Kate­go­rien

Spielen Sie schon oder arbeiten Sie noch?

Published On: 2. Dezember 2011Cate­go­ries: Führung

Frank geht schon seit 20 Jahren dem glei­chen Job nach. Seine Auto­bahn im Gehirn kennt nur eine Rich­tung: 8 Uhr — Start seiner Arbeit bei einer Kran­ken­kasse, abar­beiten, nach Hause, Frei­tag­abends Billard mit Freunden, Sams­tags ausschlafen, Sonn­tags Mutti besu­chen, Mittag­essen immer 13 Uhr. Ab und zu hatte Frank in seinen nunmehr 45 Lebens­jahren eine Freundin, aber das hielt nie lange. Zu aufre­gend,  die Sache mit den Frauen, bringt das Leben durch­ein­ander – sagt er jetzt.

Das mag Franky nicht: Uner­war­tetes, Unge­plantes, Abwei­chungen von seiner Norm, seinem Plan, außer Frei­tags, beim Billard. Er ist jemand mit einer ausge­prägten Dauer im Riemann-Thomann-Modell.  Zwang­haft? Da steht er kurz davor, ohne die Grenz­linie zu errei­chen oder gar zu über­schreiten.

Nun stellen Sie sich vor, Frank müsste inno­vativ sein, weil seine Kran­ken­kasse sonst im globalen Wett­be­werb einpa­cken könnte. Schwer vorstellbar: Das würde bedeuten loszu­lassen und Unge­plantes auf sich zukommen lassen.  Und das kann Frank umso weniger, desto länger er seine Neuro-Auto­­bahn nur in eine Rich­tung fahren lässt.

Frank wäre ein Freund der Banken, würde er seine plane­ri­sche Energie auf eine selbst­stän­dige Exis­tenz ausweiten. Das tut er natür­lich nicht, Unsi­cher­heit mag er nicht. Aber die plane­ri­sche, diszi­­pli­­­niert-struk­­tu­rierte Seite an Frank würden die Banken lieben: Er würde, das ist so sicher wie sein Billard am Freitag, einen 100%-Business Plans einrei­chen. Banken mögen 100%-Pläne. Banken mögen es außerdem, wenn diese auf den Annahmen anderer Geschäfts­mo­delle beruhen… So wie auch Unter­nehmen immer schauen, was andere erfolg­reich machen.… Verlage… Medien…

Kann unser Frank, können Banken, Verlage, Medien trotzdem das Inno­­vativ-Sein lernen?

Ja, erwi­dert ein Arne Gillert, der das Buch „Der Spiel­faktor. Warum wir besser spielen wenn wir arbeiten“ geschrieben hat. In seinem gest­rigen Vortrag auf der Powcon­fe­rence schil­derte er, wie er einen Haufen Dauer­ori­en­tierter  zum freien Spiel bewegt hat. Sie sollten sich selbst in Alltags­si­tua­tionen aufnehmen. Dafür bekamen sie einen Ipod zur freien Verfü­gung… äh Spie­lerei. Sie begannen sich selbst auf die Schippe zu nehmen. Sie fingen an zu expe­ri­men­tieren. Erst einer, dann ein anderer, dann… Frei von Plänen. Frei von Vorgaben. Frei von Macht­spielen, frei von Hier­ar­chien, Status  – und all diesen Dingen, die Ideen blockieren und Inno­va­tion verhin­dern.

Seitdem ich mich mit dem Thema beschäf­tige, schließt sich der Kreis zu meinem Slow-Grow-Prinzip. Es ist eine ähnliche Denke:  „Spielen ist handeln, nicht planen“, lautet eine Regel bei Gillert. „Probier´s erst mal aus“ lautet eines meiner Prin­zi­pien, was ich auch hier bei Spiegel Online vorstelle. Denn sich selbst verwirk­li­chen geht auch besser, wenn man dabei spielt.

Der Gedanke dahinter: In einer komplexen Wissens­ge­sell­schaft ist Busi­ness nicht mehr planbar. Wer als Selbst­stän­diger „mitspielen“ will, muss auspro­bieren, weil es für ihn keine Plan­bar­keit gibt. Für Manager und Unter­nehmer gilt das ganz genauso. Für Ange­stellte derzeit noch einge­schränkt, weil es immer noch zu viele Bereiche gibt, in denen die Franks dieser Welt ihr Eigen­leben führen. Aber Franks sind Auslauf­mo­delle. Die Arbeits­welt wird sich spalten, immer mehr.

Die Franks behaupten steif, Auto­bahnen müssten grade sein, und wer quer­denkt, könne maximal als Geis­ter­fahrer Karriere machen. Franks sitzen überall. Sie halten sich an Plänen fest, weil das früher funk­tio­niert hat. Doch früher eröff­nete man Restau­rants, Döner-Buden und Arzt­praxen, arbei­tete als Büro­kauf­mann, Rechts­an­walt oder Redak­teur. Früher gab es kaum Wissens­ar­beiter. Heute stellen diese die Mehr­zahl der akade­mi­schen Selbst­stän­dig­keiten. Und alle basieren auf Inno­va­tion. Inno­va­tion indes entsteht niemals auf der Basis von Planung. Werden Sie also inno­vativ! Mit dem Spielen fängt es an.

