Tele­fo­ni­sches Coaching habe ich bisher abge­lehnt, es sei denn es geht klar um inhalt­liche Fragen oder wissens­ba­sierte Entschei­dungen.  Was etwa eine Inter­ven­tion auslöst, kann man tele­fo­nisch nur sehr bedingt erspüren. Etwas anderes ist es, wenn ich einen Klienten sehr lange kenne. Da kommt es nun mal vor, dass jemand heute in Barce­lona und morgen in New York ist. Sich zu spre­chen halte ich da immer noch für besser als sich zu mailen.  Meine innere Prio­ri­sie­rung war bisher so:

  1. E‑Mail-Coaching geht gar nicht. Empfinde ich als uner­siös. Ich fürchte mich vor den Miss­ver­ständ­nissen, die Worte auslösen. Frühe Erfah­rungen im E‑Training haben mich gelehrt, für möglich zu halten, was eigent­lich unmög­lich ist: Dass ein Mensch einen aus meiner Sicht voll­kommen unmiss­ver­ständ­li­chen Satz komplett anders auffasst oder zwischen den Zielen Dinge liest, die nicht da sind (aus meiner Sicht). Wer das Kommu­ni­ka­ti­ons­qua­drat von Schulz von Thun kennt weiß, warum so etwas passieren kann.
  2. Tele­fon­coa­ching ist heikel. In einigen Fällen habe ich mich dazu breit­schlagen lassen, z.B. weil jemand mit kleinem Kind 1000 Kilo­meter entfernt nur zu mir wollte und das Anreisen nicht orga­ni­sieren konnte und außerdem der Bera­tungs­fokus überwog. Vor allem wenn es vorher einen ersten persön­li­chen Start­termin gegeben hatte — wunderbar. Tele­fon­coa­ching, um dieses Fazit weiter­zu­spinnen, funk­tio­niert also nur dann, wenn es Teil eines Prozesses ist oder wenn es eindeutig Bera­tung, also wissens­ori­en­tiert ist. Doch schon bei  „simplen“ Themen wie Bewer­bungs­stra­tegie kommt das Telefon an seine Grenzen. Denn Stra­te­gien sind immer indi­vi­duell, so steht es auch in der Guerilla-Bewer­­bung. Um eine passende Stra­tegie mit jemand entwi­ckeln zu können, muss ich sie/ihn sehen und erleben.
  3. Skype ist No-Go. Ich mochte es bisher nicht. Auf jeden Fall stellte ich dazu bisher meine Kamera, also das Video, aus. Es irri­tierte mich, wenn ein Klient in seinem eigenen Wohn­zimmer vor der Kamera rumsprang und mich nicht richtig anblickte (und ich ihn/sie nicht).  Beim Coaching sitzen die Leute norma­ler­weise, Skype scheint einen nied­rigen “Ich setze ich ruhig hin”-Reiz auszu­lösen.

Klar, dass mich das Thema E‑Coaching auf der Zukunft Personal 2012 beson­ders inter­es­sierte, also besucht ich den Work­shop von Prof. Dr. Michael Ziemons von der Katho­li­schen Hoch­schule NRW, der nebenbei auch selbst­ständig ist und natür­lich sein Programm verkaufen wollte (was er glück­li­cher­weise eher dezent tat).

Ziemons hat in einer Studie ermit­telt, dass meine intuitiv gefassten Einschät­zungen 1. und 2. voll­kommen richtig ist, und so auch nach­weisbar. Aber mit 3. liege ich falsch. Es gäbe Belege, dass  Coaching via Skype auf jeden Fall dem Tele­fon­coa­ching haus­hoch über­legen ist und mitunter sogar dem Live-Coaching. Die Ursache liegt Ziemons i9 dem von ihm entwi­ckelten System mit Coaching­bögen, die den Prozess beim Coachee schon vor dem Coaching-Termin in Gang setzten.  Das Ganze nennt sich Blended Busi­ness Coaching und hört sich für mich nach einer netten Idee, das Distanz­pro­blem zu lösen, etwa im Vertrieb, aber auch nicht nach dem Stein der Weisen an.  Muss ja auch nicht.

