Kate­go­rien

Werden Sie weiße Kaffee­bohne oder blaues Wunder — aber bitte konse­quent: Plädoyer für besseres Employer Bran­ding

Published On: 29. Februar 2016Cate­go­ries: Mensch & Orga­ni­sa­tion

Seit kurzem habe ich blaue Fußnägel. Ich komme mir ein biss­chen vor wie Punk-Mode-Ikone Vivi­enne West­wood. Von der habe ich ein königs­blaues Kleid. Jetzt müsste ich mir die Haare noch blau färben. Und mich bei Detecon bewerben – wenn die nicht so gera­de­wegs auf die Gene­ra­tion Y zielen würde, zu der ich nun wirk­lich nicht mehr gehöre.

Detecon #consultingisblue

Detecon #consul­ting­is­blue

Die Unter­neh­mens­be­ra­tung Detecon, frisch posi­tio­niert für Digital Trans­for­ma­tion, hat mir kürz­lich ein Paket geschickt. Alles blau – Teil der Kampagne #Consul­ting­is­blue. Blogger-Rela­­tions sind meist lang­wei­liger: Irgendein Pres­se­mensch ruft an, um einen auf Veran­stal­tungen einzu­laden, auf die man nicht gehen möchte. Alter­nativ bietet ein Prak­ti­kant Gast­bei­träge an oder/und winkt mit Bestechungs­gel­dern. Aber ein Paket mit einem königs­blauen T‑Shirt, blauen Nagel­lack und allerlei blauem Blingbling habe ich noch nicht bekommen. Employer Bran­ding at it´s best?

Weniger wäre mehr gewesen

Leider nein: Ich habe die Klamotten wieder ausge­zogen und den Lack abge­macht. Weniger wäre mehr gewesen. Wie es richtig geht, hätte man von Jörg Buck­mann aus der Schweiz erfahren können. Von dem stammt ein Büch­lein, das zu diesem Thema wunderbar passt. Und dass die Erfinder der Kampagne besser vorher gelesen hätten… aber halt, dann wäre die Kampagne viel­leicht zu billig geworden. Denn: Buck­mann betont die Einfach­heit, die simplen Maßnahmen. Die mit der natür­li­chen Schnör­kel­lo­sig­keit des Hand­werk­be­triebs, der mit großer Aufschrift und freund­li­chem Foto auf dem Liefer­wagen nette Kollegen sucht.

Das Buch heißt „Perso­nal­mar­ke­ting to go“ und es ist sehr unter­haltsam geschrieben. Sprin­gerGabler hat in Farbe inves­tiert, von Blei­wüste keine Spur. Das muss ich betonen, denn darüber habe ich bei meiner Rezen­sion von Bucmanns Frechmut-Buch 2014 hier ein wenig geklagt. Bei Buck­mann ist das „Blaue“ die weiße Kaffee­bohne. Er will damit sagen, dass Arbeit­geber zeigen müssen, was sie beson­ders macht. Viel­leicht ist das blaue Consul­ting deshalb doch nicht die weiße Kaffee­bohne. Den Dingen einfach einen neuen Anstrich geben – das reicht nicht aus. Buck­mann plädiert für einfache und glaub­wür­dige Maßnahmen, er hält nicht viel von Blingbling. Er betont auch weiche Seiten und fordert zum Beispiel „Wärme“. Sehe ich bei Detecon nicht; alles ziem­lich kalt.

Employer Bran­ding braucht eine Employer Value Propo­si­tion

Buch von Jörg Buckmann

Buch von Jörg Buck­mann

Vor einiger Zeit habe ich dem geschätzten Jörg Buch­mann mitge­geben, dass ich mir ein Buch nur aus seiner Feder wünsche. Er kann doch so gut schreiben und braucht gar nicht so viele Co-Autoren wie bei “Frechmut”! „Perso­nal­mar­ke­ting to go“ ist nun nur sein Werk und zeigt, wie vernünf­tiges Employer Bran­ding geht. Wie? Natür­lich muss es bei den Werten ansetzen, die ein Unter­nehmen hat. Es braucht aber auch eine Employer Value Propo­si­tion (EVP). Das sind die einzig­ar­tigen Vorzüge, die der jewei­lige Arbeit­geber hat. Die weiße Kaffee­bohne unter lauter braunen eben. Blau ist aber kein einzig­ar­tiger Vorteil. McKinsey ist blau… Kien­baum… eigent­lich fast jede Unter­neh­mens­be­ra­tung.