Wie Sie spielen lernen können?

  • Expe­ri­men­tieren Sie, machen Sie etwas ohne Plan.  Aber denken Sie dran: Jedes Spiel braucht Regeln. Ein Ziel ist gut und auch ein zeit­li­ches Ende des Expe­ri­ments. In meinem Buch Slow Grow-Prinzip über­nimmt das Grün­­dungs- und Wachs­tums­pro­jekt die Funk­tion des Spiels.
  • Über­legen Sie sich jetzt in diesem Moment, was Sie noch nie getan haben und tun Sie es.
  • Machen Sie, rein spie­le­risch, einmal etwas ganz anders als sonst. Wenn Sie (wie) Frank sind, nehmen Sie sich unbe­zahlten Urlaub und arbeiten Sie sechs Monate in Somalia, zum Beispiel.
  • Handeln Sie einen Tag oder eine Woche genau andersrum als sie es sonst tun würden. Pippi Lang­s­trumpf-Methode genannt.
  • Gehen Sie Impulsen einfach nach. Ein schönes Expe­ri­ment. Sollten Sie doku­men­tieren, wie ein Spiel.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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3 Kommen­tare

  1. gast 7. Dezember 2011 at 20:23 — Reply

    während des studium habe ich mir eine auszeit genommen, um mit mir und dem leben zu expe­ri­men­tieren. mit der vorstel­lung und mit der hoff­nung, dass das was zu mir gehört auch zu mir kommt, habe ich alle mögli­chen jobs ange­nommen: vom body­guard ueber garten­ar­beiter, film­sta­tist bis zum forschungs­mit­ar­beiter. es waren gefühlte 40 jobs, die ich gemacht habe, bis ich zu dem kam, bei dem ich meine erfül­lung gefunden habe und den ich nunmehr seit 15 jahren ausübe. lusti­ger­weise hätte ich vorher niemals gedacht, dass ich mal einen derar­tigen job machen würde, denn dieser wie auch die dazu­ge­hö­rige branche waren mir völlig unbe­kannt. durch diese posi­tive erfah­rung kann ich nur jeden ermu­tingen, sich den möglich­keiten des lebens zu öffnen — natür­lich mit bedacht und ohne gefährung der eigenen exis­tenz.

    • Svenja Hofert 8. Dezember 2011 at 9:26 — Reply

      jetzt wüßten ich und meine Leser aber gern, was Sie derzeit machen! Eine klasse Methode, genauso ist es: Studiere nicht, arbeite — sagte schon Paul Arden. LG Svenja Hofert

  2. mutamar 10. Januar 2012 at 11:57 — Reply

    Sehr gut gefällt mir die Bezeich­nung “Dauer­ori­en­tierte.” Dazu passen dann noch “Dauer­op­ti­mierte und Dauer­op­ti­mierer.” Ich denke “zu spielen” ist eine Einstel­­lung- die lernt man nicht in einer Woche “andersrum” 🙂 Das Entschei­dende am Spielen ist vor allem, dass man es sich erlaubt! So kann der “play­code” wieder akti­viert werden und zu etwas Grund­le­gendem werden. Wissen wir doch alle, dass wir dem Spielen unsere Entwick­lung verdanken und dass es zu keiner Zeit mehr Lern­erfolge gab, als in der Zeit in der uns das Spielen wie selbst­ver­ständ­lich erlaubt war:) Mitt­ler­weile haben das auch viele Unter­nehmen erkannt und setzen verstärkt auf Gami­­fi­­ka­­tion- die Spie­li­f­i­zie­rung.
    Und ja, beginnt man zu Spielen, verän­dert sich die Umge­bung, die Sicht­weisen, die Probleme und die Menschen. Ich habe mal das klas­si­sche “Fangen” mit wild­fremden Leuten gespielt. Ich rannte los, tippte den nächsten der mir entgegen kam an und behaup­tete “du bist”…dann rannte ich weiter. Daraus entstand eine unglaub­liche Dynamik, in deren Folge sich fremde Erwach­sene wie irre durch einen Park jagten. Wir fanden das klasse, lachten viel und zogen dann wieder unserer Wege. Viel­leicht war auch Frank dabei?!
    Regeln sind wichtig in einem Spiel, doch viel wich­tiger ist die Dynamik, die durch das Spiel und das Spielen entsteht!
    In Deutsch­land glauben viele durch Regeln sei‘s gere­gelt. Tatsäch­lich regeln Regeln aber nur Macht­fragen! Und wenn Regeln gebro­chen, umgangen oder nicht einge­halten werden, dann entstehen keine Fragen, sondern es wird mit Regel­ver­schär­fung, oder Regel­op­ti­mie­rung geant­wortet.
    Für mich ist Spiel(en) Lebens­eli­xier, aus dem sich auch mein beruf­li­ches Wirken ableitet. Wie wir spielen, so gewinnen wir! Also fangen wir an zu spielen…eine Woche, zwei Wochen, drei Wochen…

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