Kate­go­rien

Zu alt für den Job, zu jung für die Rente: Warum Anna und Hans nicht zu alt waren

Published On: 21. Oktober 2015Cate­go­ries: Führung

Auf meine letzte Kolumne bei Spiegel Online hier habe ich viele Mails erhalten. Die meisten Schreiber waren auf Jobsuche und wussten nicht viel Posi­tives zu berichten. Ich habe in meinem Beitrag dazu ermu­tigt, mir über posi­tive Erfah­rungen speziell mit Konzernen zu schreiben. Ich bekam zwei solcher Mails: Hans arbei­tete im Projekt­ge­schäft eines börsen­no­tierten Ener­gie­kon­zerns und war noch mit 58 Jahren einge­stellt worden. Ein beein­dru­ckender, akade­mi­scher Lebens­lauf mit vielen, spezi­ellen Erfah­rungen. Sehr spitz zuge­schnitten, was Branche, Prozesse und Praxis betrifft.

Annas Lebens­lauf war bunter. Ihre Geschichte fand ich so spezi­fisch und lehr­reich für erfolg­reiche Bewer­bungen „50plus“, dass ich sie gefragt habe, ob ich ihre Geschichte anony­mi­siert aufschreiben dürfte. Ich durfte. Hier ist sie also, mit etwas verän­derten Berufen und Eckdaten.

Annas Geschichte

Anna ist heute 54 Jahre alt. Nach dem Abitur hat sie eine Schrift­set­zer­lehre absol­viert. Danach hat sie fünf Jahre in einem EDV-Verlag gear­beitet. Hier kam sie erst­mals in Berüh­rung mit tech­ni­schen Neue­rungen. Es war die Zeit, in der das Desktop-Publi­s­hing aufkam. Sie lernte schnell dazu: elek­tro­ni­sches Publi­zieren, Grafik­de­sign mit dem Computer. Doch dann wurde sie das erste Mal Mutter. Es folgte eine längere Eltern­zeit.

Nach 11 Jahren, es war Ende der 1990er, ist Anna wieder zurück in ihr Unter­nehmen gegangen. Ihr Chef freute sich. Sie hatte immer den Kontakt gehalten. Er gab ihr neue Aufgaben. Da sie auch zuhause nie stehen geblieben und über frei­be­ruf­liche Aufträge auf dem neuesten Stand der Technik geblieben war, freute sie sich über die neue Chance, noch mal durch­zu­starten.

Sie lernte gern. Außerdem, so schreibt sie, hatte sie einen sehr fördernden und fordernden Chef. Durch viele Fort­bil­dungen, Eigen­in­itia­tive und „lear­­ning-by-doing“ baute sie sich nun auch Know-how im Online-Bereich auf. Dank der Spezi­al­kennt­nisse konnte Anna später in einen renom­mierten Think-Tank wech­seln. Dort war sie für Projekt­ma­nage­ment im Bereich der Neuen Medien zuständig. Während sie vorher vor allem in deut­scher Sprache gear­beitet hatte, wurde jetzt das Engli­sche Arbeits­sprache. Das war eine bewusste Entschei­dung, da sie wusste, dass ihr das Inter­na­tio­nale im Lebens­lauf sonst fehlen würde.

Sie wollte danach unbe­dingt im inter­na­tio­nalen Umfeld bleiben und hat sich auf eine Stel­len­aus­schrei­bung an einer privaten Hoch­schule beworben. Sie wurde für die Konzep­tion eines Alumni-Netz­­wer­kers und die Bera­tung einge­stellt. Nebenbei beschäf­tigte sie sich mit dem Intranet und internen Wissens­aus­tausch, zum Beispiel per Yammer. Wenig später erhielt sie ein Angebot aus der Euro­päi­schen Union – dank ihre Spezi­al­kennt­nisse. Der Vertrag wurde zwei Mal verlän­gert.

„Nun kam das Jahr 2013 und ich musste mich — 53-jährig — erneut auf Stel­len­suche begeben“, schreibt sie. „Ich machte mir viele Sorgen, dass ich wegen meines Alters keine Chance mehr haben würde.“

Es folgten inten­sive Gespräche mit dem Ehemann, Bera­tungen und ein Coaching. Es gab Absagen, auch auf Stellen in der Verwal­tung. Das lag aber weniger am Alter, also am fehlenden Studium: Die Stellen, die für ihre Kompe­tenz passten, waren für E11 bis E13 konzi­piert. Aufgrund des fehlenden Studi­en­ab­schlusses war sie jedoch nur für E8 quali­fi­ziert. 2014 hat sie sich dann mutig auf eine Stelle bei einem inter­na­tio­nalen Konzern beworben. Es handelte sich um eine Projekt­auf­gabe in der internen Kommu­ni­ka­tion, die genau ihre Kennt­nisse erfor­derte: Inter­na­tio­nale Erfah­rungen, Projekt­praxis, Wissen über die Orga­ni­sa­tion von Daten und den Wissens­aus­tausch. Gefor­dert war aller­dings auch ein Studium, was sie nicht hatte. Dieses Studium war eigent­lich als “minimum requi­re­ment” gefor­dert. Doch anders als in der Verwal­tung war man hier trotzdem offen, das fehlende Studium war gar kein Thema.