Ich schaue mir daraufhin die Website von Detecon noch mal genauer an. „Leading digital“ ist der Claim und nachdem ich die Seiten ausführ­lich betrachtet habe, verstehe ich immer weniger, was denn die Employer Value Propo­si­tion sein soll. Auf der Karrie­re­seite steht, man suche zum Beispiel Quer­denker statt Quer­köpfe. Dort spricht man von flachen Hier­ar­chien, sagt aber auch: „Wenn Du eine gute Perfor­mance zeigst, wirst Du Dich bei uns sehr schnell entwi­ckeln.“ Ich habe bei Xing recher­chiert und mir ange­schaut, ob sich die Level bei Detecon irgendwie von anderen Bera­tungs­häu­sern unter­scheiden. Offenbar nicht: Es gibt genauso Mana­ging Partner und Senior Consul­tants.

Beson­ders unglaub­würdig finde ich die Mischung von Kampa­­gnen-Du auf der Karrie­re­seite und klas­si­scher Sie-Ansprache zum Beispiel unter „Open Talents“. Sorry. Für mich brau­chen die Dinge einen roten Faden, eine innere Logik. Ganz — oder gar nicht. Oder den Zweifel kommu­ni­zieren — Wider­sprüche einfach offen ausspre­chen. Wäre mal was Neues. Ist es nicht ein typi­sches Problem, dass junge Leute einer­seits flache Hier­ar­chien, andrer­seits Weiter­ent­wick­lung suchen? Und dass man allen Ansprü­chen verdammt noch mal gar nicht gerecht werden kann?

Zurück zur weißen Kaffee­bohne und der Employer Value Propo­si­tion: Buck­mann gibt dazu in seinem Perso­nal­­mar­ke­­ting-To-Go-Buch einen einfa­chen Tipp: Fragen Sie Ihre Mitar­beiter, was Sie beson­ders an Ihrem Unter­nehmen finden. Berück­sich­tigen Sie alle Hier­ar­chie­stufen und binden Sie Mitar­beiter unter­schied­li­cher Zuge­hö­rig­keits­dauer mit ein. Fragen Sie keine externe Marke­ting­agentur – dies sagt er zwar nicht explizit, aber zwischen den Zeilen. Ein Externer kann Impuls­geber sein, aber der Takt, der muss von innen kommen.

Für mich ist das blaue Paket deshalb ein Zeichen. Dafür, dass man nicht verstanden hat, worum es der Gene­ra­tion Y geht. Lässt sich diese Gene­ra­tion wirk­lich mit engli­schen Begriffen und Buzzwords ködern? Oder fühlt sie sich davon nicht auch für blöd verkauft? Gerne rufe ich hierzu zu Diskus­sion auf.…

Liebe Detecon-Leute: Ich habe euch auf Twitter gesucht. Ihr folgt mir nicht, obwohl ihr mich auf eurer Blogger-Liste habt, weshalb das Paket zu mir kam. Das zeigt noch mehr, dass ihr Perso­nal­mar­ke­ting und Blog­ger­re­la­tions nicht richtig verstanden habt. Blogger sollten gut ausge­wählt sein und natür­lich muss die Ansprache in Social Media verzahnt sein. Ihr müsst mir keine teuren Pakete schi­cken. Aber wenn, dann achtet doch bitte auf die Fein­heiten. Mein Eindruck ist, dass hier verschie­dene Abtei­lungen ihre Suppe gekocht haben. Übri­gens ist auch keiner auf die Tweets einge­gangen ist, die ich test­weise an euch geschickt habe.

Viel­leicht wart ihr einfach blau?

Also, schnell das Buch von Herrn Buck­mann “Perso­nal­mar­ke­ting to go” kaufen und noch mal ran — erst den Kern, dann die Hülle, und bitte nicht umge­kehrt!

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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5 Kommen­tare

  1. Vielen Dank liebe Svenja Hofert für diesen erfri­schenden Beitrag. Ich habe am Wochen­ende auch ein solches Paket erhalten. Wahr­schein­lich haben die Verant­wort­li­chen gemerkt, dass aus ihrer ersten Auswahl an Blog­gern keiner auf die Auffor­de­rung “Jetzt bloggen!” reagiert hat.
    Dass es jetzt nur zu einem Verriss gereicht hat, wird den Blau-Veran­t­­wor­t­­li­chen sicher nicht schme­cken, aller­dings ist es besser als gar keine Reich­weite, oder? 😉

  2. Thomas Eggert 2. März 2016 at 16:34 — Reply

    Na, scheinbar haben die ja halbe Repu­blik mit ihrem Päck­chen versorgt.

