Kate­go­rien

Würden Sie 200.000 EUR ins Bloggen inves­tieren? Oder: Warum die Grün­dung so oft schief­läuft

Published On: 11. Juli 2014Cate­go­ries: Karriere

Können Sie erkennen, welche Coachs, Trainer und Berater erfolg­reich sind und welche nicht? Man verschätzt sich oft gewaltig. Erfolg hat kein einheit­li­ches Gesicht. Akti­vi­täten im Internet, Sicht­bar­keit, tolle Webprä­senz, sogar Refe­renzen– all das sagt wenig aus. Und niemand spricht darüber, dass er mehr Kunden bräuchte oder von den Erspar­nissen lebt. Jeder tut beschäf­tigt. Schließ­lich ist der Kollege ja auch Wett­be­werber – sich die Blöße geben wäre schlechtes Marke­ting und führt in eine psycho­lo­gi­sche Abwärts­spi­rale. Sollte man nicht tun.

...Money actually makes  me very happyDoch bei der Grün­dung orien­tieren sich viele an dem, was sie sehen und was andere ihnen vorspielen. Studien geben weiteren moti­vie­renden Input. Was wenig bekannt ist: Wenn es um Hono­rare geht, geht es immer auch um Inter­es­sen­ver­tre­tung und Lobby­ismus. Es wird also oft höher gepo­kert als der Markt erlaubt.

So entstehen viele Geschäfts­ideen aufgrund einer Fehl­ein­schät­zung. Man sieht sich Mitbe­werber an, studiert Websites, liest Studien, vermutet Erfolg und denkt: „Das kann ich auch.“ Die Selbst­über­schät­zung, ein kogni­tiver Bias, beginnt zu wirken. Man redet sich ein „das schaffst du“. Doch längst nicht jeder schafft es wirk­lich.

Kürz­lich hat mein Kollege Thorsten Visbal zusammen mit der HEI Hamburg eine Studie heraus­ge­bracht, die unter­suchte, warum Unter­nehmen schei­tern. Er befragte Klein­be­triebe, Einzel­un­ter­nehmer und Freiberufler.65 Prozent der Befragten setzen sich im Laufe der ersten fünf Jahre nach eigener Aussage mit Schwie­rig­keiten ausein­ander. Nach eigener Einschät­zung hatten diese in den ersten Jahren vor allem Probleme durch Auftrags-/Nach­fra­­ge­rück­­gang (73%), unzu­rei­chende Liqui­dität (54%), starke Konkur­renz (54%), Fehler in der Planung (43%) und Fehl­ein­schät­zung der eigenen Stärken und Schwä­chen (39%).

Vor allem letz­teres, die Fehl­ein­schät­zung von Stärken oder viel­mehr: für den Grün­dungs­er­folg rele­vante Stärken, erkenne ich sehr häufig in den bera­tenden Berufen. Die Fähig­keiten, die einen Coach beispiels­weise im Kontakt mit Kunden erfolg­reich machen, sind nicht die, die die ökono­mi­sche Basis verbrei­tern. Rück­sicht­nahme, Empa­thie, Vorsicht und Eingehen auf andere – all das ist wert­voll für zwischen­mensch­liche Bezie­hungen, aber eben nicht auto­ma­tisch für unter­neh­me­ri­schen Erfolg. Dieser geht oft eben auch mit Klar­heit, Konse­quenz, Blick für Märkte, einer kalku­lierten Risi­ko­be­reit­schaft und Leis­tungs­willen einher. Mindes­tens die erst­ge­nannten Kompe­tenzen wachsen mit dem Alter, Leis­tungs­be­reit­schaft nicht unbe­dingt.

Das erklärt viel­leicht auch, dass in Thorsten Visbals Studie die über 50jährigen erfolg­rei­cher und stabiler grün­deten als die Hoch­schul­ab­sol­venten. Das Berufs­leben festigt und formt Persön­lich­keit. Es lehrt einen, wie man weiter­kommt und sich durch­setzt. Zudem setzt es Anker für das Einkommen, das man künftig anstrebt: Der Grün­dende wird sich immer daran orien­tieren, was er einmal verdient hat. Hat jemand zuletzt 150.000 EUR verdient, wird das seine Marke sein. Was fast auto­ma­tisch bedeutet, dass man mehr inves­tiert, mehr durch­denkt und inten­siver dafür ackert, dieses Ziel auch zu errei­chen.

Wer dagegen noch gar kein Gehalt gehabt hat, hat keinen Anker­punkt und ist deshalb schneller mit weniger zufrieden. Dies ist eine Erklä­rung dafür, dass gerade Krea­tive eher wenig Einkommen erzielen. Grün­dung ist für sie alter­na­tivlos. Sie versu­chen zu halten und zu mehren, was sie haben und kennen – aber eine Marke wie 150.000 EUR werden sie sich norma­ler­weise nicht setzen. Und wer keine Marke hat, kann auch keine errei­chen.

