Kate­go­rien

Wenn wir bald 1.000 Jahre leben: Was passiert mit Arbeit, Bildung und Karriere?

Published On: 9. Januar 2011Cate­go­ries: Führung

Angeb­lich soll der erste Mensch, der 1000 Jahre alt wird, bereits leben. Das jeden­falls behaupten die Trans­hu­ma­nisten. Ein Vertreter dieser Spezies ist der heute 47jährige Bioin­for­ma­tiker Aubrey de Grey, der ein Buch gegen das Altern geschrieben hat und für jedes Alte­rungs­pro­blem dort eine Lösung präsen­tiert.  De Grey ist rein äußer­lich ein Beispiel dafür, welche schreck­li­chen Konse­quenzen der Verzicht auf Rasier­ap­pa­rate haben kann und wie unglaub­lich alt man aussehen kann, wenn man eigent­lich noch im Mittel-Alter steckt. Nun behauptet dieser de Grey, dass der erste Mensch, der 1.000 Jahre alt wird, heute 60 sei und bereits lebe.

Das klingt verrückt und wahr­schein­lich ist es das auch. Dennoch wirft die Tatsache, dass wir im Durch­schnitt alle erheb­lich älter werden als früher, eine neue Proble­matik für die Arbeits­welt auf. Ich meine  nicht den oft zitierten demo­gra­fi­schen Wandel: Über Ängste vor einer „Vergrei­sung der Beleg­schaft“ kann ich nur lachen, wenn ich mir manche heute 60jährigen ansehe. Die sind nicht vergreist und werden es in 10 Jahren  noch viel weniger sein. Nein, das wahre Problem ist doch viel­mehr das: Was macht ein Mensch mit soviel Jahren mehr? Vor allem: Was macht ein Mensch, der seinen Sinn späte­tens seit den 1980er Jahren ständig und immer mehr durch ARBEIT defi­niert, mir so viel mehr Leben?

Ich spinne jetzt einfach mal ein biss­chen herum:

  • Bildung: Wenn Menschen 1.000 Jahre alt würden, dann müssten wir alle viel, viel länger lernen. Derzeit verbringen wir etwa 10–20% unseres durch­schnitt­lich 80 Jahre währenden Lebens in Schulen, Hoch­schulen und Univer­si­täten. Über­trägt man diesen Schlüssel sind wir im 1000jährigen Leben bei 100 bis 200 Jahren. Oh Gott! Gunter Dueck beklagt in seinem Buch „Aufbre­chen“, dass kaum jemand der 18jährigen, die er so auf Veran­stal­tungen trifft, Spaß am Lernen habe. Gerade habe ich meinen Sohn Leander gefragt, wie er es finden würde, 100 Jahre zur Schule zu gehen. Er hatte nur eine knappe Antwort: „Scheiße“ (sagt man nicht). Es werden sich also wenig Frei­wil­lige finden. Was könnte die Lösung sein? Viel­leicht verteiltes Lernen, alle 10 Jahre ein neues Studium – das wäre die Fort­füh­rung eines Trends und ein Geschenk für alle, die gern lernen (und da gibt es viele, gerade unter jenen, die in der Schule keinen Spaß hatten).
  • Job- und Berufs­wechsel: In meinem Karrie­re­ma­cher­buch hatte ich von sieben bis 28 Jobwech­seln sowie 2–4 radi­kalen Berufs­wech­seln gespro­chen. Das entspricht etwa der Zahl, die ich derzeit so in Lebens­läufen von 50- bis 60jährigen sehe. Wenn wir alle 1000 Jahre alt würden, dann sind wir – sehr einfach hoch­ge­rechnet —  bei 70  bis 280 Wech­seln. Ich denke sogar, man würde noch öfter wech­seln, weil man ja so unglaub­lich viel Leben vor sich hat. Man könnte sich mit dem Lebens­sinn beschäf­tigen, jahre­lange Welt­reisen machen, über­haupt würde die Bedeu­tung des CVs rasant abnehmen. Aber auch das kann passieren: 30 Jahre Gefängnis für ein Kapi­tal­ver­bre­chen – kein Problem – nimmt man viel­leicht eher in Kauf, wenn man so viel Zeit hat…. Und der Sinn des Ganzen? Die Frage, die wir uns alle stellen, würde noch viel drän­gender da sein, so ganz ohne Zeit­druck. Ich finde, dieses Szenario hat auch viel Posi­tives! So stand ich immer ratlos vor der Studi­en­ent­schei­dung: Infor­matik, Jura, VWL, Sozio­logie, Psycho­logie – alles war und ist inter­es­sant für mich. Und in 1.000 Jahren passt alles rein in Kopf und Lebens­lauf, zumal sich ja auch die Gehirn­ka­pa­zität dem längeren Leben anpassen wird!
  • Entwick­lung der Berufe: Neulich habe ich mir über­legt, was eigent­lich alles auto­ma­ti­siert werden könnte und musste  den Schluss ziehen: Fast alles. Sogar der Friseur. Gut, ein Krea­tiv­ling wie mein Friseur Ümet (er schneidet seine eigenen Haare in Zacken) lässt sich eher nicht durch Roboter ersetzen, aber Färben, Waschen, Legen? Auch die Bildung lässt sich zu einem sehr weiten Teil auto­ma­ti­sieren. Und der übliche Haus­halts­kram sowieso. Ich bin fest über­zeugt, dass ich es noch erlebe, dass mir ein Roboter Spaghetti Bolo­gnese kocht, ein Koch­ro­boter. Könnte nicht sogar die Moti­va­tion eines Menschen von Robo­tern gesteuert werden – bis zu einem gewissen Grad? Hier fließen zwei Stränge zusammen: Das Länger­leben und das Auto­ma­ti­sieren von Dienst­leis­tungen. Wir werden also, egal ob wir nun 1.000 oder doch nur 100 Jahre alt werden, keine einfa­chen Arbeiten mehr verrichten, sondern nur noch sehr komplexe (z.B. Koch­ro­boter entwi­ckeln). Ob da jeder mitkommt?

Themen wie Bevöl­ke­rungs­explo­sion etc. lasse ich jetzt mal außen vor. Da rollt eine wahre Welle an ethi­schen Fragen auf uns zu, Dinge bis vor kurzem vermutet in der Welt der Science Fiction, die alle wissen­schaft­li­chen Diszi­plinen betreffen. Was etwa, wenn in 1.000 Jahren die Computer schlauer sind als wir? Gab´s da nicht mal einen Film, in dem die Roboter die Menschen versklavt haben?

Freue mich auf Gedanken und Ideen zu dem Thema!

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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