    Ich kann Dir da nur zustimmen, siehe auch http://bit.ly/1pnLZNJ
    — das war wohl wirk­lich ein biss­chen zu viel des Guten …

  3. Adrian Helbig 4. März 2016 at 11:19 — Reply

    Liebe Frau Hofert (Du oder Sie? Ich bleibe mal beim Old-School-Sie…),

    erst einmal vielen Dank für ihren lesens­werten Beitrag! Um mich kurz vorzu­stellen: Ich bin derje­nige, von dem Sie das Päck­chen erhalten haben.

    Über eine Bewer­bung mit blau gefärbten Haaren und blauen Fußnä­geln hätten wir uns übri­gens sehr gefreut. Denn wie Sie richtig sagen: Lang­weilig sind wir bei Detecon nicht! Daher haben wir Sie auch nicht einfach nur ange­rufen, sondern ihnen ein Paket mit ein paar Mate­ria­lien geschickt, die Studenten und Mitar­beiter im letzten halben Jahr genutzt haben. Sie brau­chen sich also keine Sorgen machen, was die Kosten angeht. Den Versand der Boxen konnten wir so gerade noch stemmen 😉

    Eine weiße Kaffee­bohne hätte zu uns genau so wenig gepasst wie ein grünes Ei. Genau richtig, blau ist die vorherr­schende Farbe im Consul­ting und genauso irri­tiert und inter­es­siert haben die Studenten geschaut, als Detecon, und eben nicht McKinsey & Co, mit dem Hashtag #Consul­ting­Is­Blue um die Ecke kam.

    Span­nend hätte ich es noch gefunden, wenn Sie auf die Inhalte der Kampagne einge­gangen wären. Was halten Sie denn von der Kern­frage, die wir den Studenten in der Kampagne gestellt haben: Are you digital? Für 2000 Studenten war diese provo­kante Frage Moti­va­tion genug, um unsere Quiz-App ‚Are you digital?‘ zu spielen, denn wer ist in unserer Ziel­gruppe schon nicht digital?

    Die von ihnen gestellte Frage nach den Vorzügen von Detecon als Arbeit­geber, habe ich mir auch gestellt. Zum Glück konnten Kollegen einige Antworten darauf geben: http://bit.ly/21b5ipg. Gut, dass wir keine Marke­ting­agentur hatten, die die Antworten vorge­schrieben hat, sonst wäre es mit Sicher­heit weniger authen­tisch geworden 😉

    Da auch ich das Buch “Perso­nal­mar­ke­ting to go” sehr lesens­wert finde, hoffe ich, dass ihre Empfeh­lung den einen oder anderen bewegt, es zu lesen. Allen anderen Digital Minds kann ich nur eine Bewer­bung zu den finalen Abschlus­se­vents unserer Kampagne nahe­legen: http://bit.ly/24FpDHH
    . Ob mit oder ohne blau gefärbte Haare ist uns dabei ziem­lich egal, denn bei uns zählt mehr als nur das Aussehen.

    Okay, das Päck­chen war gestern. Jetzt würde ich das Thema gern noch einmal am Telefon mit Ihnen disku­tieren. Auch wenn ich kein Prak­ti­kant bin und nichts zum Winken habe… 😉

    Viele Grüße, Adrian (Für mich ist das DU ok…)

    • Svenja Hofert 4. März 2016 at 11:41 — Reply

      Lieber Adrian, mit Charme und Humor kann man bei mir punkten — und das hast Du mit dieser Antwort 🙂 Geschickt. Danke dafür! Und gib es zu — das alles ist perfekt insze­niert. Ihr wolltet genau, solche State­ments von den Blog­gern. Einfach beschreiben wäre ja lang­weilig, das würde ja keiner lesen. Jetzt noch bei Twitter aufräumen und ich werde Detecon mal im Blick behalten. herz­liche Grüße Svenja

      • Adrian Helbig 4. März 2016 at 14:01 — Reply

        » Und gib es zu – das alles ist perfekt insze­niert. Ihr wolltet genau, solche State­ments von den Blog­gern.«
        😉

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