Ein  weiterer Aspekt ist die Leis­tungs­be­reit­schaft.  Manche Selbst­stän­dige sind nur begrenzt einsatz­be­reit. Sie denken, ein Jahr bloggen würde reichen, oder schlimmer noch: mit drei Beiträgen sei es getan. Nein, die Wahr­heit ist: Fast jeder der erfolg­reich ist, hat verdammt viel dafür getan und hart an sich gear­beitet. Fast immer kam der Erfolg auf Umwegen, so gut wie immer über Jahre „langsam ange­kro­chen“ und auf leisen Sohlen. Und, was ganz oft vergessen wird: Stets war er eine Folge­er­schei­nung der Zeit, in der die Personen gegründet haben.

Dies möchte ich vor allem mit Blick auf den Bereich Coaching betonen, der immer noch Menschen anzieht, obwohl der Produkt­le­bens­zy­klus seinem Ende zugeht und Coaching mehr zum Hand­werks­zeug in der Art von Six Sigma wird als zu einer Grün­dungs­idee. Wer es noch schaffen will, braucht heute eine viel stär­kere Spezia­li­sie­rung und muss einen Mehr­wert bieten, der weit über das hinaus­geht, was Coaching ist. Man kann Jahre mit etwas vor sich hindüm­peln und halb­wegs davon leben können. Oder man kann erfolg­reich sein und die Spit­zen­gruppe in seinem Bereich bilden.

Wenn Sie mit dem Gründen in einem Wissens-/ Bera­tungs­be­reich lieb­äu­geln und zu den besseren 10%, zur Spit­zen­gruppe, gehören wollen, fragen Sie sich einmal:

  • Zeit und Trends: Passt die Zeit zu meiner Idee? Bin ich am Anfang eines Trends oder schon darüber hinaus, am Ende?
  • Werk­zeuge des Erfolgs: Was hat dieje­nigen, die in Ihrem Segment jetzt erfolg­reich sind, vermut­lich erfolg­reich gemacht? Was bedeutet das für Ihre, vermut­lich anderen Bedin­gungen?
  • Erfolgs­per­sön­lich­keit: Sind Sie eine? Das heißt, liegt Ihre Leis­tungs­be­reit­schaft (weit) über dem Durch­schnitt? Hängen Sie sich auch dann rein, wenn Sie eine Zeit­lang keine Reso­nanz haben? Das macht den Unter­schied.
  • Profes­sio­na­lität: Wie gehen Sie mit Schwie­rig­keiten um, egal in welchem Bereich? Tauchen Sie ab oder stellen Sie sich? Das wird einen ganz entschei­denden Unter­schied machen. Die abtau­chen, werden immer im Mittelmaß und darunter stecken­bleiben.
  • Inves­ti­ti­ons­be­reit­schaft: Hier geht es nicht nur um Geld, sondern auch um Zeit. Jede Stunde Bloggen, jede Stunde Reden, Netz­werken etc. kostet Geld. Ich habe mindes­tens 200.000 EUR in mein eigenes Bloggen inves­tiert: 8 Jahre, 2 Beiträge in 52 Wochen, im Durch­schnitt drei Stunden pro Woche, à 80 EUR = 199.680 EUR (und das ist ein Dumping­preis!).

Solche Rechen­spiele habe ich übri­gens schon im Slow-Grow-Prinzip vorge­führt. Sie helfen dabei zu verstehen, dass das was so leicht und einfach aussieht, alles andere als easy ist…

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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7 Kommen­tare

  1. Stefan Nette 11. Juli 2014 at 15:49 — Reply

    Hallo Svenja,

    da triffst du absolut einen Nerv, die Menschen sind immer über­zeugt als selb­stän­diger hat man ein super Leben, kann sich aussu­chen wann man arbeitet und das Geld fließt dabei in Strömen. Aber die wenigsten gehen wirk­lich reflek­tiert an die Sache, haben eine gute Geschäfts­idee oder wissen über­haupt auf was sie sich einlassen.

    Im Prinzip sollte man sich selbst zunächst fragen ob man es für erstre­bens­wert empfindet für ein Thema 130% zu geben. Viele sind besser dran wenn sie weniger Geld verdienen aber einen gere­gelten Arbeitstag haben. Dann sollte man sich über­legen ob man einen beson­deren Plan verfolgt, brenne ich wirk­lich für ein Thema. Ist es mir wert zusätz­liche Zeit zu inves­tieren. Ich denke wenn man ein Ziel vor Augen hat und dieses durch­ziehen möchte, dann ist das schon mal eine wich­tige Voraus­set­zung. Zugu­ter­letzt, wie du bereits erwähnt hast muss man sich darüber klar werden ob es auch Ziel­gruppen für das Angebot gibt und wie es um die Konkur­renz steht.

    Ein nicht zu vernach­läs­si­gender Aspekt ist ein profes­sio­nelles Netz­werk, zum einen kann man hier evtl. erste Kunden gene­rieren, aber vor allem kann man erfah­rene Menschen um Rat bitten. Es gibt auf jedem Weg hinder­nisse und wenn ich noch nie geklet­tert bin werde ich warschein­lich vor einer Steil­wand schei­tern, habe ich jemanden an der Seite der mir aus Hilfe­stel­lung und Rat geben kann, habe ich wesent­lich bessere Chancen auch diese hürde über­winden zu können.

