Kate­go­rien

“Wer rumge­kommen ist, will Sinn und Ethos” — ein Gespräch mit Gilbert Diet­rich über Google, Gen Y und Philo­so­phie

Published On: 25. Oktober 2013Cate­go­ries: Mensch & Orga­ni­sa­tion

Gilbert-PR-mosaikWie tickt die Gen Y wirk­lich? Wie wird man als Philo­soph Banker oder Perso­nal­leiter? Und: Was ist wirk­lich entschei­dend für Berufs­er­folg? Mit dem Philo­so­phen, Coach und Perso­nal­leiter Gilbert Diet­rich sprach ich über dies und das. Diet­rich ist ehema­liger Goog­leianer und heute beim Leip­ziger Inter­net­un­ter­nehmen Unister für Personal verant­wort­lich. Er betreibt einen wissens- und geist­rei­chen Blog und ist Mitglied der Karrie­re­ex­perten.

(Be-) Merken Sie diese Gene­ra­tion Y? Sind die wirk­lich so verwöhnt?

Diet­rich (lacht): Verwöhnt, weiß ich nicht, aber anspruchs­voll kommen sie mir schon vor. Wobei das auch indi­vi­duell ganz verschieden ist. Als Faust­regel kann ich sagen: Wer rumge­kommen ist, ist anspruchs­voller, gibt sich nicht so leicht mit dem Status quo zufrieden, will immer wieder das finden, was sie oder ihn über­haupt erst auf die Reise gelockt hat: Neues kennen lernen, sich weiter entwi­ckeln, Sinn­haf­tig­keit im Job, viel­leicht auch so etwas wie Ethos. Das finde ich wichtig, denn es setzt Arbeit­geber unter Druck, bei sich mal die Ecken auszu­kehren und nicht immer wieder denselben Kram zu machen. Das ist viel­leicht das einzig Gute, dass sich zuletzt in der euro­päi­schen Hoch­schul­bil­dung getan hat: diese Möglich­keit, dass jeder mal raus­kommt aus dem deut­schen Dunst.

Angeb­lich wollen heute ja alle Flexi­bi­lität und Home Office. Ist das wirk­lich der zentrale Treiber, einen Job gern zu machen?

Diet­rich: Ich beob­achte auch anderes, viel­leicht hat das auch mit der Branche zu tun, in der ich mich bewege: Internet und Tourismus. Hier gibt es noch genü­gend Bewerber und ganz verschie­dene Jobs. Dennoch glaube ich, dass diese Art von kleiner Flexi­bi­lität über­be­wertet wird. Vielen unserer Mitar­bei­tern geht es ganz viel um Zusam­men­halt und Gemein­sam­keit. Die arbeiten wegen der Kollegen, aufgrund des Mitein­an­ders. Das ist eine sehr starke Moti­va­tion und ein festes Band. Dazu braucht man ein Büro, einen Ort, zu den man „arbeiten“ kommt. Trotzdem würden viele auch gern öfter mal von zu Hause arbeiten, ich auch.

Ist es erstaun­lich, dass Yahoo seine Mitar­beiter aus dem Home Office zurück­ge­holt hat?

Diet­rich: Da gibt es einen offen­sicht­li­chen Wider­spruch zwischen dem Bedürfnis nach Zusam­men­halt, der Projekt­ar­beit und dem Home Office. Deshalb sollte man die Möglich­keiten zur flexi­blen Arbeits­­zeit- und Arbeits­orts­ge­stal­tung nicht über­treiben. Home Office sollte eher die Ausnahme bleiben oder dann zum Tragen kommen, wenn es wirk­lich Sinn macht, etwa aufgrund einer fami­liären Situa­tion. Präsenz halte ich für wichtig, gerade da, wo Leute die Köpfe zusam­men­ste­cken und ein Flip­chart bemalen müssen, um Probleme zu lösen. Nicht alle modernen Unter­nehmen setzen auf Flexi­bi­lität in Raum und Zeit. Auch mein ehema­liger Arbeit­geber Google etwa achtet nicht ohne Grund sehr auf Präsenz.

Die „Präsen­titis“ gilt als einer der Haupt­ver­ur­sa­cher von Burnout…

Diet­rich: Zwischen Präsenz und Präsen­titis gibt es einen Unter­schied. Präsen­titis ist sinn­lose Anwe­sen­heit, Präsenz sinn­volle. Wenn sich Burnout ankün­digt, sieht man das nicht und hört man das nicht. Es gibt auch keine allge­meinen Anzei­chen und auch keine allge­meinen Risiken; viel­mehr ist es aus meiner Sicht sehr indi­vi­duell, was zu einem Burnout führen kann. Viel­leicht hat es zentral mit Moti­va­tionen zu tun. Die sollte jeder Mensch kennen. Es ist auch die eigene Verant­wor­tung zu erkennen, was einen antreibt. Arbeit­geber aber, werden zulassen müssen, dass Arbeit­nehmer Konse­quenzen ziehen und ihre Jobs nach­hal­tiger gestalten werden oder eben weg gehen, wo immer wieder demo­ti­viert wird.

Eine Führungs­kraft wollte dass seine Bera­terin Kunden “mehr lenkt”, das stresste sie total. Ihr Anliegen: dienst­leisten und Wünsche erfüllen. Im Reiss-Profil ist das der Konflikt zwischen Macht rot und Macht grün. Gegen Moti­va­tionen zu arbeiten löst Stress aus – wie ist Ihre Erfah­rung?