Sie schreibt abschlie­ßend: „Ja, ich bin in meinem Alter kein „Digital Native“, ich wurde nicht in dieses Zeit­alter hinein­ge­boren. Aber ich habe durch mein ganzes Berufs­leben hindurch immer wieder mit viel Freude und Inter­esse an all diesen Entwick­lungen teil­haben können und so ist für mich Umgang mit digi­talen Medien sehr vertraut und selbst­ver­ständ­lich – sie sind die Grund­lagen meiner tägli­chen Arbeit. Mir ist bewusst, dass dies nicht die Regel ist, doch es freut mich jeden Tag aufs Neue, dass ich dies alles geschafft habe.“

Ich sage dazu – Chapeau! Genauso geht es. Möge die Geschichte anderen Frauen und Männern Mut machen.

Best Ager (Gudrun Grasberger)Fazit: Welche Karrie­re­pla­nung funk­tio­niert für Ältere?

Zusam­men­fas­send zeigt die Geschichte, was ich auch bei meinen Kunden erlebe. Wer gefragte Kennt­nisse hat, die andere in dieser Kombi­na­tion nicht haben, hat auch mit weit über 50 gute Chancen am Arbeits­markt. Dann ist ein Studium verzichtbar. Schließ­lich wissen auch Perso­nal­ent­scheider, dass es ein Studi­en­ab­schluss in der Alters­gruppe 50+ durchaus etwas Beson­deres ist, während er bei unter 30jährigen fast zur „Normal­lauf­bahn“ gehört. Wer aber Kennt­nisse hat, die auch ein 30jähriger mitbringt — viel­leicht sogar aktu­eller — , also kein wirk­li­ches Plus im Karrie­re­saldo hat, hat es eher schwer.

Die wich­tigsten Stra­te­gien 50+  im Über­blick:

  • Lebens­lang lernen: Reflek­tieren Sie immer wieder, wo Ihre Reise hinführt. Lernen Sie aktiv Neues anstatt sich vor neuer Soft­ware und neuen Methode zu verste­cken. Auch Lernen lernen lässt sich lernen.
  • Inter­na­tio­na­lität erwerben: Ducken Sie sich nicht, wenn es darum geht Englisch oder eine weitere Sprache zu lernen. Berufen Sie sich nicht auf „ich war schon immer schlecht in Spra­chen“. Ohne Englisch geht es selbst in der Verwal­tung immer schlechter.
  • Neugierig bleiben: Schauen Sie über den Teller­rand und bleiben Sie immer an den aktu­ellen Entwick­lungen. Wer sich auf neue Gebiete wagt, hat immer etwas davon!
  • Sich nicht „fest­beißen“ in vermeint­lich sicheren Jobs: Nehmen Sie Chancen wahr, wenn sich diese bieten, auch wenn Sie erst mal weniger verdienen. Der lang­fris­tige Gewinn ist meist höher. Loya­lität ist schön und gut, aber für den Lebens­lauf zahlen sich die Erfah­rungen, die sie gemacht haben, am Ende weit mehr aus.
  • Den Draht in die Arbeits­welt auch bei Pausen nicht verlieren: Es spricht nichts dagegen, sich zeit­weise um Kinder zu kümmern. Sogar lange Auszeiten sind möglich. Nur darf in dieser Zeit, das Wissen nicht zurück­fallen.
  • Sich nicht davon abschre­cken lassen, wenn ein Studium verlangt wird: In der Gene­ra­tion meines Opas hatten zwei Prozent ein Studium, in meiner kaum zehn Prozent, jetzt sind es über zwanzig Prozent…. Perso­naler wissen das. In der Stel­len­an­zeige sagt die Anfor­de­rung oft nur aus, wie etwas in die Gehalts­struktur einge­ordnet wird. Firmen, die pauschal ausfil­tern, wenn der Abschluss fehlt, gibt es, aber wie ich höre, wird diese Praxis gerade wieder über­dacht…. Weil man so erfah­rene Prak­tiker ausschließt und sich ins eigene Fleisch scheidet. Best Ager (Gudrun Grasberger)

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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