    Zugu­ter­letzt gehört auch immer ein Fünk­chen Glück dazu, das Glück zur rich­tigen Zeit die rich­tigen Entschei­dungen zu treffen, am rich­tigen Ort zu sein und die rich­tigen Menschen zu kennen oder zu treffen. Letz­teres Glück hat man aber auch immer nur, wenn man denn bereit ist in Kontakt mit Menschen zu treten und zu bleiben. Dabei sollte man jedoch immer zwischen Freunden, Kollegen und Geschäfts­part­nern abgrenzen und niemals vergessen dass alle auch ihre eigenen Ziele verfolgen.

    Na ja, ich glaube ich habe viel Wieder­holt was bereits gesagt wurde, aber das Thema finde ich span­nend.

    Gruß
    Stefan

    • Svenja Hofert 14. Juli 2014 at 11:09 — Reply

      Hallo Lars, hallo Stefan, danke für eure super Ergän­zungen. Ja, das alles funk­tio­niert — nur mit Spaß, mit gutem Netz­werk und auch Glück. Viele machen sich z.B. selbst­ständig, weil sie brechen wollen mit ihrer Vergan­gen­heit oder Konflikten im Job aus dem Weg gehen möchten. Und geschenkt wollen auch viele den Erfolg. Nachdem Motto: Ich gehe auf Nummer sicher und schau mal… LG Svenja

  2. Lars Hahn 13. Juli 2014 at 13:34 — Reply

    Genau! Verant­wort­liche Jobs verlangen Arbeit, Arbeit, Arbeit. Das gilt nicht nur für Gründer, sondern auch für Führungs­kräfte.
    Zumin­dest in klei­neren Unter­nehmen. Geschäfts­führer sein, heißt dann eben oft, stets erreichbar zu sein. Krea­tive Arbeit wird abends und am Wochen­ende erle­digt. Und je kleiner der Laden, umso mehr bis Du dann doch Fach­kraft, Manager und Unter­nehmer in einem.
    Die kleinste Form davon ist dann wohl die One-Man/­­Woman-Show.
    Selbst wenn die Grün­dungs­phase vorbei ist, hört das in so kleinen Gefügen ja nicht auf. Wachstum, Entwick­lung, Verän­de­rung sind wichtig. Wenn Du nicht aufpasst, versackst Du im Tages­ge­schäft, fühlst Dich super, aber am Ende fehlt Geld.
    Apropos Geld: Danke für Deine Muster-Rech­­nung zum Bloggen. Soviel hab ich zwar noch nicht inves­tiert. Aber da kommt ja echt schnell einiges zusammen.
    Wenn ich dann noch die Zeit des Syste­ma­tisch Kaffee­trin­kens dazu­rechne…
    Und das ist eben das wich­tigste: Das alles funk­tio­niert nur, wenn Du Spaß bei der Arbeit hast. Meis­tens wenigs­tens. 😉

  3. Stephan Gerd Meyer 14. Juli 2014 at 10:52 — Reply

    Vielen Dank Frau Hofert für diese ehrliche und realis­ti­sche Darstel­lung des Aufwands, der dem Erfolg voraus­geht. Man sollte es auch immer wieder wört­lich nehmen — der Erfolg “folgt”, d.h. ist die Folge von: Arbeit, Acht­sam­keit, Stetig­keit und oft auch ein wenig Glück. Dieses wiederum kommt dann mitunter ganz von selbst (“Dem Tüch­tigen hilft das Glück”).
    Für ganz entschei­dend halte ich in diesem Zusam­men­hang die Frage, warum jemand das tut, d.h. wofür sich der ganze Aufwand lohnt. Diese Frage nach der Moti­va­tion, dem Antrieb, sollte glocken­klar beant­wortet werden. Und das ist immer seltener das Geld oder die Berühmt­heit, immer häufiger sind es innere Wert­vor­stel­lungen und Ziele, von denen viele einen wirk­li­chen und nach­hal­tigen Nutzen haben. Dafür lohnt es sich tatsäch­lich!

    Herz­liche Grüße,
    Stephan Gerd Meyer

  4. […] Hofert hat einen sehr lesens­werten Blog-Beitrag darüber verfasst, warum Grün­dungen so oft schief laufen. Einer der Gründe, die Frau Hofert […]

  5. Heiko 6. August 2014 at 11:46 — Reply

    Super toller Artikel! Vielen Dank! 🙂

  6. […] Blog leiste ich unent­gelt­lich. Das ist sehr viel unent­gelt­liche Arbeit (siehe dazu Svenja Hofert: Würden Sie 200.000 € ins Bloggen inves­tieren?). Aber im Gegenzug spare ich mir viele unnütze Tele­fo­nate mit Menschen, die eigent­lich etwas ganz […]

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