Mit Frage­bögen arbeiten ist etwas, dass ich im Live-Coaching schon immer gemacht habe. Hat sich sehr bewährt. Der beleg­bare Vorteil liegt aber meines Erach­tens nicht am Medium, sondern in der Methode, die genauso gut oder mögli­cher­weise besser funk­tio­nieren würde, wenn man sich nach dem Ausfüllen des Coaching­bo­gens persön­lich trifft. Indes schlechter, wenn man „nur“ tele­fo­niert. Denn: Beim Antworten auf offene Fragen, passiert oft schon ganz viel beim Coachee, da Gedanken ange­regt werden.

Bleibt die Frage, soll man Skype nun einsetzen oder nicht? Die Nach­frage ist groß, das merken auch unsere Experten aus dem Netz­werk Karriereexperten.com. Barce­lona, Shanghai, Rio oder auch Zurich und Brüssel: Überall sitzen Deut­sche, die zum Beispiel zurück wollen und für ein Karrie­re­coa­ching nicht zwei Tage fliegen und den anschlie­ßenden Jetlag riskieren möchten. Ergo haben einige Kollegen schon Skype-Coaching in ihr Programm aufge­nommen, z.B. Sabine Dinkel, der Coach mit Hund Wilma.

Mein Skype-Problem, habe ich inzwi­schen gelernt, ist ein Haus­ge­machtes: Meine Kamera steht auf meinem Bild­schirm, um den Kunden anzu­sehen, muss ich mir den Hals verrenken. Das sieht saudoof aus und fühlt sich auch nicht gerade gut an. Profis besitzen eine Kamera auf Augen­höhe, in den Monitor gebaut.  Außerdem stehen hinter mir Bücher, die Kunden ablenken.  Ich könnte das, wenn ich wollte, ändern und zum Beispiel eine neutrale Wand hinter mich stellen.… Will ich? Unent­schieden. Vorher wollte ich aber noch Google Hangouts auspro­bieren, auch darüber sollen Coachings möglich sein.

Was sind Ihre Erfah­rungen mit E‑Coaching. Freue mich über Berichte von Prak­ti­kern und natür­lich Lesern, die sich per Internet coachen ließen.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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11 Kommen­tare

  1. Simone-Maria Brunner 28. September 2012 at 14:16 — Reply

    Für mich ist E‑Coaching eine sehr gut durch­führ­bare Vari­ante. Es erfor­dert ein großes Einfüh­lungs­ver­mögen und auch viel Krea­ti­vität. Auch lange Coaching­pro­zesse habe ich so schon begleitet. Meine Klienten, die eben­falls im Ausland wohnen und wieder nach Deutsch­land wohnen haben im Rahmen dieses Coaching­pro­zesses Bewer­bungen gestartet. Bereits im Vorfeld dieser Coaching­sit­zungen habe ich auch die Symbolon-Poten­­zi­al­a­na­­lyse über Webi­nar­platt­formen bespro­chen. Die Ergeb­nisse sind sehr gut. Aus meiner Sicht muss natür­lich die Qualität der Bera­tung stimmen.
    E‑Coaching erfor­dert sicher mehr Empa­thie und von beiden Seiten, Coach und Coachee meine große Offen­heit. Mehr Fragen zu stellen und so den nicht vorhan­denen “Live-Eindruck” abzu­si­chern, dann ist das Coaching gut durch­führbar.

    • Svenja Hofert 30. September 2012 at 16:21 — Reply

      Hallo Simone, danke für deinen Kommentar. Ich denke aller­dings, dass Offen­heit und Einfüh­lungs­ver­mögen überall gefor­dert ist, Krea­ti­vität bei Job-Coaching auch. Bei psycho­lo­gi­schem Coaching sehe ich es nicht ganz so. Das Thema Bewer­bungen und Karrie­restra­tegie ist in gewisser Weise auch ein spezi­elles, weil es bera­tungs­ori­en­tierter ist. Hier übri­gens noch dein Profil bei den Karrie­re­ex­perten: http://www.karriereexperten.com/mitglieder/coach-datenbank/simone-maria-brunner/brunner-beratung-training
      Ein Klient, den ich an dich empfohlen habe, ist sehr zufrieden. LG Svenja

  2. Sabine Dinkel 28. September 2012 at 22:04 — Reply

    Span­nend, und vielen Dank für die Erwäh­nung, da habe ich doch gleich den Impuls, zu antworten.

