Kate­go­rien

Wenn guter Rat wirk­lich schlecht ist

Published On: 23. Juni 2011Cate­go­ries: Karriere

Ratschläge liegen im Trend, viel­leicht ist deshalb Dieter Nuhrs “ulti­ma­tiver Ratgeber für fast alles” ein Best­seller. Viel­leicht weil uns diese Welt immer weniger Halt gibt und die Meinungs­viel­falt steigt. Gerade junge Menschen suchen guten Rat, nehmen die Erfah­rung der Älteren jedoch manchmal allzu unre­flek­tiert an.

Lisa wollte eigent­lich nur einen objek­tiven Rat der älteren Mentorin, die sie sich bei einer Mento­ren­börse als Bran­chen­ex­pertin ausge­schaut hatte. Sollte sie das feste Joban­gebot, ein Angebot mit Selten­heits­wert in dieser Branche, annehmen oder sich doch selbst­ständig machen? „Nimm das Angebot, da bist du auf der sicheren Seite“, sagte die erfah­rene Berufs­tä­tige. Dem Rat zu folgen, war falsch, sagt Lisa heute. Sie hätte sich ohne diesen Ratschlag drei Jahre sparen können, in denen sie eigent­lich nur eins wusste: eine Fest­an­stel­lung ist es nicht.

Ein guter Rat ist Gold wert. Einen schlechten erkennt man an einer simplen Tatsache: Der Ratgeber empfiehlt für sich selbst.  Die Mentorin in dem kleinen Fall­bei­spiel hätte selbst nie frei­willig den Sprung in die Selbst­stän­dig­keit gewagt, also hinter­fragte sie auch nicht die Moti­va­tion ihres Mentees.  So ein Rat ist ein schlechter Rat. Erst recht, wenn er von einem erfah­renen Menschen kommt, der eigent­lich doch gelernt haben sollte, dass jeder anders denkt und fühlt und ein indi­vi­du­elles Job- und Lebens­kon­zept braucht. Jemand, der weiß, dass die einen drei Kinder mit Stress-Karriere verein­baren können und die anderen eben nicht. Oder dass der eine den glei­chen Job als  heraus­for­dernd findet, und der andere als öde. Jemand, der begriffen hat, dass die eigene Wahr­neh­mung nicht die der anderen ist. Dafür muss man sich selbst kennen.

Kennen Sie das Höhlen­gleichnis von Platon? Die Menschen in der Hölle leben dort seit Jahren und kennen nur die Schatten an der Wand. Als einer frei­kommt und draußen die wahre Welt sieht und davon berichtet, glauben sie ihm nicht und schlagen ihn tot. Wir alle leben in der Höhle unserer eigenen Welt, die immer irgendwie begrenzt ist, selbst wenn wir einen größeren Radius um uns gezogen haben. Deshalb können wir Empfeh­lungen nur im Bewusst­sein geben, dass jemand anders die Welt ganz anders sieht, erfährt und erlebt. 

Manchmal werde ich gefragt, ob ich nicht „mal kurz“ sagen könnte, ob „Master konse­kutiv oder doch nach Berufs­er­fah­rung“ oder auch „selbst­ständig ja oder nein“? Ich kann nicht mal kurz. Um auf Fragen jenseits des Steu­er­rechts zu antworten, muss ich eine Menge zum einzelnen Fall wissen, bei Frage 2 noch mehr als bei 1. Fragen zur beruf­li­chen Zukunft lassen sich niemals allge­mein beant­worten, sondern immer nur indi­vi­duell. Natür­lich muss ein Mentor, oder auch ein Berater, meinet­wegen sogar ein Thera­peut warnen und z.B. sagen, dass aus seiner Sicht und aus seiner Erfah­rung sich viele etwas so oder so verhält. Seine Aufgabe ist es aber auch, das persön­liche Empfinden von seiner Empfeh­lung zu trennen. Und die Aufgabe des Mentees liegt darin zu erkennen, dass es objek­tiven Rat von einem „Subjekt“ niemals geben kann.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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3 Kommen­tare

  1. jobspirit 26. Juni 2011 at 13:07 — Reply

    Meine Rede, soviel Einsicht und Selbst­ver­ant­wor­tung wünschte ich mir bei meinen Fragern. Wenn einer von beiden das Spiel durch­schaut ist ja alles gut. Übel wird es, wenn das, wie in Ihrem Beispiel, nicht geschieht.

  2. Jutta Mohamed-Ali 27. Juni 2011 at 0:07 — Reply

    Ich finde die Reak­tion der Mentorin absolut nach­voll­ziehbar. Ein Mentor gibt auf Basis seiner Erfah­rung nach bestem Wissen und Gewissen einen Ratschlag. Und für Lisa waren die 3 Jahre nur verschenkt, wenn Sie daraus nichts gelernt hat. Nach 20 Jahren Berufs­er­fah­rung kann ich nur sagen: die Zeiten, die ich für die Zeiten hielt, in denen ich am wenigsten gelernt habe, waren im Nach­hinein die wich­tigsten, die mich in meiner Entwick­lung weiter­ge­bracht haben. Wenn Lisa in dieser Zeit gelernt hat, dass es eine Fest­an­stel­lung nicht ist, dann ist das die wert­vollste Erfah­rung, die sie machen konnte und hat jetzt die rich­tige Moti­va­tion um sich selbst­ständig zu machen. Wenn sie das während der 3 Jahre gemerkt hat, hatte sie ausrei­chend Zeit und Geld durch die Sicher­heit der Fest­an­stel­lung für ihre ange­hende Selb­stän­dig­keit zu recher­chieren, Geld zu sparen als Einstiegs­ka­pital, Kontakte und Netz­werke zu knüpfen etc. etc. Die Sicher­heit einer Fest­an­stel­lung gibt einem genau dafür den notwe­nidgen Rück­halt. Ich finde daher die Empfeh­lung der Mentorin als absolut gerecht­fer­tigt. Alles andere wäre ein Spiel mit einem viel zu hohen Risiko.

    • Svenja Hofert 27. Juni 2011 at 8:24 — Reply

      Es ist kein bestes Wissen und Gewissen, wenn man seine eigenen Präfe­renzen — nicht etwa sein eigenes Gewissen — zur Maßgabe einer Empfeh­lung macht. Das ist schlicht unpro­fes­sio­nell. LG Svenja Hofert

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