­barer Artikel.
    Meiner Meinung nach ist es eine Frage der Balance. Bei manchen Schwä­chen würde man sich wohl die Zähne ausbeißen und nur Zeit verlieren, bei anderen lohnt sich das Üben. Haupt­sache, man verliert vor lauter Überei an den Schwä­chen die Stärken nicht aus dem Blick­feld, die brau­chen wir ja noch…
    Übri­gens, mit einem Augen­zwin­kern: wir Cellisten sind meis­tens locker, aufge­schlossen und stehen auch plau­dernd gerne auf der Bühne. Wollen wir die Sache mit dem schau­spie­le­ri­schen Auftritt nicht auf einen anderen Instru­men­ta­listen schieben? ;-)))
    Beste Grüße!
    Katja Zakotnik
    http://www.katja.zakotnik.de

  2. Svenja Hofert 9. November 2011 at 0:23 — Reply

    Liebe Frau Zakotnik,
    danke für das Feed­back — hier gegeben in Form des Lobs (wir wissen: Lob, Kritik — Herr Zorem? — und Null-Feed­­back als Folter­me­thode Nr. 1 für die Leis­tungs­ori­en­tierten dieser Welt). “Du spiel­test Cello”, mein Sohn auch, ich nicht — aber wenn ich darüber nach­denke, so haben Sie wohl recht: Der beschei­dene schau­spie­le­ri­sche Ausdruck liegt eher den anderen Instru­men­ta­listen inne 😉 LG Svenja Hofert

  3. Renaade 9. November 2011 at 12:38 — Reply

    Schöner Beitrag. Dann bin ich ja doch nicht so verrückt, wenn ich immer das lernen will, was ich nicht kann ;-). Zudem schließe ich aus der Argu­men­ta­tion, dass sich das Arbeiten an Schwä­chen auch auf die Stärken auswirkt (neue Verschal­tungen im Hirn und so).

  4. Svenja Hofert 9. November 2011 at 13:13 — Reply

    Danke! Und ja, genau, es entstehen neue Verbin­dungen im Gehirn. LG Svenja Hofert

  5. Chris­toph Burger 10. November 2011 at 14:32 — Reply

    Hallo Frau Hofert,
    danke! Hier meine Replik — auch zu lang, um sie als Kommentar zu plat­zieren 🙂

    http://www.christophburger.de/?p=332

  6. Enrico Brie­gert 10. November 2011 at 22:22 — Reply

    Viel­leicht als Ergän­zung: Die aktu­elle HBR liefert auch Anre­gungen zu diesem Thema. Zenger, Folkman and Edinger: Making Yourself Indis­pensable: “If you use nonlinear deve­lo­p­ment — similar to an athlet’s cross-trai­­ning — you can achieve expo­nen­tial results. Your tech­nical exper­tise will become more powerful if, for instance, you build on your commu­ni­ca­tion skills, enab­ling you to explain tech­nical problems both more broadly and more effec­tively.”

  7. Svenja Hofert 11. November 2011 at 9:32 — Reply

    Hallo Herr Brieger, vielen Dank, den Beitrag werde ich mir gleich anschauen. Aber die Paral­lele zum Sport und Cross­trai­ning hört sich span­nend an. Liebe Grüße Svenja Hofert

  8. […] Herr Thaler sagt, sobald Mitar­beiter da seien, müsse man rechnen und knall­hart kalku­lieren. Da hat er recht. Ich finde das aber auch selbst­ver­ständ­lich, das sind Basics, die man weder mir noch meinen Kunden erklären muss. Lächelnd weist er daraufhin, dass die Autorin des besagten Arti­kels im Wirt­schafts­blatt Kunst­ge­schichte studiert habe.  Lächelnd gebe ich zu bedenken, dass manche Geis­tes­wis­sen­schaflter mehr Wirt­schafts­kom­pe­tenz haben als manche BWLer. Und manchmal in Sachen Lebens­kom­pe­tenz vom Vorteil sind. Weiterhin behaupte ich, dass man alles lernen kann. […]

  9. […] Buch für die beruf­liche Orien­tie­rung gekauft. Und gestern war ich auf einem Seminar, in dem es um Stärken ging. Ich sollte sagen, was ich gut kann. Orga­ni­sa­ti­ons­stärke fiel mir ein, und […]

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