    Witzi­ger­weise bin ich durch meine Klienten an das Thema E‑Coaching gekommen.

    Immer wieder baten mich Klienten (die ich bereits im Live-Coaching hatte) zwischen­drin auch um Coachings via Mail, Telefon oder Skype. Bei Skype hörte für mich zuerst der Spaß auf, ich habe mich vor der Vorstel­lung eines Skype-Coachings am Anfang total gegru­selt (trotz Kamera auf Augen­höhe) ;o)

    Nichts­des­to­trotz habe ich mich von einer Klientin liebe­voll über­reden lassen — und siehe da: es funk­tio­nierte ganz toll. Und ich sammelte immer mehr (posi­tive) Erfah­rungen.

    Als ich bei einem Auftrag­geber, in dessen Coach-Pool ich bin, mein Coach-Profil daraufhin erwei­terte, war er ganz begeis­tert und sagte: “Super, wir werden immer wieder gefragt, ob wir auch Coaches haben, die E‑Coaching anbieten. Das wird garan­tiert in Anspruch genommen.” Und tatsäch­lich — pro Woche gebe ich ca. eine E‑Co­a­ching-Einheit — aller­dings über­wie­gend mit Klienten, die ich auch schon live gecoacht habe — aber nicht nur.

    Unter anderem habe ich einen Klienten, der für eine deut­sche Firma in der Karibik sitzt. Ihn habe ich bisher nur via Skype und Mail kennen­ge­lernt. Und auch hier zeigt sich der Klient sehr zufrieden. Wir über­brü­cken sogar die 8 Stunden Zeit­ver­schie­bung.

    Auch mein Angebot E‑Mail-Coaching habe ich zwei Klien­tinnen zu verdanken. Beide sind total zufrieden, dass sie sich schrei­bend ausdrü­cken können, sich einfach mal in Ruhe etwas “von der Seele schreiben”. Eine von beiden wohnt sogar in Hamburg und nutzt trotzdem über­wie­gend das Medium E‑Mail.

    Gleich­wohl gebe ich dir recht, dass es ohne die persön­liche Ebene, sich zu sehen und zu erleben, sehr heikel sein kann. Dass das geschrie­bene Wort sehr viel Raum für Miss­ver­ständ­nisse bietet.

    Grund­sätz­lich bevor­zuge ich Face to Face-Coachings. Damit fühle ich mich einfach am besten.

    Fazit:
    Wenn es der Klient möchte und sich das Thema eignet, finde ich E‑Coaching sehr hilf­reich. Es ist dann viel­leicht nicht die perfekte Lösung, dennoch — wie Frie­de­mann Schulz mal so schön formu­lierte — “hinrei­chend gut”.

    Herz­liche Grüße
    Sabine

    • Svenja Hofert 30. September 2012 at 16:15 — Reply

      Liebe Sabine, genau: hinrei­chend gut! herz­liche Grüße zurück Svenja

  3. Sascha Schmidt 1. Oktober 2012 at 7:52 — Reply

    Liebe Svenja, ich teilte bisher Deine Skepsis und habe dann doch via dem Netz­werk Karriereexperten.com eine Coachingan­frage aus den USA bekommen. Ich habe da mein erstes Skype-Coaching (unbe­dingt mit Kamera) vorge­nommen — es klappt erstaun­lich gut.

    Wichtig ist in meinen Augen, dass dem Gesprächs­partner klar gemacht wird, dass es einen quali­ta­tiven Unter­schied zwischen realem Erleben und einer Webcam gibt. Wer zugleich mit geschultem Auge coacht, der wird auch über eine Webcam nonver­bale Reak­tionen mitbe­kommen — zumin­dest im Gesicht.

    Meine erste Skype-Klientin war über das Coaching sehr zufrieden; ich selber habe es jetzt in mein Angebot aufge­nommen — als Alter­na­tive, wenn die Anreise nicht möglich sein sollte.