Diet­rich: Es ist sehr hilf­reich sich selbst zu kennen. Dabei könnten Tests unter­stützen oder aber die inten­sive Beschäf­ti­gung mit sich selbst. Tage­buch führen kann vieles bewusst machen. Einmal am Tag über­legen, was war gut, was nicht, was lädt mich auf, was entleert Batte­rien? Daraus kann man viel lesen und lernen über die Dinge, die einen antreiben. Nur sehr wenige Menschen denken darüber nach, was Sie selbst wollen. Dabei ist es zum Beispiel „Wie will ich arbeiten?“ eine ganz entschei­dende Frage. Wenn das, was mir das Unter­nehmen bietet, damit nicht zusam­men­passt, liegt es in meiner Selbst­ver­ant­wor­tung nach Alter­na­tiven zu suchen.

Sie haben selbst Philo­so­phie studiert. Das ist ja gemeinhin nichts Karrie­re­för­derndes…

Diet­rich: Das halte ich für eine große Fehl­ein­schät­zung seitens vieler deut­scher Perso­nal­ab­tei­lungen. Nie hätte ich mich so intensiv mit mir selbst ausein­an­der­ge­setzt ohne dieses Studium. Es hat unheim­lich zur Selbst­re­flek­tion beigetragen und damit zur Persön­lich­keits­ent­wick­lung. Das halte ich für sehr viel wich­tiger als den Erwerb von Fach­wissen. Fach­wissen kann später kommen, es veraltet sowieso immer wieder. Wer dagegen eine starke Persön­lich­keit ausge­bildet hat, wird immer davon profi­tieren.

BWL ist mitt­ler­weile in der Jobampel rot geworden – also raten schon Experten mit Blick auf den Arbeits­markt eher ab — ; es grup­piert sich mit den Geis­tes­wis­sen­schaften zum „no Go“. Jura dagegen geht grad wieder… Man weiß also nie, wie sich etwas entwi­ckelt. 

Diet­rich: Das ist unplanbar und verän­dert sich auch, man sollte viel­leicht anti­zy­klisch studieren. Ich finde, Studi­en­gänge, die Intel­lek­tua­lität fordern, werden in Deutsch­land unter­schätzt. Das ist in anderen Ländern anders. In London gibt es Banker mit geis­tes­wis­sen­schaft­li­chem Back­ground, was der Gesell­schaft aber offenbar auch nicht geholfen hat. Trotzdem gibt es aus meiner Sicht viele Argu­mente, die dafür spre­chen, viel mehr auf diese Karte zu setzen. Wer so ein Studium durch­hält, weiß sich zum Beispiel ganz sicher selbst zu managen. Das sehe ich bei manchen der BWL-Absol­­venten nicht.

Muss ein Studium immer berufs­qua­li­fi­zie­rend sein?

Diet­rich: Nein, es muss Persön­lich­keit und Geist bilden, das ist ja der Unter­schied zur Berufs­aus­bil­dung. Leider gibt es diese Tendenz in Politik und Wirt­schaft hoch­spe­zia­li­sierte Arbeits­ma­schinen auszu­bilden, die eine Zeit­lang am Arbeits­markt funk­tio­nieren – bis dieser wieder neue Anfor­de­rungen hat, die die Arbeits­ma­schinen von gestern nicht erfüllen. Wer weiß, wer er als Mensch ist, also eine ausge­reifte Persön­lich­keit hat, wird sich auch leichter unter­schied­li­chen Entwick­lungen anpassen. Sehen Sie mich an: Ich habe im Support- und Projekt­ma­nage­ment bei Google gear­beitet und jetzt bin ich in einem ganz anderen Bereich tätig, im Personal. Quer­ein­stiege sind mit einem geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Hinter­grund manchmal sogar leichter.

Sie haben einen Coachingaus­bil­dung und arbeiten nebenbei als Coach. Wie kamen Sie zum Coaching?

Diet­rich: Das war rein inter­es­sen­ge­lei­tetet und geht auf meine Begeg­nung mit außer­or­dent­lich guten Coaches zurück, die ich bei Googles Führungs­­­kräfte-Programmen kennen lernen durfte. In deren Arbeit entdeckte ich ganz viel, das mir auch liegt, zum Beispiel das Verwan­deln von Psycho­logie, Philo­so­phie und Erfah­rung in Praxis. Schon im Philo­so­phie­stu­dium hat mich eigent­lich inter­es­siert, was das prak­tisch für mich heißt und wie ich es in mein Leben einbauen kann. Mich inter­es­siert das Konzept von Philo­so­phi­scher Praxis ganz stark, auf keinen Fall wollte ich ein “08/15-Coach” sein, davon gibt es viel zu viele. Ich wollte lernen und verstehen, was dahinter steckt und dann meinen eigenen Weg finden. Im Moment hilft mir das unge­mein bei meiner Arbeit, wo ich auch Coaching anbiete und dadurch nicht zuletzt selbst immer mehr dazu lerne.

Wer mit Gilbert Diet­rich Kontakt aufnehmen möchte, findet hier mehr Infor­ma­tionen.

 

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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One Comment

  1. Dr. Martin Barto­nitz 22. November 2013 at 9:03 — Reply

    gelun­genes Inter­view! Habe ich hier passend refe­ren­ziert:
    http://bit.ly/I3Et4p

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