Kate­go­rien

Wer arbeitet eigent­lich zu Sylvester?

Published On: 31. Dezember 2006Cate­go­ries: Führung

Gibt es außer mir eigent­lich noch andere Menschen, die einen ruhigen und beschau­li­chen Jahres­wechsel der Knal­lerei und Sauferei vorziehen? Die letzten Tage lassen mich daran zwei­feln. Etwa 25 Hotels und Restau­rants haben wir durch­te­le­fo­niert, auf der Suche nach nur einem, dass KEINEN Ball, All-Inclu­­sive-Parties und statt dessen simple a‑la-carte-Menüs anbietet. Fehl­an­zeige. Das Verständnis für den Wunsch nach Ruhe — wenig ausge­prägt: „Was, ähm, verstehe ich richtig: Sie wollen ruhig essen? Morgen? Ausge­rechnet zu Sylvester?“ Klar, dass ruhe­schät­zende Zeit­ge­nossen den Gastro­nomen ein Dorn im Auge sind: Kosten Drei-Gang-Menüs norma­ler­weise 39 EUR, so ist Sylvester locker das Drei­fache fällig….

Die geschei­terte Sylvester-Aktion hat dazu geführt, dass ich jetzt zuhause sitze und mich mit der Frage beschäf­tige: Wer arbeitet eigent­lich Sylvester und welche unter­neh­me­ri­sche Bedeu­tung hat es? Klare Umsatz­kö­nige dürften neben der Gastro­nomie die Unter­nehmen der pyro­tech­ni­schen Indus­trie sein, die laut deren Dach­ver­band zum Jahres­ende Böller für 100 Millionen verkaufen wollten. Den Rest des Jahres arbeiten Firmen wie Sauer Feuer­werk oder PyroArt Feuer­werke im Event- und Bühnen­be­reich – verfeuern zusammen mit Madonna und Co. Effekte aller Art. Ein Arbeits­motor ist die Branche aber offen­sicht­lich nicht, denn die Umsätze stagnieren, heute wird weniger gebal­lert als noch im letzten Jahr­tau­send. Sind deshalb Joban­ge­bote auf der Home­page so rar wie A‑la-Carte-Menüs an Sylvester?

Wer noch arbeitet? Jour­na­listen, vorwie­gend die freien unter ihnen, die die Zeitungen gerne als Lücken­büßer abends, an Wochen­enden und eben Sylvester ausbeuten. Schließ­lich muss man diesen in der Regel schein­selbst­stän­digen freien Mitar­bei­tern keine tarif­li­chen Zulagen zahlen. Und Geld braucht man bei Zeilen­ho­no­raren um 30 Cent immer. Aktiv sind neben den armen Schrei­ber­lingen offenbar auch Spammer, denn jetzt, kurz vor 18 Uhr, errei­chen mich gran­diose Neben­ver­dienst­ver­lo­ckungen und sogar Bewer­bungen. Wahr­schein­lich verlangte die ARGE hier die nächsten 1.000 Bewer­bungen noch 2006 und drohte andern­falls mit Hartz IV-Geld-Kürzung. Was ist leichter als auf den Sende­knopf zu drücken und die nächsten Spam-Bewer­­bungen loszu­schi­cken? Nichts, genau. Pflicht erfüllt. Dass so kein Job zu gewinnen ist, weiß sicher auch der „Schre­cken aller Arbeits­losen“ (Spiegel), Henrico Frank.

Auf Achse sind auch Promo-Girls- und ‑Boys mit Ziga­ret­ten­pröb­chen, damit gute Vorsätze erst gar keine Chance bekommen. Und ein Teil des öffent­li­chen Dienstes, etwa die Bonner Stadt­ver­wal­tung. Frei­haben dürften dagegen die Streu­dienste. Anders als Ärzte und Kran­ken­schwes­tern, die Opfer der Pyro­manie behan­deln müssen. Gut, dass auch der seit November 2006 gültige neue Tarif­ver­trag für den öffent­li­chen Dienst (TVöD) nach wie vor Feier­tags­zu­lagen vorsieht, immerhin 135 Prozent. Andere „Ärzte“ spielen heute übri­gens im Rhein­ener­gie­sta­dium in meiner Heimat­stadt Köln – und feiern bis der Arzt kommt. Da bleib ich doch lieber zuhause und mach mir mein a La Carte Selbst. Bon appetit.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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