    LG, Sascha

    • Svenja Hofert 1. Oktober 2012 at 12:27 — Reply

      Lieber Sascha, danke für die Ergän­zung. Ich werde mich mal mit diesen Sachen beschäf­tigten.… so lange empfehle ich einfach an euch Skype-Experten weiter 😉 LG Svenja

  4. Gilbert 6. Oktober 2012 at 0:09 — Reply

    Gut, ich dachte schon, ich bin alleine mit meinen Vorbe­halten. Ich denke auch, dass man selbst solche Distanz-Coachings hinkriegt, gerade wenn man die Klienten gut kennt. Am Telefon habe ich das selbst schon gemacht, fand es aber nicht doll. Wie immer gehört auch Übung dazu.

    Was mich aber auch abschreckt sind entspre­chende E‑Co­a­ching-Ange­­bote im Internet. Heute habe ich z.B. ein Angebot eines Skype-Coaches aus Öster­reich gelesen:

    “Persön­li­ches Coaching
    Meine Coachings sind keine Pfad­fin­der­aus­flüge, sondern knall­hart. Also machen Sie sich auf harte Fakten und ehrli­ches Feed­back gefasst. Ich sage Ihnen nicht, was Sie hören wollen, sondern trete Ihnen in den Arsch. Die Mission lautet, Sie stark zu machen. Diese Missi­ons­ziel hat oberste Prio­rität.”

    Da möchte ich eigent­lich nicht in den Verdacht geraten, mit solchen in einer Reihe zu stehen.

  5. Klaus Schaum­berger 12. Oktober 2012 at 14:25 — Reply

    Coaching via Skype, vor einigen Jahren hätte ich nicht gedacht das es einmal gelebte Realität wird. Heute genieße ich die Vorteile die diese Form von Coaching bietet. Beide Seiten sind flexi­bler, sparen viel Fahr­zeit und Kosten. Natür­lich kann man je nach Coaching nicht jede Methode via Skype anwenden — das ist aber ja auch nicht immer notwendig. Außerdem kann das Coaching ja auch aufge­teilt werden.
    In meinem Bild­hin­ter­grund ist ein White­board das ich zusätz­lich mit einsetze. Skype hat leider seit geraumer Zeit eine kosten­lose Funk­tion gestri­chen die bei google + mit dabei ist. Die Bild­schirm­über­tra­gung macht es gut möglich Inhalte, Skizzen und mehr gemeinsam zu betrachten und zu bear­beiten.
    Ich möchte die Möglich­keiten der Technik zur Unter­stüt­zung des Coachings nicht mehr missen. Zudem schonen diese Werk­zeuge ja auch die Umwelt.

    Klaus

  6. Anne Niesen 8. März 2013 at 18:52 — Reply

    Hallo an alle,
    ich beschäf­tige mich viel mit Virtua­lität und liebe E‑Coaching.
    Meine Erfah­rung: Ich bin eher auditiv und höre tiefe Ebenen oft beser als das ich sie sehe. Virtu­elle Möglich­keiten (wie erwähnt — screen sharing, white boards etc) geben bei Bedarf viele Hilfs­mittel in die Hand. Natür­lich sind Methoden und Vorge­hens­weise anders, aber wie so oft : Nicht schlechter! Wenn Kunden sich damit wohl­fühlen und der Coachee auch, ist es dem f2f eben­bürtig und manchmal sogar über­legen! Ich habe schon Coachees gecoa­ched, die ich nie getroffen habe, kein Problem!
    Anne (Niesen)

  7. Antje Fisseler 25. August 2017 at 10:56 — Reply

    Guten Morgen,
    Nachdem inzwi­schen schon mehrere Jahre vergangen sind, wie sieht es aktuell mit e‑Coaching in Deutsch­land aus?
    Meine persön­li­chen Erfah­rungen damit sind sehr positiv und es inter­es­siert mich sehr, heraus­zu­finden, ob das inzwi­schen gene­rell so gesehen wird.
    Herz­liche Grüsse aus Paris,
    Antje

    • Svenja Hofert 3. Oktober 2017 at 16:18 — Reply

      Hallo Frau Fissler, es kommt immer mehr, da hat sich seitdem durchaus etwas verän­dert. herz­liche Grüße SH

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